12.11.2016

AnalyseEiertanz vor Rakka

Im Kampf gegen den IS laviert Amerika zwischen Türken und Kurden.
"Die große Schlacht zur Befreiung von Rakka hat begonnen", verkündete eine Sprecherin der "Demokratischen Kräfte Syriens" am Sonntag, bald sollen die Truppen mit dem Kürzel SDF gegen die nach Mossul zweite Hochburg des "Islamischen Staates" (IS) marschieren. Die US-geführte Militärkoalition werde, so die Sprecherin, diesen Angriff aus der Luft unterstützen. Damit aber stellte sie die realen Kräfteverhältnisse auf den Kopf. Denn ohne die amerikanischen Bombardements wäre dieser Feldzug aussichtslos. Doch um den IS zu besiegen, haben sich die Amerikaner in ein Dilemma begeben: Im Kampf gegen die Dschihadisten in Syrien müssen sie zwischen zwei Verbündeten vermitteln, die sich vor allem gegenseitig bekriegen. Da ist die Türkei, Nato-Mitglied, aber geführt vom zusehends diktatorischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der den Bürgerkrieg gegen die kurdische PKK mit aller Brutalität wieder aufgenommen hat. Und da ist die auch nicht demokratischere PKK, die immer neue Ableger gründet. Die SDF sind einer davon, auch wenn Araber mitkämpfen. Ein anderer, zahlenmäßig größerer Ableger sind die YPG ("Volksschutzeinheiten"). Und die wollen einen syrischen Kurdenstaat erobern, inklusive nicht kurdischer Gebiete. Genau das möchte die Türkei um jeden Preis verhindern. Rakka wiederum ist eine arabische Stadt, deren Bewohner eine Befreiung durch Kurden als erneute Besatzung sehen dürften. Washingtons Ignoranz rächt sich nun: Der Krieg gegen den IS ohne eine Gesamtlösung für ganz Syrien führt zu neuen Kämpfen. Und schon Anfang 2014 hatten syrische Rebellen den IS fast ganz aus Rakka vertrieben. Dann jedoch bekamen die Dschihadisten Verstärkung aus dem Irak, das Blatt wendete sich. Aber die Amerikaner schauten tatenlos zu. Damals interessierte sich noch niemand in Washington für den IS.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 46/2016
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