22.10.2016

MedikamenteGegen den Angeklagten

Paracetamol gilt für Schwangere als vergleichsweise harmlos. Doch Studien zeigen: Ihre Kinder könnten dadurch verhaltensauffällig werden.
Schrecklich, wenn man nicht alles zweimal hinterfragt, was Ärzte einem raten oder verordnen", schreibt eine verzweifelte Mutter in einem Elternforum im Internet. Als sie sich während ihrer Schwangerschaft eine Rippe brach, berichtet sie, hätten die Ärzte ihr empfohlen, gegen die schlimmen Schmerzen das Allerweltsmittel Paracetamol zu schlucken.
Geholfen habe ihr das Medikament "nicht sonderlich", erzählt die Frau. "Was ich dann aber bekommen habe, ist ein Kind, welches hyperaktiv ist." Lange habe sie gegrübelt, wie ihr das passieren konnte. Nur durch Zufall erfuhr sie schließlich, dass dies eine Nebenwirkung des Schmerzmittels sein könne. "Blindes Vertrauen", so ihr bitteres Fazit, "kann verheerende Folgen haben."
Was klingt wie eine der üblichen Verschwörungstheorien im Netz, hat einen wissenschaftlichen Hintergrund. Vor drei Jahren tauchten tatsächlich erste Hinweise auf, dass Kinder, die im Mutterleib dem Wirkstoff ausgesetzt waren, später verhaltensauffällig werden können. Unter anderem neigen die Betroffenen zu Wutausbrüchen, oder es fällt ihnen schwer, sich zu konzentrieren.
Eine Studie von Forschern der University of Bristol mit insgesamt 14 500 Müttern und ihren Kindern, die soeben in der medizinischen Fachzeitschrift "Jama Pediatrics" erschienen ist, hat diesen Verdacht nun bestätigt: Bei sieben Jahre alten Kindern, deren Mütter zwischen der 19. und der 32. Schwangerschaftswoche Paracetamol eingenommen hatten, stieg das Risiko für Verhaltensprobleme um 46 Prozent.
Eine aktuelle Auswertung dänischer Daten kommt zudem zu dem Ergebnis, dass auch die Intelligenz fünfjähriger Kinder leiden kann, wenn ihre Mutter während der Schwangerschaft Paracetamol gegen Schmerzen geschluckt hat. Statistisch haben die Paracetamol-Kinder einen um 3,4 Punkte niedrigeren IQ. Mögliche Erklärung für all diese Effekte: Das Mittel könnte die empfindliche Hirnentwicklung stören.
Insbesondere die Forscher von der University of Bristol haben sich große Mühe gegeben, alternative Ursachen auszuschließen. "Ihre Studie liefert gute Argumente gegen den üblichen Einwand, dass in Wahrheit andere, noch unbekannte Einflüsse für die Auffälligkeiten verantwortlich sind", sagt Ragnhild Brandlistuen vom norwegischen Institut für öffentliche Gesundheit. Die Psychologin war an jener früheren Studie beteiligt, die erstmals auf den möglichen Zusammenhang zwischen Paracetamol in der Schwangerschaft und Verhaltensstörungen bei Kindern gestoßen war. "Wir waren sehr überrascht und hielten es damals für denkbar, dass das Ergebnis rein zufällig zustande gekommen sein könnte."
Unter vielen Frauenärzten haben sich die neu entdeckten Risiken noch nicht herumgesprochen. Schwangeren wird das Medikament deshalb weiterhin empfohlen. Die vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Website Embryotox, von der auch Frauenärzte ihre Informationen beziehen, hält Paracetamol im letzten Schwangerschaftsdrittel sogar für alternativlos.
Kein Wunder also, dass mehr als jede zweite Frau während der Schwangerschaft auf dieses scheinbar eher unbedenkliche Schmerzmittel zurückgreift. "Wenn man die große Zahl schwangerer Frauen berücksichtigt, die das Medikament nehmen", schreiben die britischen Forscher, "kann schon eine geringfügige Erhöhung des Risikos für Auffälligkeiten bedeutende Folgen für die öffentliche Gesundheit haben."
Was viele Patientinnen ebenfalls nicht berücksichtigen: Paracetamol wirkt nur gegen leichte und mittelschwere Schmerzen – wenn überhaupt. Bei einem Hexenschuss beispielsweise hilft das Medikament gar nicht, gegen Migräne nur sehr selten.
"Paracetamol ist ein für die Schmerztherapie fast unwirksames Medikament", sagt Hartmut Göbel, Leiter der angesehenen Schmerzklinik in Kiel. "Es gibt viele Möglichkeiten, es zu ersetzen." So könne bei Spannungskopfschmerz Pfefferminzöl helfen und bei Kreuzschmerzen Bewegung oder Wärmetherapie. "Auch wenn die Folgen für Ungeborene noch nicht endgültig bewiesen sind", sagt Göbel, "muss in so einer Situation gelten: Im Zweifel gegen den Angeklagten."
Aber es gibt Fälle, bei denen die Vorteile von Paracetamol möglicherweise sogar überwiegen: wenn Schwangere unter Fieber leiden. Denn auch Fieber während der Schwangerschaft kann offenbar dazu führen, dass die Kinder später einen etwas niedrigeren IQ haben. Die fiebersenkende Wirkung des Medikaments vermag dies möglicherweise zu verhindern.
"Vielleicht kommt es darauf an", sagt Psychologin Brandlistuen, "dass Paracetamol aus dem richtigen Grund eingenommen wird."
Von Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 43/2016
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