13.09.1999

ZEITGESCHICHTEEin gern gesehener Agent

Bisher unbekannte schwedische Geheimakten über Willy Brandt im Stockholmer Exil zeigen: Der junge Sozialist war ein geschätzter Informant - besonders bei den Amerikanern.
Der junge Mann war erschöpft und vom Regen durchnässt, als ihn der schwedische Wachposten am 1. Juli 1940 um ein Uhr morgens an der Grenze zu Norwegen entdeckte. Der Soldat hatte Mitleid, gab dem Flüchtling eine Jacke und bereitete ihm ein Frühstück. Dann erst brachte er ihn ins nahe gelegene Charlottenberg.
Der Mann nannte sich Willy Brandt. Seit 1933 lebte der Sozialist im Exil, meist in Norwegen. Nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf das kleine Land musste er ins neutrale Schweden fliehen.
Die Exilzeit Brandts, besonders die Kriegsjahre in Schweden, gaben in der Nachkriegs-Bundesrepublik immer wieder Anlass für dunkle Gerüchte und finstere Diffamierungen. Konrad Adenauer nannte den Berliner Bürgermeister gezielt boshaft "den Herrn Frahm" - so hatte der Lübecker geheißen, bevor er in der Emigration den neuen Namen annahm.
Es war eine doppelte Anspielung auf Brandts uneheliche Geburt und sein Exil - beides damals etwas, was deutsche Durchschnittswähler noch erschrecken konnte. 1961 fanden 40 Prozent der Bundesbürger, dass Emigranten keine Regierungsposten besetzen sollten, und die Union empfahl ihren Wahlrednern den Einsatz des Wortes "Vaterlandsverräter" gegen den SPD-Kanzlerkandidaten.
Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß machte mit dem Exil Stimmung: "Eines wird man Herrn Brandt fragen dürfen: Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen, was wir drinnen gemacht haben."
Besonders gelegen kamen den Brandt-Bekämpfern die Verdächtigungen, der Sozialist habe in Stockholm für die Geheimdienste der damaligen Gegner Deutschlands gearbeitet. Brandt als Agent Moskaus - eine Theorie der CIA - passte bestens ins Feindbild der damaligen Christdemokraten. Kommunistische Exilanten, die ihn in Schweden erlebt hatten, behaupteten hingegen, er habe für Engländer oder Amerikaner spioniert.
Das Opfer der Kampagne blieb merkwürdig wortkarg über seine Agentenkontakte. Was er damals wirklich für eine Rolle spielte, ließ sich während des Kalten Krieges nicht ernsthaft klären, die Archive blieben geschlossen. Erst jetzt ist zum Beispiel das Material des schwedischen Geheimdienstes Säpo aus jener Zeit zugänglich. Das bis vor kurzem geheime Brandt-Dossier liegt nun dem SPIEGEL vor.
Der Stockholmer Emigrant war kein Agent, wie er im Buche steht, weder ein James Bond des Sozialismus noch ein finsterer Spion - das belegen die Akten der Säpo. Brandt arbeitete in Stockholm als Journalist, sammelte Informationen aus allgemein zugänglichen Quellen wie den Zeitungen und wohl auch aus vertraulichen Gesprächen mit anderen Exilanten.
Seine Berichte allerdings gingen an Agenten alliierter Geheimdienste, und Brandt muss in den meisten Fällen gewusst haben, mit wem er es da zu tun hatte und wozu seine Informationen benutzt wurden. Was er tat, war für Emigranten mit politischer Überzeugung nicht ungewöhnlich und weder kriminell noch ehrenrührig.
Brandt-Gegner hatten immer wieder mal von dem Stockholmer Geheimdienstdossier geraunt, dort fänden sich Hinweise auf kompromittierende Kontakte Brandts zum sowjetischen Geheimdienst NKWD während der Schweden-Zeit.
Die drei Ordner mit der Signatur P 1738 belegen in der Tat, dass die Säpo 1941 gegen Brandt wegen "geheimdienstlicher Tätigkeit" ermittelte - allerdings für die Briten. Vom NKWD ist in den Akten keine Rede.
