12.11.2016

GewaltWieso leben Ärzte gefährlich, Herr Arldt?

Thomas Arldt, 57, arbeitet als Intensiv- und Rettungsmediziner. Er ist Ärztlicher Direktor des Diakonissenkrankenhauses in Karlsruhe.
SPIEGEL: Drei Viertel der Ärzte und des Pflegepersonals in Notaufnahmen klagen über randalierende Patienten. Fast jede zweite Klinik berichtet, dass die Übergriffe auf das Personal zunehmen. Woran liegt das?
Arldt: Die Notaufnahmen sind überlastet, weil immer mehr Menschen zu uns kommen, die gar nicht aufnahmewürdig sind. Die haben ein Wehwehchen, wollen nicht auf einen Termin beim Facharzt warten und denken, dass sie in der Notaufnahme ruck, zuck versorgt werden. Wenn sie dann zwei Stunden warten müssen, weil jemand mit einem Polytrauma eingeliefert wurde, rasten sie aus.
SPIEGEL: Was passiert dann?
Arldt: Es fängt mit Beleidigungen an. Die Schwester am Empfang ist eine "Schlampe". Dann folgen Drohungen: "Ich erwische dich, wenn deine Schicht vorbei ist." Es wird gespuckt, gekratzt, geschlagen. Wir hatten im vergangenen Jahr 970 Fälle, in 42 wurden Mitarbeiter verletzt.
SPIEGEL: Wer macht so etwas?
Arldt: Das zieht sich durch alle Schichten, das machen nicht nur Betrunkene oder Junkies. Das macht auch der Geschäftsmann, der am Sonntagnachmittag mit einem Abszess am Fuß reinkommt, den er schon wochenlang mit sich rumschleppt, und der abends zum Flieger muss. Die Leute haben Zeitnot, Termindruck, die können es sich nicht leisten, mal krank zu sein. Die gehen lieber nach Feierabend in die Notaufnahme. Für einen Patienten kriegen wir nur 30 Euro, die Ärzte und Schwestern gehen jeden Tag über ihre Grenzen – zum Dank werden sie angepöbelt.
SPIEGEL: Was tun Sie dagegen?
Arldt: Viele Notaufnahmen leisten sich einen Wachdienst. Wir haben zwei Kollegen zum Deeskalationstraining geschickt. Sie haben gelernt, wie man auf aggressive Patienten zugeht, welche Wortwahl und Körpersprache beruhigend wirkt.
Von Mag

DER SPIEGEL 46/2016
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