05.11.2016

SPIEGEL-Gespräch„Andere trinken, ich esse“

Der ehemalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck spricht offen über seine Krankheiten und die Inszenierung von Fitness in der Politik. Er fordert mehr Nachsicht mit seinen Kollegen.
Es ist noch nicht mal ein Jahr her, dass Beck, 67, nach einem leichten Schlaganfall im Krankenhaus lag. Inzwischen ist er wieder genesen. An diesem Herbstmorgen in Berlin beginnt sein Arbeitstag bereits um acht Uhr. Beck war fast 19 Jahre lang Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und zwei Jahre Parteivorsitzender der SPD. Inzwischen leitet er die Friedrich-Ebert-Stiftung. Beck hat mehrfach in seiner Karriere erfahren müssen, dass sich Politik und körperliche Schwäche nur schwer vertragen.
SPIEGEL: Herr Beck, Sie haben schon als Kind spüren müssen, dass man als Kranker anders wahrgenommen wird. Ist Ihnen diese Zeit noch sehr präsent?
Beck: Ja. Es war ein Horror. Ich bin direkt nach der Geburt an Neurodermitis erkrankt. Mein Leben begann mit einem unglaublichen Juckreiz. Als Kind kratzt man sich im Schlaf auf, ohne dass man es merkt. Ich hatte nicht immer saubere Hände, also entzündeten sich die Wunden. Meine Mutter wusch sie mit Kernseife aus, ich schrie wie am Spieß.
SPIEGEL: Wird man ein anderer Mensch, wenn man mit Schmerzen aufwächst?
Beck: Ich wurde eher durch die Ausgrenzung anders. Ende der Fünfzigerjahre wurde in unserem Dorf jeder Messdiener, es gehörte einfach dazu. Ich war der Einzige, der nicht mitmachen durfte; es hieß, dass die Kleidung durch mich unsauber wird, dass ich andere Kinder anstecken könnte. Alles Unsinn. Aber als Kind kann man sich nicht wehren.
SPIEGEL: Wann haben Sie das Gefühl abgelegt, Außenseiter zu sein?
Beck: Ich hatte das Glück, dass die Neurodermitis in der Pubertät völlig verschwunden ist. Ich habe dann Gruppen gesucht, zu denen ich gehören kann. Bei uns im Dorf war alles CDU. Ich ging zur Christlichen Arbeiterjugend, aber das war mir schnell zu hart. Die sangen: "Schwarz ist meine Lieblingsfarbe, es kann nicht anders sein, denn in meiner Firma nennt mich jeder schwarzer Hein." Heute denke ich: Weil ich wusste, was es bedeutet, Außenseiter zu sein, war ich freier zu sagen: Nö, das ist mir zu doof.
SPIEGEL: Ihre Krankheit war weg – und Sie gingen als gesunder Mann in die Politik?
Beck: Absolut. Ich war 29 Jahre alt, als ich in die Landespolitik kam. Ich war topfit.
SPIEGEL: Hat Sie die Politik wieder krank gemacht?
Beck: Das ist etwas hart formuliert. Sie hat mich vielleicht ein wenig verbraucht. Als Politiker sind Sie rund um die Uhr im Einsatz. Sie haben auch keinen Urlaub. Ich habe mir jedes Jahr eine Woche Ferien gegönnt, mit meiner Frau. Ich weiß noch, als ich einmal morgens in Andalusien aufwachte und auf den Balkon ging, hing in der Palme gegenüber ein Reporter von der "Bild"-Zeitung. Das kann man nicht Urlaub nennen.
SPIEGEL: Wie viele Stunden Schlaf bekommt man als Spitzenpolitiker?
Beck: Dreimal im Jahr kann man ausschlafen, so bis acht oder neun Uhr. Ansonsten haben Sie immer volles Programm, auch am Wochenende. Ich habe nie zu denen gehört, die sagen, vier Stunden oder fünf Stunden Schlaf reichen aus. Aber oft musste es reichen. Gerade in der Zeit, als ich Ministerpräsident und Parteivorsitzender war. Erst wenn der Stresslevel runtergeht, merkt man, wie tief müde man ist.
SPIEGEL: Darf man das zugeben?
