13.09.1999

FUSSBALL„Mal auf den Tisch hauen“

Erst nahm die Branche Thomas Häßler nicht ernst, dann geriet er in den Ruf eines Abzockers. In der Beschaulichkeit des TSV 1860 München ist der Ballkünstler wieder aufgeblüht. Künftig will er ein ganzer Kerl sein. Am Freitag hat er dazu Gelegenheit: Borussia Dortmund kommt.
In der "Menterschweige", einem Gasthof unweit des Trainingsgeländes vom TSV 1860 München, hat sich ein prominentes Ehepaar zur Mittagspause niedergelassen. Angela Häßler rührt noch im Milchkaffee, als ihr Gatte, der Fußballprofi Thomas, unvermittelt aus seinem Stuhl federt. "Ich muss jetzt los", stammelt er und steht bereits mitten im Raum.
Angela Häßler blickt für einen Moment leicht entgeistert. Training ist erst in gut einer Stunde. Doch seit ihr Mann vor acht Wochen bei seinem neuen Arbeitgeber den Dienst aufgenommen hat, will er bei den Übungseinheiten stets der Erste sein - und der Letzte, der den Rasen verlässt. Zum Karriereausklang eine Entwicklung, die ihr schwer imponiert: "Einfach zu süß", sagt sie, wie den Weltmeister von 1990 noch mal der Ehrgeiz gepackt habe.
Für einen, der seine Fußballkunst ehedem in Turin und Rom dem Publikum darbot, kann der TSV 1860 sportlich zwar keine atemberaubende Adresse mehr sein. Aber das war ja auch nicht der Grund des Jobwechsels. Es galt, sich aus einem Missverständnis zu befreien, das Borussia Dortmund hieß - einem Gastspiel, von dem Häßler, 33, heute sagt: "Ich wünschte, es wäre nie passiert."
In München befindet sich der Profi in seelischer Rehabilitation. Unter Trainer Werner Lorant genießt der fußballerische Feinmechaniker Artenschutz: "Ich lasse ihn machen, was er will." Wenn der 97-malige Nationalspieler beim Training an der Grünwalder Straße aufkreuzt, stehen die Fans klatschend Spalier. Die Lokalpresse entdeckte bei den "Blauen" eine "Häßlermania", weil im Fanshop des Vereins die Trikots mit der Nummer 10 und seinem Namenszug chronisch ausverkauft sind.
Die Zuneigung tut gut nach einem Jahr, in dem sich bei Häßler nicht nur schwere Zweifel an der eigenen sportlichen Qualität ins Gemüt senkten - am Ende geriet sogar der gute Leumund des braven Fußballers Häßler in Gefahr. "Icke", der allseits Beliebte, galt plötzlich als Abzocker. Verdient Millionen im Sitzen auf der Reservebank.
Am liebsten meiden die Häßlers das Thema Dortmund. Doch jetzt, wo am nächsten Freitag die Borussia im Münchner Olympiastadion gastiert, kommt so manches wieder hoch. Den jungen Trainer Michael Skibbe, der ja "nur ein Jahr älter" sei als der blockierte Spielmacher, haben sie nie ernst genommen. Unverständlich sein Vorwurf, Häßler sei nicht fit gewesen. Unverschämt der Verweis, Häßler sei "ein talentierter Spieler", der seine Chance bekomme, sobald ein zur Stammformation zählender Kollege eine Schwäche offenbare.
Alles Schmarrn, glaubt das Häßler-Duo. Es fühlt sich als Opfer personellen Missmanagements. Die Dortmunder Vereinsführung habe seinerzeit nämlich erwartet, dass Andreas Möller die Borussia verlassen werde. Thomas Häßler sollte den Mittelfeldmann ersetzen. Doch Möller blieb im Westfälischen, und der Vertreter war schlicht überflüssig. Und um den Platzhirsch Möller zu verdrängen, sei dessen Lobby zu stark und Häßlers Ellenbogen zu schmächtig gewesen.
