13.09.1999

KALININGRAD„Bald ist uns Berlin näher“

Selbstzweifel und Zukunftsängste plagen Russlands isolierten Vorposten an der Ostsee, das Gebiet um das frühere Königsberg. Gerüchte über Pläne Moskaus, die Exklave verkaufen zu wollen, schüren die Ungewissheit. Die Jungen zieht es nach Europa.
Gestandene Ostpreußen lassen sich nicht so leicht unterkriegen, Ursula Trautmann schon gar nicht. Als 16-Jährige musste sie im Februar 1945, kurz vor Kriegsende, vor den Russen fliehen. Vor drei Jahren kehrte die gelernte Landwirtin aus dem Hunsrück in ihre Heimat zurück - in ein weitgehend verludertes und versumpftes Land, das als "Gebiet Kaliningrad", das nördliche Ostpreußen um das frühere Königsberg, nunmehr zu Russland gehörte. Und das gerade die Zwangsabgeschiedenheit von 50 Jahren militärischer Sperrzone abgeschüttelt hatte.
Ursula Trautmann brachte 70 Milchkühe mit. Dazu den verwegenen Anspruch, unweit von Polessk (Labiau), im tiefsten sowjetischen Mief, "ein Stückchen von Ostpreußen so zu erhalten, wie es früher mal war". Dafür hat sie finanziell bluten und manche Illusionen abhaken müssen. Denn die Russen zockten die verrückte deutsche Marjell gnadenlos ab, stahlen ihr das bei einer Kolchose untergebrachte Vieh, zerschlugen die importierte Milchabfüllanlage.
Doch die schwer sehbehinderte Diabetikerin gab nicht auf. Jetzt hat sie für sündhaft teures Geld gleich neben dem einstigen Gut ihres Onkels das verwahrloste Gebäude des Annenhofs gekauft, zwei Kilometer vom Kurischen Haff entfernt inmitten von Storchenkolonien. Es war das erste Mal, dass in Kaliningrad eine Deutsche mit Zustimmung Moskaus ganz offiziell russisches Staatseigentum erwerben durfte. "Ich nehme doch auch nichts mit, sondern will nur beim Aufbau hier helfen", sagt die 70-Jährige, "dieses Land braucht Menschen, die das Leben bejahen; auch die Stadt Königsberg wird immer fröhlicher."
Bunter und vitaler ist Russlands westlicher Vorposten an der Ostsee in den letzten Jahren ganz gewiss geworden. Aber auch politisch unruhiger. Kaliningrad, wie Königsberg heute heißt, wird geplagt von Selbstzweifeln und Zukunftsängsten. Denn dieses Gebiet mit knapp einer Million Einwohnern auf einem Schnipsel von bloß 15 000 Quadratkilometern ist seit dem Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums eine russische Insel weit von Russland entfernt.
Bis Berlin sind es von der Stadt am Pregel nur 550 Kilometer, nach Moskau doppelt so viele. Außerdem ist die Exklave umgeben von Staaten, die in die Europäische Union und Nato drängen. Das mag beim Baltikum noch 10 oder 15 Jahre dauern. Nur: Was wird danach aus dem eingeschlossenen Kaliningrad?
Fällt der Norden Ostpreußens dann wie ein reifer Apfel Polen oder Litauen zu? Wird Russland seinen Klotz an der Ostsee verscherbeln wie einst den Vasallen DDR? Oder findet die Region gleichsam über eine weiche EU-Assoziation selbst ihren Weg nach Westen?
"Die Jungen hier wollen alle nach Europa, die Alten haben Angst", sagt Wadim Weichselberger, Besitzer der Imbiss-Stube am Prospekt Mira gegenüber der Königin-Luise-Gedächtniskirche, seit Sowjetzeiten ein Puppentheater. Die Entscheidung über diese politische Frage liege indes nicht bei den Kaliningradern, räsoniert der aus Usbekistan vertriebene Russlanddeutsche, "vielleicht schaffen wir einmal als vierter baltischer Staat den EU-Anschluss".
