20.09.1999

WELTBEVÖLKERUNG„Sex ist schwanger werden“

Die Menschheit wächst auf sechs Milliarden, besonders schnell vermehrt sie sich in Ländern wie den katholischen Philippinen. In Provinzdörfern und den Slums von Manila kämpfen Uno-Projekte für Geburtenkontrolle und gegen die Macht der kirchlichen Tradition. Von Barbara Supp
Sheilas Baby wird überleben, doch, doch, ganz bestimmt. Rot verschrumpelt liegt es in ihrem Arm und atmet schwer, es ist unterernährt, weil gutes Milchpulver teuer ist und Sheilas Brust keine Milch gibt, das Mädchen ist ja erst 15, da kann das passieren. Aber da sitzt sie mit diesem Bündel Mensch auf dem Schoß und lächelt leise, willkommen, Kleiner. Willkommen in Sheilas Welt.
Manchmal kommen Fremde in diese Welt, sehr selten nur. Fremde: Das sind die Leute mit dem entsetzten Blick. Vorsichtig staksen sie durch die engen Gänge zwischen Verschlägen aus Pappe, Plastikfetzen und Abfallholz, in denen man in Sheilas Viertel lebt. Verkrampft stolpern sie über den glitschig schwarzen Boden und halten sich von Wänden fern, und wenn es irgendwo tropft, blinzeln sie erschreckt nach oben, als ob sie fürchten, dass es nicht nur Wasser ist.
Sie schauen auf Sheila Buzon, die auf einem roten Plastikstuhl am Eingang der "Apelo Health Station" sitzt, die summend dem Baby die Moskitos vom Gesicht wischt und sagt, dass sie glücklich sei. Er muss durchkommen, der Kleine, sie hat ihn sich so gewünscht.
Warum dieses Baby, Sheila? Warum noch ein Kind für eure Hütte, warum noch einen Menschen mehr für Apelo, diesen elenden philippinischen Slum?
Weil Sheila 14 war, als sie diesem Jungen begegnet ist. Weil er 15 war und hübsche Augen hatte. Natürlich war es Liebe, warum soll es nicht Liebe sein im Slum? Und wenn man liebt, kriegt man Babys, ist er nicht süß, der Kleine? "Zwei Wochen alt."
Vielleicht wird es hier in Apelo zur Welt kommen, zwischen Abfallhaufen und kränkelnden Mangobäumen, das Kind Nummer 6 000 000 000. Am 12. Oktober, so hat die Uno errechnet, soll es so weit sein: Dann wird die Erdbevölkerung aus sechs Milliarden Menschen bestehen.
Ich bin gegen Geburtenkontrolle", verkündete im Mai dieses Jahres Joseph Estrada, ein ehemaliger Schauspieler, der 1998 zum philippinischen Präsidenten gewählt wurde. "Ich bin ja das achte von zehn Kindern."
"Wir wollen nicht, dass sie hier für Verhütungsmittel wirbt", beschwerte sich Bischof Pedro Quitorio, als im Juni die Popsängerin Geri Halliwell im Auftrag der Uno nach Manila kam. "Wir sind gegen ihre Botschaft."
"Ich bin gegen Vorschriften", sagt Junice Melgar, Ärztin der Gesundheitsstation von Apelo. "Und ich habe es noch nie erlebt, dass ein Kirchenmensch hier etwas Gutes bewirkt."
Die "Apelo Health Station" ist eine Bretterbude, doppelstöckig und so groß wie ein Zeitungskiosk. Sie hat keinen Kühlschrank und kein frisches Wasser, dafür bunte Aufklärungsbilder an den Wänden und eine Liege hinter rotweiß geblümtem Vorhang, das ist der Behandlungsraum. Vom Balkon aus fällt der Blick auf eine Kloake, die früher einmal ein Fluss gewesen ist, auf Wohnhütten für 6000 Menschen und auf ein steinernes Gotteshaus der Gemeinde "Iglesia ni cristo". Das ist Apelo.
An diesem Tag klebt die Hitze am Körper wie zäher Schleim, natürlich stinkt es gärend, und die Fliegen schwirren, das ist normal. Es ist das Revier der Müllmenschen, jener mageren Männer, die auf dem Rücken eine kindskopfgroße Tätowierung tragen: "Jesus is Lord". Sie handeln mit Pappkartons, das bringt pro Kilo anderthalb Pesos, etwas mehr als sieben Pfennig. Es ist die Welt der Wasserverkäuferinnen, der Waschfrauen mit ihren ewig gefüllten Zubern und die der Kinder, überall spielen Kinder in zerfetzten, aber sauberen T-Shirts, sie balgen sich um Wasserflaschen, manche strecken nackte Hungerbäuche in die Luft.