Ihren Höhepunkt erreichte die Demontage, als "Bild" ein Foto veröffentlichte, auf dem Häßler Erfrischungsgetränke durchs Westfalenstadion schleppte: "Ein Weltstar nur noch ein Wasserträger?"
Dass er "keine faire Chance" hatte, erzürnt Angela Häßler, 31, bei aller Selbstbeherrschung noch heute. Sie ist eine resolute Frau, die ähnlich ambitioniert wie Gaby Schuster ihrem Vermählten die Geschäfte führt.
Angeeignet hat sich die gelernte Kosmetikerin das nötige Fachwissen für Vertragsrecht nach dem Motto "Learning by doing". Auf ihr bisheriges Wirken blickt sie zufrieden zurück: "An mir kommt keiner vorbei." Akribisch hat sie daheim die Faxe gesammelt, mit denen Borussias Manager Michael Meier den gebürtigen Berliner vor dessen Wechsel umschmeichelte.
Das Ende war weniger charmant. Drei Millionen Mark Abfindung verlangte Angela Häßler vom Verein, sollte der Gatte einer Vertragsauflösung zustimmen. Die Forderung wurde publik. Durchzusetzen war sie
auf die Schnelle auch nicht. Dafür stehen die Häßlers jetzt als Abzocker-Pärchen da.
* Am 14. November 1998 beim Spiel Borussia Dortmund gegen Schalke 04.
Und das ihm. Dem Icke. Dem Kleinen, der Fußball-Deutschland fast wie ein Maskottchen ans Herz gewachsen war, weil er wie kaum ein anderer den Typus des ehrlichen Kickers in einem abgefeimten Fußballgeschäft verkörperte. Das Herumschubsen soll ein Ende finden.
Häßler hat erkannt, dass ihn ein doppeltes Imageproblem plagt: Zuerst wurde er nicht für voll genommen und dann als Parasit verunglimpft. In Zukunft, das hat sich Häßler selbst versprochen, will er ein ganzer Kerl sein und "auch mal auf den Tisch hauen". Beim TSV 1860 soll die Metamorphose gelingen. Nach Dortmund war der Fußballprofi allein gezogen, die Familie blieb im Elsaß; jetzt haben die Häßlers ein Haus im ruhigen Münchner Stadtteil Harlaching bezogen.
Thomas Häßler ist damit in ein Idyll zurückgekehrt, das ihm schon beim Karlsruher SC Topleistungen und Seelenfrieden ermöglichte. Icke ist bei den "Sechzigern" sakrosankt, schlägt alle Eckbälle, schießt alle Freistöße - und hat in Thomas Riedl einen persönlichen Adjutanten, der für ihn die Defensivarbeit erledigt. "Es ist", sagt Häßler, "wie ein Traum."
Es läuft ja auch prima. Neulich ließ sich Kollege Oliver Bierhoff, Kapitän der Nationalmannschaft, vernehmen, "so einen wie den Thomas Häßler könnten wir schon gebrauchen". Und dann kam jüngst noch diese Einladung zu einem Spiel der Weltauswahl in Kapstadt zu Ehren von Nelson Mandela. Häßler macht große Kinderaugen, als er davon erzählt: "Ich habe ein Kopfballtor geschossen", sagt er und trommelt freudig auf den Tisch: "Ist das nicht geil?"
Es sind solche Kleinigkeiten, die den Neu-Münchner glauben machen, er sei wieder auf dem Sprung nach ganz oben. Dass er bei Juventus Turin scheiterte? Verdrängt. Dass er sich im Dortmunder Starensemble nicht zu behaupten vermochte? Ausgesessen. Seine Lebensleistung heißt: Köln, Karlsruhe, 1860 München - Icke, ein Provinzkönig?
