13.09.1999

SATIRE„Absolut geschmacklos“

Nach der TV-Klamotte über das Sexualleben von Bundeskanzler Gerhard Schröder wird erregt diskutiert: Was darf Satire und was nicht? Reibereien und Missverständnisse zwischen Politikern und Humor-Arbeitern haben Tradition - seit Adenauers Zeiten.
Unerschöpflich ist der Ideenreichtum der Boulevardpresse, wenn es gilt, dem konkurrierenden Privatfernsehen neue Etiketten anzuhängen. Nach "Schmuddel-TV", "Ekel-Fernsehen" und "Krawall-Talk" heißt das Wort der Stunde "Pfui-TV".
Pfui ist, wenn der Privatsender RTL 2 in seiner Erotik-Show "Peep" eine gepiercte Kanzler-Puppe zeigt, die mit Dildos und Zoten jongliert und nebenbei noch eine Frau erschießt. O-Ton: "Rasier das Gestrüpp aus den Achseln ... fühl dich sexy, motherfucker."
Dazu buchstabierte die neue Moderatorin Nadja ab del Farrag - berüchtigt unter dem Pseudonym Naddel - eher harmlose Fragen vom Teleprompter. "Haben Politiker anderen Sex als normale Menschen?"
Wohl kaum. Aber sie haben andere Möglichkeiten, sich aufzuregen, wenn sie Sitte und Anstand in Gefahr wähnen.
"Mit Erschrecken habe ich die publizistische Entgleisung zur Kenntnis nehmen müssen", klagte Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye in einem Brief an die Gesellschafter des Fernsehsenders, darunter die CLT-Ufa und der Bauer-Verlag ("Praline", "Playboy"), der bisher eher mit gedruckten als gesendeten Brüsten Erfahrungen sammelte.
Die Verantwortlichen für "dieses Machwerk" seien, so Heye, auf die "ethischen und ästhetischen Grenzen ihres Handelns aufmerksam zu machen". Die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk prüft sogar, ob sie eine Geldbuße gegen den Sender verhängen soll.
Auch die Fachblätter für Empörung reagierten prompt: "Tittenkanzler im TV" erregte sich die "B. Z." mit Sinn für rhetorische Kontinuität und wähnte gleich eine "Peep-Mafia" am Werk. Auch "Bild" stieg beherzt in den "Riesenkrach zwischen Kanzler und Naddel" ein und bestückte die Seiten ausgiebig mit Bildmaterial aus dem inkriminierten Video. Natürlich nur, damit sich die "Bild"-Leser eine Meinung bilden können.
Kurzum: Mit so viel Wucht ging es zurück ins Sommerloch, dass seit einer Woche eine Welle der Empörung durchs Land schwappt. Auf allen Kanälen wird um Antwort auf folgende Fragen gerungen: Gilt das Tucholsky-Wort "Satire darf alles" auch für das würdige Amt des Bundeskanzlers - und, wenn nein, wo fängt Schröders Gürtellinie an?
Das Volk, so scheint es, plädiert in der Mehrheit für Schonung. Bei einer Umfrage für die RTL-Sendung "Stern-TV" ("Muss sich Gerhard Schröder das bieten lassen?") stellten sich 68 Prozent von 105 000 Anrufern hinter den Kanzler. Unentschieden sind noch die Leser von "Bild", wo gleich hunderte von Protestbriefen anlandeten. "Lieber ein Kanzler mit Titten als ein Kanzler ohne Sitten", reimte ein Leser aus Rüsselsheim, ein anderer empfahl zackig, der deutschen Moderatorin sudanesischer Herkunft "die Aufenthaltsberechtigung zu entziehen".
Dabei hat die längst abgeschworen. Anfang der Woche fand sie die Kanzler-Nummer noch lustig, ein paar Tage später versicherte sie: "Ich hab nur abgelesen." Als hätte das jemand bezweifelt.
Auch beim Krawallo-Sender RTL 2 herrscht völlige Verwirrung. Zwar freut man sich über die kostenlose Werbung für die nächste "Peep"-Show - wundert sich aber über das Ausmaß des Protests. Schließlich lief das Video mit den "Spitting Image"-Puppen, die in England gerade ihrer Deftigkeit wegen heiß geliebt werden, nicht nur ausschnittweise bei anderen Fernsehsendern, sondern anlässlich der Musikmesse Popkomm sogar mitten in der Kölner Innenstadt. Damals wurde der rappende Kanzler mit den Lustklemmen am Frauenbusen von 30 000 Zuschauern frenetisch beklatscht.
Auch der zugehörige Song "FKK - Everybody''s free to wear gar nichts" wurde bereits 100 000mal verkauft - präsentiert von den öffentlich-rechtlichen Sendern HR und WDR, bei denen die morgendliche "Gerd-Show" des Stimmenimitators Elmar Brandt der Renner ist.
"Da hat das Kanzleramt die ganze Zeit gepennt", sagt eine RTL-2-Mitarbeiterin, "und jetzt sind wir die Blöden." Auch Sender-Sprecher Conrad Heberling klagt über die ungerechte Behandlung. "Hier wird mit zweierlei Maß gemessen."
