22.10.2016

KrisenFreudentränen im Akkord

Ohne VW wäre der VfL Wolfsburg nichts. In Zeiten der Abgasaffäre könnte die Fußballabteilung etwas zurückgeben und für Ablenkung sorgen. Doch die Profis hat das Stimmungstief mitgerissen, sie spielen so schlecht wie selten zuvor.
Am Waldrand des Dorfs Schulenberg im Oberharz blickt Bernd Osterloh am späten Montagnachmittag mit gespielter Beiläufigkeit auf sein Smartphone. Der Chef des Konzernbetriebsrats bei VW leitet an diesem Tag im Bildungszentrum der Volkswagen AG eine Klausurtagung. Die Tagungsstätte hat die Anmutung einer Jugendherberge. Es geht um den sogenannten Zukunftspakt bei Volkswagen, im Prinzip um sozial verträglichen Stellenabbau.
Osterloh, 60, hat eine App des "Kicker" mit den Fußballnachrichten des Fachblatts auf seinem Telefon. Er weiß, was bald kommen wird. Da steht es schon: Dieter Hecking als Trainer des VfL Wolfsburg entlassen.
Osterloh ist eine stattliche Erscheinung mit großem Kopf und dem lässigen Strickjackenstil eines Mannes von der Basis. Er tut nicht so, als bewegte ihn die Eilnachricht. Er ist selbst Mitglied in dem Gremium, das gemeinsam mit dem Klubmanager Klaus Allofs die Entscheidung in der Trainerfrage getroffen hat – im Präsidium des Aufsichtsrats der Wolfsburger Fußball GmbH. VW-Vorstand Francisco Javier Garcia Sanz ist da der Chef.
Kurz nach 18 Uhr klingelt das Handy. "Hallo, Herr Garcia", sagt Osterloh und verlässt den Besprechungsraum, in dem ein paar Thermoskannen und weiße Tassen mit der Aufschrift "Tchibo" stehen. Es soll keiner mithören, auch nicht der SPIEGEL.
Es läuft nicht rund in der Gegenwart, weder am Band noch am Ball. Allem Anschein nach hat VW das Heft des Handelns bei der kriselnden Fußballabteilung übernommen. Dabei könnten die Fußballer gerade jetzt, in einer der größten Krisen des Autokonzerns, für Ablenkung sorgen. Stattdessen muss sich die Firmenführung um den Absturz der Fußballtochter kümmern.
Dem sonst quasi allein regierenden Allofs kann dieser Beistand aus menschlichen Gründen recht sein. Er war beim Rauswurf Heckings, mit dem er sich vor anderthalb Jahren noch als DFB-Pokalsieger feiern ließ, offensichtlich nicht die treibende Kraft. Allofs hält Trainerwechsel für einen "Mangel an anderen Ideen".
Schon am Sonntagabend, beim 0:1 in der hauseigenen Arena gegen Aufsteiger RB Leipzig, hatten auf der VIP-Ebene, wo es Steinbeißer, Kalbsbraten und "VW-Mini-Currywurst" zum drögen Spiel gab, die Fußballaufsichtsräte über neue Trainernamen debattiert – da saß Hecking noch auf der Bank. Garcia, Osterloh, VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und Hans-Gerd Bode, Leiter der Konzernkommunikation, unterhielten sich in der Loge. Der Tenor war klar: Einer wie André Breitenreiter wäre nicht gut genug. Der hat zwar in der Branche einen passablen Namen, stand aber nur in Havelse und Paderborn an der Linie und wurde zuletzt in Schalke entlassen.
Beim VfL Wolfsburg wird schließlich groß gedacht, seit VW das Fußballunternehmen kontrolliert – und meistens international. Als neue Trainer werden der Portugiese André Villas-Boas und der Italiener Roberto Mancini gehandelt. Der französische Interimscoach Valérien Ismaël, den Allofs einst als Spieler nach Bremen und später als Juniorentrainer nach Wolfsburg holte, wird einstweilen nur an einem Kriterium gemessen: ob er das Format haben könnte, den Bundesligisten wieder in den internationalen Wettbewerb zu führen. Ohne Erfolg und dauerhafte europäische Präsenz ergibt das ganze VW-Investment in den Fußball keinen Sinn.
Der Klub soll ein Standortmarketing sein, die Belegschaft stolz machen und international ein gutes Bild abgeben. Knapp 90 Millionen Euro jährlich ist VW das wert. Eine Kommission des europäischen Verbands hatte wissen wollen, ob das Sponsoring gegen Regeln des Financial Fair Play verstößt. Tut es nicht, meinte die Uefa, die Aufwendungen seien angesichts des Werbewerts gerechtfertigt.