Dennoch spricht manches dafür, dass Brandt in Schweden engere Kontakte zu den Sowjets hielt, als er selbst später einräumen mochte. In einem jetzt erschienenen Buch behauptet ein Überläufer, er habe Dokumente eingesehen, nach denen sich Brandt 1942 neun Monate lang regelmäßig mit NKWD-Residenten in Stockholm traf*. Brandt hat angeblich angeboten, Artikel sowjetischer Autoren in amerikanische Zeitungen zu lancieren und den Sowjets aus Norwegen Informationen über Truppenbewegungen der Wehrmacht zu liefern.
Als die Säpo 1942 einige tschechische NKWD-Agenten verhaftete, soll nach dem Bericht des Überläufers der Emigrant Brandt - wohl aus Sorge um seine Sicherheit - weitere geheime Zusammenkünfte abgelehnt und darauf bestanden haben, sich nur noch in der sowjetischen Gesandtschaft zu treffen.
Sowohl der Kölner Verfassungsschutz als auch die Karlsruher Bundesanwaltschaft halten den Überläufer grundsätzlich für glaubwürdig. Und in schwedischen Archiven findet sich in der Tat die Akte eines 1942 aufgedeckten tschechischen Agentenrings, der für Sowjets und Engländer gleichermaßen spionierte. Als die Säpo einem der Agenten, dem ehemaligen Prager Theaterregisseur Walter Taub, vorhielt, über Zahl und Auftrag deutscher Divisionen in Dänemark berichtet zu haben, nannte dieser als Quelle für seine Informationen Brandt.
Im Stockholm der Kriegszeit galt Brandt als Mann mit einem guten Draht nach Moskau. So telegrafierte der US-Diplomat Herschel Johnson am 31. August 1943 aus Stockholm, Brandt habe "enge Kontakte zur sowjetischen Gesandtschaft". Der junge Mann war damals Mitglied der Sozialis-
* Christopher Andrew, Wassili Mitrochin: "Das Schwarzbuch des KGB". Propyläen Verlag, Berlin; 848 Seiten; 58 Mark.
tischen Arbeiterpartei, einer Splittergruppe, der die Sozialdemokraten zu reformistisch, die Kommunisten zu doktrinär waren. In seinem Blick auf die stalinistische Sowjetunion, räumte Brandt in späten Jahren ein, habe allerdings ein "Mythos mitgeschwungen, der auf Abstand nur noch schwer zu erklären ist".
In Reden und Manuskripten aus der Kriegszeit, die jüngst auftauchten, rechtfertigte der Emigrant zum Beispiel den Hitler-Stalin-Pakt als "territoriale Sicherheitsmaßnahme". Er lobte den "großartigen Aufbau, der seit der russischen Revolution" in der Sowjetunion stattgefunden habe. Seiner Partei empfahl er: "Als Sozialisten haben wir ein besonderes Interesse daran, mit der Sowjetunion in engen freundschaftlichen Beziehungen zu stehen."
Doch diese Bekenntnisse hinderten Brandt nicht, auch eng mit den westlichen Alliierten zusammenzuarbeiten. Das war damals nicht ungewöhnlich, da Hitler der gemeinsame Feind war und Brandt wie viele andere glaubte, die Verbündeten aus Ost und West würden auch nach dem Sieg gut harmonieren. Der umtriebige Emigrant begann zunächst als Mitarbeiter der Briten, die den geschätzten Informanten später an die Amerikaner weiterreichten.
Mit dem britischen Geheimdienst SIS war Brandt im Juli 1939 in Verbindung gekommen. Die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF), eine militante Gewerkschaft, plante Sabotageaktionen gegen schwedische Eisenerzlieferungen an die Nazis. Obwohl zwischen Großbritannien und Deutschland noch Frieden herrschte, unterstützte der SIS die Sabotagepläne. Brandt, seit 1937 auch Leiter der ITF-Gruppe in Oslo, sollte an der Operation teilnehmen. Doch die Aktion kam nie zu Stande.
