05.11.2016

FußballIm Strafraum

Der ehemalige deutsche Junioren-Nationalspieler Deniz Naki hat öffentlich die Kurdenpolitik der türkischen Regierung angeprangert. Nun drohen ihm fünf Jahre Haft. Von Maximilian Popp
In seiner Heimat sorgen sich die Menschen um Deniz Naki. Seine Mutter flehte ihn am Telefon an: "Bitte, komm zurück nach Deutschland." "Willst du in einem türkischen Knast sterben?", fragten seine Freunde.
Deniz Naki, 27 Jahre alt, Fußballspieler aus Düren in Nordrhein-Westfalen, sitzt an einem Freitag im Oktober auf einem abgewetzten Ledersofa im Vereinsheim des Amed Sportif Faaliyetler Kulübü in Diyarbakır, einer Stadt im Südosten der Türkei. Er hat einen kräftigen Bart und trägt einen blauen Trainingsanzug und Turnschuhe. Auf seinem Handrücken hat er sich ein Che-Guevara-Tattoo stechen lassen, auf den Unterarm das Wort Azadi, es ist Kurdisch und heißt Freiheit. Naki schüttelt den Kopf. "Wenn ich jetzt ginge, käme das einem Schuldeingeständnis gleich", sagt er.
Naki hat als Jugendlicher für Bayer Leverkusen gespielt, er stieg mit dem FC St. Pauli in die Bundesliga auf. Vor drei Jahren wechselte er in die Türkei, das Herkunftsland seiner Eltern. Seit vergangenem Sommer läuft er für den türkischen Drittligisten Amedspor aus Diyarbakır auf, die inoffizielle kurdische Nationalmannschaft.
Im Januar bezwang sein Klub im Achtelfinale des Pokals überraschend den ehemaligen türkischen Meister Bursaspor. Naki, Deutscher mit kurdischen Wurzeln, widmete den Sieg auf Facebook den Opfern der türkischen Militäroperation gegen kurdische Rebellen, "den Menschen, die in den 50 Tagen der Unterdrückung getötet oder verletzt wurden". Seither ist er für seine kurdischen Landsleute ein Held – und für die Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan ein Staatsfeind.
Die Staatsanwaltschaft in Diyarbakır hat ein Verfahren gegen Naki eröffnet. Sie wirft ihm vor, Propaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK betrieben zu haben. Am 8. November muss sich Naki vor einem Gericht in Diyarbakır verantworten. Derzeit weiß niemand, wie solche politisch geführten Prozesse in der Türkei ausgehen. Naki drohen bis zu fünf Jahre Haft. Er habe keine Angst vor dem Urteil, sagt er, "ich weiß, dass ich nichts Falsches getan habe".
Naki schlurft durch das Klubhaus von Amedspor, einen mehrstöckigen Betonbau mit lila getünchten Wänden. Der Präsident des Klubs begrüßt ihn mit Handschlag, Mitarbeiter verbeugen sich, Jugendliche bitten um ein Selfie.
Hier, relativ nah an der Grenze zu Syrien und zum Irak, ist Naki mehr als ein gewöhnlicher Fußballprofi. An wenigen Orten trifft das Klischee, wonach Fußball mehr ist als ein Spiel, so sehr zu wie im Südosten der Türkei: Die Kurden, mit etwa 15 Millionen Menschen die größte Minderheit des Landes, betrachten die Spieler Amedspors als Repräsentanten ihres Volkes. Sie verstehen den Verein, der sich seit 1990 in Besitz der Stadt Diyarbakır befindet, als Teil ihrer Geschichte, die geprägt ist von der Suche nach einer kurdischen Identität und dem Ringen um Anerkennung in der Türkei.
Schon der Name Amedspor ist für türkische Nationalisten eine Provokation: Amed ist die kurdische Bezeichnung für Diyarbakır. Das Militärregime hatte 1983 Kurdisch als Sprache verboten. Schon seit den Dreißigerjahren wurden manche kurdischen Orte im Südosten umbenannt. Aus Dersim etwa, der Heimatprovinz von Nakis Eltern, wurde Tunceli.
Recep Tayyip Erdoğan hat nach seinem Amtsantritt als Ministerpräsident vor 13 Jahren das Sprachverbot gelockert. Der Verein aus Diyarbakır tritt seit einem Jahr als Amed Sportif Kulübü an. Die Spieler laufen in Rot-Weiß-Grün auf, den Farben Kurdistans.
Naki braucht vom Trainingsgelände mit dem Taxi 20 Minuten bis ins Stadtzentrum von Diyarbakır. Als er noch in St. Pauli spielte, fuhr Naki in seinem roten Mercedes Cabrio an der linken Fankneipe "Jolly Roger" vorbei und ließ die Reifen quietschen. Selbst die Punks jubelten ihm zu. Heute führt sein Weg vorbei an vergessenen Rohbauten, ausgebrannten Wagen. Soldaten mit Sturmgewehr patrouillieren auf den Straßen, sie fahnden nach mutmaßlichen Terroristen.
