22.10.2016

EssayDie bessere Kandidatin

Michelle Obama demonstriert Amerika, was Hillary Clinton fehlt: Emotionalität, Leichtigkeit, Unabhängigkeit. Von Holger Stark
Es gibt in diesem Wahlkampf eine Frau, die die Hallen füllt, die emotional und präsidentiell auftritt und Donald Trump garstige Dinge entgegenhält. Diese Frau besitzt Gravitas und Schärfe, sie skizziert die Vision einer modernen, weltoffenen Gesellschaft. Sie lacht laut oder schaut betrübt, sie vermag es, Menschen zu Tränen zu rühren. Sie scheint wie gemacht als Kandidatin für das Amt des Präsidenten. Die Frau heißt Michelle Obama.
In der Schlussphase dieses Wahlkampfs ist sie zu Hillary Clintons wichtigster Unterstützerin geworden. Deren Leute entsenden sie in jene Staaten, die am härtesten umkämpft sind und in denen sich die Demokraten einen Sieg erhoffen. Vor einigen Tagen hielt Michelle Obama eine Rede über Trumps unerträglichen Sexismus, die in 25 Minuten verdichtete, was am 8. November auf dem Spiel steht. Mit leidenschaftlicher Präzision zeichnete sie das Bild eines Landes, das sich zwischen Zivilisation und Barbarei zu entscheiden habe. Es war eine der bewegendsten Reden des gesamten Wahlkampfs.
Für die Demokraten und deren Kandidatin Hillary Clinton bedeutet dies eine gute und eine schlechte Botschaft zugleich. Mit ihren Auftritten, und dies ist die gute Botschaft, mobilisiert Obama die Wähler und spricht jene Schichten an, zu denen Clinton schwer durchdringt: Jungwähler der sogenannten Millennial-Generation, Afroamerikaner sowie jene Teile der Arbeiterklasse, die Clinton für einen Teil der elitären Verschwörung in Washington halten. Obama tritt dabei so strahlend auf, dass sie mittlerweile vielen als die bessere Kandidatin gilt, dies ist die schlechte Botschaft. Denn sie demonstriert dem Land, was Hillary Clinton fehlt: Emotionalität, Leichtigkeit, Unabhängigkeit. Michelle Obama erreicht die Menschen. Aber woran liegt das?
Hillary Clinton war Anfang zwanzig, als erst in Berkeley und dann im Rest der USA die 68er-Revolte ausbrach, die nicht nur eine ganze Generation von Studentinnen und Studenten, sondern auch das Land veränderte. Clinton wurde keine Wortführerin der Rebellion, aber sie fand ihren Platz darin als junge, erfolgreiche Anwältin, die die neuen Vorzüge einer freieren Gesellschaft genoss und an der Seite ihres Mannes Bill den Marsch durch die Institutionen antrat. Clinton war emanzipiert genug, ihre eigenen Ambitionen zu verfolgen – aber sie war auch loyal genug, die Verfehlungen ihres Mannes zu decken. Diese Zerrissenheit ist bis heute das große Drama ihres Lebens, sie hat sie zu einem Opfer und einer Gefangenen ihres Ehemanns gemacht, dessen Affären und Eskapaden jetzt wieder eine Rolle im Wahlkampf spielen.
Im Weißen Haus trat sie, wie viele Frauen ihrer Generation, im schwarzen Hosenanzug auf, einer Uniform, die signalisieren sollte, dass sie ebenso tough ist wie all die Männer um sie herum. Dennoch durfte sie lange Zeit nicht dazugehören. Eines der verbliebenen Relikte einer patriarchalen Gesellschaft ist, dass es Frauen noch immer zum Nachteil gereicht, wenn ihr Ehrgeiz allzu offensichtlich wird. Clintons Ehrgeiz war mehr als offensichtlich. Über die Jahrzehnte löste ihr Streben nach Macht den Weltverbesserungsimpuls ab, der sie zu Beginn ihrer Karriere geleitet hatte: Frauenrechte, soziale Gerechtigkeit, Bekämpfung der Armut. Clinton wurde eine Politikerin, die ihre eigene Karriere vorantrieb, erst assimilierte sie sich, um anschließend mit dem Establishment zu verschmelzen, heute repräsentiert sie es wie kaum eine zweite Figur des politischen Amerika. Alles in Clintons Leben ist erkämpft, nichts davon leicht.
In diesen Kämpfen der vergangenen 30 Jahre hat sie viel von ihrer Glaubwürdigkeit und Leidenschaft verbraucht. Zuweilen wirkt sie, als empfände sie den Einzug ins Weiße Haus als den verdienten Lohn einer langen Karriere des Wartens und der Entbehrungen. Geblieben ist der irritierende, viele 68er auszeichnende unbedingte Wunsch nach Macht, verbunden mit einer weichgespülten Agenda der Mitte. Clinton vertritt eine Generation, die die Pensionsgrenze überschritten hat. Sie ist die Letzte ihrer Art.
Ganz anders Michelle Obama. Auch wenn die Biografien der beiden Frauen, zumindest am Anfang, erstaunliche Parallelen aufweisen: Beide waren Anwältinnen mit einer verheißungsvollen Karriere, beide waren bereits politisch geprägt, als ihre Partner noch tastend suchten. Beide begleiteten ihre Ehemänner ins Weiße Haus und mussten als emanzipierte First Ladies eine neue Rolle für sich finden. Doch anders als Hillary Clinton hat Michelle Obama nie versucht, die bessere Präsidentin zu sein. Ihre Brillanz blitzte in Reden, in kleinen Momenten auf, etwa wenn sie eine spontane Tanzeinlage mit einer 106-jährigen Schwarzen im Oval Office gab. Was für eine scheinbar unverstellte Leichtigkeit!