Die Fremden schwitzen und lächeln höflich, sie blicken auf das Elend und reden von dieser Zahl: sechs Milliarden. Sie gehören zum UNFPA, dem Bevölkerungsfonds der Uno, und fördern nichtstaatliche Projekte wie die "Apelo Health Station". Mit Junice Melgar teilen sie die Überzeugung, dass sich in Slums wie Apelo und in Staaten wie den Philippinen entscheidet, ob und wie die Menschheit überlebt.
Im Oktober dieses Jahres werden sechs, um das Jahr 2050 voraussichtlich schon neun Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Mehr als die Hälfte des Wachstums findet in Asien statt, und ganz besonders fruchtbar sind die Philippinen: Jedes Jahr drängen sich 2,3 Prozent Einwohner mehr auf diesen 7107 Inseln im Pazifik. 1980 lebten dort knapp 50 Millionen Menschen, heute sind es schätzungsweise 74,7, im Jahr 2030 werden es 150 Millionen sein - wenn sich nichts ändert.
Und es ist schwierig, in einem Land etwas zu ändern, in dem die Kirche so viel Macht hat wie hier. 85 Prozent der Menschen glauben römisch-katholisch. Die Kirche beeinflusst den Alltag und das Staatswesen, und das heißt: Die Abtreibung ist verboten. So ziemlich jede Verhütungsmethode außer Knaus-Ogino gilt als Sünde. Die Scheidung wird nicht nur von der Kirche untersagt, sondern auch vom Staat.
In Sheilas Welt kommt der Staat nicht vor, weder als jemand, der Ehen schließt, noch als jemand, der Verhütungsmittel empfiehlt. Aber Regeln und Gesetze gibt es schon. Natürlich ist sie kein Flittchen. Sie leben ja jetzt wie Mann und Frau, der Junge mit den hübschen Augen und sie, zusammen mit Sheilas Familie. Sie blickt mit Befremden auf das Befremden der Besucher. Sie werden Geld verdienen, der Junge und sie. Sie werden ein Haus haben. Sheila lächelt. Sie schaukelt ihren Sohn.
Ist es nicht zum Verzweifeln, Doktor? Was sagt man jemandem wie Sheila, diesem Kind mit einem Kind?
Nicht so einfach, das alles. Jedenfalls nicht so einfach, wie sich Junice Melgar das damals dachte, in den siebziger Jahren in Manila an der Universität. Das war die Zeit, als die Elenden in Massen in die Metropole strömten und ihre Pappkartonstädte bauten, so wie in Apelo, wo vorher nur eine Müllhalde war. Es war die Zeit des Diktators Marcos, der 1972 das Kriegsrecht verhängt hatte, jede Opposition blutig niederschlug und sich vor allem damit beschäftigte, das Land auszuplündern. Es war die Zeit Imeldas, die im Glitzerkleid die "Mutter des philippinischen Volkes" gab und mit dafür sorgte, dass die Beute des Marcos-Clans und seiner Kumpane auf etliche Milliarden Dollar wuchs; ihre Beute verteidigt sie eisern bis heute.
Aber es war auch die Zeit von Leuten wie Junice, von Studenten, die Rebellion im Kopf hatten und Träume von einer besseren, sozialeren Republik.
Junice Melgar ist eine stille Gestalt von 42 Jahren, die tuberkulöse Kinderkörper abhorcht und Frauen berät, die befürchten, dass nach dem sechsten Kind noch ein siebtes kommt. Rund 300 Patienten suchen jeden Monat Hilfe in der Station, die auch "Likhaan"-Klinik heißt; das ist Tagalog, die Muttersprache der meisten Filipinos, und heißt "Phantasie". Und die ist bitter nötig. Denn dass vom Präsidentenpalast so etwas wie Fortschritt ausgehen könnte, glaubt kaum jemand im Slum.
Von einem Bretterverschlag in Apelo aus betrachtet, hat sich nicht viel verändert seit 1986, als die "People''s Power" den Diktator Marcos ins Exil verjagte. Cory Aquino kam an die Macht, die Witwe des ermordeten Oppositionspolitikers Benigno Aquino, die viel versprach und wenig hielt. General Ramos folgte, ein Ex-Kompagnon des Marcos-Clans, und versuchte ein paar Reformen, doch auf halbem Weg war Schluss. Bisher hat keine Regierung gewagt, was so viele versprachen: eine echte Landreform. Und keine hat sich getraut, der Kirche zu trotzen mit einer landesweiten Kampagne für Pille und Kondom.
