22.10.2016

PopkritikVerschwinden

Auf seinem Album „You Want It Darker“ erzählt Leonard Cohen von den letzten Dingen.
Es gibt eine schöne Anekdote über Bob Dylan und Leonard Cohen. Irgendwann, lange her, saßen sie zusammen in einem Auto. Dylan fuhr, und als sein Song "Just Like a Woman" im Radio lief, sagte er, ein berühmter Kollege habe ihm gegenüber bemerkt, er, Dylan, sei die Nummer eins. Aber, sagte Dylan zu Cohen: "Für mich bist du die Nummer eins. Ich bin die Nummer null." Was so viel heißt wie: Deine Arbeit ist gut. Meine ist jenseits der Bewertbarkeit.
Nun bekommt der nicht bewertbare Dylan im Dezember den Nobelpreis für Literatur. Und Leonard Cohen veröffentlicht ein neues Album, "You Want It Darker". Die beiden sind oft verglichen worden. Dylan, der Rockstar, der Frühvollendete, der Irrende, der Schnellschreiber, der Postmoderne, der Dichter. Und Cohen, der Grübler, der Melancholiker, der Ladies' Man. Der Mann, der schon 33 Jahre alt war, als sein erstes Album erschien. Der bereits eine Karriere als Schriftsteller hinter sich hatte, als er Sänger und Songwriter wurde. Der Sänger, dem das Singen nie leichtfiel, der immer Lampenfieber hatte. Der Jahre an einem Song arbeiten kann und doch nie zufrieden ist. Der, der wieder und wieder versucht hat, den großen Geheimnissen von Liebe, Schmerz und Verlust auf den Grund zu gehen. Und schließlich einige Jahre lang in ein zen-buddhistisches Kloster ging. Zwei große alte Männer des Pop. Beide Juden. Der eine versteckt sich gerade vor dem Anruf der Jury, die ihn in den Olymp der großen Dichter holen will. Der andere hat sein letztes Album gemacht.
So jedenfalls wirkt das schwarze Cover von "You Want It Darker", auf dem Cohen aus einem stilisierten Fenster schaut und eine Zigarette raucht. Und so klingen die neun Songs auch. Aber genau weiß man das bei Cohen, der inzwischen 82 Jahre alt ist, natürlich nie. Über Tod, Abschied und Vergänglichkeit singt Cohen schon, seit er ein junger Mann war.
Das Album beginnt mit einem Männerchor – nicht irgendein Chor selbstverständlich, sondern der Chor jener Synagoge in Montreal, deren Gemeinde Cohens Großvater einst vorstand. Und es endet mit leisen Streicherklängen, die "Treaty" beschließen, einen Song, der von spiritueller Ratlosigkeit handelt, dem Vertrag zwischen Gott und ihm, den Cohen sich wünscht und den er nicht bekommt, sosehr er auch immer noch nach geistiger Vollkommenheit strebt. Dazwischen: Lieder, die die Fäden sind, die am Ende eines erfüllten Lebens liegen geblieben sind, und nun noch einmal in die Hände genommen werden. Cohen als Stammvater Abraham – das ist so überdreht, wie es klingt, anrührend, lustig und ernst gemeint wahrscheinlich auch.
Cohen lebt in einem Haus in Los Angeles, sein Sohn Adam wohnt in der Nähe und seine Tochter Lorca und ihre Familie sogar im selben Haus. Adam, selbst Musiker, ist auch der Produzent von "You Want It Darker". Wenn Besuch kommt, wie zum Beispiel der Journalist David Remnick vom "New Yorker", der in dieser Woche ein großes Porträt über Cohen veröffentlicht hat, dann bekommt er einen Stuhl angeboten und manchmal auch ein unvollendetes Lied vorgesungen. Am Ende seines Lebens räume er jetzt sein Haus auf, hat Cohen zu Remnick gesagt.
Wenn sich vor mehr als zehn Jahren nicht herausgestellt hätte, dass Cohens langjährige Managerin ihn um einen wesentlichen Teil seines Vermögens betrogen hatte, würde es dieses Spätwerk womöglich gar nicht geben. Cohen musste in einem Alter, in dem sich andere lange zur Ruhe gesetzt haben, noch einmal Geld verdienen gehen. Er tourte zweimal um die Welt. Und er begann noch einmal, Musik aufzunehmen.
Schon "Old Ideas" (2012) und "Popular Problems" (2014) waren ungewöhnliche Platten, für die Cohen sich eine staubtrockene, federleichte und äußerst reduzierte Ästhetik zurechtlegte.
Auch "You Want It Darker" ist um die Stimme Cohens gebaut – wobei er die Songs mehr flüstert als singt. Wirkliche Melodiebögen sind kaum noch auszumachen. Cohen spielt ein paar leise Töne auf seiner Heimorgel und raunt seine Songzeilen dazu. Manchmal kommt ein Gitarrenlauf hinzu. "I'm ready my Lord", singt Cohen einmal. Schwere letzte Worte? Oder spätes Theater? Dass Cohen einer der großen Verführer des Pop ist, liegt ja gerade an seiner Gabe, die Worte so ernst klingen zu lassen wie kaum jemand sonst.
Ob es nun tragische Schwere ist, die man hier hört, oder komödiantisches Können – selten ist aus dem Wunsch zu verschwinden so überzeugend Musik gemacht worden.
Auch nicht von Bob Dylan.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 43/2016
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