Was nutzt es: Nachdem der FKK-Song Mitte vergangener Woche noch trotzig über die RTL-2-Flure hallte, hat sich Geschäftsführer Josef Andorfer mittlerweile der geballen Kanzler-Power gebeugt und die Gummipuppen-Gaudi aus dem Programm genommen. Dass es sich der Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff (der Gütersloher Medienriese ist an der CLT-Ufa beteiligt) nicht nehmen ließ, sich beim Kanzler persönlich zu entschuldigen und die Sendung als "absolut geschmacklos" zu bezeichnen, brachte die Stimmung bei RTL 2 vollständig auf den Nullpunkt.
Auch den Gesellschaftern ist der Humor vergangen. In einem Brief an Regierungssprecher Heye verwiesen CLT-Ufa-Chef Rolf Schmidt-Holtz und Bauer-Geschäftsführer Manfred Braun pikiert auf die "programmliche Freiheit" des Senders. Zudem sei der Beitrag als Satire erkennbar gewesen. "Zu entscheiden, wie weit die gehen
* Darsteller Anna Momber und Martin Zuhr.
darf, ist eine der sensibelsten und am schwierigsten zu entscheidenden journalistischen Fragen."
Bereits lange vor Schröders Amtszeit war das Verhältnis zwischen Politik- und Humorarbeitern von Missverständnissen und Streitereien geprägt. So musste schon der Frohsinn von Konrad Adenauer - trotz rheinischer Abstammung - als begrenzt gelten. In der Faschingsausgabe von 1954 schrieb die "Süddeutsche Zeitung" unter ein Foto, das einen fröhlichen Adenauer beim Telefonieren zeigte: "Ein historischer Augenblick: Unser Fotograf konnte den Kanzler im Bilde festhalten, als er aus Berlin die Nachricht erhielt, dass eine Wiedervereinigung Deutschlands im Augenblick nicht zu befürchten ist."
Adenauer war not amused, der CDU-Pressedienst sah gar "eine Verhöhnung der 18 Millionen Deutschen jenseits des Eisernen Vorhangs und persönlich eine unqualifizierte Diffamierung des Bundeskanzlers".
Dünnhäutig reagierte mitunter auch Schröders direkter Amtsvorgänger Helmut Kohl. Über erfundene Gespräche mit anderen Staatsoberhäuptern ärgerte sich der anfangs als "Birne" veräppelte ganz besonders. So ließ der WDR 1985 beim Deutschlandbesuch von US-Präsident Ronald Reagan zwei Stimmenimitatoren Kohl und Reagan im Fernsehen reichlich platt aneinander vorbeireden. Der falsche Reagan berichtete seinem "good friend Helmut": "I will fly on to West-Berlin, fly over Spandau Prison and greet Rudolf Hess." Die Bundesregierung verlangte von der ARD eine offizielle Entschuldigung. Die "angebliche Satire" habe dem "Ansehen der Bundesrepublik Deutschland geschadet" und "unseren Gast beleidigt".
Zehn Jahre später handelte sich das WDR-Magazin "Monitor" mit einem erfundenen Telefonat zwischen Kohl und Jelzin ähnlichen Ärger ein. In dem Dialog aus der Feder des Kabarettisten Thomas Freitag hatte Kohl seinem Saunafreund Jelzin geraten, sich wegen des Tschetschenien-Krieges "etwas einfallen" zu lassen. Der falsche Kohl: "Das macht keinen guten Eindruck, das mit den vielen Toten in Grosny."
In einem Brief an den ARD-Vorsitzenden mokierte sich der echte Kanzler nach der Ausstrahlung über den "Tiefpunkt der Geschmacklosigkeit". Indirekt drohte Kohl gar mit rundfunkrechtlichen Konsequenzen: Um ihren Fortbestand zu rechtfertigen, müsse die ARD, bitte schön, "ihrer kulturellen und gesellschaftspolitischen Verantwortung gerecht" werden.
Dann war es zunächst ruhig an der Witze-Front. Kohl platzte erst wieder der Kragen, als das Männermagazin "Penthouse" im Januar 1997 eine Karikatur mit seiner splitternackten Ehefrau Hannelore veröffentlichte: Die Kanzlergattin, nur mit Glacéhandschuhen und einer Perlenkette bekleidet, posierte als Kühlerfigur seines Dienstwagens. Das Ehepaar verklagte "Penthouse" auf 100 000 Mark Schmerzensgeld. Man einigte sich am Ende ebenso außergerichtlich wie diskret.
Milder gestimmt war Kohl, als das ostdeutsche Satiremagazin "Eulenspiegel" ihn 1996 mit der ehemaligen DDR-Dissidentin Bärbel Bohley auf dem Titelbild in Beischlafpose zeigte und fragte: "Kohls Neue - Ist es mehr als Freundschaft?"
