05.11.2016

BankenDer verschwundene Schatz

Ein Wuppertaler Unternehmer kauft Hunderte Kilogramm Gold und verwahrt sie bei der UBS. Jahre später will er sein Vermögen zurück. Doch es ist nichts mehr da. Von Anne Seith
Selbst als Günter Püschmann schon Millionen verdiente, als er Häuser und Apartments in Südfrankreich, Kanada, Brasilien und in der Schweiz hatte, bunkerte der Wuppertaler Unternehmer noch eine Sicherheitsreserve. Eine, mit der er im Notfall schnell hätte verschwinden können aus Deutschland.
1956 war der gebürtige Sachse nach Westdeutschland geflüchtet und hatte im Schwung der Wirtschaftswunderjahre ein mittelständisches Unternehmen für Industrieverpackungen aufgebaut. Nie wieder wollte er von vorn anfangen. Noch bis zum Fall der Mauer fürchtete er, dass die "Sowjetunion und die DDR planten, die Bundesrepublik einzunehmen", wie er vor einigen Jahren in einem Brief erklärte.
Also kaufte Püschmann Gold, viel Gold. Bankbelege und Aufstellungen zeigen, dass der Unternehmer in den Achtziger- und Neunzigerjahren über tausend Kilogramm an Münzen, Barren und Plättchen bei Banken in der Schweiz und Kanada deponierte, die heute allesamt zur UBS gehören.
Rund 40 Millionen Euro wäre dieser Schatz heute wert, wäre er noch komplett. Doch kein Gramm ist mehr da.
Jahrelang kämpfte Püschmann mit seinen Anwälten um dieses Vermögen. Erst wenige Wochen vor seinem Tod entschloss er sich, seinen Fall öffentlich zu machen, seine Geschichte zu erzählen, die erst einmal unglaublich klingt: Die Schweizer Großbank UBS habe einen großen Teil seines Goldvermögens "einfach einkassiert". Es ist ein Vorwurf, den die UBS als "haltlos" bezeichnet. Doch es bleiben Fragen.
Im Frühjahr dieses Jahres lädt Püschmann zu einem ersten Treffen ein. Er lebt da von 1400 Euro Rente im Monat, wie er sagt, hat Schulden. Der Kleinkrieg zwischen ihm und dem Schweizer Großinstitut währt fast 20 Jahre, und er hat den einst so erfolgreichen Unternehmer an den Rand des Ruins getrieben, sein Leben weitgehend zerstört.
Püschmann geht es nicht gut. Er ist gestürzt, und obwohl das Knie zwar dick, aber nicht gebrochen ist, kommt er seit Wochen nicht mehr auf die Beine. Die typische Krankengeschichte eines 81-Jährigen. Im gelben Poloshirt und mit schütterem Haar liegt er im Bett in einem Wuppertaler Krankenhaus, atmet schwer. Nur mühsam kann er sich aufrichten. Ein freundlicher, älterer Herr, der auch in dieser Situation höflich sein will. Sein Händedruck ist fest.
Püschmann hat mit nichts angefangen, wie er keuchend, aber stolz erzählt. Nach seiner Flucht habe er erst mal im Männerwohnheim gewohnt, "Bullenkloster ham se das genannt". Sein sächsischer Akzent ist auch nach all den Jahren im Westen noch unverkennbar.
Bis 1959 arbeitete er auf dem Bau, dann pachtete er eine Kistenfabrik, die später zur "Günter Püschmann Industrieverpackungen GmbH" wurde und riesige Maschinen oder Autos reisefertig verpackte. Als Püschmann sein Unternehmen 1986 verkaufte, hatte es fast 600 Mitarbeiter, er bekam 32,5 Millionen Mark dafür.
"Mein Vater war ein begnadeter Verkäufer", sagt Püschmanns Sohn Emilio, der in Brasilien ein Unternehmen für Firmenkrankenhäuser betreibt. Dank seines erfolgreichen Vaters wuchs er in Wohlstand auf: Internate in Salem und Zuoz, wo schon Gunter Sachs oder Ferdinand Piëch die Schulbank gedrückt hatten, die Ferien verbrachte die Familie in einer ihrer Penthouse-Wohnungen in Kanada, Südfrankreich, Brasilien oder der Schweiz.
