22.10.2016

KommentarHauptsache, Grusel

Warum Designerbabys ins Reich der Science-Fiction gehören
Der Warner ist immer auf der sicheren Seite, daher fehlt es an Warnungen nie. So lässt sich leicht ein "biologisches Hiroshima" beschwören, gerne auch ein "Bio-Babel", das die "Menschengattung binnen einer Generation zerstören" wird. Und züchten wir demnächst unseren Nachwuchs in "Babyfarmen"? Solche Ängste trieben Kommentatoren im Jahr 1978 um, als Louise Brown geboren wurde – das erste Retortenkind. Seitdem geschieht es immer wieder: Sensationsmeldungen über Laborerfolge in der Reproduktionsmedizin verstören das Publikum in großem Stil; nicht einmal neue Medikamente gegen Krebsdiabetesalzheimer haben ähnliche Strahlkraft.
So war es auch diesmal, als das Fachmagazin "Nature" verkündete, dass es japanischen Wissenschaftlern gelungen sei, Hautzellen in Eizellen zu verwandeln, diese dann zu befruchten und so vitalen Nachwuchs zu zeugen. Sofort ging das Gezeter los, es hieß, wir steuerten auf einen "Albtraum" zu ("taz"), das Wort vom "Designerbaby" kam auf, die "Süddeutsche Zeitung" erinnerte an Aldous Huxley – seine "Schöne neue Welt" oder wahlweise Mary Shelleys "Frankenstein" bleiben uns bei solchen Themen offenbar nie erspart. Bange Fragen werden aufgeworfen. Ob Eltern in Zukunft noch Eltern seien, Schwule gemeinsame leibliche Kinder kriegen und ob sich jetzt jeder aus seinen Hautzellen, als Papa und Mama zugleich, sein eigenes Kind basteln könne. Hauptsache, Grusel.
Nur: In der japanischen Studie ging es um Mäuse. Mäuse! Die Erzeugung von Nachwuchs ist beim Menschen ungleich komplexer. Und selbst bei den Nagern endete der Versuch meist tödlich – fast 97 Prozent der aus den künstlichen Eizellen hergestellten Embryos waren so missraten, dass sie starben. Der Studienleiter Katsuhiko Hayashi tüftelt seit mehr als zehn Jahren an der Maus; genauso lange brauche es, schätzt er, bis sich zumindest "eizellähnliches" Material aus menschlichen Hautzellen fabrizieren lasse. Bis das Verfahren reif sei für die medizinische Praxis, könnten 50 Jahre vergehen.
Das ist jede Menge Zeit, um darüber zu reden, wie wir mit solcher Technik umgehen wollen. Zeit für Fakten und Argumente. Schluss mit Gruseln.

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Von Rafaela von Bredow

DER SPIEGEL 43/2016
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