22.10.2016

ThailandGame of Thrones

Nach dem Tod von König Bhumibol ist die Gesellschaft gespalten – alte Konflikte könnten aufbrechen, ein blutiger Machtkampf droht.
Schwarze T-Shirts, heißt es, würden knapp. So überwältigend sei die Trauer der Menschen, schreibt die "Bangkok Post", dass sie eben alles aufgekauft hätten. Und tatsächlich tragen, gefühlt, zwei von drei auf Bangkoks Straßen Trauerkleidung, selbst die Schaufensterpuppen bei H&M. Hier und da machen jetzt kleine Färber-Shops auf, Bottiche mit dunkel schwappender und scharf riechender Lauge stehen in den Gassen. Und in den Seitenstraßen um die Khao San Road kann man sich ein Oberkörpertattoo stechen lassen, das Konterfei des verstorbenen Königs, ein Bekenntnis zur Monarchie für nur 99 Baht, zweieinhalb Euro.
Am 13. Oktober starb der König, seitdem klingen die Trauerbekundungen nicht ab, im Fernsehen, auf den Straßen, im Park vor dem Palast, wo Tausende anstehen, um sich ins Kondolenzbuch einzutragen.
Im Park steht eine junge Frau mit einem selbst gemalten Plakat: "Wenn es regnet, so ist dies kein Regen, denn der Himmel weint."
Und wie trauert der Sohn, Maha Vajiralongkorn, der Herr der Blitze, wie die Übersetzung seines Namens lautet, was treibt der Kronprinz, der Playboy, der Halbgott in spe? Er tritt die Thronfolge nicht an, oder wenigstens nicht sofort. Ein Jahr lang solle Staatstrauer gelten, lässt er verkünden, ein Jahr werde er sich selbst Zeit geben, bevor er die Nachfolge seines Vaters antrete. Ein Zeichen des Respekts für seinen Vater? Oder das Zwischenergebnis eines Machtkampfs, der sich möglicherweise hinter den Kulissen abspielt?
Zwei Tage nach dem Hinscheiden des Gottkönigs besuchte der amtierende Premier, Prayut Chan-o-cha, den Kronprinzen und designierten Thronfolger, um 19 Uhr fand die Audienz statt. Anschließend erklärte Prayut: Der Prinz sei sehr berührt von den Gefühlsausbrüchen seines Volkes, und das mit der Thronfolge sei übrigens klar und geregelt.
Tatsächlich geht das Amt des Königs mit dem Tod des Monarchen automatisch an den Präsidenten des Thronrats über, es darf laut Verfassung keine Vakanz geben, nicht einen Tag lang. Vorerst darf sich also Prem Tinsulanonda, ein 96 Jahre alter General a. D., Regent von Thailand nennen.
Aber ist damit alles klar und geregelt? Und was ist damit gemeint – ein geregelter Verzicht Vajiralongkorns oder eine geregelte Thronübernahme? Nachdem Prayut und Prem diese Erklärung abgegeben hatten, ergriff wiederum der Prinz das Wort: Regierungschef und Regent sollten gefälligst "keine Verwirrung stiften". Das klang nach Tadel, Kampfansage. Solche Töne, sagen Thais, erschrocken und hinter vorgehaltener Hand, hätten sie noch nie gehört.
Seither herrscht Schweigen. Der Prinz soll sich in seinen Palast zurückgezogen haben, eine Festung am alten Flughafen, bewacht von seiner Leibgarde. Ob er sich mit seiner Schwester Maha Chakri Sirindhorn, die im Volk ungleich beliebter ist als er, mit dem Premier oder mit dem greisen Regenten berät, ob er täglich mit ihnen telefoniert? Man weiß es nicht.
Alles bleibt in der Schwebe. Nur die Trauer ist demonstrativ und beinahe verzweifelt – als wolle man den Toten nicht gehen lassen, als habe man Angst vor dem neuen König, vor der Zukunft.
Die thailändische Kultur ist von Andeutungen und Metaphern geprägt, Konflikte bleiben oft unausgesprochen, man wahrt, wenn möglich, das Gesicht und erledigt die Dinge diskret, hinter den Kulissen. In den vergangenen Jahren hatte man zu einer – wenn auch fragilen – Balance gefunden, einer Balance zwischen den Machtzentren der Gesellschaft: Militärjunta und Palast, Aristokratie und Geschäftswelt.