Nach seiner Flucht aus Norwegen 1940 ging Brandt direkt in die Dienste der Briten. Großbritanniens Premierminister Winston Churchill hatte nach Kriegsbeginn einen neuen Geheimdienst Special Operations Executive (SOE) gegründet, der "Europa in Flammen setzen" sollte.
Brandt arbeitete mit dem späteren österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky für die SOE in deren sogenanntem Pressebüro. Das war "offene Nachrichtentätigkeit", gab SOE-Agentenführer Peter Tennant später zu. Das Pressebüro wertete Zeitungen aus und befragte deutsche Flüchtlinge. Die meisten Informationen gingen an die BBC und alliierte Schwarzsender wie "Gustav Siegfried Eins".
Lange blieb Brandt nicht beim Pressebüro. Im Dezember 1940 erhielt er in Stockholm die Akkreditierung Nummer 41 und durfte als Journalist arbeiten. Die Verbindung zu den Briten blieb freilich erhalten. Sie lief nun über die ITF. Diese hatte sich, so der Brandt-Biograf Einhard Lorenz, an die norwegische Exilregierung gewandt, um einen Kontaktmann in Stockholm zu finden.
"Wir sind einige Freunde, die laufend Material beschaffen können", schrieb Brandt der Londoner Gewerkschaftszentrale im Juni 1941. Allerdings sei dafür eine "gewisse Entschädigung" nötig. SOE-Mann Richard Crossman war von den beigelegten Einschätzungen über Deutschland und Norwegen angetan. Das Material sei "ausgezeichnet", notierte er und zahlte den kleinen Betrag von 50 Kronen.
Ende 1940 begann Brandt, für 150 Kronen im Monat aus Stockholm, damals die Agentenmetropole Europas, Berichte an die Presseagentur Overseas News Agency (ONA) in New York zu schicken. Die ONA, eine Tochtergesellschaft der Jewish Telegraph Agency, berichtete vor allem über Gräueltaten der Nazis im besetzten Europa.
Seit April 1941 wurde die ONA vom britischen Geheimdienst SIS finanziert. Churchills Großbritannien stand im Frühjahr 1941 gegen das Dritte Reich allein; Frankreich war besiegt, Stalin paktierte noch mit Hitler. Der SIS versuchte deshalb, die amerikanische Öffentlichkeit so zu beeinflussen, dass sie dem kriegswilligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt folgte. Mit der ONA vereinbarten die Briten eine "Zusammenarbeit auf besondere Weise": Die ONA setzte für die Briten Falschmeldungen an amerikanische Zeitungen ab.
Brandts Mitarbeit bei der ONA bewegte sich in der Grauzone zwischen Spionage und Journalismus. Manche Berichte hatten Artikelform, meist handelte es sich je-
* Mit Ehefrau Carlota und Tochter Ninja.
doch um Meldungen, die so kaum für den Druck in einer Zeitung bestimmt gewesen sein können.
Brandt schrieb über die Versorgungslage und mögliche Schwachstellen der schwedischen Wirtschaft, gab weiter, wie sowjetische Diplomaten das Verhältnis zwischen Moskau und Berlin einschätzten ("Russland wünsche kein Fortschreiten der deutschen Expansion"), schickte ausführliche Analysen zur politischen Entwicklung in Norwegen und notierte auch, was er über Menschenrechtsverletzungen der Gestapo erfuhr, etwa die Folter des norwegischen Schriftstellers Ronald Fangen.
Nach 1945 legte Brandt großen Wert darauf, dass er mit "militärischen Nachrichten bei Gott nichts zu tun" gehabt habe. Einige seiner Berichte lassen daran allerdings zweifeln. Am 7. November 1940 beschrieb er detailliert, wie schwedische Militärs ihre Chancen einschätzten, eine Invasion der Deutschen abzuwehren: "Bei dem qualifizierten Stand der schwedischen Verteidigung hält man es für ausgeschlossen, dass die Deutschen eine Landungsaktion mit Erfolg durchführen könnten."
