22.10.2016

BriefeKomplexes Staatsversagen

Nr. 42/2016 Der Terrorist – Jaber Albakr, eine Heldentat und das Versagen der Justiz
"Besser als mit dem Begriff ,Teamentscheidung' kann man das Versagen von Anstaltsleitung und Dienstaufsicht, die solche Praktiken duldeten, eigentlich nicht beschreiben."
Joachim Grüner, Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Frankfurt am Main
Es ist ein Unding, dass sich ein Terrorverdächtiger einfach kurz nach der Verhaftung – unbemerkt und ohne vollständige Überwachung – das Leben nehmen kann. Nun sind wohl viele wertvolle Spuren gleichsam vom Winde verweht. Sie hätten potenzielle Hintergründe und Netzwerke erörtern oder aufdecken können, was zur Prophylaxe weiterer menschenvernichtender Terrorakte dienlich gewesen wäre. Kriminalistisch wäre es gut, solchen Personen jemanden mit in die Zelle zu geben, getarnt als mitfühlender Häftling, der die gleiche Sprache spricht, Landsmann ist und als Lockvogel dient. So wäre der von Autoaggression gefährdete Untersuchungshäftling einerseits vor Selbsttötung nahezu geschützt, andererseits wäre hier die Gelegenheit gegeben, dass besagter Häftling "plaudert"!
Michael M. P. Wittmann, Riegel (Bad.-Württ.)
Hätte eine permanente Überwachung stattgefunden, würde lamentiert: Polizeistaat. Was gemacht wird, ist immer falsch.
Bertold Hieber, Uslar (Nieders.)
Ein Staat, der nicht verhindern konnte, dass ein anerkannter Flüchtling das Chaos nutzt, um unbemerkt wieder in das heimatliche Kriegsgebiet zu reisen. Ein Nachrichtendienst, der ohne die Hilfe der Amerikaner weder den Hass predigenden Imam noch die Radikalisierung eines Jaber Albakr erkennt. Eine Polizei und ein Justizvollzug, völlig überfordert, komplettieren die Pannenserie. Bei diesem komplexen Staatsversagen war der König Zufall wohl der wahre Retter.
Rüdiger Lüttge, Altlandsberg (Brandenb.)
Nach der Lektüre werde ich den Eindruck nicht los, dass die Sicherheitsorgane Polizei und Justiz des Landes Sachsen alles tun, damit ein perfider IS-Anschlag in Deutschland, besonders in Ostdeutschland, gelingt. Dann könnten NPD, AfD, Pegida und deren Sympathisanten noch erfolgreicher gegen Flüchtlinge und Muslime hetzen als bisher.
Abdul-Wahab Samadi, Leonberg (Bad.-Württ.)
Nicht nur in Sachsen haben die Behörden versagt. Es gibt etliche Fälle in unserer Republik, in denen man ähnliches Versagen feststellt. Ich denke da an die NSU-Morde bundesweit und den schon über drei Jahre andauernden Beate-Zschäpe-Prozess, wo ebenfalls ein Totalversagen der Justizbehörden vorlag. Wenn auch sehr naiv von mir gedacht, ist mein Verbesserungsvorschlag: Man muss die Anzahl der 16 Bundesländer auf höchstens 10 reduzieren. In unserem Behördendickicht und dem Kompetenzgerangel ist ein effizienteres Arbeiten nicht möglich.
Manfred Kammann, Castrop-Rauxel (NRW)
Ich kann die Wahl Ihres Titelbilds nicht gutheißen. Zweifelsohne sind die Geschehnisse spektakulär. Nicht jedoch die Person Jaber Albakr, der hier fast heldenhaft als eine Art verhinderter erster echter islamistischer Terrorist in Deutschland über allem zu thronen scheint. Meinen Sie nicht, dass diese Art Resonanz für weitere orientierungslose und verirrte junge Männer ein Anreiz sein könnte, auf diese Weise zu ähnlich zweifelhaftem Ruhm zu gelangen? Bei erfolgreichem Selbstmordattentat warten die Jungfrauen – wenn das nicht klappt, immerhin die Titelseite des bekanntesten deutschen Nachrichten-Magazins.
Smilla Heller, Dortmund
Vielen Dank für den gelungenen Artikel, der die Rat- und Hilflosigkeit, mit der unsere Politiker und Entscheider dem importierten Terrorismus gegenüberstehen, in hervorragender Weise beschreibt.
Matthias Jansky, Mainz

DER SPIEGEL 43/2016
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