Aber trotz dieser 90 Millionen kommt diese VW-Abteilung seit einem Jahr nicht mehr in die Gänge. Vielleicht liegt es an zu großem Denken. "Hier gibt's Wunder am Fließband, Freudentränen im Akkord", heißt es in der Vereinshymne. "Man hat im Stadion das Gefühl, man will nie wieder fort." So singen es die Fans vor Spielbeginn. Am Ende riefen sie zuletzt: "Wir ham die Schnauze voll."
Nur ein Saisonsieg, ein einziges Tor in vier Heimspielen. Das ist die traurige Zwischenbilanz, die zu Heckings Abschied führte. Keine Spielidee ist zu erkennen, kein geordneter Aufbau, kein Tempo.
Osterloh gehört zu denen, die bereits in der vergangenen Saison intern für einen Trainerwechsel plädierten, da war sein Favorit Lucien Favre noch auf dem Markt. Andere waren für einen Schnitt vor Saisonbeginn, doch Allofs hielt zu dem Mann, der seit dreieinhalb Jahren immer neue Mannschaften um die neuen Stars herum bastelte, die er ihm zur Verfügung stellte. Vielleicht fehlt daher die Kontinuität. Die Fluktuation ist groß, die Mannschaft kommt nicht zur Ruhe.
Osterloh lobt Allofs für sein Management, betriebswirtschaftlich sei das gelungen. Der Belgier Kevin De Bruyne hatte 22 Millionen Euro Ablöse gekostet und ging nach anderthalb Jahren für fast 80 Millionen. Die Spieler Perišić, Klose, Schürrle, Kruse, Koo: für insgesamt 60 Millionen gekauft, für mehr als 70 Millionen verkauft.
Aber solcher Profit ist nicht das Ziel eines Fußballklubs mit sportlichen Ambitionen. Der VfL hat seinen Jahresgewinn, zuletzt waren es fast 80 Millionen Euro, vertragsgemäß an das Mutterunternehmen abzuführen, wie andere VW-Töchter auch. Also fast genau die Summe, die VW pro Jahr in die Kickerbeine investiert.
Allofs hatte als Manager beim Nischenverein Werder Bremen ein Talent dafür entwickelt, Stars mit Steigerungspotenzial anzulocken – meistens mit dem Versprechen, dass sie bei entsprechendem Angebot noch vor Vertragsende zu größeren Klubs weiterziehen dürften. Er verkaufte den Spielern Bremen als Sprungbrett.
In Wolfsburg hielt er es genauso, zum Beispiel bei De Bruyne, der vorzeitig zu Manchester City wechseln durfte. Dessen Nachfolger Julian Draxler interpretierte dieses Prinzip so, dass auch er nach nur einem Jahr die Freigabe erhalten müsste. Das war im Sommer, als der VfL die Qualifikation für europäische Spiele verpasst hatte. Eine Saison ohne europäische Auftritte ist für Nationalspieler wie ihn ein Karriereknick.
Draxler hatte gar kein konkretes Angebot, er wollte seinen Anspruch aber öffentlich klargestellt wissen – auch um potenzielle Interessenten aufmerksam zu machen. Der renommierteste Spieler unternimmt einen Ausreißversuch? Nicht gut fürs Selbstwertgefühl der Leute. Draxler hatte seinem Vorstoß eine Schmähbemerkung im SPIEGEL vorausgeschickt: Das Beste an Wolfsburg sei die kurze Bahnfahrt nach Berlin.
In jenen Wochen zu Saisonbeginn sah es angesichts einiger Spielerabgänge nach einer Art Massenflucht aus Wolfsburg aus; Allofs blieb stur, er musste es wohl. VW-Vorstand Garcia mischte sich ein, er rief Draxler zur Räson.
"Gute Leute bleiben, wenn man erfolgreich ist", so sieht das der Betriebsratsboss Osterloh draußen im Harz, die Dämmerung schluckt allmählich den Tannenwald. Der VfL müsse in der Bundesliga jede Saison unter die ersten sechs kommen, das sei vom Potenzial der Mannschaft geboten. Sonst sei dieses Engagement in der VW-Belegschaft nicht zu rechtfertigen.
Mit Beginn der Abgasaffäre ist auch der Fußball am Mittellandkanal in die Krise geraten. Ende August 2015 kam heraus, dass VW-Ingenieure die kalifornische Umweltbehörde mit einer Betrugssoftware in Dieselfahrzeugen hinters Licht geführt hatten. Vorstandschef Martin Winterkorn, ein Fußballfan, musste zurücktreten. Nach passablem Saisonbeginn kam auch Heckings Team ins Schleudern. Ein paar überzeugende Auftritte in der Champions League lenkten noch von der spielerischen Stagnation ab.
Gibt es da einen Zusammenhang? Klaus Allofs, 59, hat in knapp vier Jahren etwas über Wolfsburg gelernt. "Geht es VW gut, geht es den Menschen hier gut", sagt er. "Und die Menschen bestimmen unsere Stimmung, das Umfeld des Klubs." Die Stimmung in der Stadt habe sich von einem auf den anderen Tag verändert, als der Skandal um die Schummelsoftware öffentlich wurde. Schnell stand die Frage im Raum, ob sich VW einen Fußballklub finanziell noch würde leisten können.
