22.10.2016

ZeitgeschichteDer Spion, der sich als Künstler tarnte

In seinem Einsatzort Brüssel erwachte in dem DDR-Agenten Horst Meier die Liebe zur Bildhauerei. Nun wird er posthum entdeckt.
Horst Meier ist vor knapp vier Wochen gestorben. Er wurde 91 Jahre alt. In den vergangenen Jahren war er ein Pflegefall, versunken in der Demenz. Er starb, wie er gelebt hat: als Geheimnis.
Niemand kannte ihn, er war nicht berühmt, doch seine Familie möchte nun, dass die Welt von ihm erfährt. Von Horst Meier, dem Spion der DDR in Brüssel, wo er sich als Künstler tarnte; von einem Menschen, der seine eigentliche Berufung erst in dieser Tarnung fand.
Der Kalte Krieg, die DDR und die Kunst – das ist das Dreieck seiner Geschichte. Eine sehr deutsche Geschichte, ohne viele Spuren, Geheimdienste verwischen ihre Spuren, und sie beginnt wie alle Geschichten des Kalten Krieges im Zweiten Weltkrieg. Meier war nach seiner Lehre als Elektriker von der Wehrmacht eingezogen und 1944 mit 18 Jahren an die Ostfront geschickt worden, noch Jahrzehnte später erzählte er vom Verwesungsgeruch. Fünf Jahre lang blieb er in Kriegsgefangenschaft, in Lagern in der Ukraine. Nahe Riga besuchte er später einige Monate lang die "Antifa-Zentralschule" – deren ideologisch geschulte Absolventen später in der DDR oft wichtige Funktionäre wurden.
Der Kriegsheimkehrer Meier, inzwischen 24, machte in Halle sein Abitur, studierte in Leipzig Journalismus, erhielt eine Stelle in Suhl, einer kleinen Bezirkshauptstadt am Rand des Thüringer Waldes. Meier hatte eine ehemalige Kommilitonin geheiratet, die beiden hatten vier Kinder.
Als Redakteur, der für Kultur zuständig war, schrieb er auch über die neue abstrakte Kunst des Westens, die er, so war es gewünscht, verdammte. Und es gibt ein Foto aus den späten Fünfzigerjahren: Meier ist da in dunklem Anzug mit weiteren Männern auf einer Tribüne zu sehen. Der berühmte Schriftsteller Erwin Strittmatter ist auch darunter. "Viel Arbeit, wenig Geld", schrieb Meier auf. Andere Notizen, die er später seiner Tochter diktierte, klingen wohlwollend. Ausflüge in den Thüringer Wald, im Winter Skifahren, er reiste mehrfach in die Sowjetunion und andere Länder des Ostblocks, auch nach Westdeutschland. Die Ehe wurde 1960 geschieden.
Ein anderes Foto, fünf Jahre später, zeigt Meier in seinem neuen Leben. Ein Freund aus der Kriegsgefangenschaft, der mit ihm auch die Antifa-Zentralschule absolviert hatte, holte ihn in die sogenannte Hauptverwaltung Aufklärung, die HVA. Diese Organisation für Auslandsspionage in der DDR wurde jahrzehntelang geführt vom legendären Markus Wolf. Klaus Rösler, so hieß der Freund, leitete bei der HVA die Abteilung XII., "Nato und EG".
Auf der Fotografie lehnt sich Meier aus der Fahrerkabine eines Lasters hinaus. Auf der Karosserie ist der Schriftzug "Ball of Toronto – Steel Drums" zu erkennen; das Gefährt gehörte offenbar einem Hersteller von Fässern und Tonnen im kanadischen Toronto. Es war Teil seiner neuen Legende. Meier, Mitte vierzig, war gerade dabei, ein anderer zu werden. Sein neuer Name: Erwin Miserre. Der echte Erwin Miserre war Jahre zuvor über die Bundesrepublik nach Kanada gezogen.
Meier reiste als Miserre in Westdeutschland ein, heuerte in seinem alten Beruf als Elektriker bei einem Großunternehmen an, ließ sich von Frankfurt nach Saarbrücken versetzen. Er lernte Französisch, weil er sich in Paris niederlassen sollte, wo das Hauptquartier der Nato angesiedelt war. Doch dann verlegte die Nato ihren Sitz nach Brüssel.