Beck: Öffentlich muss man sagen: "Ich bin immer voll da." So wie Hillary Clinton nach ihrem Zusammenbruch. Kurz danach trat sie auf die Straße und sagte: "Mir geht's super." Der ging es natürlich nicht super. Ein enger Mitarbeiter von Willy Brandt hat mir mal gesagt: "Mach's wie Willy, leg dich ab und zu mal zwei Tage krank." Habe ich natürlich nie gemacht. Aber später, als ich mal richtig auf der Schnauze lag, dachte ich: Der hat recht gehabt.
SPIEGEL: Und warum konnten Sie sich nicht auskurieren?
Beck: Wenn Sie auf einem Plakat angekündigt sind, sollen Sie dann absagen? Wenn Sie was in der Fraktion durchbringen müssen, dann können Sie nicht sagen, das soll mal die Vertretung machen. Man schleppt sich also hin. Hinzu kommt, dass man durch die Medien ständig unter Beobachtung steht. Jeder normale Mensch ist auch mal krank. Aber Politiker sollen immer gesund sein. Man sollte uns mehr Schwächen zugestehen.
SPIEGEL: Hat das Tempo in der Politik zugenommen?
Beck: Früher hatte ich das Gefühl, dass es ganz schön galoppartig vorangeht. Wenn das Galopp war, ist das heute mindestens gestreckter Galopp. In der Weltfinanzkrise musste innerhalb weniger Tage über Milliarden entschieden werden, weil die Aktienkurse eben keine Zeit lassen für lange Überlegungen. Zeitgleich sollen die Entscheidungen aber für die Ewigkeit gemacht sein. Das ist ziemlich viel verlangt. Ich will mich gar nicht beklagen. Ich stelle es nur fest.
SPIEGEL: Wie baut man den Stress als Politiker ab?
Beck: Da habe ich was gemeinsam mit Helmut Kohl: in Stresssituationen zu essen. Meiner Figur hat das nicht gutgetan. Ich kam abends nach Hause, in meine kleine Mainzer Wohnung, Schuhe aus, Bademantel an, und hab mir was gebrutzelt.
SPIEGEL: Sie haben selbst gekocht?
Beck: Was ich so kochen nenne. Spaghetti mit fertiger Soße oder so. Darauf kommt es ja gar nicht an. Du isst. Du sagst: Das schmeckt mir. Du kommst runter. Du brauchst diese Entspannungsphase. Andere trinken, ich esse.
SPIEGEL: Hat Ihre Frau manchmal gesagt: "Heute bleibst du zu Hause"?
Beck: Sie hat vor langer Zeit aufgegeben.
SPIEGEL:Haben Sie sie manchmal von unterwegs angerufen und gesagt: "Ich kann nicht mehr"?
Beck: Nein. Was ändert's? Soll ich meine Frau volljammern? Ich habe auch engsten Vertrauten nie was gesagt. Man hat es als Politiker in Fleisch und Blut, dass man keine Schwächen zeigen darf.
SPIEGEL: Und markiert immer den Starken?
Beck:Wenn es politisch läuft, dann können Sie auch mal schwach und einen Tag krank sein. In solchen Momenten ist man aber nie schwach, die gute Stimmung trägt einen. Hart wird es, wenn man richtig kämpfen muss, mit den Medien, mit den Parteikollegen, und dann kommt eine schwere Erkältung dazu.
SPIEGEL: Im Frühjahr 2008 waren Sie als Parteivorsitzender in der Kritik und verschwanden ein paar Tage von der Bildfläche, wegen einer Mandelentzündung. War das so ein Moment?
Beck: Es gab damals die Auseinandersetzung um die Wahlen in Hessen. Andrea Ypsilanti hatte ein Bündnis mit der Linken ausgeschlossen. Ich wollte daraus keine generelle Absage machen. Ich sagte das in einem Hintergrundgespräch in Hamburg, ein Journalist brach die Vertraulichkeit. Heute würde man sagen, dass dann ein Shitstorm begann. Ich hatte schon vor dem Hintergrundgespräch ziemliche Halsschmerzen. Als dann die Angriffe gegen mich kamen, ging's richtig los.
SPIEGEL: Sie erkrankten schwer.
Beck: Ich konnte eigentlich nicht mehr. Ich hatte hohes Fieber und bin halb im Delirium heimgeflogen. Ein Freund von mir war Arzt in Mainz. Der sagte: "Du musst in die Klinik."