Auch Püschmanns Goldreserven wuchsen in dieser Zeit zu beeindruckender Größe heran. Bankbelege und -schreiben aus den Achtziger- und Neunzigerjahren jedenfalls lesen sich wie Inventarlisten von Dagobert Ducks Geldspeicher. An die 10 000 Münzen der kanadischen Sammlermünze "Maple Leaf", 560 amerikanische Eagle, 100 mexikanische Pesos, 404 Krügerrand, Hunderte Barren und weit über 6000 Goldplättchen gehörten zu Püschmanns Besitz.
"Wir bestätigen Ihnen, dass wir heute von Ihnen 39 Schachteln und 8 Säcke enthaltend das nachstehend aufgeführte Gold erhalten haben", mit diesen Worten begann eine Bank 1987 ein Schreiben.
Doch als Püschmann 2010 seine Notreserve auflösen wollte, teilte ihm die UBS Canada in wenigen Zeilen mit, dass sämtliche Konten 1998 aufgelöst worden seien. Und bei der Zürcher Zentrale des Weltkonzerns hieß es, "sämtliche in der Schweiz bei der UBS AG eingelieferten Goldbestände" seien "an die UBS Bank (Canada) zurücktransferiert" worden. "Diesbezüglich" könne man "keinerlei Auskünfte erteilen".
"Vermutlich" sei das Gold in Kanada "zur Deckung der erlittenen hohen Verluste" aus "umfangreichen Devisentransaktionen" verwendet worden, mutmaßten Anwälte des Schweizer Hauses 2011 gegenüber der Zürcher Staatsanwaltschaft, die in der Sache kurzzeitig ermittelte.
Es geht da um einen Umstand, der die bizarre Geschichte noch komplizierter machte: Püschmann hatte sich nach dem Verkauf seines Unternehmens und dem Fall der Mauer neuen Geschäften zugewandt. Anfang der Neunzigerjahre stieg er in großem Stil in den Devisenhandel ein – natürlich mit freundlicher Unterstützung seiner Hausbank: der UBS beziehungsweise deren Vorgängerbanken.
1991 stellte Püschmann eigens einen Vermögensverwalter ein, nur für diese hoch riskanten Währungswetten. Der wickelte über die UBS in den folgenden Jahren Geschäfte in Größenordnungen ab, die "einer kleinen Privatbank" würdig gewesen wären, wie er später erklärte.
Solche Deals sind ein gefährliches Spiel: Der Einsatz der Beteiligten beschränkt sich häufig auf einige Prozent des Handelsvolumens, der Rest wird über Kredit gestemmt. So können enorme Summen bewegt und riesige Gewinne eingefahren werden, aber eben auch riesige Verluste.
Einmal etwa verbrannte Püschmann binnen sieben Tagen 340 000 Mark in einem sogenannten Dollar-Knock-out. Bei einem solchen Papier wird nicht nur auf die Kursentwicklung einer Währung gewettet, sondern der Kurs darf zudem in einer bestimmten Zeitspanne eine vereinbarte Schwelle nicht durchbrechen. Trotz solcher Niederlagen ließ Püschmann sich immer wieder mitreißen von der Goldgräberstimmung seiner Berater und Vertrauten. Noch 1997 schrieb er an einen von ihnen: "Mit Ihren 23 Jahren Berufserfahrung müsste es gelingen, meine Verlustkonten durch intensive Marktforschung und schnell erkannte Finanzveränderungen in Profitkonten zu verwandeln."
Insgesamt verlor der Wuppertaler Unternehmer auf diese Weise um die zehn Millionen Dollar, wie ein Gutachter später schätzte. Sollte die Summe in etwa stimmen, müsste von Püschmanns Goldvermögen noch ziemlich viel übrig sein. Zumal Püschmann immer wieder versicherte, nur einen Teil seines Goldes für die Deckung der Verluste freigegeben zu haben.
