29.10.2016

MedienLetzte Runde im Gigantenschach

AT&T und Time Warner stemmen sich mit ihrer Milliardenfusion gegen Netflix und Facebook. Das klingt nach Zukunft, ist aber ein Rückfall in alte Zeiten.
Der Grill Room im Restaurant Four Seasons in Manhattan war über 50 Jahre lang der Inbegriff von Geld und Macht, zehn Meter hohe Fenster mit Blick auf die Park Avenue, die Wände getäfelt mit französischem Walnussholz. Hier wurde der Begriff Power Lunch erfunden: Männer in 3000 Dollar teuren Anzügen schmiedeten bei Steak und Cocktails neue Medienimperien. Kaufen, fusionieren, übernehmen, Hauptsache: groß, Hauptsache: mächtig.
Seit dem 16. Juli ist der Grill Room geschlossen. Überholt vom Wandel der Zeit, der auch die Klientel des Nobelrestaurants erfasst hat. Die alte Welt der New Yorker Medienmogule, die sich als einflussreichste Kulturschöpfer der Welt verstanden haben, und der Investmentbanker, jener selbst ernannten "Masters of the Universe" – es gibt sie nicht mehr. Die Finanzkrise hat die Bankenwelt erschüttert, Medien- und Telekommunikationskonzerne bahnen sich mühsam ihren Weg durch die Digitalisierung. Die neuen Herrscher der Medienwelt sitzen im Silicon Valley, bei Facebook, Google und Netflix.
Doch in diesen Tagen versucht die alte Garde, die Vergangenheit noch einmal aufleben zu lassen: AT&T will Time Warner übernehmen, für 85 Milliarden Dollar. Zwei Giganten kommen da zusammen: AT&T ist der zweitgrößte Mobilfunkanbieter der USA, der größte Festnetzanbieter und Betreiber von Fernsehsatelliten. Zu Time Warner gehören über ein Dutzend Fernsehkanäle wie der Nachrichtensender CNN und der Abo-Kanal HBO ("Game of Thrones", "The Sopranos"), dazu das Hollywoodstudio Warner Brothers. Aus dem Telefonkonzern und dem Entertainmentimperium soll der größte Medienkonzern der USA entstehen.
Mit seinen Serien und Filmen will Time Warner so nah wie möglich an die Kunden ran, auf ihr Smartphone oder Tablet, wo Konkurrenten wie Netflix sich längst breitgemacht haben – die Verbindung mit einem Mobilfunkkonzern soll dabei helfen. AT&T dagegen hofft, aus Filmen, Serien und Mobilfunkangeboten attraktive Pakete für seine Kunden schnüren zu können. Der Konzern hat über 140 Millionen Mobilfunk- und 25 Millionen Pay-TV-Kunden. Dazu eigene Inhalte zu besitzen, zu wissen, wer wann was konsumiert und warum, so die Hoffnung, könnte im Werbegeschäft ein Vorteil sein und neue Geschäftsmodelle hervorbringen. Vielleicht.
Doch was nach Zukunft klingt, ist eher ein Zurück in die Vergangenheit, eine neue Partie im Gigantenschach der späten Neunzigerjahre, als ehrgeizige Konzernführer und Investmentbanker riesige Konglomerate schufen. Time Warner hat das schon einmal hinter sich: Die Fusion mit dem Internetanbieter AOL im Jahr 2000 erwies sich als teurer Flop.
Diesmal, schwört Time-Warner-Chef Jeff Bewkes zwar, sei alles anders. Doch so recht mag daran niemand glauben. "Eine Wette auf die Vergangenheit", sei der Milliardendeal, sagt der New Yorker Internet- und Medieninvestor Zack Kaplan. Zu oft habe sich gezeigt, dass das Zusammengehen von Inhalteanbietern und Netzbetreibern keinem von beiden einen Vorteil bringe. Schon gar keinen, der einen solchen Kaufpreis rechtfertige, so die Meinung vieler Branchenexperten. "Wir glauben nicht an die angeblich strategischen Vorteile vertikaler Integration", sagt auch der einflussreiche Citibank-Analyst Jason Bazinet. An der Börse fiel die Großfusion denn auch durch, vor allem der AT&T-Kurs sank deutlich.
Verbraucherschützer bringen sich bereits in Stellung, um die Firmenhochzeit zu bekämpfen. Und Konkurrenten in der Medien- und Telekommunikationsindustrie fordern die Kartellbehörden auf, das Geschäft "sehr genau unter die Lupe zu nehmen", so eine Sprecherin von Disney.
Industrieexperten schätzen die Chancen für eine kartellrechtliche Genehmigung ohnehin auf höchstens 50:50. Wenn das Geschäft überhaupt zustande kommt, dann nur mit hohen Auflagen, die den Aufwand weitgehend sinnlos erscheinen lassen. Der Kartellausschuss des US-Senats hat bereits Anhörungen angekündigt.
Auch die beiden Präsidentschaftskandidaten haben sich gegen die Fusion ausgesprochen. "Weniger Konzentration ist gerade in den Medien hilfreich", so Tim Kaine, möglicher Vizepräsident von Hillary Clinton. Bernie Sanders twitterte, die Regierung solle das Geschäft verbieten.