Einige Wochen später hielt er fest, was er über die Verteilung deutscher Truppen in Dänemark und ihre Disziplin ("sehr aufgelockert") gehört hatte. Auf Jütland seien die Hauptkontingente stationiert, notierte er am 29. Januar 1941.
Viele Berichte Brandts an die ONA fing der schwedische Geheimdienst Säpo ab. Sie liegen heute im Stockholmer Reichsarchiv. Schweden fürchtete einen deutschen Angriff und wollte unbedingt den Eindruck vermeiden, in Aktivitäten gegen das Reich verwickelt zu sein. Deutsche Emigranten wurden deshalb immer stärker überwacht.
Der Säpo fiel Brandt erstmals am 30. September 1940 auf. Er wurde bei einer Razzia in seinem Hotel in der Sturegatan kontrolliert. Verdacht schöpften die Geheimdienstler allerdings erst, als Brandt Weihnachten 1940 heimlich ins besetzte Norwegen reiste. Die Säpo vermutete, dass er dort für die Briten spionierte.
Anfang 1941 wurde eine Postkontrolle verhängt. Am 28. März nahmen zwei Säpo-Beamte Brandt wegen "Verdachts nachrichtendienstlicher Tätigkeit für England" fest, schleppten aus seiner Wohnung fünf Ordner mit Dokumenten und steckten eine Schriftprobe seiner Schreibmaschine ein.
Vom 28. März, 17 Uhr, bis zum 3. April, 15 Uhr, blieb der Emigrant im sauberen Polizeigefängnis ("Es stank vor Sterilität"). Einmal drohten ihm die Vernehmer gar mit der Abschiebung ins Dritte Reich. Doch die Säpo hatte erst fünf Briefe abgefangen, und, wie die Verhörprotokolle zeigen, Brandt wusste sich stets herauszureden. Seine Informationen, so behauptete er, habe er aus Zeitungen, oder sie entstammten "eigenen Überlegungen".
Die Reise nach Norwegen habe er nur unternommen, um seine Verlobte, die spätere erste Ehefrau Carlota, dort zu sehen und "rein persönlich direkte Eindrücke zu sammeln". Nur ein Gerücht, so räumte er ein, habe er an die norwegische Exilregierung weitergegeben. Bei Oslo hätten die Deutschen ein Giftgaslager angelegt - was die Norweger auch schon gehört hätten.
Glaubwürdig waren diese Ausreden nicht. Brandt besaß inzwischen die norwegische Staatsangehörigkeit; die norwegische Exil-Vertretung hatte seine Reise finanziert. "Da ist es kaum anzunehmen", so Brandt-Forscher Ralf Laumer, "dass der Antifaschist Brandt Informationen zurückhielt, die Hitlers Drittem Reich schaden konnten." Belegen konnte die Säpo ihren Verdacht nicht. Vergebens versuchten die Geheimdienstler, zumindest über die ONA etwas herauszubekommen. Säpo-Chef Martin Lundqvist fragte schließlich bei der schwedischen Zensurbehörde an, ob Brandts Briefe "die Neutralität Schwedens oder freundschaftliche Verbindungen mit einer ausländischen Macht" - gemeint war das Dritte Reich - beschädigten. Die Zensoren fanden das nicht, und die Säpo ließ Brandt frei.
Nachweisen konnte der Geheimdienst Brandt auch später nichts, obwohl die Säpo mehrfach auf seine Spuren stieß. So nahm die Säpo die beiden Schweden fest, mit denen Brandt ein Pressebüro betrieb. Beide gehörten zu einem britischen Sabotagekommando, das im Fall eines deutschen Angriffs auf Schweden aktiv werden sollte.
Viele der Berichte Brandts gingen in Kopie an den amerikanischen Geheimdienst OSS. Die fanden Gefallen an dem Mann. Unter den Emigranten, so ein OSS-Offizier, gehöre er "zu den Fähigsten und ist derjenige, der am wahrscheinlichsten nach dem Krieg eine Rolle spielen wird".
Der erste Auftrag des OSS für Brandt war, die sogenannte Marthe-Mission mit vorzubereiten. Über die Schweiz sollten deutsche Sozialisten ins Reich eingeschleust werden, um dort Widerstandsnetze aufzubauen. 1944 gab das OSS den Plan jedoch wegen geringer Erfolgsaussichten auf.