SPIEGEL: Um operiert zu werden?
Beck: Das ging gar nicht, der Infekt war nicht operabel, weil er so dicht an den Stimmbändern lag.
SPIEGEL:Sie gingen also nicht in die Klinik?
Beck: Ich sagte zu meinem Arzt: "Du, da draußen stehen Leute mit Kameras. Das sieht doch aus wie eine Flucht." Ich bin dann allein in meiner Mainzer Wohnung geblieben.
SPIEGEL: Wo Sie auf Besserung warteten?
Beck: Ich dachte, wenn ich ins Krankenhaus gehe, ist das mein politischer Tod. Dann schreiben alle: "Beck am Ende". Wenn es einem so elend geht, und man liegt in der kleinen Wohnung, steigert man sich in solche Gedanken hinein. Man sieht überall Feinde.
SPIEGEL: Sie erzählen das, als ginge es Ihnen noch immer nah.
Beck: Es war eine der gravierendsten Erfahrungen, die ich gemacht habe. Ich habe mich ganz und gar hilflos gefühlt. Was sollte ich in der Lage machen? Sagen: Ich bin so krank, lasst mich doch bitte mal ein paar Tage in Ruhe?
SPIEGEL: Kann Politik einen krank machen?
Beck: Es gibt Momente, in denen man sich wie krank fühlt.
SPIEGEL: Welche sind das?
Beck: Wenn Ihr Kartenhaus zusammenfällt. Ich weiß noch, wie ich mich im Herbst 2008 entschloss, als SPD-Vorsitzender zurückzutreten. Ich saß abends vor dem Fernseher und hörte, dass Steinmeier Kanzlerkandidat der SPD werden soll. Ich fiel aus allen Wolken. Laut Absprache hätte ich den Kanzlerkandidaten verkünden sollen.
SPIEGEL: Mit Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering hatten Sie ein paar Tage zuvor ein Treffen, in dem die Kandidatenfrage vertraulich besprochen wurde – und auch, dass Sie den Kandidaten verkünden sollen. War das eine Intrige?
Beck: Es war vollkommen klar, dass ich gedemütigt und übergangen wurde. Dass hinter meinem Rücken jemand beschlossen hat: Das verkündet nicht der Beck.
SPIEGEL: Wie ging der Abend weiter?
Beck: Ich tigerte durch die Wohnung und rief alle möglichen Leute an. Dann habe ich mich hingesetzt und eine Pro-und- Kontra-Liste für mich ganz persönlich gemacht. Das war eine der Nächte als Politiker, in denen ich gar nicht geschlafen habe. Ich saß im Sessel. Gegen Morgen wollte ich mal kurz die Augen zumachen. Aber es ging nicht.
SPIEGEL:Haben Sie in der Nacht auch noch mit Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering telefoniert?
Beck: Steinmeier habe ich nicht erreicht. Müntefering habe ich gar nicht erst angerufen. Ihn anzurufen wäre zu viel verlangt gewesen. Ich spürte viel Bitterkeit in dem Moment.
SPIEGEL: Vorhin haben Sie gesagt, wenn der Stress vorbei ist, merkt man, wie müde man ist. War das nach dem Rücktritt so?
Beck: Es war wie Trauerarbeit. Wenn man es verdrängt, dann bleibt es immer. Man muss einfach noch mal alles Revue passieren lassen und noch mal und noch mal. Irgendwann geht es aber wieder besser. Ich kann mit allen Leuten von damals heute wieder normal reden.
SPIEGEL: Haben Sie die Pro-und-Kontra- Liste von damals noch?
Beck:Ich habe den Zettel noch in der Nacht zerrissen und die Toilette runtergespült.
SPIEGEL: Gab es Momente, in denen Sie dachten: Dieser Beruf bringt mich vorzeitig ins Grab?
Beck: Das ist mir zu martialisch. Man macht ja nicht Politik, um sich selber zu vernichten. Ein bisschen Masochismus gehört aber schon dazu.
SPIEGEL: Sind Fitness und Durchhaltevermögen entscheidende Faktoren für den Erfolg in der Politik?
Beck: Eine gewisse physische Belastbarkeit gehört dazu. Wenn Nächte durchverhandelt werden, hat das Ergebnis auch damit zu tun, wer um drei Uhr nachts noch auf Zack ist.