Genau lässt sich das allerdings anhand der vorhandenen Kontoauszüge mit Tausenden Buchungen heute nicht mehr nachvollziehen. Püschmann hat zwar Ordner voller Korrespondenz und Bankbelege gesammelt, aber von einer geordneten Buchführung kann keine Rede sein.
Erkennbar ist in den Akten zwar, dass Püschmann jahrzehntelang Kunde bei der UBS beziehungsweise ihren Vorgängerinstituten war und dass er einmal sehr viel Gold dort gelagert hatte. Eindeutige Gewinn- und Verlustrechnungen oder umfassende Aufstellungen über sein gesamtes Vermögen fehlen jedoch.
Trotzdem startete Püschmann im Jahr 1998 einen juristischen Feldzug gegen die UBS, der zunehmend verzweifelter wurde.
Erst verklagte er die Bank wegen ihrer desaströsen Devisengeschäfte. Hinweise, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war, gab es genug: Ein Börsenhändler und Gerichtsgutachter kam, nachdem er monatelang Püschmanns Kontoauszüge überprüft hatte, zu dem Schluss, die UBS habe über Jahre hinweg zu hohe Provisionen bei den Deals abgerechnet. Püschmanns ehemaliger Devisenhändler schrieb zudem in einer Art Stellungnahme, dass der zuständige UBS-Händler Einsatzgrenzen, die vereinbart waren, mittels fragwürdiger Rechentricks um ein Vielfaches überschritten habe.
Doch Püschmann scheiterte mit allen Klagen. "Heute sähe die Sache womöglich anders aus", sagt ein Anwalt, der die Akten gut kennt, "wir leben ja in einer juristisch vollkommen anderen Welt." Damals aber war die Finanzkrise weit weg und das Vermengen von Kunden- und Eigenhandel bei den Banken normal. Niemand ahnte, dass die Finanzaufsicht Finma Jahre später dem Devisenhandel der UBS ein erschütternd schlechtes Zeugnis ausstellen würde: Die Bank habe sich zur "eigenen Profitmaximierung wiederholt entgegen den Interessen eigener Kunden" verhalten, stellten die Bankaufseher 2014 fest.
Püschmanns Fall war "aussichtslos", wie auch der Schweizer Ombudsmann für Bankangelegenheiten feststellte, als Püschmann sich 2009 an ihn wandte. Einfach zu komplex und "zudem in der Zwischenzeit verjährt". "Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schwer es Ihnen fällt, sich mit der gegebenen Situation abzufinden", fügte der Mediator noch an. "Aber ich möchte Ihnen zu bedenken geben, dass es manchmal sinnvoll sein kann, einen Schlussstrich zu ziehen."
Auch im Streit um seine vermeintlich noch bei der UBS liegenden Goldbestände hatte Püschmann nie eine echte Chance. Sämtliche Konten des Unternehmers seien schon 1998 wegen der juristischen Auseinandersetzungen rund um die Devisengeschäfte gekündigt worden, argumentierte die Bank gegenüber der Schweizer Staatsanwaltschaft. Die hatte nach einer Strafanzeige Püschmanns Vorermittlungen aufgenommen. Die Aufbewahrungspflicht für solche Unterlagen betrage nur zehn Jahre, so die UBS-Juristen. Fraglich sei außerdem, warum Püschmann sein Gold trotz aller Streitereien erst 2010 zurückverlangt habe.
Püschmann sagt, er habe ein Schreiben der UBS AG über die Aufkündigung der Geschäftsbeziehungen nur auf seine Geldkonten in der Schweiz bezogen. Deshalb kämpfte er immer weiter.
Einen Anwalt nach dem anderen heuerte er an, zwischenzeitlich war sogar der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Linken, Gregor Gysi, für ihn tätig. "Das war alles sehr merkwürdig", erinnert sich der Politiker. "Man kam überhaupt nicht weiter." Dabei ließ Gysi seine Kontakte spielen: Als er auf einem Empfang in der Schweizer Botschaft UBS-Verwaltungsratschef Axel Weber traf, sprach er ihn persönlich auf den Fall Püschmann an, "und Weber versprach zu helfen".