Naki ist im Rheinland aufgewachsen. Er kannte die Heimat seiner Eltern nur aus Erzählungen und aus dem Fernsehen, bevor er nach Diyarbakır zog. Er hatte keine Vorstellung davon, wie sehr dort der türkisch-kurdische Konflikt die Menschen zermürbt.
Etwa 40 000 Menschen sind seit Beginn des Terrors der PKK 1984 bei Gefechten zwischen dem türkischen Staat und kurdischen Separatisten ums Leben gekommen. Erdoğan hatte sich als Premier zunächst um eine politische Lösung der Auseinandersetzung bemüht. Er ließ kurdischsprachige Radio- und Fernsehsender zu. Seine Regierung führte Friedensverhandlungen mit der PKK und investierte im Südosten des Landes Milliarden in die Wirtschaft. Den erstmaligen Einzug der prokurdischen Partei HDP ins türkische Parlament im Juni 2015 betrachteten viele Kurden als Aufbruch in eine neue Zeit.
Doch dann vollzog Erdoğan abermals eine Volte: Offenbar sah er seine Macht durch den Erfolg der Kurden bedroht. Er kehrte zur Kriegspolitik der Neunzigerjahre zurück. Die Regierung nahm ein Attentat von Extremisten auf türkische Polizisten im Juli 2015 zum Anlass, die Gespräche mit der PKK abzubrechen. Türkische Kampfjets bombardieren seither beinahe wöchentlich Stellungen der Organisation in den Bergen des Nordirak. Das Militär und die PKK haben den Krieg auch in die kurdischen Städte der Türkei getragen. Nach dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli haben die Repressionen gegen Kurden weiter zugenommen. Erst vergangene Woche ließ die Regierung die beiden Bürgermeister von Diyarbakır festnehmen und durch Zwangsverwalter ersetzen.
Naki läuft durch Sur, die Altstadt von Diyarbakır mit ihren antiken Kirchen und Moscheen, den Straßenmärkten und der Mauer aus schwarzem Basalt. Kinder spielen im Staub. Die Wände der Häuser sind mit Graffiti bemalt: "Nieder mit Erdoğan!", "Freiheit für Kurdistan!".
Im Winter und im Frühjahr hatten sich Kämpfer der YDG-H, der Jugendbewegung der PKK, in Sur verschanzt. Das türkische Militär rückte mit Panzern und Scharfschützen an. Beim monatelangen Häuserkampf wurde ein Großteil der Altstadt zerstört, mehrere Hundert Menschen starben.
Naki zeigt auf Häusergerippe und auf Soldaten, die noch immer einzelne Straßenzüge abriegeln. "Niemand braucht sich zu wundern, wenn die Jugendlichen zu den Guerillas in die Berge gehen", sagt er.
Am Freitagnachmittag versammeln sich die Spieler von Amedspor zum Abschlusstraining vor dem Spiel gegen Keçiörengücü aus Ankara, den Tabellenersten. Die Sonne brennt auch im Spätherbst noch vom Himmel. Der Trainer brüllt gegen den Lärm der Kampfjets an, die aus Diyarbakır nach Syrien und in den Irak starten. Naki trabt leicht gelangweilt über den Rasen, leitet Pässe mit der Hacke weiter, lächelt müde, wenn seinen Mitspielern Fehler bei der Ballannahme unterlaufen.
Naki wurde gemeinsam mit Ron-Robert Zieler und den Bender-Zwillingen U-19-Europameister. Er spielte zusammen mit Jérôme Boateng und Mats Hummels in der deutschen U-21-Nationalmannschaft. In St. Pauli hat er noch immer Heldenstatus, weil er nach einem Auswärtssieg in Rostock eine Vereinsfahne in den Rasen rammte; aber weil er nicht zielstrebig und vielleicht nicht fleißig genug war, konnte sich Naki letztlich nicht durchsetzen.
Nun spielt er in Städten wie Nazilli oder Konya vor ein paar Hundert Zuschauern gegen bessere Amateurmannschaften. Naki sagt, er habe den Wechsel in die Türkei trotzdem nicht bereut: "Ich werde in Diyarbakır mehr gebraucht als in Deutschland."
Nakis Vater, ein kurdischer Kommunist, wurde vom türkischen Militärregime im Gefängnis gefoltert und floh nach seiner Freilassung in den Siebzigerjahren nach Deutschland. "Meine Eltern haben mich gelehrt, nicht zu schweigen, wenn Unrecht geschieht", erzählt Deniz Naki.