Das wird dauern. Noch immer steht der Gründervater des Sowjetstaates ehern auf seinem Podest am Platz des Sieges unweit des alten Nordbahnhofs mit dem Säulenportal. Missmutig blickt Lenin auf die Zeichen der neuen Zeit: auf westliche Werbesprüche und Konsumverlockungen; auf die Busse mit deutschen Nostalgietouristen; auf Plakatwände mit dem Konkurrenzkampf der Bierbrauereien (die einheimische trägt wieder den alten deutschen Namen "Ostmark"); auf ein Transparent, das den Erweckungsbesuch des deutschen Pastors Wegner ankündigt ("Christus für die ganze Welt").
Kaliningrad sei heute "die fortschrittlichste" aller Regionen Russlands, sagt der Herr der "Gebietsmacht", Leonid Gorbenko, 60. Seit drei Jahren amtiert der gebürtige Ukrainer und frühere Chef des Fischereihafens als Gouverneur - bullig, kumpelhaft, bieder. Ins Amt gehievt wurde er mit den Stimmen der Kommunisten, von denen er sich danach politisch rasch abseilte. Sechs Ikonen schmücken Gorbenkos Arbeitszimmer, und Blickfang auf seinem Schreibtisch ist ein Kreuz im Bernsteinblock.
Den Fortschritt definiert der Gouverneur mit geschönten Wirtschaftsdaten (siehe Interview Seite 211), die freilich sein lokaler Geheimdienstchef unlängst öffentlich bezweifelt hat. "Leider sind wir verwundbarer als jede andere russische Region", beschrieb Konteradmiral Gennadij Moschkow in der "Kaliningradskaja prawda" die Schwachstellen der Ostseeprovinz: Zusammenbruch der Staatsbetriebe und der Landwirtschaft, Rückgang der Industrieproduktion seit 1990 auf ein Viertel, Halbierung der Getreideernte und Fleischproduktion, zunehmende Abhängigkeit von importierten Lebensmitteln und Energieträgern, horrende Arbeitslosenzahlen und wachsende soziale Spannungen.
Der Gouverneur gerät in Wallung, wird er mit dieser Analyse seines Chefspions konfrontiert ("Wo war denn der Admiral, als alles auseinander fiel?"). Doch er gesteht ein, dass es vor allem den Rentnern mies geht. Von denen gibt es in der einstigen Militärfestung etwa 200 000, und die meisten schlagen sich mit 350 Rubel (etwa 25 Mark) im Monat durch. "Das ist unsere Schande", sagt Gorbenko.
Gewiss: Im Vergleich zu den umliegenden baltischen Staaten und Polen ist Kaliningrad ein Armenhaus, für die "Frankfurter Allgemeine" gar der "Ostsee-Slum". Doch die Stadt boomt, quillt über von West-Autos, die Läden sind voll mit kaufkräftigen Kunden, in Restaurants und Discos vergnügt sich das junge Volk.
Die Schattenseiten dieses Booms haben Russlands westlichster Hafenstadt allerdings ein paar makabre Spitzenplätze verschafft: Kaliningrad hat pro Einwohner die meisten HIV-Infizierten, Hepatitis-Erkrankten und Krebstoten in der Russischen Föderation, die meisten Prostituierten und die höchste Scheidungsrate. Eine "führende Rolle" kann die Ostseeprovinz auch beim Bierkonsum und beim Schmuggel von Zigaretten, Rauschgift oder Gebrauchtwagen aus dem Westen beanspruchen.
"Aufreibend und prickelnd" sei das Leben in dieser Stadt, sagt Louise Wolfram. Ihr Mann ist Pastor der evangelisch-lutherischen Gemeinde Kaliningrads. Die zählt mal gerade 1200 Seelen, hat aber seit April ein protziges neues Gemeindezentrum. Machtvoll wie eine Ordensburg steht der rote Backsteinbau mit den hohen, bunt verglasten Fenstern und den auseinander gezogenen beiden Türmen am Ende des Prospekt Mira auf dem Gelände des ehemaligen Luisenfriedhofs.