Nicht enthalten in dieser Arithmetik sind die Kleinbauern und Tagelöhner im Norden und Nordosten, auch nicht die Armen in den Städten und die Intellektuellen und Studenten, die noch vor wenigen Jahren von politischer Teilnahme geträumt hatten. Sie bleiben, spätestens seit dem perfekt inszenierten Putsch vor gut zwei Jahren, ausgeschlossen, kaltgestellt, schätzungsweise 40 Prozent der Bevölkerung.
Und sie ducken sich, auch jetzt. Das Gesetz gegen Majestätsbeleidigung, das lèse-majesté, lässt viel Interpretationsspielraum und wird mit aller Härte angewandt; 15 Jahre Gefängnis drohen dem Verurteilten.
Wer nicht seine Treue zu den Royals ausstellt, läuft Gefahr, als Monarchiegegner verfolgt zu werden. Auf Phuket und in Takua Thung, auf Ko Samui und in Chon Buri zog dieser Tage ein entfesselter Mob vor die Häuser derer, die angeblich respektlose Kommentare gepostet hatten. Ausländische Journalisten wurden zur Zielscheibe. Das Programm der BBC wurde abgeschaltet, wegen einer Nichtigkeit.
Königstreue Blogger schmähten den langjährigen Korrespondenten des Senders, Jonathan Head, und veröffentlichten seine Privatadresse, inklusive Aufruf, ihm und seiner Familie das Leben so schwer wie möglich zu machen. Vor dem Foreign Correspondents' Club Thailand in Bangkok marschierte eine Gruppe Zorniger auf, die ausländischen Journalisten und Lügner abzustrafen. Selbst langjährige Kenner des Landes sind überrascht, bestürzt. Was bahnt sich da an?
"Man muss es wie ein Schauspiel sehen, wie König Lear", sagt Pravit Rojanaphruk, ein 48 Jahre alter Aktivist und Blogger. "Oder man muss es wie eine Schachpartie betrachten, wo ja auch keiner erklärt, warum er welche Figur bewegt – aber hinter jedem Zug verbirgt sich eine Absicht."
Der Mann trinkt einen Schluck Kakao und lehnt sich zurück. Er sitzt auf der Terrasse des Starbucks gleich neben dem Erawan-Schrein. Drei Interviews hat er in den vergangenen Stunden gegeben, einen flammenden Aufruf zu Toleranz geschrieben und sich um die Familie eines Verhafteten gekümmert.
Alle reißen sich um ihn in diesen Tagen, denn Pravit ist einer der letzten Vertreter der Liberalen, die sich noch zu Wort melden, oft bedroht, dreimal verhaftet, inzwischen hat er eine stillschweigende Übereinkunft mit dem Regime gefunden: "Man lässt mir gewisse Freiheiten, denn ich kenne die Grenze. Und mir hilft, dass ich geschieden bin, keine Kinder habe, nur mich selbst in Gefahr bringe."
Wenn Politik so etwas wie ein Schachspiel sei, sagt Pravit, dann war der Kronprinz der Bauer, der mit den Jahren unbeachtet vorrückte – jetzt sei er an der Ziellinie. Plötzlich habe er die Macht, sich in die stärkste Figur auf dem Feld zu verwandeln. Doch er halte sich zurück, er sei eben ein möglicher König, mit Betonung auf möglich. Indem er sich zurückhalte, scheinbar bescheiden, schaffe er ein Machtvakuum. Und das Regime gerate unter Druck. Umso besser für seine Position, für seine Version von Game of Thrones.
"Ist nur eine Theorie", sagt Pravit. "Aber Theorien sind alles, was wir haben."
Den verstorbenen König liebte das Volk heiß und innig. Eine solche Beziehung lässt sich nicht einfach abschalten. Also braucht das Volk, nach sanftem Übergang, auch künftig einen König, dringend, als Symbolfigur und Verbindung zum Göttlichen. Folglich würde ein Regime ohne Monarch unter Legitimitätsdruck geraten.