Dabei kann ihm, was die technischen Fähigkeiten angeht, kaum einer das Wasser reichen. Selbst bei Borussia Dortmund rissen sich die Kollegen um Häßler, wenn es darum ging, Übungen der filigranen Art wie Fußballtennis zu absolvieren. Am Ende musste der Umworbene dann aber doch staunend feststellen, dass er samstags wieder auf der Bank hockte, während andere, weniger veranlagte, spielten.
Häßler hat es nie verstanden, dass sich im Profi-Fußball nicht unbedingt die Besten durchsetzen, sondern die, die sich auch abseits des Platzes gut verkaufen können. Während Kollegen wie Bierhoff, Jürgen Klinsmann oder Lothar Matthäus im Verlauf ihrer Karriere eine Aura der Unverwundbarkeit aufbauten, blieb Häßler stets der dufte Kerl mit dem sonnigen Gemüt, der immer die neuesten CDs und Videospiele dabei hatte - und nie maulte, wenn ihm mal wieder einer den Platz streitig machen wollte.
Diese moderne Fußballwelt. Icke hat nichts damit am Hut. Wenn nach Trainingsschluss die Kollegen im Biergarten der Vereinsgaststätte "Löwenstüberl" zusammensitzen, dann haben fast alle das Handy am Ohr. Er hat gar keines bei sich. "Ich brauche diese Statussymbole nicht." Dass er mit solchen Ansichten im überdrehten Profi-Zirkus fast schon ein Auslaufmodell darstellt, ist ihm nicht verborgen geblieben. Vielleicht, sagt er, "bin ich ja zu naiv, aber dann bin ich''s eben".
Neulich war er es ganz bestimmt. Da meldeten die Zeitungen, Häßler sei bereits auf dem Sprung in die Nationalmannschaft. Den Reportern sagte er, das sehe er "als Bestätigung für meine Leistung". Kurz darauf stellte sich heraus, dass alles nur ein Übermittlungsfehler war. Ribbeck denkt nicht daran, den Techniker zurückzuholen.
Die Häßlers müssen also noch warten. Wobei nicht ganz klar ist, wem das schwerer fällt. Frau Angela sorgt sich ums Finanzielle. Die Zeit in Dortmund habe nachhaltig Schaden gebracht. Nach dieser Episode war "der Marktwert im Keller". Die Fußball-Europameisterschaft im nächsten Jahr wurde deshalb zum Ziel erklärt.
Gut möglich, dass der Managerin, die in der Branche "Häßlerin" genannt wird, das alsbaldige Verfallsdatum ihres Mannes bewusst ist.
In München hat sie - auch um vom Fußball Abstand zu gewinnen - ein neues Geschäftsfeld eröffnet: Angela Häßler drängt ins Musik-Gewerbe. "Not only boys" heißt die Münchner Produktionsfirma, deren Geschäftsführerin sie seit kurzem ist. Eingefädelt hat den Wechsel in die Popbranche ihr Gatte Thomas. Seit Jahren schon ist er an der Plattenfirma MTM, ebenfalls aus München, beteiligt.
Doch auch in ihrem gemeinsamen Engagement für die Musik verraten die Eheleute ihre unterschiedliche Wertewelt. Angela denkt streng absatzorientiert ("Das ist ja nicht nur Fun"). Demnächst erwartet die Quereinsteigerin ihren ersten Coup. "Give" heißt die Boygroup, die sie groß rausbringen will. Schon bald kommt die erste Platte der Teenie-Combo auf den Markt, der Videoclip des erhofften Hits ist bereits abgedreht. Frau Häßler hegt keinen Zweifel, dass ihr musikalisches Fast Food einschlägt: "Die Jungs sind einfach umwerfend."
Gatte Thomas, dessen Plattensammlung 5000 Exemplare umfasst, kümmert sich indes um Bands aus dem Genre des melodischen Rock. Kein zukunftsträchtiger Markt im Zeitalter der elektronischen Musik. Aber da hält er es wie mit dem Fußball: "Alles Liebhaberei." GERHARD PFEIL
* Am 14. November 1998 beim Spiel Borussia Dortmund gegen Schalke 04.
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 37/1999
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