05.11.2016

ÄgyptenDer Entrückte

Deutlich wie nie zuvor kritisiert das Volk Präsident Abdel Fattah el-Sisi, die Wut über seine Politik ist stärker als die Angst vor Repressionen.
Zumindest in einer Sache, lästern die Ägypter im Internet, sei ihr Präsident konsequent: Er starre gern in den Himmel, scheinbar entrückt. Auf Facebook und Twitter sammeln sie Fotos von Abdel Fattah el-Sisi, wie er mit zur Decke gerichteten Augen dasitzt – in Talkshows und selbst bei den Vereinten Nationen. Manchmal lächelt er dabei. "Steht er im Kontakt mit Engeln?", will jemand wissen. "Ob er Angst hat, von Aliens entführt zu werden?", fragt ein anderer.
Präsident Sisi, einst Hoffnungsträger im postrevolutionären Chaos Ägyptens, ist für viele Bürger zur Witzfigur geworden. Die Ägypter sind wütend über die Lage im Land, und ihre Wut ist stärker als ihre Angst vor Repressionen. So tun die Bürger, was vor einem Jahr noch undenkbar war: Sie protestieren. Legendär ist der Wutausbruch eines Tuk-Tuk-Fahrers, von Fernsehreportern der Sendung "Einer aus dem Volk" aufgenommen. Er schrie in die Welt, was die meisten seiner Landsleute denken: "Im Fernsehen sieht Ägypten aus wie Wien, wenn du aber auf die Straße gehst, sind wir wie Verwandte von Somalia!" Den Reportern brüllte er zu: "Schneidet kein einziges Wort weg! Kein einziges Wort!"
Die Reaktion von oben: Das Video wurde von der Website des Senders entfernt, die Sendung abgesetzt, der Moderator beurlaubt, und der Tuk-Tuk-Fahrer verschwand. Doch in den sozialen Netzwerken verbreitete sich seine Botschaft weiter. Mehr als fünf Millionen Menschen haben das Video inzwischen aufgerufen.
Als der damalige General Sisi vor zweieinhalb Jahren das Amt des Präsidenten antrat, liebte ihn das Volk. Er versprach Wirtschaftswachstum und Sicherheit, eine bessere Zukunft. Er war zwar mit einem Putsch an die Macht gekommen, aber er hatte die Ägypter vom dysfunktionalen Regime der Muslimbrüder erlöst.
Inzwischen sind die einst traumhaften Beliebtheitswerte dahin. "Ich habe ihn gewählt, und ich bereue es", sagt eine Hausfrau aus dem Kairoer Armenviertel Ain Schams und holt ihre Stromrechnungen hervor. Im Mai zahlte sie noch 87 ägyptische Pfund, 8,80 Euro, im September waren es 263 Pfund – 26,70 Euro. "Wie sollen wir das noch bezahlen?", fragt sie. Ihr Mann arbeitet nun neben seinem Job als Sekretär noch als Taxifahrer. Die Kinder schlafen nachmittags, damit er nachts noch Zeit mit ihnen verbringen kann.
Das Land befindet sich in einer schweren Wirtschaftskrise: Auf dem Schwarzmarkt ist das Pfund nur halb so viel wert wie der offizielle Kurs; die Devisenreserven des Landes schmolzen auf zeitweise weniger als 16 Milliarden Dollar zusammen. Dabei ist Ägypten auf Importe angewiesen; Versorgungsengpässe sind die Folge. Im Oktober gab es plötzlich in vielen Geschäften keinen Zucker mehr, und darauf reagierten die Ägypter besonders emotional. Gesüßter Tee ist für sie eine Art Grundnahrungsmittel.
Präsident Sisi lud unterdessen über 3000 Gäste zu einer "Jugendkonferenz" in die Stadt Scharm al-Scheich am Roten Meer. Im schwarzen Anzug saß er da und erklärte dem Volk live im Fernsehen, was Verzicht ist: "Zehn Jahre meines Lebens habe ich nichts als Wasser im Kühlschrank gehabt. Und habe mich nicht beschwert!"
Unter dem Hashtag #SisisKühlschrank höhnten die Ägypter prompt auf Twitter, Abdel Fattah Sponge Bob el-Sisi stamme eben "aus einer wohlhabenden Familie von Schwämmen", die sich ausschließlich von Wasser ernähre, und habe "zehn Jahre nur Evian" getrunken. Auf Ulk im Netz reagiert Sisi oft dünnhäutig: "Vorsicht! Ich sehe, was ihr in den sozialen Medien macht."
Brachial geht er in ökonomischen Fragen vor. Statt die Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen, setzt er auf Zwang: Während der "Zuckerkrise" ließ das Innenministerium die Vorräte von Unternehmen beschlagnahmen, wie beim Brausehersteller Pepsi und beim Süßwarenproduzenten Edita.
Sisi hat offenbar sein Gespür für die Lage verloren. In der Zeitung posiert er mit Plänen für eine neue, milliardenteure Hauptstadt in der Wüste, während Kairo im Verkehr erstickt. Ein ähnliches Megaprojekt war der Bau eines neuen Teilstücks für den Suezkanal – schon der alte Kanal war nicht ausgelastet. "Von meinem Wochenendhaus blicke ich direkt darauf", sagt der Kairoer Geschäftsmann Walid Hussein, 55, und lacht. "Ich sehe da keine Schiffe."
Er sitzt in seinem Apartment im schicken Stadtteil Mohandessin und beklagt das "geschäftsfeindliche Klima" im Land. Den Familienbetrieb, eine Druckerei, musste er aufgeben. Es sei zu teuer geworden, Ersatzteile nach Ägypten zu bringen. Nun exportiert er Obst und Gemüse für Aldi nach Deutschland – und kämpft gegen die absurde Bürokratie. "Ich musste mir eine Erlaubnis besorgen, Behördenanträge auf dem Computer schreiben zu dürfen", berichtet er, "üblich ist Handschrift."
Schwer getroffen hat die ägyptische Wirtschaft außerdem, dass die Touristen nicht mehr kommen. Auf der Halbinsel Sinai hat sich ein Ableger des "Islamischen Staates" (IS) etabliert, vor einem Jahr stürzte dort ein russischer Ferienflieger ab. Der IS bekannte sich zu dem Anschlag.
Auch unter dem Vorwand der Terrorabwehr hat das Regime Tausende Muslimbrüder und andere Oppositionelle in Gefängnissen wegsperren lassen. Sie werden nun für alle Missstände im Land verantwortlich gemacht. Sisi raunt von "dunklen Mächten", die ihr Unwesen trieben und eine Politik der harten Hand erforderten. Darunter dürfte auch die Bekämpfung des Volkszorns fallen; als ehemaliger Militärgeheimdienstler kennt Sisi das dazu notwendige Instrumentarium. Gegen die angekündigte "Revolution der Armen" am 11. November, so staatsnahe Medien, werde man mit allen Mitteln vorgehen.

Kontakt

Twitter: @NicolaAbe
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 45/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ägypten:
Der Entrückte

  • Ex-Mitarbeiterin des Nationalen Sicherheitsrates der USA: "Das ist die traurige Wahrheit"
  • SpaceX: Video zeigt Explosion von "Starship"-Raumtransporter
  • Hongkong vor der Wahl: "Die Lage kann sich sofort wieder zuspitzen"
  • Schwimmende Insel: Party auf 700.000 Plastikflaschen