22.10.2016

JugendKicken ist cool

Kinder wollen vor allem eines: Fußball spielen. Viele Vereine sind damit völlig überfordert, sie reagieren auf den Boom mit einem Aufnahmestopp.
Es ist laut auf den Sportplätzen des Berliner Oberligisten Hertha Zehlendorf, wie an jedem Nachmittag. Und es ist voll. Bälle, bunte Markierungshütchen und Kinder sind über drei Fußballfelder verstreut. Der Rasen ist von den kleinen Stollenschuhen aufgewühlt.
Christian Broßmann, Jugendleiter des Vereins, trainiert gerade eine F-Junioren-Mannschaft, knapp zwanzig Sieben- und Achtjährige hören auf sein Kommando. Es könnten noch viel mehr sein. Obwohl es bei Hertha Zehlendorf jeweils acht F- und E-Jugend-Mannschaften gibt, kann der Verein nicht alle Kinder aufnehmen. "Derzeit stehen unter den Jüngeren etwa 40 Spieler pro Jahrgang auf der Warteliste", sagt Broßmann, "wir sind völlig überlastet. Da geht nichts mehr."
Also wird gnadenlos ausgewählt. Der Berliner Verein organisiert seit Jahren Sichtungstrainings, bei denen die Kinder ihr Können unter Beweis stellen müssen. Zusätzlich wurde eine Abteilung für die Abgewiesenen gegründet: Die "Hertha-Knöpfe" trainieren regelmäßig, nehmen aber nicht an Spielen teil. Doch sogar diese Abteilung stößt inzwischen an ihre Aufnahmegrenze.
Das Problem, mit dem hohen Andrang nicht mehr fertigzuwerden, kennt nicht nur Hertha Zehlendorf. In Großstädten wie Hamburg, München, Freiburg, Stuttgart, Bremen und im Ruhrgebiet sehen sich immer mehr Klubs gezwungen, vor allem für jüngere Jahrgänge Wartelisten zu erstellen oder Aufnahmestopps zu verhängen. Vereine wie der VfL Pfullingen, der SV Inning oder der Sportclub Borgfeld mussten Kinder nach Hause schicken.
Die Sogkraft von Ronaldo, Boateng und Neuer ist so groß, dass sich die Entwicklung seit Jahren zuspitzt. Zwar ist die Zahl der Vereine in Deutschland – aktuell liegt sie bei 25 075 – leicht rückläufig, aber der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zählt so viele Mitglieder wie noch nie: fast sieben Millionen.
In den vergangenen zehn Jahren sind mehr als 600 000 Fußballer dazugekommen. Zum Vergleich: Der Deutsche Handballbund hat rund 760 000 Mitglieder, seit 2009 werden es immer weniger. In den knapp 400 Hockeyklubs Deutschlands laufen nur gut 80 000 Spieler auf. Auch die Mädchen tragen wesentlich zum Fußballboom bei. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen es die Mädels zum Turnen oder zur Rhythmischen Sportgymnastik drängte. Kicken ist auch für sie cool.
Besonders das erfolgreiche Auftreten der deutschen Nationalmannschaft macht dem Nachwuchs Beine. Die Kids wollen den Stars nacheifern. "Wir merken jedes Mal, dass durch Welt- oder Europameisterschaften mehr Kinder hinzukommen", sagt Kamyar Niroumand, Präsident von Hertha Zehlendorf. Allein der Bayerische Fußball-Verband stellte nach dem WM-Sieg vor zwei Jahren 5000 neue Spielerpässe für Jugendliche mehr aus als im Jahr zuvor.
Die pulsierende Nachfrage erhöht in den Städten den Mangel an geeigneten Fußballfeldern. Besonders Vereine, die aufgrund moderner Kunstrasenplätze oder gut ausgebildeter Trainer einen guten Ruf haben, sind gezwungen, Kinder abzulehnen.
Um kein Nachwuchstalent zu verlieren und die Flüchtlinge zu integrieren, hält es DFB-Präsident Reinhard Grindel "für dringend notwendig, dass der Bund die nötigen Mittel bereitstellt, um mehr Spielräume für unsere Kinder zu schaffen". Uwe Lübking vom Deutschen Städte- und Gemeindebund glaubt dagegen, dass es genug Fußballfelder gäbe, wenn sich die Kids nicht größtenteils für Klubs entscheiden würden, die auf guten Plätzen trainierten. "Wenn eine Kommune Rasen- und Aschenplätze hat, möchte natürlich jeder auf einem Rasenplatz spielen", sagt er.
Die gut organisierten Vereine können es sich leisten, nur noch die Besten aufzunehmen. Die Folge für die Eltern der weniger Talentierten: Sie müssen ihren Nachwuchs mehrmals die Woche stundenlang durch den Berufsverkehr fahren, an den Rand der Städte, wo es noch freie Plätze gibt.
Während städtische Fußballvereine regelrecht überrannt werden, sind in einigen ländlichen Regionen Jugendteams sogar schon abgemeldet worden. "Wir verzeichnen ein Mannschaftssterben", sagt Peter Borchers vom Niedersächsischen Fußballverband. Verantwortlich dafür ist nicht mangelnde Fußballbegeisterung, sondern die Landflucht vieler Familien.
Carsten Byernetzki vom Hamburger Fußball-Verband nennt eine weitere Ursache für die Überlastung der Vereine – die Ganztagsschule: "Früher konnte man mit kleinen Kindern um 14 Uhr das Training beginnen, heute liegen die Plätze um diese Uhrzeit brach." Stattdessen fängt das Training erst gegen 17 Uhr an, bald darauf wollen schon die älteren Jahrgänge auf das Feld.
Einigen Vereinen in den Zentren geht nicht nur der freie Rasen aus, ihnen fehlen auch die Trainer. So hat der Freiburger Verein SvO Rieselfeld einen Aufnahmestopp für Kinder ab sieben Jahren verkündet. Mit einer Einschränkung: Kinder, deren Eltern sich als Trainer anbieten, werden aufgenommen.
Von Guillaume Horst

DER SPIEGEL 43/2016
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