22.10.2016

BildkunstGemälde im Schredder

Mit modernsten Methoden erschafft Yadegar Asisi haushohe Panoramafotos. Sein neues Werk zeigt überlebensgroß das Leben Martin Luthers.
Das Lutherjahr beginnt mit einem visuellen Paukenschlag, so lebensprall wie der Reformator selbst. Haushoch thront in Wittenberg seit diesem Wochenende ein Rundum-Panoramabild, unweit jener Kirchentür, an der der Reformator im Jahr 1517 seine 95 Thesen veröffentlicht haben soll. Das über tausend Quadratmeter große und eine halbe Tonne schwere Monumentalwerk zeigt unter anderem, wie eine aufgeregte Menschenmenge den hitzköpfigen Mönch umringt und über seine revolutionären Gedanken streitet.
"Eigentlich war es damals nichts Besonderes, an der Kirche irgendwelche Zettel anzunageln", erzählt Yadegar Asisi, der Schöpfer des überdimensionalen Kunstwerks. "Die Eingangstür diente den Leuten als eine Art Schwarzes Brett."
Zufrieden schreitet der Meister in seinem schummrigen Atelier in Berlin-Kreuzberg ein Spalier meterlanger, liebevoll handschraffierter Entwurfszeichnungen ab. Ringsherum sind Charakterstudien in Aquarell und Kreide zu sehen: Luther als wütender Eiferer, der gegen die Ablassbriefe der Kirche wettert; als asketisch abgemagerter Mönch, der vor den Häschern des Papstes auf die Wartburg flieht; schließlich als fülliger, selbstgefälliger Patron des Protestantismus.
"Er war einer der ersten Popstars der Geschichte", sagt Asisi, "professionell nutzte er die neumodischen Flugblätter, die damals auf den Märkten verkauft wurden; sein Gesicht war wie ein Markenzeichen, das jeder erkannte."
Auch heute gibt es wieder eine Medienrevolution, vorangetrieben von der allumfassenden Digitalisierung. Asisi nutzt die neuen Techniken ausgerechnet dazu, fast altertümlich erscheinende Kunstwerke entstehen zu lassen – virtuelle Realität (VR) unplugged.
Seine Riesenbilder aus Stoff und Stahl werden durch Ton- und Lichteffekte zum Leben erweckt und erinnern an die Anfänge von Multimedia. Ihre Blütezeit erlebten Panoramen zwischen 1820 und 1910, sie demokratisierten Bilder und Bildung – fast wie ein Massenmedium. Mit dem Aufkommen der Kinos waren diese Spektakel vorbei.
Warum nur besuchen heute Hunderttausende Schaulustige Asisis Panoramasilos in Dresden und Leipzig, in Berlin und Rouen? "Meine Bilder zwingen zur Konzentration und Geduld", sagt Asisi und macht eine Kunstpause, "je länger man sie betrachtet, desto mehr Geschichten entdeckt man, jeder ist sein eigener Regisseur."
So altmodisch sie auch wirken, bei der Erschaffung der Panoramen setzt er auf modernste Methoden: Für das Lutherpanorama mietete er ein Filmstudio, ließ wie ein Regisseur Dutzende Komparsen schminken und verkleiden, nahm pro Shooting rund 28 000 Fotos an Originalschauplätzen auf.
Dann montierte er diese Bilderflut am Rechner und überprüfte das Ergebnis mit VR-Brille. Schließlich, nach mehr als drei Jahren Detailarbeit, schickte er eine zwölf Gigabyte umfassende Bilddatei über das Internet an eine Druckerei in Nordrhein-Westfalen. Einen Monat dauerte es, die Bildbahnen mit Spezialmaschinen auszudrucken.
"Warum werde ich eigentlich so oft nach den Datenmengen gefragt?", schimpft Asisi, der seine Multimedia-Inszenierung selbst als "Malerei" bezeichnet: "Sie würden doch Leonardo da Vinci auch nicht nach der Zahl der Pinselstriche fragen."
Rund 4,5 Millionen Euro kostet das neu-altmodische Spektakel, beauftragt wurde Asisi von der evangelischen Kirche. Hat er sich also für klerikale Propagandakunst einspannen lassen?
"Mir redet niemand rein", sagt der in Wien geborene Künstler, der als Sohn eines persischen Kommunisten in Halle und Leipzig aufwuchs und 1979 nach Westberlin ausreiste. Tatsächlich zeigt sein Panoramabild auch die Vertreibung eines jüdischen Gelehrten aus der Stadt, bei der Luther ungerührt zusieht.
Nicht einmal von der Realität lässt Asisi sich beirren: Wenn er ein starkes Symbol vor Augen hat, präsentiert er auch schon mal einen romantischen Regenbogen in einem Winkel zur Sonne, der physikalisch gar nicht möglich ist.
Fünf Jahre lang wird das zylinderförmige Lutherpanorama in Wittenberg zu sehen sein; dann soll die Stahlrotunde abgerissen und das Riesenbild geschreddert werden.
Wie kann er die geplante Zerstörung seines Kunstwerks nur gutheißen? "Ich will nicht zum Gefangenen meiner eigenen Bilder werden", verteidigt Asisi den radikalen Schritt. "Wenn das Lutherpanorama noch irgendwo anders gezeigt werden sollte, würde ich es frisch bearbeiten – und neu ausdrucken lassen."

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Twitter: @hilmarschmundt
Von Hilmar Schmundt

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