Vergebens hatten sich die Lutheraner zuvor bei der Gebietsadministration um die Rückgabe des notdürftig wieder hergerichteten Doms oder einer der anderen sechs noch erhaltenen Kirchen bemüht. Der Neubau, finanziert überwiegend von der deutschen Evangelischen Kirche der Union, kostete 2,2 Millionen Mark.
Propst Erhard Wolfram freut sich über eine "wachsende Gemeinde". Deren Kern sind hauptsächlich Russlanddeutsche, die aus den zentralasiatischen Republiken es einstigen Sowjetreichs flüchten mussten. An die 10 000 haben sich unterdessen in Russlands westlichster Ecke eingerichtet. Die meisten von ihnen wollen dort bleiben und nicht weiter westwärts nach Deutschland trecken, weil sie russische Ehepartner haben und die deutsche Sprache nur bruchstückhaft beherrschen.
Die Evangelischen in ihrem schönen neuen Gemeindezentrum sehen ein weites Missionsfeld. Sie wollen sich jetzt an der Armenspeisung in der Stadt beteiligen, "damit die Bevölkerung sieht", so des Pastors rigorose Gefährtin, "dass wir nicht nur in der eigenen Suppe schwimmen". Louise Wolfram ist gebürtige Königsbergerin. Sie glaubt, dass die von der Kirche angebotene humanitäre Hilfe willkommen ist. Doch es darf auch nicht zu viel sein, denn gerade für Deutsche sei die Arbeit in Kaliningrad "eine Art Gratwanderung; die Russen haben Angst, wir wollten hier wieder die Kralle drauflegen".
Das Thema Regermanisierungsängste ist "wie eine Welle, die sich hebt und senkt", sagt gelassen der Admiral Wladimir Jegorow, 60, Chef der russischen Baltischen Flotte und neben dem Oberkommandierenden Boris Jelzin der einzige Befehlshaber in Russland, der in den letzten acht Jahren nicht abgelöst wurde. Der Admiral, dessen Kreuzer und U-Boote vor der Samlandküste in Baltijsk (Pillau) liegen, residiert im Gebäude der alten preußischen Oberpostdirektion. Dort befand sich der Gefechtsstand des "Festungskommandanten", General Otto Lasch, als Stalins Rote Armee im April 1945 zum Sturm auf Königsberg ansetzte.
Allerdings räumt der Flottenchef ein, dass die mit der Regermanisierungsfurcht verknüpfte Frage, ob Moskau womöglich einmal zur Tilgung seiner Auslandsschulden den Verkauf von Kaliningrad offerieren könnte, "eine beunruhigende Wirkung für das Gebiet hat". Einige "Amtsträger", grummelt der Admiral, spielten dieses Thema von Zeit zu Zeit unnötig hoch.
Da hat der Militär wohl den Gouverneur im Fadenkreuz. Gorbenko belebt die Diskussion um die Zukunft der Ostseeprovinz bisweilen mit apokalyptischen Äußerungen, um von Moskau neue Subventionen zu erstreiten. Denn mit den Fördermitteln hapert es seit dem Zerfall der Sowjetunion, der in der "Sonderwirtschaftszone" Kaliningrad vor allem die einseitig für Militär und Weltraumtechnik produzierenden Staatsunternehmen in den Kollaps trieb.
Die Zukunftszweifel wurzeln auch in einem Gerücht, das nie überzeugend dementiert wurde. Michail Gorbatschow, so verlautete aus russischen wie deutschen Polit-Quellen, habe 1991 Bundeskanzler Helmut Kohl den Verkauf von Kaliningrad für 70 Milliarden Mark angedient. Jelzin habe diese Offerte später erneuert. Der Altkanzler, um Auskunft ersucht, lässt ausrichten, er sei "nicht bereit, zu diesem Thema etwas zu sagen". Sein ehemaliger Chefdiplomat Hans-Dietrich Genscher hält das Ganze für eine "völlig freie Erfindung".