Im Weißen Haus hat sie sich zurückgenommen und die acht Jahre dort als die härteste Prüfung ihres Lebens bezeichnet. Es ist ihre Distanz zum Establishment, die Michelle Obama so glaubwürdig macht. Trotz ihrer Zeit an der Seite des Präsidenten wirkt sie, als hätte sie sich nicht mit diesem Washingtoner Virus infiziert, das die politische Elite der USA so verhasst gemacht hat. Wenn Michelle Obama über Politik spricht, dann klingt sie, mehr noch als Trump, wie eine Außenseiterin, nicht wie ein Teil des Systems.
Das verleiht ihr die Freiheit, Probleme so anzusprechen, wie sie sie empfindet, das lässt sie in einer Welt des Polit-Kauderwelschs Worte finden, die wie Musik klingen. Auf Clintons Nominierungsparteitag in Philadelphia sagte sie einen Satz, der nur im Amerikanischen seinen ganzen Flair entfaltet und den Hillary Clinton inzwischen bei ihren Auftritten zitiert, weil er das Selbstverständnis eines besseren Amerika ausdrückt: When they go low, we go high. Wenn Trump jedes Niveau unterbietet, dann bleiben wir trotzdem anspruchsvoll. Es ist ein zentraler Satz in der Auseinandersetzung mit einem brutalen, ruchlosen Gegner. Es ist ein Satz, den Clinton hätte sagen sollen. Mit solchen Worten trifft Obama das Gefühl vieler Amerikaner. Sie steht für ein Gerechtigkeitsempfinden, das befreit ist von klassischen Kämpfen zwischen rechts und links, das von modernen Werten bestimmt wird wie ökologischer Nachhaltigkeit und der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, Schwarzen und Weißen. Michelle Obama ist intellektuell scharf, wenn auch weniger rational als ihr Mann und weniger strategisch als Hillary Clinton. "Sie ist auf eine Art ungezwungen, die sehr natürlich rüberkommt", sagt Brookings-Experte William Galston. "In einer Generation, die großen Wert auf Authentizität legt, kommt das gut an."
Sie interessiere sich weniger für die Details des Regierungsgeschäfts als für die großen sozialen Fragen, bekannte sie einst. Michelle Obama verkörpert den moralisch motivierten Zeitgeist, der für einen Teil der jüngeren Generationen zum politischen Imperativ geworden ist. Wenn sie über starke Männer spricht, die es nicht nötig hätten, Frauen zu erniedrigen, dann könnte damit nicht nur Donald Trump, sondern auch Bill Clinton gemeint sein. Man hätte Hillary Clinton die Stärke gewünscht, die Rede gehalten zu haben, die Obama über Trumps Sexismus vortrug.
Aber diese Freiheit hatte oder nahm sie sich nicht, die Sexismusdebatte ist für Clinton vermintes Terrain – da ist sie wieder Opfer und Gefangene ihres Mannes. Wie unterschiedlich diese Frauen sind, lässt sich auch an ihrer Kleidung ablesen. Clinton trägt im Wahlkampf überwiegend Kostüme, hochgeschlossen und undurchdringlich wie Kettenhemden. Es sind Rüstungen, die Geschlechterunterschiede nivellieren und sie unangreifbar machen sollen.
Michelle Obama hingegen trat auf dem Parteitag in Philadelphia in einem kurzärmeligen königsblauen Cocktailkleid auf, ungezwungen und selbstbewusst. Auf dem letzten Staatsdinner für Italiens Premier Matteo Renzi trug sie ein rosé-goldenes, eng anliegendes Abendkleid von Versace. Selbstbewusster und selbstverständlicher kann man mit dem eigenen Körper nicht umgehen. Clinton kämpft, Obama strahlt. Sie ist eine Vertreterin ihrer Zeit. Sie ist die Erste ihrer Art, mit einer "unerreichten, fast magischen Kraft" ("New York Times").
Bislang hat Michelle Obama alle Ambitionen zurückgewiesen, selbst eine aktive Rolle im politischen System zu übernehmen. Sie interpretiert Politik wie die Millennials, außerparlamentarisch, nicht innerhalb des Machtapparats. Sie werde wieder einen Beruf brauchen, erklärte sie unlängst, aber es werde "ein Job außerhalb der Politik sein". Es ist leicht, von außen zu urteilen, aber ungleich schwerer, den hohen Ansprüchen der Politik über eine lange Zeit gerecht zu werden. Der Heiligenschein verblasst mit der Nähe. Michelle Obamas Rolle ist die der Kritikerin, Clintons die der Akteurin. Zu den Merkmalen dieser Wahl zählt, dass die Amerikaner ihr Herz jenen schenken, die leidenschaftlich die Verhältnisse kritisieren, wissend, dass nur ein Bruchteil ihrer Maximalrhetorik realisierbar ist.
Und dennoch erinnern Michelle Obamas glänzende Auftritte an vergangene Wahlkämpfe. Hillary Clinton hat sich schon einmal mit dieser Generation gemessen, 2008, als sie gegen einen strahlenden Barack Obama antrat, der sie in den Vorwahlen entzauberte. Amerika, so scheint es, wartet nicht auf die letzte Vertreterin der 68er. Es wartet auf einen neuen, unverbrauchten Hoffnungsträger, es darf auch gern eine Frau sein. Eine wie Michelle Obama.
Mail: holger.stark@spiegel.de, Twitter: @holger_stark

Obama ist eine Vertreterin ihrer Zeit, die Erste ihrer Art.

KONTAKT

Von Holger Stark

DER SPIEGEL 43/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Essay:
Die bessere Kandidatin