12.11.2016

NACH DER WAHL„Eure Welt stürzt ein“

Frankreich Im April soll ein neuer Präsident gewählt werden. Marine Le Pen setzt auf den Trump-Effekt – können die etablierten Parteien das verhindern?
Die Franzosen betrieben bis zur Wahl Trumps in aller Ruhe ihre politische Nabelschau und kümmerten sich um die Feinheiten des eigenen konservativen Vorwahlkampfs. Im linken politischen Spektrum ging es um die diversen Interviewbücher von und mit Präsident François Hollande. Und als Donald Trump gewählt war, zum allgemeinen Entsetzen, schwang in den Analysen gleich wieder eine ganze Reihe selbstbezüglicher Hintergedanken mit.
Die Fragen in Frankreich lauteten: Kann sich, was in den USA geschah, schon nächstes Jahr im eigenen Land wiederholen? Steht die Pariser Elite nicht ähnlich abgekoppelt da wie jene in Washington? Befördert Trumps Triumph die Chancen von Marine Le Pen auf die französische Präsidentschaft? Und ist der Front National, ganz wie Trumps Anhängerschar, womöglich viel stärker, als es die Umfragen und der Mainstream der Medien wahrhaben wollen?
Der Vizevorsitzende und Kommunikationsstratege des rechtspopulistischen Front, Florian Philippot, ein enger Vertrauter Le Pens und ein rastloser Spieler auf allen digitalen Kanälen, twitterte Mittwochfrüh in schneller Folge Kommentare und Glückwünsche über den Atlantik.
Um 7.24 Uhr setzte er einen Beitrag ab, der im raunenden Ton der Dreißigerjahre verfasst war: "Eure Welt stürzt ein", schrieb er, "unsere ersteht."
Dazu postete er ein schmeichelhaftes Foto seiner Kandidatin, die später selbst mit ähnlichen Spruchweisheiten vor die Mikrofone trat. Am Wahltag in den USA, sagte sie, sei keineswegs "die" Welt, sondern nur "eine" Welt untergegangen. Die des Establishments, sollte das heißen, die der Eliten, die der politischen Mandarine, von denen die Völker überall die Nase voll hätten.
Marine Le Pen und ihre Leute glauben sich also im Aufwind, und sie werden sich gewiss genau anschauen, wie Trumps Erfolg zustande kam. Nur dürften sie dabei vor allem lernen, dass die amerikanischen Zustände auf die französischen nicht ohne Weiteres übertragbar sind.
Marine Le Pen ist, um so zu beginnen, eine Frau und dreifache Mutter und auch sonst in keinerlei Hinsicht ein Donald Trump à la française. Im Vergleich mit dem Amerikaner wirkt sie wie eine wesentlich schlechter gelaunte und dabei viel seriösere Kandidatin, die nicht darauf hoffen kann, allein dank ihres Charmes verloren geglaubte Nichtwähler in großer Zahl mobilisieren zu können. Le Pen ist auch alles andere als eine politikferne Außenseiterin, seit vielen Jahren gehört sie selbst zu den von ihr stets verhöhnten Pariser Machtzirkeln.
Tatsächlich ist sie eine Politikerin alter Schule, die ihre Schlagfertigkeit nicht wie Trump im Reality-Fernsehen trainiert hat, sondern in der klassischen Parteiarbeit des 20. Jahrhunderts, als Zögling ihres Vaters Jean-Marie, der anders als sie eine Figur mit trumpschen Zügen war und ist. Der alte Le Pen hat auch, anders als seine Tochter, Trumps clowneskes Element, wenn er bei Veranstaltungen Soldatenlieder anstimmt oder nach Interviews noch Kusshände an Frauen verteilt.
Mit ihm, dem Patriarchen der Partei, der Auschwitz bekanntlich noch als "Detail der Geschichte" verniedlicht hatte, vollzog Marine Le Pen den offenen Bruch, einen inszenierten Vatermord, der das Signal aussenden sollte, dass die Zeiten der allzu schamlosen politischen Unkorrektheit vorbei seien.
Seither bemüht sich die Tochter, ganz anders als Trump, um Deradikalisierung und politische Unauffälligkeit. Um ihre Wählerbasis zu vergrößern, musste Marine Le Pen den Kurs der einst durchaus rechtsextremen Partei verwässern, statt ihn womöglich noch zu verschärfen.
Als Anti-System-Alternative setzt sie sich trotzdem ständig in Szene, als Anführerin des vergessenen Volks, Bannerträgerin gegen Paris und Brüssel, die Hauptstädte einer von ihr behaupteten Dekadenz. Sie begrüßt also den Brexit, gratuliert Trump als eine der Ersten, und manchmal klingt sie auch wie er, wenn sie wolkig die Rückkehr zu Frankreichs alter Größe beschwört.