SPIEGEL:Das klingt wie beim Pfahlsitzen. Wer zuletzt runterfällt, gewinnt.
Beck: Ein bisschen ist es so. Ich denke an die langen Nächte im Vermittlungsausschuss zu Zeiten, als Helmut Kohl im Bundesrat keine Mehrheit hatte. Wem da die Augen zugefallen sind, der war im Nachteil.
SPIEGEL: Helmut Kohl soll eine grandiose Aussitzfähigkeit besessen haben. Es gibt die Geschichte, dass er einen ganzen Parteitag lang mit einem Katheter unter ungeheuren Schmerzen auf dem Podium ausharrte.
Beck: Kohl ist ein unglaublich zäher Mann. Ich habe aber inzwischen höchsten Respekt vor Politikern, die den Job trotz eines Handicaps schaffen. Leute wie Malu Dreyer oder Wolfgang Schäuble, die noch eine Stunde früher aufstehen müssen, um rechtzeitig fertig zu sein. So hart im Nehmen wäre ich nicht, glaube ich.
SPIEGEL:Wann wurde Ihnen klar, dass Sie aus gesundheitlichen Gründen aufhören möchten?
Beck: Schon im Sommer 2012 habe ich ziemlich zu kämpfen gehabt, wegen der Bauchspeicheldrüse. Meine Mutter ist früh an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben, deshalb war ich da sensibel. Ich habe dann Dutzende Medikamente durchprobiert, was im vollen Arbeitsstress nicht angenehm ist. Irgendwann dachte ich, ich höre auf. Aber dann wehrt man sich wieder dagegen. Man sagt sich: Es wird schon noch gehen. Es ging aber nicht mehr. Im Januar 2013 bin ich dann als Ministerpräsident zurückgetreten.
SPIEGEL: Wie lange haben Sie gebraucht, um sich von der Spitzenpolitik zu erholen?
Beck: Ich habe die Zeit danach nicht als Erholung gesehen. Ich hatte eher Angst davor. Ich habe Leute erlebt, die nicht gehen konnten. Ich denke an einen Bundestagsabgeordneten zu Bonner Zeiten, ein ganz fleißiger Kerl. Der ist nach seiner Abwahl noch jeden Montag nach Bonn gefahren, hat sich in die Fraktion reingehockt, und keiner wollte ihm sagen, du gehörst nicht mehr dazu. Ich habe mir eine neue Aufgabe gesucht. Gar nichts tun wäre nicht gegangen.
SPIEGEL: Hatten Sie in Ihrem Leben mal Todesangst?
Beck: Ich hatte ein sehr ungutes Gefühl, als ich Weihnachten des vergangenen Jahres den Schlaganfall hatte. Es war vor allem die Angst, gelähmt zu sein. Ich bin am 29. Dezember in die Neurologie gekommen. Wenn man dann von einem Behandlungszimmer zum anderen geschoben wird, sieht man Menschen, die gelähmt sind oder deren Sprachzentrum völlig gestört ist. Während der Feiertage ist es im Krankenhaus ganz ruhig. Da liegen Sie im Zimmer und können eine Stecknadel fallen hören. Dann blickt man ein bisschen tiefer in sich rein.
SPIEGEL: Und was war da?
Beck: Furcht, nicht mehr selbstbestimmt sein zu können.
SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass die Politik Sie Lebenszeit gekostet hat?
Beck: Ich hatte ein erfülltes Leben, das ist die Hauptsache. Aber Moment mal: Ich habe ja nicht vor, bald zu sterben. Ich will nicht, dass das Interview wie ein Nachruf klingt, ja?
SPIEGEL: In Ordnung.
Beck: Die meisten Spitzenpolitiker sind übrigens sehr alt geworden, das nur fürs Protokoll.
SPIEGEL: Herr Beck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

"Als Politiker hat man es in Fleisch und Blut, dass man keine Schwächen zeigen darf."

"Man sagt sich: Es wird schon noch gehen. Es ging aber nicht mehr."

Das Gespräch führten die Redakteure Horand Knaup und Britta Stuff in Becks Büro in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin.
Von Horand Knaup und Britta Stuff

DER SPIEGEL 45/2016
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