Die Medienindustrie hat den Kampf um die Vorherrschaft immer schon gern als Schachspiel verstanden, bei dem die größten Konzerne die mächtigsten Figuren sind. "Empire building", wie die Amerikaner sagen, sich ein Imperium schaffen.
Doch in den vergangenen Jahren sind die neuen Imperien nicht in New York und Los Angeles entstanden, sondern im Silicon Valley: Netflix hat das Fernsehen umgekrempelt, Amazon produziert eigene Fernsehserien, Zeitschriften- und Zeitungsartikel werden über Facebook vertrieben. Google fertigt Handys und baut einen eigenen Mobilfunkdienst auf. Microsoft kauft transatlantische Glasfaserleitungen. Soziale Netzwerke sammeln Milliarden von Konsumenten und mit ihnen Gewinne ein.
"Die Welt hat sich verändert", sagte Time-Warner-Chef Jeff Bewkes vergangene Woche auf einer Analystenkonferenz mit Blick auf die neue, so schnell so mächtig gewordene Konkurrenz. Dem Milliardendeal wohnt deshalb auch ein Stück Verzweiflung inne: Man will es den Moguln von heute – Jeff Bezos, Mark Zuckerberg – noch einmal zeigen. Dabei geht es nicht nur um Geschäftsmodelle, sondern auch um Egos.
Time-Warner-Chef Bewkes beweist mit seinem Angriff auf die neuen Medienmächtigen an der Westküste jedoch einen erstaunlichen Sinneswandel. Noch vor zwei Jahren hatte er den Video-Streamingdienst Netflix belächelt und im SPIEGEL-Gespräch (22/2014) mit der albanischen Armee verglichen, die versuche, die Welt zu erobern. Google? Keine Gefahr: "Google ist ein Technologie- und Vertriebskonzern, kein Inhalteproduzent", befand Bewkes damals.
Die Welt muss sich schneller gedreht haben, als der Time-Warner-Chef es für möglich gehalten hat. Denn genauso überzeugt hatte er erklärt, die Zeit der großen Medienkonglomerate sei vorbei: "Mogule sind für mich ein Relikt aus alten Hollywood-Zeiten", sagte er dem SPIEGEL. Reine Größe nütze nichts, "wenn die Geschäfte nichts miteinander zu tun haben". Ein Kabelnetz etwa habe nichts mit der Produktion von TV-Serien und Filmen gemein und die wiederum nichts mit einem Internetportal.
Wie sinnlos die Verbindung eines Telekommunikationsriesen mit einem Fernsehkonzern sein kann, weiß Bewkes aus Erfahrung. Er war noch Chef des Abo-Senders HBO, als Time Warner 2000 mit AOL fusionierte und damit den "schlimmsten Fehler in der Geschichte von Konzernen" beging, wie Bewkes kurze Zeit später sagte. Als AOL-Gründer Steve Case 2002 in einer Runde von Managern schwärmte, wie toll die Fusion laufe, soll Bewkes ihn unterbrochen haben: Das Synergie-Gerede sei einfach "Bullshit".
Er sollte recht behalten: Der Firmenhochzeit folgte eine Abschreibung von fast hundert Milliarden Dollar. AOL wurde mühsam wieder abgespalten und im vergangenen Jahr schließlich für nur 4,4 Milliarden Dollar von Verizon übernommen. Damals aber habe jeder gedacht: "Man nehme einen Esel, paare ihn mit einem Kaninchen, und herauskommen müsse ein fliegendes Einhorn", so Bewkes vor Jahren.
Gegen den Kaufrausch und die Fusionitis seiner Konkurrenten schien Time Warner seither immun. Stattdessen schrumpfte Bewkes den Konzern klein, spaltete neben AOL auch das Kabelnetz und die Zeitschriftensparte ab – und hievte so den Börsenkurs in die Höhe.
Als der Kabelnetzbetreiber Comcast 2009 ankündigte, den Film- und Fernsehkonzern NBC Universal zu übernehmen, lästerte Bewkes auf einer Fernsehmesse, im eigenen Hause habe man erkannt, "dass solche Dinge nicht so gut ausgehen. Wir freuen uns, wenn unsere Konkurrenz Risiken eingeht".
Doch bei einem 85-Milliarden-Dollar-Angebot zählen solche Erfahrungen offenbar nicht mehr viel. Die Aktionäre von Time Warner hätten Bewkes wohl absetzen lassen, wenn er die Offerte von AT&T abgelehnt hätte. Deshalb muss er nun begründen, warum heute klug ist, was gestern noch "Bullshit" war.
Gleichzeitig könnten nun auch andere unter Zugzwang geraten. Schon werfen angestachelte Investmentbanker neue Vorschläge in die Runde: Müsste Disney nicht reagieren und nun Netflix kaufen? Comcast, der große Telekommunikations- und Medienriese, sollte doch im Gegenzug jetzt einen Mobilfunkanbieter übernehmen – und sucht nicht T-Mobile einen starken Partner?
Es wird also wieder spekuliert. Die Power Lunches in Manhattan finden nun allerdings nicht mehr im Four Seasons statt, sondern bei Del Frisco's an der 6th Avenue. Dort kostet das Steak 60 Dollar, und es hält sich die Hoffnung, dass die alten Zeiten doch noch nicht vorbei sind.
Von Isabell Hülsen und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 44/2016
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