Als der "Islamische Staat" vor zwei Jahren die syrisch-kurdische Stadt Kobane belagerte, rief Naki auf Facebook zu Solidarität mit den Kurden auf. Damals spielte er noch für Gençlerbirliği Ankara in der türkischen Süper Lig. Islamisten hätten ihn daraufhin auf der Straße angegriffen, erzählt er. Er löste seinen Vertrag auf, verbrachte einige Monate im Haus seiner Eltern in Düren, bis er vor gut einem Jahr bei Amedspor unterschrieb.
Seither hat er sich immer wieder zur türkischen Politik geäußert. Er kritisiert den Militäreinsatz im Südosten der Türkei, sammelt Spenden für die Opfer; im Herbst vergangenen Jahres reiste er in die Stadt Cizre, die von der türkischen Armee in großen Teilen zerstört worden war. Er traf dort auf Eltern, die ihre tote Tochter wegen der Ausgangssperre nicht begraben konnten und den Leichnam deshalb tagelang in der Gefriertruhe aufbewahrten.
Sein Engagement hat Naki zu einem der bekanntesten Fußballspieler der Türkei gemacht – und zu einem umstrittenen. Im Stadion in Diyarbakır feiern ihn die Fans mit minutenlangen Sprechchören. Bei Auswärtsspielen wird er hingegen als "PKK-Bastard" und "Vaterlandsverräter" beschimpft. Die Staatsanwaltschaft in Diyarbakır wertet Nakis Kritik an der Kurdenpolitik der Regierung als Terrorpropaganda.
Aus allen Teilen der Türkei und aus dem Ausland gehen Solidaritätsbekundungen bei Naki ein. Die Profis des FC St. Pauli trugen vor einem Testspiel gegen Werder Bremen Anfang Oktober T-Shirts mit Nakis ehemaliger Rückennummer 23 und seinem Namen. Zum Prozess am 8. November haben sich Journalisten und Parlamentarier aus Deutschland und der Türkei angekündigt.
Nurullah Edemen, der Präsident von Amedspor, sitzt in seinem Büro im Klubhaus. Hinter ihm an der Wand hängt ein Wimpel mit dem Wappentier des Vereins, dem doppelköpfigen Adler Babyloniens. Amedspor setzt sich bewusst von anderen Mannschaften in der Türkei ab: Entscheidungen werden nicht von einem Patriarchen getroffen, sondern von einem Gremium, dem Männer und Frauen angehören. "Wir sind ein Klub der Außenseiter, der Nonkonformisten, der Demokraten", sagt der Präsident.
Von der Konkurrenz wird Amedspor mit Argwohn verfolgt. Bei Auswärtspartien brüllen die gegnerischen Fans oft 90 Minuten lang Parolen wie: "Die Märtyrer sind unsterblich, das Vaterland ist unteilbar" oder "Allahu akbar". Stadionsprecher und Kommentatoren weigern sich, den Namen Amedspor auch nur zu nennen.
Auch der türkische Verband gängelt den Klub aus Diyarbakır. In der vergangenen Saison musste Amedspor für die politischen Gesänge seiner Anhänger 150 000 Euro Strafe zahlen, ein Viertel des Jahresbudgets. In dieser Saison dürfen die Fans grundsätzlich nicht mehr zu Auswärtsspielen anreisen.
Für die Menschen in Südostanatolien sei das Engagement Nakis deshalb umso wichtiger, glaubt Edemen. "Deniz ist ein Vorbild, ein Botschafter für unseren Verein."
Am Samstag sind die Straßen in Diyarbakır bereits Stunden vor dem Spiel gegen Keçiörengücü von Amedspor-Fans blockiert. Jugendliche, Familien, Frauen mit und ohne Kopftuch. Viele tragen das Amedspor-Trikot mit Nakis Rückennummer 62. Das Stadion, ein Verschlag aus Holz und Wellblech, fasst 2000 Besucher. Aus den Boxen dröhnt Volksmusik. Die Zuschauer auf den Rängen rufen: "Rot! Grün! Rot! Grün!" Und immer wieder: "Deniz! Naki!"
Amedspor dominiert die Partie gegen Ankara. Nahezu jeder Angriff läuft über Naki, der in der Mitte hinter den Stürmern spielt. Naki überbrückt weite Strecken des Feldes mit Dribblings, oft nimmt er es mit mehreren Gegenspielern gleichzeitig auf. In der 17. Minute erzielt er mit einem Fernschuss das 1:0. In der Nachspielzeit erhöht Amedspor auf 2:0.
Naki läuft nach dem Abpfiff in die Fankurve. Gemeinsam mit den Zuschauern skandiert er den Schlachtruf kurdischer Regierungsgegner: "Amed ist überall! Widerstand ist überall!"

Kontakt

Twitter: @Maximilian_Popp
Von Maximilian Popp

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