Auf solche Wunder wartet Doktor Melgar nicht mehr. Sie sieht andere Wunder, kleine "wahnwitzige Erfolge": Dass Frauen in Apelo fünf Pesos Beitrag zusammenkratzen, um Mitglied zu werden in der Gesundheitskooperative "Likhaan". Für alles wird bezahlt, Behandlung, Medikamente, und das, sagt Junice Melgar, sei besser so: "Wenn die Leute nichts dafür geben müssten, würden sie glauben, was sie bekommen, sei nichts wert."
Es dauert, bis eine verlegen lachende Frau, die zum ersten Mal den Schritt in die Klinik wagt, zu einem selbstbewussten Wesen wird, das nach der Pille fragt. Vieles steht dem entgegen: Die philippinische Macho-Gesellschaft, die von Männern verlangt, möglichst viele Kinder zu zeugen, Söhne zumal. Die Tradition, die den Filipinas vorschreibt, das in Ordnung zu finden. Der Aberglaube, der schreckliche Dinge prophezeit: Wenn Frauen die Pille nehmen, so wird erzählt, dann verlieren sie die Lust.
Und die Kirche, natürlich. Die sowieso.
Also", sagt Felicidad Villareal, ehemals Nonne, ehemals Untergrundkämpferin, jetzt Staatssekretärin im Sozialministerium, "es gibt viel zu viele Leute, die Angst haben vor der Kirche. Und Angst vor ihrem eigenen Schatten haben sie auch".
Natürlich ist es nicht nur die Kirche. Es ist auch dieses verdammte, korrupte, statische Land, in dem sich nichts ändern will, in dem jedes dritte Kind unter fünf Jahren zu wenig zu essen hat, in dem die Wirtschaft ein bisschen, das Pro-Kopf-Einkommen aber überhaupt nicht wächst, in dem Arme arm bleiben und Reiche reich. Dieses Land, das von den Spaniern, den Amerikanern, den Japanern beherrscht wurde und dann von der eigenen Elite, die in den Kolonisatorenzeiten herangezüchtet worden ist - jene 20 Großgrundbesitzer-Clans, die das Land noch immer im Griff haben und jede Veränderung verhindern, die ihren Status ernsthaft bedroht.
Das alles wissend, aber nicht sagend, betont die Staatssekretärin, dass sie "auf Fortschritte hofft", dass es "schon schlimmer gewesen ist", und sie weiß ja tatsächlich, wovon sie spricht.
Man sitzt in einem dieser feinen Cafés, in einem dieser feinen Hotels im Distrikt Makati, wo Manila Manhattan spielt oder Hongkong. Es empfängt Felicidad Villareal, eine füllige Erscheinung um die 60, die gern redet und lacht, und sie berichtet von einem sehr eigenwilligen Umgang mit Macht. Politik, sagt sie, sei etwas Sonderbares in ihrem Land. Also damals zum Beispiel, es muss 1970 gewesen, sie war noch Ordensschwester und organisierte gerade im Kloster eine Demonstration, da klingelte das Telefon, Imelda war dran, und ...
Imelda?
Nun ja, man kannte sich, die Villareals sind auch so eine wichtige Familie. Wie gesagt, Imelda Marcos rief an, sie wusste nichts von der Demo, sie weinte, sie hatte Sorgen, ihr Mann ging fremd mit dieser Schauspielerin Dovie Beams, die CIA habe das Mädel auf ihn angesetzt, sagte er seiner Frau, und Imelda wiederum ...
Das also ist diese ehemalige Kirchenfrau, die jetzt für Estradas Regierung arbeitet und eigentlich dasselbe will wie die Leute von der UNFPA: "gender power". Das heißt: Macht für die Frauen.
Eine seltsamer Mensch, diese Staatssekretärin, die damals Nonne wurde, weil das gute Leben so langweilig war. Die es bis zur Äbtissin brachte in einem kleinen Orden, bis sie in den blutigen siebziger Jahren die Entdeckung machte, dass die Welt ungerecht war. So kämpfte sie mit Studenten und Bauern, tauchte ab, suchte den Weg zurück in die Gesellschaft und wurde aufgenommen in Gnaden, sie war ja nicht irgendwer, mit dieser Familie. Und weil sie nicht irgendwer war, entschied sie sich für das, was viele in der Familie betrieben: Politik.
