12.11.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteGottes Supermarkt

Warum der Vatikan den höchsten Weinkonsum der Welt hat
Es war eine kleine Meldung, aber sie barg ein großes Geheimnis: Nirgendwo wird mehr gesoffen als im Vatikan. Um genau zu sein: Rund 840 Bewohner des 0,44 Quadratkilometer kleinen Kirchenstaats kommen auf einen nahezu doppelt so hohen Pro-Kopf-Weinverbrauch wie ein Durchschnittsitaliener. Nämlich auf sagenhafte 54 Liter im Jahr, was ungefähr 77 Flaschen entspricht oder 13 Kisten. Herausgegeben hatte die Meldung das "Wine Institute" mit Sitz in San Francisco, ein Verbund kalifornischer Weingüter, der Marktforschung auch in Übersee betreibt. Jedes Jahr veröffentlicht das Institut seine Zahlen, und auch in diesem Jahr wieder verbreiteten Nachrichtenseiten sie ungeprüft.
In vino veritas, heißt es in der Amtssprache des Vatikans, aber wie viel Wahrheit steckt hinter dieser Statistik? Anrufe in Kalifornien führen nicht weiter, ein Besuch in den unerklärlichen Weiten des Vatikans hingegen schon.
Man erreicht den Kirchenstaat über das alte Pilgerviertel zwischen Tiber und Petersdom. Borgo Pio, eine Flaniermeile mit Andenkenläden und Bars. Nonnen huschen hier durch, Kardinäle und jede Menge Touristen. Im Borgo backt Angelo, der alte Bäcker des Papstes, noch täglich seine Weißbrotlaibe. Er zeigt auf sein Regal mit Messwein und sagt: "An dem kann's nicht liegen, der ist nach kanonischem Recht gekeltert, ohne Zusatzstoffe", also gar nicht berücksichtigt in der Statistik aus den USA.
Dann steckt ein deutscher Priester seinen Kopf herein, sichtlich beschwingt noch vom Mittagessen. "Wein ist ein Lebensmittel!", ruft er. "Paulus verschrieb ihn sogar als Medizin – gegen schlimmen Magen und andere Krankheiten." Und dann: "Schauen Sie im Supermarkt vorbei, da gibt's den besten – und zwar steuerfrei!"
Den weltlichsten Ort des Vatikans erreicht man über die Porta Sant'Anna, eine kleine Pforte in den vatikanischen Mauern. Zwei Schweizergardisten stehen davor mit strenger Miene und blauer Uniform mit Puffärmeln. Hinein kommt nur, wer eine Tessera hat, den Ausweis der Angestellten des Vatikans. In unserem Fall hat ihn Mario Galgano, Schweizer, ein junger Journalist von Radio Vatikan. Er kennt die Meldung aus Kalifornien, er wundert sich nicht. Denn auch er weiß um das Geheimnis hinter dem offenbar krankhaften Alkoholkonsum im Vatikan. Galgano führt eine Anhöhe hinauf, biegt rechts ab zum Almosenbüro, wo man Segen des Papstes kaufen kann. Dort gegenüber, in einem hellen Sandsteinpalast, liegt der Supermarkt des Vatikans. Hier, sagt Galgano, lüfte sich das Geheimnis. Hier kauften Sekretärinnen, Gärtner, Apotheker, Restauratoren. Und – der Vatikan liege ja schließlich in Italien – "deren Angehörige, la famiglia, logisch".
Im Vatikan shoppt also niemand nur für sich, sondern man kauft für Verwandte und Freunde ein, und zwar in rauen Mengen. Weil die Produkte steuerfrei sind, Duty-free, also um 22 Prozent billiger. Galgano führt durch die Spirituosenabteilung, kistenweise Wein auf Europaletten, Chianti, Soave, sündhaft teurer Amarone. Dahinter Regalmeter voller Bier von Klosterbrüdern aus deutschen Landen: Benediktiner, Augustiner, Paulaner.
An den Kassen hieven jetzt philippinische Nonnen ihren Großeinkauf aufs Band: Pasta, Wurst, Milch von päpstlichen Kühen aus Castel Gandolfo. "Alles kriegt man hier", sagt Galgano, "außer Kondomen." Er selbst hat eine Einkaufsliste dabei, Schweizer Schokolade für sich und für die römischen Freunde: 96-prozentigen Alkohol in schmucklosen Flaschen, damit machen sie Limoncello, Zitronenlikör.
Und das ist noch nicht mal alles: Obwohl Papst Franziskus für eine Kirche der Armen eintritt, beherbergt der Vatikan des Weiteren auch noch eine Edelboutique. Im alten Bahnhofsgebäude werden seit vielen Jahren Rolex-Uhren verkauft, Seidennegligés, Cohiba-Zigarren und Havana-Club-Rum, Duty-free wie der Wein.
Das wäre also der eine Grund für den Rekordwert, menschliche Kaufwut. Dennoch: Auch die Alkoholmenge, die nicht bloß im Vatikan gekauft, sondern von dessen Bewohnern auch getrunken wird, dürfte hoch sein. Dafür sprechen demografische Gründe. Im Vatikan leben vor allem alte Männer ohne Kinder, die die Statistik der anderen Länder verwässern. Einer, der das bezeugen kann, ein lang gedienter Papstberichterstatter, ist zum Gespräch in eine Trattoria außerhalb der Mauern gekommen. Er kostet den fruchtigen Weißwein und plaudert. Am Nebentisch sitzt der neue Papstsprecher, Amerikaner, früher stand er bei Fox News vor der Kamera.
Papst Franziskus bevorzuge Dessertwein, Vin Santo, weiß der Berichterstatter, und er sagt: "Dies ist der Staat mit den meisten Singles und einer Geburtenrate, die gegen null geht. Natürlich wird hier gesoffen." Aus Einsamkeit oder aus Weltschmerz, unter Glaubensbrüdern beim Abendessen. Und dann hebt er das Glas und spricht einen Toast mit einem Satz, den Papst Johannes XXIII. gesagt haben soll: "Männer sind wie Wein. Einige werden zu Essig, die besten mit den Jahren immer besser."
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 46/2016
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