22.10.2016

Nils MinkmarZur ZeitToter Winkel

Der Anfang des Jahres verstorbene Roger Willemsen sinnierte auf dem Höhepunkt seiner Popularität gern über die abgründigen Möglichkeiten des Ruhms. Er konnte fast an jeder Tür läuten, und man öffnete ihm. "Es heißt doch immer", sagte er maliziös: "Das Opfer muss seinen Mörder gekannt haben. Und mich kennt jeder." Diese Beobachtung ist vielleicht der Schlüssel zu einer der unangenehmsten Fragen der Zeit, jener nämlich, wie Donald Trump in Reichweite des Weißen Hauses kommen konnte. Schließlich hat er selbst die Mindestanforderungen einer solchen Kandidatur, etwa die Offenlegung des Steuerbescheids, unterlaufen. Seine Positionen teilt nur eine Minderheit der Amerikaner – und doch sind weit mehr bereit, ihm ihre Stimme zu geben.
Es könnte sein, dass Trump den toten Winkel der Medienkritik ausgenutzt hat. Diese beschäftigt sich zu Recht mit den Folgen der Digitalisierung und warnt Eltern vor der drohenden Internetsucht ihrer Kinder – aber sie verliert darüber die etablierten Medien aus dem Blick. Trump ist ein Produkt des Fernsehens, insbesondere der Castingshows und verwandter Reality-TV-Formate. Er stand auch dem professionellen Wrestling nahe, dem Gladiatorenzirkus des US-Fernsehens, einmal mischte er sogar selbst mit. In solchen Formaten ergibt sich die Faszination des Zuschauers aus einer klaren Rollenverteilung und einer erwarteten krassen Entgrenzung. Einer muss aus der Rolle fallen und tun, was alle befürchten. Der Zuschauer folgt dem Geschehen, insbesondere der gespielten Fiesheit, mit diebischem Vergnügen – weiß er sich doch in Sicherheit. Trump tobt auf der Bühne? Leert eine Plastikflasche, nennt sie nach seinem Kontrahenten Marco Rubio und pfeffert sie in die Kulisse? Man fasst sich an den Kopf und sieht doch hin. So konnte Trump monatelang hohe Zuschauerquoten erzielen, benötigte kaum eigene Werbespots. Das Grauen des Publikums blieb aus, weil es dem Fernsehen vertraute.
Das Aufkommen des Fernsehens als Massenmedium geht einher mit der längsten Friedensepoche der Neuzeit, jedenfalls im Westen. Man schaute es oft in friedlicher Stimmung, zur Entspannung und Unterhaltung. Der Mörder tritt nie aus dem Schirm heraus, um dann im Wohnzimmer zu morden. Seine Opfer sind auch nur Fernsehfiguren, das Blut bloß Ketchup. Die Harmlosigkeit des Mediums übertrug sich auf Trump, auch dann noch, als er plötzlich behauptete, Politiker zu sein. Ihn außerhalb des Fernsehens zu widerlegen war schwierig. Ihn im Fernsehen zu stellen war ernsthaften Politikern allerdings auch nicht möglich gewesen, denn die denken ja auch an die Welt jenseits der Bildschirme.
Trump aber setzte Fernseheffekt auf Fernseheffekt: Auch wenn man seine Positionen ablehnte, blieb man doch dran. Und darüber berichteten dann alle anderen Medien. Endlich fand sich jenes Video aus den Kulissen einer Show, in der Trump selbst sich damit brüstet, seinen Ruhm zu nutzen, um mit sexuellen Übergriffen davonzukommen. Nur Fernsehbilder konnten diese Fernsehfigur stoppen.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 43/2016
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