Während sich Kohl nicht weiter über die Porno-Posse aufregte, sah die Bürgerrechtlerin durch die Fotomontage ihre Persönlichkeitsrechte verletzt. Sie verklagte die Zeitschrift auf 100 000 Mark Schadensersatz. Der Rechtsstreit endete in einem Vergleich vor dem Landgericht Hamburg: Das Satiremagazin, das sich für die Montage auch eine Rüge des Presserats eingefangen hatte, zahlte 20 000 Mark an Bohley und entschuldigte sich.
Bei Satire versteht auch die SPD keinen Spaß. 1993 hatte das Humorblatt "Titanic" unter der Überschrift "Sehr komisch, Herr Engholm" auf dem Titelbild Björn Engholms Gesicht in das Foto des toten Uwe Barschel in der Badewanne montiert. Engholm erwies sich als "Mega-Dünnhaut und Hyper-Mimöschen" ("taz"), stoppte per einstweiliger Verfügung den Vertrieb des Heftes und erstritt vor Gericht 40 000 Mark Schmerzensgeld.
Die CDU-Oberen seien weitaus souveräner mit satirischen Angriffen - auch unter die Gürtellinie - umgegangen, glaubt ausgerechnet Alt-Kabarettist Dieter Hildebrandt, wenn auch mit leiser Enttäuschung. "Kohl reagierte einfach irgendwann nicht mehr."
In Schröders Kanzleramt dagegen säßen "die einzig Unprofessionellen" in dem multimedialen Spiel um Zoten und Quoten, meint Hildebrandt. Er sei "manchmal neidisch", wenn er heute sehe, wie manche Comedy-Clowns mit nur kleinen Provokationen "ihre schönen Kampagnen durchziehen".
Dabei dürfe es keinerlei Verbote geben, wie sie etwa in den fünfziger Jahren gefordert worden seien. Nachdem die deutsche Boulevardpresse 1957 die bevorstehende Scheidung des Schahs von Persien und seiner Gattin Soraya genügend durchgekaut hatte, beschwerte sich der iranische Regent beim Auswärtigen Amt.
Nach der Trennung drohte er gar mit dem Abbruch aller diplomatischen Beziehungen, weil er seine Familie verunglimpft sah. Eine hastig formulierte Strafrechtsnovelle schlug vor, Journalisten zu bestrafen, die das Privatleben von Staatsoberhäuptern "herabwürdigten". Am Ende lehnte der Bundestag die "Lex Soraya" jedoch ab.
"Völlig zu Recht", wie Hildebrandt meint. Natürlich sei es "bedrohlich" bis "ekelhaft", dem medialen Niveau-Absturz zusehen zu müssen. "Aber zugelassen muss es sein." Wer dürfe sich anmaßen, Grenzen zu ziehen? "Geschmack spielt bei Satire keine Rolle."
Mit dieser Ansicht aber tut sich der aktuelle Kanzler noch schwer. Schröder hält das Gewerbe mittlerweile für mittelschwer versaut - dabei dürfte er an der Comedy-Welle, die ihn seit Monaten überrollt, nicht ganz unschuldig sein. Seine Auftritte in der RTL-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", auf der "Wetten, dass ... ?"-Couch und in sündhaft teurer Garderobe für die Illustrierte "Gala" empfanden viele Menschen als unangemessen und vulgär. Möglicherweise hat auch die Realsatire um US-Präsident Clinton und Monica Lewinsky die Humoristen zusätzlich enthemmt und angespornt, die Wirklichkeit zu toppen.
Nun will Schröder die Gagschreiber, die er provozierte, möglichst schnell wieder loswerden. Gegen die eher harmlose RTL-Comedy "Wie war ich, Doris?" protestierte er noch vor Sendebeginn, und beim Privatradio RTL 104.6 flog der Geschäftsführer, nachdem sich ein Radiomoderator als Roman Herzog ausgegeben und ein Interview mit dem Kanzler geführt hatte.
Doch so ohne weiteres will die Fun-Fraktion in den TV- und Hörfunk-Redaktionen die plötzliche Wandlung des Medienkanzlers zum ernsthaften Regierungschef nicht nachvollziehen. Zumal der Kanzler als Objekt der Satire das erhält, was ihm im politischen Tagesgeschäft zunehmend entzogen wird: Zuspruch.
Die öffentlich-rechtliche "Gerd-Show" wird täglich von Millionen Radiohörern verfolgt, eine umfangreiche Fangemeinde versorgt sich im Handel und über das Internet mit CDs und Tour-Terminen. Und im privaten Radio NRW ulkt eine sogenannte Kanzler-WG vor einem Stammpublikum.
So wusste denn auch der von seinen Journalistenkollegen vernommene Schröder-Imitator Elmar Brandt auf die Frage nach seinem Schuldgefühl nicht allzu viel zu sagen: "Die Leute mögen das einfach."
OLIVER GEHRS, OLAF STORBECK, THOMAS TUMA
* Darsteller Anna Momber und Martin Zuhr.
Von Oliver Gehrs, Olaf Storbeck und Thomas Tuma

DER SPIEGEL 37/1999
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