22.10.2016

BUNDESKANZLEREiseshauch des Verlassenen

Es war einsam geworden um Bundeskanzler Ludwig Erhard. Parteifreunde diskutierten offen über seine Nachfolge. Die Wählergunst war der Wahlkampflokomotive abhandengekommen, sein Kabinett in Untätigkeit erstarrt. Aus dem fernen Cadenabbia intrigierte der alte Erzfeind Konrad Adenauer offen gegen seinen Nachfolger. Vielleicht lag Erhards Problem einfach darin, dass der Schöpfer des Wirtschaftswunders Kanzler wurde, als das Wirtschaftswunder vorbei war.
Erhard selbst hatte das Ende des Wunders durchaus erkannt: "Unser deutsches Modell", warnte er im Bundestag, gerate aus dem Höhenflug "in die natürliche Phase allgemeiner, alltäglicher Bewährung". Die Wachstumszahlen sanken, dem Staatshaushalt drohte der Bankrott. Kurz vor der Bundestagswahl 1965 hatte Erhard – gegen seine stets vertretenen Prinzipien – das Füllhorn sozialer Wohltaten ausgeschüttet, ganz nach der alten Adenauer-Devise "Wahltag ist Zahltag". Nun erklärten die Bundesländer zu allem Überfluss der Bundesregierung noch den "offenen Steuerkrieg".
Der Versuch des Kanzlers, die Wahlgeschenke nach der gewonnenen Wahl wieder einzusammeln, scheiterte; stattdessen verlegte sich Erhard aufs resignative Stillhalten, allenfalls unterbrochen von seinen berüchtigten "Maßhalteappellen".
Lange hatten die Westdeutschen ihrem "Wundermann" alle Fehler und menschlichen Schwächen nachgesehen. Doch spätestens seit der verlorenen NRW-Wahl befanden sich seine Zustimmungswerte im Sinkflug. Hatte die Union im September 1965 bei der Bundestagswahl noch fast die absolute Mehrheit zurückgewonnen (47,6 Prozent), lagen die Christdemokraten im August 1966 nur mehr bei 35 Prozent – neun Prozentpunkte weniger als die SPD.
Der Kanzler hatte nicht nur das Vertrauen seines Volkes verloren, sondern auch das seiner Partei: Fraktionschef Rainer Barzel ließ sich in Cadenabbia am Comer See von Unionsgreis Adenauer instruieren, um Bundestagspräsident Eugen Gerstenmeier als Erhard-Nachfolger zu installieren. Gerstenmeier signalisierte in Interviews bereits freimütig seine Bereitschaft zur Kanzlerschaft. Auch Außenminister Gerhard Schröder und CSU-Chef Franz Josef Strauß "feuerten auf Erhard", es wurde täglich einsamer um den Kanzler, er "bekam den Eiseshauch des Verlassenen zu spüren", so der SPIEGEL.
Nur die Zerstrittenheit der "CDU-Diadochen" bewahrte Erhard noch vor einem Misstrauensvotum seiner Partei. Neben Gerstenmeier und Schröder gab es mit Barzel, Innenminister Paul Lücke und dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger drei weitere Kandidaten für den Chefposten.
Zehn Tage nach Erscheinen des SPIEGEL läutete der Austritt der vier FDP-Minister aus Erhards Kabinett das Ende seiner Kanzlerschaft ein. Da hatte Erhard längst erkannt, dass er ein "Kanzler auf Abruf" war: "Ich bin bereit, mich für das deutsche Volk zu opfern", vertraute er Mitarbeitern an. Er war bereit, als Kanzler zurückzutreten; Bundespräsident wollte er stattdessen werden. Ein gelungener Abgang ist schwer.

DER SPIEGEL 43/2016
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