Brandt hielt sich wieder an seine Spezialität, die Informationsbeschaffung. Er sei "ein junger, aber offensichtlich kluger und gewissenhafter Beobachter der deutschen Szene", lobte der US-Gesandte Johnson die politischen Lageeinschätzungen, die Brandt seit Spätsommer 1943 lieferte. Er war "bei den Engländern und Amerikanern in Stockholm gern gesehen", erinnerte sich später Kreisky.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war allerdings umstritten, was Brandt den Amerikanern erzählt und geraten hat. Im Wahljahr 1980 hielten ihm Unionspolitiker vor, dass er einem Bericht Johnsons zufolge 1944 für einen Gebietsaustausch plädiert habe. Brandt soll danach die Freie Stadt Danzig und den sogenannten polnischen Korridor für Deutschland verlangt und im Gegenzug vorgeschlagen haben, Polen den östlichen Teil Ostpreußens samt Königsberg abzutreten. Die Bevölkerung sollte umgesiedelt werden.
Brandt stritt ab, sich derart geäußert zu haben. 1986 hinterlegte er eine entsprechende Erklärung im Washingtoner National-Archiv, ein ungewöhnlicher Vorgang. In der gleichen Akte findet sich freilich auch ein Dokument, das an Brandts Version zweifeln lässt. Er hatte sich nämlich in einer Broschüre für eine geschlossene deutsche Ostgrenze und einen Zugang Polens zur Ostsee ausgesprochen - das bedeutete nichts anderes als den umstrittenen Gebietsaustausch.
Im Herbst 1944 kühlte die Begeisterung der Amerikaner für ihren Mitarbeiter wegen angeblicher Indiskretionen über den deutschen Widerstand ab. Brandt hatte wenige Monate zuvor Adam von Trott zu Solz, den außenpolitischen Kopf der Verschwörer gegen Hitler um Oberst Graf Stauffenberg, in seiner Stockholmer Wohnung empfangen. Trott wollte die Alliierten von der Forderung einer bedingungslosen Kapitulation abbringen und deshalb mit den Briten sprechen. Doch diese lehnten Trotts Anliegen ab.
Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 berichtete Brandt am 12. September in einem Zeitungsartikel von Trotts Besuch, beschrieb die Pläne der Widerständler für Nachkriegsdeutschland und nannte auch einige Namen. Von ihnen waren allerdings zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nur noch der Gewerkschafter Wilhelm Leuschner und der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler am Leben, die aber bereits zum Tode verurteilt waren. Und die BBC hatte nach dem Anschlag umfangreich über die Widerständler berichtet. Möglicherweise wiederholte Brandt nur, was die Briten bereits gesendet hatten.
Dennoch war US-Diplomat Johnson entsetzt über den "großen Schaden", den Brandts Artikel angerichtet habe. Auch ein Buch über den Anschlag - Brandt hatte an dem Band mitgearbeitet - hielt Johnson für eine "große Indiskretion, die dem Widerstand gegen Hitler schadet". Den guten Eindruck, den Brandt bisher gemacht habe, "müssen wir entsprechend korrigieren".
Bei einigen US-Geheimdienstlern hielt sich der schlechte Ruf über Jahrzehnte. Mitte der sechziger Jahre, Brandt leitete als Außenminister die neue Ostpolitik, gab die CIA Spionageromane in Auftrag, um die Agency nach dem Muster der James-Bond-Bücher so populär zu machen wie den britischen MI6. CIA-Schreiber Howard Hunt wählte die Geschichte eines sowjetischen Einflussagenten im Westen - sein erkennbares Vorbild dafür war Willy Brandt. AXEL FROHN, KLAUS WIEGREFE
* Christopher Andrew, Wassili Mitrochin: "Das Schwarzbuch des KGB". Propyläen Verlag, Berlin; 848 Seiten; 58 Mark. * Mit Ehefrau Carlota und Tochter Ninja.
Von Axel Frohn und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 37/1999
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