In Belgien besuchte Meier alias Miserre Abendkurse in Bildhauerei und knüpfte Kontakt zu Olivier Strebelle, einem der berühmtesten Bildhauer Belgiens. Strebelle ist heute 89 Jahre alt und kann sich gut an den Deutschen erinnern. Irgendwann in den späten Sechzigerjahren sei er plötzlich da gewesen, habe nach Arbeit gefragt, wollte ihm assistieren. Der Künstler lebt immer noch am Rand Brüssels, in dem Haus, das er damals schon bewohnte. Seine großen Plastiken fertigte er fast immer aus Bronze, manche sind wie dreidimensionale Puzzle zusammengesetzt, die Herstellung erfordert handwerkliches Geschick. Miserre konnte das. Die nächsten acht Jahre arbeitete er für Strebelle.
Der Belgier erwähnt die altmodische Mütze, die der Deutsche gern aufsetzte, fast mittelalterlich habe sie gewirkt. Sie hätten Miserre oft "Erwin Mystère" genannt, "Erwin Geheimnis", er habe wenig von sich erzählt. Miserres Französisch sei gut gewesen, man habe den deutschen Akzent gehört; dass er aus Ostdeutschland kam, wusste man nicht. Einer seiner anderen Leute, sagt Strebelle, habe aber damals gesagt, dass mit dem Deutschen etwas nicht stimme, der sei bestimmt ein Spion.
Die Hauptverwaltung Aufklärung hat in der Wendezeit alle Dokumente vernichtet. Man müsse, sagt Karl Rehbaum, Meiers einstiger Führungsoffizier und später guter Freund, denen glauben, die damals dabei waren. Rehbaum arbeitete ab 1965 bei der HVA. Sein prominentester Spion war der Westdeutsche Rainer Rupp alias Topas, der bei der Nato spionierte und 1994 wegen Landesverrats verurteilt wurde.
Meiers/Miserres eigentlicher Job war es, Informationen zwischen Agenten vor Ort und Ostberlin zu übermitteln; er nahm Fotos von Nato-Dokumenten entgegen und sorgte dafür, dass sie in die DDR gelangten; er war, so nannte man das, ein "Resident". Keiner, der selbst spitzelte, aber unverzichtbar, ein Mittelsmann, eine lebende Leitung. Es war nicht ungefährlich. "Das ist es nie", sagt Rehbaum. Die Aufgaben für die HVA seien aber eher profan gewesen, sogar unspektakulär, "das ist nicht wie im Film".
Meier jedenfalls konnte in Brüssel ein westliches Künstlerleben führen. Als Assistent bei einem berühmten Bildhauer, dorthin reisen, wo andere nie hinkamen. Weil er auch für seine alte Heimat eine Legende brauchte, konnte Meier oft nach Südostasien fliegen, denn für alle in der DDR war er ein politischer Korrespondent, der nach Asien abbeordert worden war.
Anfang der Siebzigerjahre lernte Meier eine Belgierin kennen, die deutlich jünger war als er und ihn auch auf Reisen begleitete. Sie war von Beruf Dolmetscherin. Ihrer Familie gefiel es nicht, dass ihr neuer Freund viel älter und ein Deutscher war. Sie sagt heute, dass sie lange nichts von seiner wahren Identität gewusst habe. Irgendwann seien sie nach Deutschland gereist, auch für einen Tag nach Ostberlin, die Sonne schien, und sie fand es dort gar nicht so schrecklich.
Abgezogen wurde Meier 1976 laut Rehbaum, weil der Verfassungsschutz der Bundesrepublik herausgefunden hatte, mit welcher "Übersiedlungsmethode" viele DDR-Agenten ins Ausland eingeschleust worden waren – dass man eben die Biografien von Auslandsdeutschen mit westdeutschem Pass nutzte. Die Gefahr, dass man Meier enttarnte, war groß.
Meier kehrte zurück in die DDR, mit seiner belgischen Freundin. Sie heirateten in Frankfurt an der Oder. Das Hochzeitsbild zeigt ein modern wirkendes Paar. Die beiden zogen aufs Land, in ein Dorf in Brandenburg, wo sie 40 Jahre lang gemeinsam lebten und zwei Kinder bekamen.
Meier beschloss, Künstler zu bleiben, niemand hatte etwas dagegen. Hinter dem Haus baute er sich schließlich ein Atelier, die HVA half mit Baumaterial aus. Und er legte sich einen großen Garten an, so wie Strebelle es in Brüssel getan hatte.