Hinzu kommen für die Militärs praktische Gründe: Die Verfassungsänderung zum Beispiel, die im August angenommen wurde, sieht vor, dass die Generäle in den nächsten Jahren die Senatoren im neuen Zweikammerparlament selbst bestimmen. Faktisch können sie so jedes Gesetz blockieren, jede Regierung zur Handlungsunfähigkeit verdammen. Und wenn der gewählte Regierungschef der Junta nicht passt, auch das eine Neuerung, kann er vom Militär abgelehnt werden. Nur: Diese Verfassungsänderung ist nicht rechtskräftig, solange sie nicht unterzeichnet wird – vom nächsten König.
Es geht um Macht, um Geld. Viele Thailänder sind arme Leute, aber in einem reichen Land. Für die Aristokraten aus Bangkok, die Großgrundbesitzer und Tycoone aus dem Süden fällt allemal genug ab: Kautschuk, Reis, Fisch, Zuchtgarnelen, dazu Immobilien, Einzelhandel, Tourismus. Viel landet natürlich beim König. Das Crown Property Bureau verwaltet die Besitztümer der Krone, ohne Steuern zu zahlen und der Regierung Rechenschaft schuldig zu sein.
"Die Monarchenfamilie", sagt Pravit, "ist mit geschätzten 40 Milliarden Dollar Vermögen das reichste Königshaus der Welt." 40 Milliarden gute Gründe für den Kronprinzen, den Job zu wollen, auch wenn er die Freiheit verlöre. Doch würde er den Job auch bewältigen? Und was, wenn nicht?
Man erfährt mehr über die Zukunft, wenn man einen Blick in die Vergangenheit wirft. Die Monarchie in Thailand bestand nie nur aus einer Figur, sie war stets ein Netzwerk diverser Cliquen, die sich um das wirtschaftliche Schwergewicht gruppierten, die Krone. Die Abhängigkeit war jedoch gegenseitig. Der König benötigt Vasallen, Zuträger, Hilfstruppen.
Nach außen beliebt, nach innen gefügig – aus Sicht der Machtclique und der Militärs sei dies die Definition für den perfekten König, sagen Kenner der Krone. Diese Rolle spielte der verstorbene Monarch meist vollendet, auch wenn er wahrscheinlich darunter litt. In einem ehrlichen Moment, in einem Interview mit der "New York Times", beschrieb er 1988, wie er anfangs vom Militär zum Schweigen gebracht worden sei, sobald er mal seine Meinung habe kundtun wollen. Also habe er den Mund gehalten. Bhumibol segelte, spielte Jazzsaxofon, eröffnete Schulen und wurde immer reicher, beliebter und wahrscheinlich melancholischer.
Die Ordnung blieb gewahrt. Bis ein Störenfried auftrat, Ende der Neunzigerjahre.
Der ehemalige Polizeioffizier Thaksin Shinawatra war ein neuer Typus auf der politischen Bühne. Ein ruppiger Selfmade-Mann, steinreich, sicherlich kein lupenreiner Demokrat, aber mit sicheren Instinkten. Die Schubkräfte der Globalisierung kamen ihm zugute: Die Armen im Land träumten von einer besseren Zukunft, und Thaksin, der neue Premierminister, versprach sie ihnen. Er besorgte ihnen eine Krankenversicherung und Kleinkredite, dafür wählten sie ihn.
Außerdem war eine ländliche Mittelklasse entstanden. Deren Kinder gingen auf die Uni, reisten ins Ausland, kamen zurück und redeten plötzlich von Demokratie. Thaksins Regierungsstil war ihnen vielleicht unsympathisch. Aber wenigstens griff er das verkrustete System an.
"Er hatte keine Angst", sagt Sujira, "das fanden wir gut, und er stand für eine neue, bessere Zeit – wir waren eben naiv."
Sujira ist Künstlerin, eine zierliche Frau mit langen Haaren, Malerin, ihr Atelier befindet sich im Souterrain eines kleinen Hauses am Stadtrand. Ihren Nachnamen will Sujira keinesfalls gedruckt sehen, nur unter dieser Bedingung spricht sie. Sie erzählt von den Schocks, als Thaksin 2006 durch das Militär aus dem Amt geputscht wurde und ins Exil ging, als man einige Jahre später auch seine Schwester aus dem Amt drängte. "Das Imperium schlug zurück", sagt sie, "die alte, reiche Clique von Bangkok. Man bedroht diese Leute nicht ungestraft."
Und jetzt, Sujira?