Admiral Jegorow, vielleicht Kaliningrads nächster Gouverneur, ist da vorsichtiger: "In absehbarer Zeit", sagt der feingeistige Militär, sei keine Veränderung des Gebietsstatus erkennbar, "und die Anwesenheit unserer Flotte ist der beruhigende Faktor".
So beruhigend allerdings nun auch wieder nicht, denn die Flotte hat Versorgungs- und Zahlungsprobleme. "Ein ärmliches Ostseekommando, umzingelt von Nato-Ländern", lautete unlängst das deprimierende Urteil einer russischen Kommandeurstagung über Kaliningrads eingeschränkte Verteidigungsbereitschaft. So steht die Baltische Flotte bei kommunalen Diensten, Energie- und Lebensmittellieferanten mit über einer Milliarde Rubel (derzeit etwa 72 Millionen Mark) in der Kreide - unter anderem auch deshalb, weil Moskau im vergangenen Jahr nicht einmal ein Prozent der versprochenen Budgetmittel überwiesen hat. Von sonderlichem Interesse an einem Hochpäppeln der bedrängten Exklave zeugt das nicht.
"Wir hatten schon schlimmere Zeiten", spielt Admiral Jegorow die Schwierigkeiten herunter. Die Flotte versorge sich nunmehr zu 70 Prozent selbst aus den ihr gehörenden drei Landwirtschaftssowchosen mit den höchsten Produktivitätsziffern im Gebiet. Im Übrigen sei die Personalstärke bei den Truppen in einem Umbau radikal abgesenkt worden auf eine Gesamtzahl von jetzt 25 000 Mann, das Gerede von der "Militärzitadelle Kaliningrad", voll gestopft mit Atomraketen, schlicht ein Märchen. "Diese Präsenz genügt, um die Interessen Russlands zu garantieren", sinniert Jegorow, "noch mehr militärische Macht konnte auch die Sowjetunion nicht vorm Verfall bewahren; entscheidend ist die Vernunft der Politiker."
Von denen glaubt der an seinem Comeback arbeitende Ex-Gouverneur Jurij Matotschkin, ein Mann ohne ideologische Scheuklappen, "dass Berlin uns bald näher ist als Moskau". Wie Matotschkin sieht auch Stephan Stein, rühriger Vertreter der deutschen Wirtschaft und speziell der Hamburger Handelskammer, die Chance Kaliningrads, "sich zu einem wirtschaftlichen und logistischen Knotenpunkt zwischen der EU, Russland und den übrigen Anrainern zu entwickeln".
Allerdings blockiert Russlands politische Instabilität das Engagement westlicher Investoren. Immerhin hat sich jetzt sogar BMW auf das Wagnis eingelassen, mit Awtotor in Kaliningrad aus 1300 Einzelteilen für den russischen Markt die 5er Limousine zu montieren.
Dabei ist der Norden Ostpreußens, einst Deutschlands Kornkammer, eine reiche Region. Es gibt Erdöl dort und 95 Prozent der weltweit geförderten Bernsteinvorkommen. Und über die grandiose Kurische Nehrung fand schon der Wissenschaftler und Weltenbummler Wilhelm von Humboldt, man müsse sie wie Spanien und Italien gesehen haben, soll "einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen".
"Wenn jeder ein bisschen hilft, geht es schneller mit dem Aufbau", verbreitet die Ostpreußen-Heimkehrerin Ursula Trautmann unbeirrbaren Optimismus. Den Annenhof will sie in ein Prunkstück verwandeln und dann mit den russischen Nachbarn eine große Sause feiern: "Es ist doch völlig egal, wer hier regiert - es ist und bleibt Ostpreußen." OLAF IHLAU
Von Olaf Ihlau

DER SPIEGEL 37/1999
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