Eine Chemiefabrik beauftragte ihn damit, drei große Plastiken zu erschaffen, eine Gruppe von riesigen Windspielen, bei der Herstellung sollte eine Jugendbrigade helfen. Auf dem Gelände des Werks, das heute der BASF gehört, steht noch eine dieser Skulpturen. Ihr Titel lautet "Beflügelung", und Meier widmete sie, so schrieb er es 1982 in der Kombinatszeitung, allen sozialistischen Jugendbrigaden, denn von der Jugend erwarte er sich einen "erfolgreichen Vormarsch in die Zukunft". Wieder dieser DDR-treue Duktus. Fast klingt er wie in seinen Tagen als Redakteur des "Freien Wortes" in Suhl.
Die Plastiken, die er schuf, erinnerten an Strebelles Werk; manchmal eher etwas kitschig oder zu plump erotisch, anderes wirkt für DDR-Verhältnisse erstaunlich modern. Er war wieder Horst Meier, signierte aber weiter als "EM", als Erwin Miserre.
Er führte keine völlige Geheimexistenz mehr. Manchmal hat er zwar Werke unter der Hand verkauft, aber es muss auch weitere offizielle Verkäufe gegeben haben, etwa an eine Gewerkschaft. Noch heute steht eine seiner Skulpturen vor einer Gaststätte in der Nähe des Senftenberger Sees. Kein Schild erklärt, wie das Werk heißt, wer es hergestellt hat.
1982 entstand ein Prospekt, in dem Meiers Werke aus glänzender Bronze angeboten wurden. Zum Künstler heißt es: "Anfang der 60er bis Mitte der 70er Jahre journalistische Arbeit im Ausland. 1973 Beginn der künstlerischen Tätigkeit."
Den Prospekt gab damals Günther Rothe heraus, der, so sagt er, in der DDR ein Showorchester geleitet hatte und eine Kunstgießerei betrieb. Heute versteht er sich als Maler und Produktdesigner. Rothe ist es, der die Entdeckung Meiers vorantreibt, er hat alte Gipsmodelle in Bronze gießen lassen, sie wohl nachbearbeitet, er hat ein Buch herausgegeben(*), und er will die Objekte ausstellen, erst einmal von übernächster Woche an in einem Hotel in Leipzig. Er sagt, er habe mehr als 200 000 Euro investiert. Es gibt einen Vertrag mit der Familie. Man hegt Hoffnungen.
Wer aber war nun Horst Meier? Eine Künstlerseele? Ein treuer Diener des Arbeiter-und-Bauern-Staates, der sein Leben so eingerichtet hatte, wie es der Staat wollte? Vor allem aber war er Teil der HVA-Clique und blieb es noch nach der Wende.
Seine Witwe sagt, er habe sich wirklich als Antifaschist verstanden, solche Losungen wie "Nie wieder Krieg" seien ihm wichtig gewesen. Rehbaum sagt, Meier habe mit ihm viel über die Vergangenheit geredet, den Krieg, die Gefangenschaft, die Zeit in der Antifa-Zentralschule, die frühe DDR. Meier habe doch zu der Generation gehört, die das Land mit aufgebaut hätte.
Seine Tochter aus zweiter Ehe hat er lange nach der Wende sein Leben in Stichworten aufschreiben lassen. Über seine Zeit in Brüssel ist selbst in dieser privaten Notiz nur von einer "auslandsjournalistischen Tätigkeit" die Rede. Seinen alten Freund Klaus Rösler, mit dem er Jahre der Kriegsgefangenschaft durchgestanden hatte, nennt er dort nur mit seinem HVA-Decknamen Martin.
Klaus "Martin" Rösler war es auch, der 1983 bei seinem alten Freund eine Skulptur für den Geheimdienstchef Markus Wolf bestellte. Zu seinem belgischen Lehrmeister Strebelle nahm Meier nie wieder Kontakt auf, auch nicht nach der Wende. Ein Spion bleibt immer Spion. Auch wenn er keiner mehr ist.

Über die Autorin

Ulrike Knöfel, Jahrgang 1969, arbeitet seit 1999 für den SPIEGEL. Sie schreibt vorwiegend über Kunst, Architektur und Kulturpolitik. Die Biografie des Bildhauers Horst Meier verrät aber auch viel über die Merkwürdigkeiten deutscher Zeitgeschichte – so wurde er, ein DDR-Spion, zum Künstler, weil das allen als die perfekte Tarnung erschien.
* Günther Rothe: "Meier/Miserre". Michael Imhof; 144 Seiten; 24,95 Euro.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 43/2016
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