20.09.1999

ALTERNichts für Feiglinge

Im hohen Alter hatte er noch was an der Angel, einen kapitalen Schwertfisch, länger als sein Boot. Santiago, ein kubanischer Fischer, kämpft zwei Tage und zwei Nächte mit der Beute, dann hat er sie an der Bordwand vertäut. Als er den Heimatstrand erreicht, hängt an seinem Boot nur ein Gerippe. Haifische.
"Der alte Mann und das Meer", Ernest Hemingways Meister-Erzählung, wird von dem alten Mann selbst auf eine heroische Formel gebracht: "Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben." Hemingway, seinem Helden nicht gewachsen, gab auf und vernichtete sich selbst. Der alte Mann und das Gewehr.
"Alt werden ist nichts für Feiglinge", sprach Mae West, die Verwegene aus Hollywood. Und ziemlich jeder Schreiber oder Künstler hat sich, einmal in die Jahre gekommen, mit dem Alten Ego herumgeschlagen. Zwei Satiriker, Swift aus Dublin und Nestroy aus Wien, juxten fast wortgleich die ewige Crux: Jeder möchte lange leben, aber keiner will alt werden.
Alt werden jedoch ist, immer noch, das einzige Mittel, um zu hohen Jahren zu kommen - und zu frappierenden Ansichten. Man müsse schon sehr lange leben, sprach Picasso, "um jung zu werden"; er starb, jung bis zum Schluss, mit 91 Jahren. Und Sir John Gielgud, Englands königlicher Schauspieler und 95, gestand: Alt habe er sich vor 50 Jahren gefühlt.
Alter als Belle Époque? Jean Améry diagnostizierte es als "unheilbare Krankheit", mündend in die "unausweichliche Niederlage", den Tod; den gab er sich selbst. Simone de Beauvoir, Mutter aller Feministinnen, sah das Alter als "Gegensatz zum Leben", als seine "Parodie". Trost reicht ihr unser Mann vom Bodensee. "Das ist der Vorteil, wenn man hässlich ist", schreibt Martin Walser: "Das Alter zerstört die Hässlichkeit."
Selbst dem Lustmenschen Casanova blieb im Alter nur die schwarze Kapuze "Melancholie". Gramvoll musste er bereits mit 46 Jahren registrieren, "dass sich das schöne Geschlecht nicht mehr einfach bei meinem Anblick für mich interessiert". Berufsprobleme traten hinzu: Seine "Manneskraft" hatte "schon seit acht Jahren allmählich abgenommen".
Belle Époque oder Bitterkeit: Der Riss ging schon durch die Antike. Euripides: "Fluch dem Alter! Es bringt nur Leid, Schmerz und Tod!" Terenz: "Das Alter selbst ist eine Krankheit." Cicero hingegen hob an zu einem Lob des Alters. Es könne "größte Freude" bedeuten, nämlich dann, wenn der "wissenschaftliche und künstlerische Eifer" so lange währe wie das Leben selbst. Und Arbeit im Garten oder Weinberg runde das Vergnügen.
So lange das Leben währt: Mit 71 Jahren übernahm Michelangelo die Bauleitung des Petersdoms, mit 73 schrieb Kant die "Metaphysik der Sitten", mit 77 Theodor Fontane den "Stechlin", mit 80 vollendete Verdi seine Oper "Falstaff", mit 81 Jahren Goethe seinen "Faust II", mit 95 schloss der Dirigent Stokowski einen Fünfjahres-Vertrag mit einer Plattenfirma; und mit 99 zeugte Abraham, wenn die Bibel doch recht hat, seinen Sohn Isaak.
Lust oder Last, Befreiung oder Bürde: 2000 Jahre nach Cicero nimmt nun der Konstanzer Literaturprofessor Helmut Bachmaier, 52, die römische Botschaft auf. In seiner Akademie Schloss Seeheim am Bodensee, einer Denkfabrik für Senioren, konzipiert er eine neue Wissenschaft: "Kulturgerontologie". Kulturelle Zeugnisse aus Philosophie, Literatur und Kunst sollen die "Lust aufs Alter" wecken, die "Chancen des Alters" demonstrieren.
Und der Retter vom Bodensee kann starke Bataillone ins Feld führen: alte Weise, wie Lessings "Nathan", alte Verzauberer, wie Prospero in Shakespeares "Sturm"; auch Frauen, die eine ganze Stadt korrumpieren (Dürrenmatts "Besuch der alten Dame") oder im hohen Alter mit einem sozialdemokratischen Schuster flirten (Brechts "Unwürdige Greisin"). "Professor Unrat", Heinrich Manns Studie eines Alten, der aus Liebe zum Trottel wird, gehört nicht dazu.
"Alt werden heißt", sprach Goethe, "ein neues Geschäft zu beginnen." Oder einen alten Traum. Mit 74 spitzte Lukas Cranach der Ältere den Pinsel und malte ein Wunschbild: einen "Jungbrunnen", in dem Runzelweiblein zu knackfrischen Beauties mutieren. Und der US-Schriftsteller Scott Fitzgerald löste das Altersproblem radikal: Sein Held, Benjamin Button, kommt als Greis zur Welt und wird jeden Tag jünger.
Auch die Krimi-Queen Agatha Christie fand für ihren Fall eine frappante Lösung. "Je älter ich werde", verkündete sie, "desto interessanter werde ich für meinen Mann." Ihr Mann war Archäologe.
"Was die Zeit dem Menschen an Haar entzieht", verkündete Shakespeare, "das ersetzt sie ihm an Witz." FRITZ RUMLER
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 38/1999
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