"Jetzt läuft es auf eine Diktatur hinaus. Ich weiß, wir müssten kämpfen. Aber wer hat den Mut? Der Kampf ist so aussichtslos. Nein, meine Freunde und ich, wir wollen nur noch das Land verlassen."
Vielleicht, sagt Sujira, war der Putsch vor zwei Jahren die Vorbereitung auf genau diesen Tag. Vielleicht wollten die Mächtigen gewappnet sein, sobald der König stirbt, der Kronprinz seine Ansprüche anmeldet. "Die finden ihn auch schrecklich, alle finden ihn schrecklich, natürlich, also müssen sie ihn unter Kontrolle bringen."
Der, den alle schrecklich finden, Vajiralongkorn, ist jetzt 64 Jahre alt. Dreimal war er verheiratet, immer wieder geschieden, er hat sieben Kinder – das klingt nicht nach einem Mann, für den Wohlverhalten ganz oben steht. Dass sein Vater ihn auf diesen Tag vorbereitet hätte, überhaupt, dass sein Vater ihn mit glücklicher Hand erzog, ihm ein Vorbild war – das darf man getrost bezweifeln.
Der Kronprinz gab sich offensichtlich alle Mühe, das genaue Gegenteil seines Vaters darzustellen. War der verstorbene König freundlich, volksnah, musisch, gebildet, gebärdete sich sein Sohn geltungsbedürftig, exzentrisch, ruppig.
Es scheint, als habe er sich vor allem für eine Sache interessiert, und die hatte mit Frauen zu tun. Der schottische Autor Andrew McGregor Marschall schildert in seinem Buch, wie die thailändischen Aristokraten entnervt ihre schönen Töchter ins Ausland schickten – möglichst weit weg vom Kronprinzen, in Sicherheit.
Viele Monate im Jahr verbrachte der Thronanwärter zuletzt im Ausland, vorzugsweise in Tutzing am Starnberger See, in einer Villa mit 5600-Quadratmeter-Park, gemeinsam mit seiner 32-jährigen Freundin und einem weißen Pudel. Es gibt glaubwürdige Gerüchte, er habe auch Thaksin nahegestanden. Der Prinz von Tutzing und der geschasste Tycoon im Exil in Dubai oder London – gut denkbar, dass die beiden sich verstanden, mögen.
Und nun soll ausgerechnet dieser Mann sich einfügen in ein System, dessen Finessen und Tücken er eher aus der Distanz kennt, das er möglicherweise verachtet, weil es seinen Vater, anfangs jedenfalls, zur königlichen Marionette erniedrigte – dieser verzogene, ergraute Junge soll plötzlich den guten, väterlichen Monarchen geben?
"Auch wenn seine Dämonen nicht ausbrechen", sagt Serhat Ünaldi, einer der scharfsinnigsten Kenner Thailands, "seine Dämonen der Rachsucht, Dekadenz, Schürzenjägerei und Gewalttätigkeit – selbst dann wird seine Rolle nie an die des Vaters heranreichen. Als Legitimationsquelle für Militärcoups wird er zu schwach sein."
Für Thailand bedeutet dies: Die soziale und politische Spaltung würde nicht mehr mit Königstreue und Personenkult zugekleistert. Die Lösung der Probleme wäre damit, wieder mal, verschoben, die Spaltung könnte sich vertiefen. Irgendwann dürften die Konflikte blutig aufbrechen. Ewig werden die Entrechteten sich nicht einschüchtern lassen, werden nach echter Demokratie verlangen.
Irgendwann. In Bangkoks Innenstadt, hinter dem Demokratiedenkmal, an der Ratchadamnoen-Straße, steht ein Rundbau, offen wie ein Amphitheater. Ein paar Tafeln, lieblos hingehängte Fotos. Die Treppenstufen sind wacklig und lose, ein müder Aufpasser sitzt hinter einem blechernen Tisch – dies ist das Demokratie-Museum. Der Ort, an dem Thailand seine Aufständischen ehrt, die für Freiheit und Demokratie ihr Leben riskierten, gaben, 1973, 1976, 1992. Hier kommt kaum jemand her. Offiziell ist der Bau ein Museum, tatsächlich ein Mausoleum, ein Grab.
* Vor einem Wandgemälde mit Bildern aus dem Leben König Bhumibols.

DER SPIEGEL 43/2016
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