Manchen erschien es als Verrat, dass sie für Marcos arbeitete, in der "Commission on Population", weil die, so sagt sie noch heute, "etwas Sinnvolles tat". Kliniken einrichten. Die Pille ausgeben. Imelda persönlich war Schutzherrin des Programms, weil auch der Marcos-Clan begriffen hatte, dass seine "Neue Gesellschaft" an sich selbst ersticken würde, wenn sie weiter so wuchs. Und weil die Uno einsprang, 1969 schon - seit damals ist UNFPA auf den Philippinen aktiv, zusammen mit anderen Geldgebern wurden bisher rund 500 Millionen Dollar für das Bevölkerungsprogramm aufgebracht. Es trug dazu bei, dass die Fruchtbarkeitsrate nicht mehr 6 Kinder pro Frau beträgt wie 1973, sondern 3,62.
Und jetzt? Jetzt hat Villareal einen Präsidenten als Chef, der unkluge Dinge zum Thema Kinderreichtum sagt und der selbst dafür bekannt ist, dass er sich gern vermehrt. Er hat mindestens zehn Kinder mit mindestens vier Frauen und prahlt auch noch damit, "dass viele Frauen stolz wären, mir ein Kind zu gebären".
Immerhin: Der Präsident macht Fortschritte. Jetzt hat die Asian Development Bank erklärt, dass die schlechte Geburtenpolitik eine "ernsthafte Behinderung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung" der Philippinen sei. Seitdem sagt auch Estrada, dass das Bevölkerungswachstum "zu einem Problem wird", und gab bekannt: "Knaus-Ogino funktioniert nicht. Es ist so schwierig, den Trieb zu kontrollieren." Eine Lösung werde gefunden, "mit der Hilfe unserer Kirche".
Aber meint er das ernst, der Schauspieler-Präsident? Die Kirche hat Übung darin, Fortschritte zu blockieren. Und sie ist auf allen Ebenen der Politik präsent.
Im Senat sitzt Francisco Tatad, der dem reaktionären Katholikenclub Opus Dei angehört, und er hat es immer wieder fertig gebracht, staatliche Ausgaben für Familienplanung zu sabotieren. Der Gouverneur der Provinz Laguna, der sich zur Anti-Abtreibungsfront "Pro-Life" bekennt, hat moderne Verhütungsmittel verboten in den Hospitälern, die der Provinzregierung unterstehen. Zwei weitere Gouverneure und der Bürgermeister der City of Manila haben dasselbe getan.
Es gibt den charismatischen Kardinal Sin, der immer für Menschenrechte und immer gegen Verhütungsmittel gekämpft hat, der wie kein anderer Kleriker bestimmt, was eine Regierung sich leisten kann und was nicht. Und noch immer gibt es Priester wie Pater Cornelio Moral, der seinen Gläubigen in den Slums von Manila Keuschheit verschreibt: "Wenn eine Mutter von fünf Kindern mir sagt, sie will Verhütungsmittel benutzen, dann sage ich ihr: Deine Methode sei die Selbstkontrolle, und dein Blick sei gerichtet auf das Leben Christi als Inspiration."
Die Philippinen, schreibt der Schriftsteller Francisco Sionil José, haben "über 300 Jahre im spanischen Konventsmief verbracht und 50 Jahre unter dem Joch Hollywoods gelebt". Spanien hinterließ die Katholikenmoral, Amerika seine Sprache, Fabriken und Kino-Träume, und wer damit aufwächst, kennt viele Arten von Moral, aber bestimmt nicht diejenige, die sich die Popsängerin Geri Halliwell für die Schwestern auf den Philippinen wünscht: die "Selbstbestimmung über den Körper". Für Mädchen wie Ava wirkt sie fremd, diese Idee. Kann man an so was glauben?
Ava Daireen ist 19, schmal und schüchtern und eines der Mädchen, die im "Teenage Health" Center der Stadt Cavite lernen sollen, wie man möglichst lange ohne Schwangerschaft durchs Leben geht. Mädchen in weißen Blusen, schamhaft kichernd allesamt; die Präsidentin der "Stiftung Jugendentwicklung" ist da und fragt ihre Lektionen ab:
"Was macht ihr nicht mit einem Jungen?"
"Mehr als küssen."
"Wo geht ihr nicht allein mit ihm hin?"
"An den Strand. Ins Kino. Zu ihm. Allein ins Zimmer, bei uns."
"Was ist Sex?"
"Sex ist schwanger werden. Unmoralisch sein."
"Richtig. Ihr könnt Händchen halten. Das ist Sex genug für euch."
Wenn ein Mädchen allein mit einem Jungen spazieren geht, wenn der Junge zudringlich wird und das Mädchen schwanger, dann heißt es: Sie hat es so gewollt.
"Was wünschst du dir, Ava?"
"Karate."