Das Viertelfinale der Champions League gegen Real Madrid, eigentlich ein sportliches Highlight, fiel in diese Zeit der Sorgen – und lief in der Stadt nur so nebenher. Dieselgate dominierte. Das Thema habe den Menschen den Blick in die Zukunft verdüstert, meint Allofs. "Es würde nach Entschuldigung klingen, wenn wir sagen würden, es habe unsere sportliche Leistung beeinflusst. Es ist nicht messbar. Aber es übertrug sich natürlich auf die Fußballsaison."
Als zu Beginn der Saison der deutsche Nationalstürmer Mario Gomez zum VfL kam, deutete Allofs das als ein Signal. Spieler, die man haben wolle, kämen auch. Und sie kämen nicht des Geldes wegen: "Mario ist der Beweis."
Wolfsburgs Anziehungskraft für Fußballstars geht allerdings weder vom Wissenschaftsmuseum noch vom Schützenfest im Allerpark aus. Auch Draxler habe man nicht wieder eingefangen, indem man ihm die Skyline New Yorks an die Häuser gemalt habe, sagt Allofs. "Wir haben ihm klargemacht: Hier ist er am richtigen Ort für seine sportliche Entwicklung."
Allerdings machte Neuzugang Gomez auch deutlich, dass er nur dann mehr als ein Jahr bleiben wolle, wenn nächste Saison wieder international gespielt werde. Damals, Anfang September, konnte Allofs noch kühl kontern: Mario werde ewig bleiben, weil der VfL seine Ziele erreichen werde.
Aus der Perspektive von Platz 14 sieht das nun anders aus. Gomez hat noch kein Tor geschossen, und werden heißt jetzt wollen. "Wir wollen zurück in den internationalen Fußball", insistiert Allofs. Künftig wird in der Champions League noch mehr Geld verdient. "Man kann sich kaum erlauben, zwei Jahre draußen zu sein. Ein Jahr ist schon schwierig."
In diesem Spieljahr ohne Europa bleibt dem VW-Klub und seinem Geschäftsführer nichts erspart. Die Abgasaffäre, die schlechten Ergebnisse und dann kam sogar Allofs selbst ins Gerede. Der Aufsichtsrat sah sich gezwungen, Berichten über angeblich unsauberes Geschäftsgebaren des VfL im Spielerhandel nachzugehen. Zwei Spielerberater hatten sich beschwert.
Im Kern geht es bei den Vorwürfen darum, dass sich angeblich dauernd bestimmte Vermittler in Transferdeals einmischen, insbesondere der schweizerische Allofs-Vertraute Giacomo Petralito. Jetzt rumort es in der Branche. Ein Bundesligamanager spricht von einem "System Allofs". Unterstellt wird, Allofs ziehe einen persönlichen Vorteil daraus, dass Petralito bei Transfers ins Spiel komme und Kommissionen einstreiche. Allofs weist das von sich.
Wolfsburgs Aufsichtsrat untersuchte genau einen Fall. Dabei ging es um den früheren Stuttgarter Profi Filip Kostić. Dessen Berater Sedat Duraki behauptete, er habe ein Transfergeschäft mit dem VfL platzen lassen, er arbeite "nur mit seriösen Klubs zusammen". Kostić ging zum Hamburger SV. Die interne VW-Recherche ergab: Nicht Petralito, sondern Duraki habe sich unbotmäßig ins Geschäft gemischt.
Der Schweizer Petralito bezeichnet sich als "Handlungsreisender". Für Wolfsburg habe er vor Allofs' Zeiten viel häufiger gearbeitet als jetzt, sagt Petralito, 67, am Telefon. Zuletzt war er am Verkauf des Stürmers André Schürrle für 30 Millionen Euro Ablöse an Borussia Dortmund wie ein Zwischenhändler beteiligt. Er hat Allofs Ende 2012 zum VfL Wolfsburg vermittelt. Er höre halt viel. "Mit Informationen", sagt Petralito, "gewinnt man den Krieg."
Krieg? Der VW-Betriebsratschef Osterloh hat sich über das Geschäft seine eigene Meinung gebildet: "Fußball ist eine Gelddruckmaschine", sagt er. Er bleibt trotzdem Fan, selbst wenn es mit dem VfL nichts mehr wird. Als gebürtiger Braunschweiger hat er eine Jahreskarte beim Zweitligisten Eintracht Braunschweig, privat bezahlt.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 43/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Krisen:
Freudentränen im Akkord

  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All
  • Amateurvideo: Der Marsch der blauen Raupen
  • Stromausfall in Venezuela: Regierung spricht von "elektromagnetischem Angriff"