Anders als der US-Populist kann sie sich jedoch nicht vollends ins Irrationale versteigen. Frankreich ist trotz ihrer anderslautenden Behauptungen kein sozial und kulturell gespaltenes Land, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass die eine Hälfte der Bevölkerung Darwins Lehren als Teufelszeug verdammte oder den Klimawandel für eine Verschwörungstheorie hielte. Frankreich ist vielmehr eine aufgeklärte, weithin ausgeglichene Gesellschaft, deren Angehörige ein großes Set aus Werten, Bildungsgütern und politischen Idealen teilen.
Der Appell an niedere Instinkte, wie ihn Trump in den USA ausgesandt hat, kann in Frankreich nicht wirklich fruchten. Auch verlangen die Franzosen mehr als nur ein paar Sprüche darüber, das eigene Land wieder irgendwie "großartig" zu machen. Und sie dürften in ihrer überwiegenden Mehrheit weiterhin sehr skeptisch sein, wenn eine Partei wie der Front National die Rückkehr zum französischen Franc als großen Sprung nach vorn verkauft.
Schließlich täuscht auch die Ähnlichkeit zwischen den Machtzentren Paris und Washington. Paris mag im Land draußen hier und da als ungeliebtes fernes Zentrum gelten. Der Vergleich ist aber schief, weil Paris in der US-Logik Washington und New York zusammen entspräche, also nicht nur ein Verwaltungsmoloch ist, sondern auch kulturelle Metropole. Eine regelrechte Abkopplung, mit der sich populistische Politik machen ließe, hat nicht stattgefunden, im Gegenteil: Die Bemühungen um Dezentralisierung haben den Lebensstandard in vielen kleineren Städten verbessert.
Der direkt verwertbare Erkenntnisgewinn aus der US-Wahl ist für den Front National somit eher klein. Trumps Sieg könnte sich für die Rechtspopulisten sogar negativ auswirken, wenn der neue US-Präsident, einmal im Amt, allzu viel Porzellan zerschlägt oder aufgrund seiner Unerfahrenheit Fehler macht, die womöglich bis nach Europa Wellen schlagen.
Den Granden der französischen Sozialisten und der Konservativen ist dagegen ein genaues Studium der US-Wahl zu empfehlen. Zu den wesentlichen Lehren zählt, dass der Versuch, mit einem etablierten, aber unbeliebten Bewerber Siege erzwingen zu wollen, leicht scheitern kann. Diese Parallele drängt sich auf: François Hollande ist der unbeliebteste Präsident seit dem Krieg. Sollte er trotzdem auf die Idee verfallen, erneut zu kandidieren, und sollte seine Partei mitspielen, würde sich das Risiko einer Le-Pen-Protestwahl erhöhen.
Für die Rechte gilt fast das Gleiche: Sie mag Expräsident Nicolas Sarkozy oder Expremierminister Alain Juppé ins Rennen schicken, aber beide wären Bewerber, die zahlreiche der von Populisten gern attackierten Schwächen auf sich vereinen: Bei vielen Wählern unbeliebt, politisch verbraucht, repräsentieren sie geradezu klischeehaft die berüchtigte Kungelkultur des Pariser Politikbetriebs.
Für alle Kandidaten gleich welcher Partei gilt schließlich ein weiterer Befund, der sich aus der US-Wahl, aber auch aus dem Brexit, aus den Präsidentschaftswahlen in Österreich oder den Verhältnissen in Polen oder Ungarn ableiten lässt. Es scheint, als hätten sich im politischen Diskurs und in demokratischen Wahlkämpfen die Maßstäbe verschoben. An die Stelle rationaler Debatten tritt der irrationale Austausch von Gefühlen, ungestützten Meinungen oder lange verschütteten Ressentiments. Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich im Frühling könnten dafür ein weiteres Beispiel liefern.
Einige Politiker sprachen diese Woche bereits über ihre Angst, dass mit Argumenten nicht viel gegen Stimmungen auszurichten sei. Dass jeder Sieg einer gemäßigten Partei nur als das "Weiter so!" eines abgelebten Systems empfunden und deshalb nicht mehr gewünscht werde.
Auf eine solche gewissermaßen revolutionäre Stimmung hofft im Land der Front National.
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 46/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NACH DER WAHL:
„Eure Welt stürzt ein“

  • Webvideos der Woche: Tief gestürzt, weich gelandet
  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Mein Schottland: Zwischen Brexit und Unabhängigkeit