Doch ein anschließendes Schreiben Gysis wurde lediglich von der UBS-Rechtsabteilung beantwortet, mit dem Hinweis, man könne nichts machen. "Das ist eine große Schweinerei", sagt Gysi, "die müssen dem Mann doch wenigstens erklären, wo sein Gold geblieben ist." Püschmann sei vielleicht etwas chaotisch gewesen und habe seine Spleens gehabt, aber er sei doch kein Lügner gewesen, meint Gysi.
Sogar den Unternehmer Carsten Maschmeyer schrieb Gysi in der Sache an, doch der mokierte sich in einer Talkshow über den Linken und seinen vermeintlichen Millionärsmandanten. Daraufhin berichtete die "Bild"-Zeitung kurz über den geheimnisvollen "Goldschatz" von "Günter P.".
Doch erst dieses Jahr konnte sich Püschmann entschließen, all seine Akten dem SPIEGEL zugänglich zu machen. Die Auswertung dauerte Monate.
Püschmanns Anwalt, Tilman Langer, findet, die UBS sei "vielleicht nicht rechtlich, aber ganz klar moralisch in der Pflicht. Herr Püschmann war schließlich über Jahrzehnte Kunde bei der Bank". Die UBS antwortet auf einen Katalog solcher Fragen allerdings auch heute nur mit einem kurzen Statement. Man habe Püschmanns Anfragen "detailliert geprüft", zuletzt im Januar 2013. "Die Ergebnisse sämtlicher internen Prüfungen und juristischen Aufarbeitungen zeigen keinerlei Versäumnisse seitens UBS auf." Zudem seien verschiedene Klagen Püschmanns abgewiesen worden, und auch die von ihm erstattete Strafanzeige bei der Zürcher Staatsanwaltschaft "wurde als gegenstandslos erklärt".
Die harte Haltung der Bank ist offenbar das Ergebnis einer schlichten Kalkulation. "Selbst wenn die Unterlagen noch (vollständig) vorhanden wären", schrieben UBS-Anwälte schon 2011 der Schweizer Staatsanwaltschaft, "sind sie nach so langer Zeit schwierig aufzufinden ... Jedenfalls aber wäre der dazu benötigte Aufwand unverhältnismäßig groß."
Während für die UBS der Fall damit wahrscheinlich erledigt ist, hat er Püschmanns "im Grunde zerstört", wie sein Sohn Emilio sagt. Nach und nach habe sein Vater alle Immobilien verkauft, sogar ein Haus in Wuppertal, das auf den Namen seiner Kinder lief. "Er brauchte das Geld für seine Anwälte. Meine Schwester und ich wollten das erst nicht, aber er war so wütend deswegen, dass wir dann doch zugestimmt haben." Zum Schluss sei sein Vater "komplett mittellos" gewesen, sagt Püschmann. "Er hat irgendwann Stück für Stück sein Meißner Porzellan verkauft."
Auch psychisch sei sein Vater "ein Wrack" geworden: "Sehr negativ und einsam." Seine Ehe war schon lange geschieden, und mit dem Reichtum verschwanden alte Freunde.
Nicht mal, als er schon wochenlang im Krankenhaus liegt, denkt Püschmann daran, aufzugeben. "Das mache ich nicht mit", ruft der sonst so freundliche Rentner auf die Frage hin wütend.
Wenige Wochen später erleidet er einen Schlaganfall. Er stirbt am 8. Mai 2016. "Am Ende war nicht einmal mehr genug Geld auf seinem Konto, um seine Beerdigung zu bezahlen", sagt Püschmanns Sohn Emilio. Hinterlassen habe der Vater Schulden – und ein Zimmer voller UBS-Akten.
Von Anne Seith

DER SPIEGEL 45/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Banken:
Der verschwundene Schatz