13.09.1999

BUNDESTAGSPRÄSIDENTStörrisch normal

Wolfgang Thierse (SPD) will Staatsmann und einfacher Bürger zugleich sein. Das macht ihm im Berliner Kiez und in der Partei Probleme.
Die Hochparterrewohnung in der Diedenhofer Straße 7 wirkt von außen wie die letzte Läusepension Berlins. Die braunen Rollläden lassen sich nicht mehr hochziehen, von den weißen Gitterstäben vor den Fenstern des Nachbarzimmers blättert die Farbe.
Das Mietshaus, schräg gegenüber vom Wasserturm, dem Wahrzeichen vom Prenzlauer Berg, zählt zu den letzten unsanierten Häusern in den Straßen rund um den etwas zu schick geratenen Kollwitzplatz. Ein kleines Schild aus Aluminium zeigt an, dass die Bruchbude dennoch Politprominenz beherbergt: "Abgeordnetenbüro Wolfgang Thierse SPD".
Wo früher der Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei seine Vermerke schrieb, liest heute der zweite Mann des Staates die Briefe besorgter Bürger und empfängt illustre Gäste wie Wirtschaftsboss Hans-Olaf Henkel.
Gleich um die Ecke, in der Knaackstraße, sieht es nur wenig besser aus. Zwar ist die Fassade des denkmalgeschützten Bürgerhauses inzwischen saniert, doch im Hausflur sind Farbschmierereien beinahe der einzige Anstrich. Im ersten Stock bewohnt Thierse mit seiner Familie eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. Sie sei das "gemütlich-chaotische Domizil eines Privatgelehrten", lästern Freunde; mitunter sei es dort ziemlich schwer, zwischen den zahllosen Büchern und Erbstücken ein Plätzchen zu finden. Und aus diesem Ambiente will der studierte Literaturwissenschaftler nicht weg.
Bescheidenheit ist bei Thierse Programm - zuweilen auch Programmersatz. Büro und Wohnung sind ebenso Teil seines Selbstversuchs, Repräsentant und Normalbürger zugleich zu sein. Auf viele jener Statussymbole, die seine Vorgängerin im Amt so schätzte, verzichtet er. Der oberste Ostler fliegt, wenn möglich, Linie und nicht mit der Flugbereitschaft, lässt sich im Prenzlauer Berg nur sehr selten von Leibwächtern begleiten. Gerade frisch gewählt, schulterte der Staatsmann im Dezember vergangenen Jahres auf einem Markt eigenhändig den Weihnachtsbaum und schleppte ihn nach Hause.
"Ich weiß, wie es ist, wenn einem der Vermieter kündigt", ließ er potenzielle Wähler im Wahlkampf gern wissen. Kaum hatte er das neue Amt angetreten, erklärte er den Verzicht auf die Dienstvilla, die Rita Süssmuth für 4,5 Millionen Mark hatte aufpolieren lassen.
Im Kiez ist es wie in der Partei. Bescheidenheit wird eher als Schwäche ausgelegt denn als Charakterstärke. Wer, wie Thierse, "auf störrische Weise normal bleiben will", muss büßen.
Mehrmals versuchte Hausbesitzerin Kerstin Alscher, 38, ihrem prominenten Mieter zu kündigen; zuletzt, weil Thierse angeblich in seiner Wohnung eine Untermieterin ungenehmigt aufgenommen hatte. Dabei nutzt nur die derzeit im Ausland lebende Schwester von Ehefrau Irmtraud Thierse die Wohnung am Kollwitzplatz als Postanschrift.
Das Familienunternehmen Alscher war zu DDR-Zeiten die einzige große private Ost-Berliner Hausverwaltung und schon damals berüchtigt für einen unsanften Umgang mit ihren Mietern. Inzwischen gehört Kerstin Alscher das Haus, in dem Familie Thierse seit mehr als 20 Jahren wohnt. Wie viele Ostler hat auch der Bundestagspräsident noch den Mietvertrag aus Ostzeiten. Sanierungen und Mieterhöhungen für solche Wohnungen sind an strenge Auflagen gebunden.
Rund 500 Mark kalt zahlt Thierse für seine Wohnung, eine niedrige Miete für das zum In-Viertel avancierte Quartier rund um den Kollwitzplatz. Deshalb tobt um Thierses Wohnung seit Jahren ein Kleinkrieg: Er lehnte den Anschluss an die Zentralheizung ab, weil er sich zuvor selbst eine Gasetagenheizung hatte einbauen lassen. Sie wehrte sich gegen den Einbau schusssicheren Glases, als das Bundeskriminalamt darauf drängte.
Weil es gegen den Mieter Thierse keine substanziellen Vorwürfe gibt, führt Alscher nun die Moral ins Feld. Der Mieterschutz sei "bestimmt nicht für Leute gemacht, die so viel Geld verdienen". Der Bundestagspräsident blockiere "billigen Wohnraum, der für weniger reiche Familien gedacht ist". Doch Thierse will bleiben - und nach Dahlem kann er auch nicht mehr. Seine Dienstvilla hat er an die Familie des Bundespräsidenten Johannes Rau abgetreten.
In der Partei, die Solidarität predigt, in den eigenen Reihen jedoch allzu selten praktiziert, wird über Thierse mitunter ähnlich abfällig geredet wie beim Häuserkampf. "Wir haben gesagt", plauderte SPD-Fraktionschef Peter Struck in einer Talkshow respektlos, "als Präsident, der da oben sitzt, kann man nicht wie ein Schluffi aussehen." Doch auch mit gestutztem Bart und neuem Anzug wirkt Thierse im Politikbetrieb wie ein russischer Intellektueller in der Emigration. "Ich weiß doch", sagte er in der Wahlnacht, nachdem er seinen Wahlkreis wieder nicht gewonnen hatte, "wie wenig Verlierer geliebt werden."
Auch an Thierses Ohren ist gedrungen, dass des Kanzlers Vasallen nach neuen Osttalenten wie Potsdams Oberbürgermeister Matthias Platzeck Ausschau halten. Im Dezember muss ein SPD-Parteitag eine neue Führung wählen. Soll Platzeck etwa Partei-Vize werden?
Thierse, den es "nie sonderlich interessiert hat, ein richtiger Politiker zu werden", will den Posten in der Partei jedoch nicht kampflos räumen. "Ich werde wieder antreten." Den Bundestagspräsidenten zu demontieren, glaubt er, werde auch ein Sozialdemokrat nicht wagen. STEFAN BERG
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 37/1999
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