Die Sache ist so: Ein Mädchen wie Ava darf nicht allein mit einem Jungen in einem Zimmer sein. Aber jeden Tag arbeiten gehen in der Elektronikfabrik, 185 Pesos verdienen und der Familie abliefern und sehr oft nachts, in der Dunkelheit um elf, nach Hause gehen - das darf sie schon. Nachts hat sie oft Angst. Deshalb Karate.
Wir müssen das Leben verändern", sagt die Staatssekretärin Villareal. "Nicht nur Kleinkram. Sonst wird das nichts. Niemals."
Es genügt eben nicht, Pillen und Spiralen und Präservative zu verteilen. Sicher, es ist schon ein Erfolg, wenn jetzt rund drei Millionen Frauen in Umfragen erklären, sie würden gern weniger Kinder bekommen. Die muss man schleunigst mit Material versorgen, das ist klar. Aber Mädchen wie Ava oder Sheila Buzon sind in vielen Versorgungsprogrammen nicht vorgesehen, aus Angst vor der Kirche. Fast 200 000 Teenagerschwangerschaften werden pro Jahr bekannt, und es sind sicherlich viel mehr. In großen Familien ist so etwas leicht zu verbergen. Da fällt es nicht auf, ob das neue Baby von der Mutter oder von einer der Töchter stammt.
Es wird dauern, bis das Ideal der "selbstbestimmten Fruchtbarkeit" erreicht ist. "Solange sich in der Verteilung von Besitz und Macht nichts ändert", sagt die Staatssekretärin, "wird alles Stückwerk bleiben."
"Geld" heißt das magische Wort. "Income generating project" heißt es auch; ein soziologischer Ansatz, den Villareal aus Erfahrung kennt, seit sie in den frühen achtziger Jahren Entwicklungshelferin in China und Indonesien war. In manchen Dörfern und Vierteln von Manila hat er die Welt auf den Kopf gestellt.
Dort sitzen Frauen plötzlich wichtig in Entscheidungsgruppen herum und kriegen Kredite, erst von UNFPA, dann von echten Banken, die begriffen haben, was auch die Weltbank weiß: Dass Frauen zuverlässiger zurückzahlen als Männer, mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent.
Sie züchten Schweine, trocknen Fische, richten Läden ein oder kaufen Motorradtaxis, im Slum von Apelo beispielsweise. Jetzt fahren die Männer in ihrem Auftrag darin Kunden durch die Stadt. "Das hilft", sagt Doktor Junice Melgar. "Jetzt müssen die Männer netter zu ihnen sein."
Es hilft offenbar wirklich. Es ist langsam und mühsam und der einzige Weg, das Leben dauerhaft zu verändern. "Wer Geld hat", sagt Dolores Porto, neuerdings Fußmattennäherin im Dorf Malvar, "hat Macht." "Wer einen Job hat", sagt Marides Labarientos in San Fabian, 28, ein Kind, "kann es sich nicht leisten, dauernd schwanger zu sein." Wer etwas sparen kann für die Zukunft, muss nicht mehr glauben, dass möglichst viele Kinder die Rettung seien. Sie sind es ja nicht. Und was mit den Überzähligen geschieht, das sind Geschichten, die keiner gern erzählt.
Die haben eine Tochter in Hongkong." Oder in Riad oder Mailand oder in Berlin. Oft hört man das, in armen Regionen wie Mindanao, Cebu oder nördlich von Manila, und es heißt: Sie haben ein bisschen Geld.
Die wichtigste Exportware der Philippinen ist der Mensch. Rund acht Milliarden
* 1994 bei der Verbrennung pornografischer Schriften.
Dollar bringen die 4,2 Millionen "Overseas Workers" ihrem Land jährlich ein, die meisten sind Frauen: Kindermädchen, Krankenschwestern, Huren. In Singapur verdient ein Kindermädchen viermal so viel wie eine diplomierte Biologin in Manila. Das genügt, um die Angst vor Misshandlung zu verdrängen, die seit dem Drama um Sarah Balabagan und Flor Contemplacion öffentlich geworden ist: Sarah, die 1994 in Notwehr ihren arabischen Dienstherrn erstach und nur durch eine weltweite Kampagne vor der Hinrichtung bewahrt wurde. Flor Contemplacion, der dasselbe in Singapur passierte und der niemand half. Sie wurde gehängt.
Wo viele Kinder sind, sind viele Kinder zu viel, und so bleibt nur die Auswanderung für diejenigen, die kleine Geschwister zu ernähren haben, oder für die, die zu Hause niemand will.
Viele stranden schon in Manila. Man findet sie abends, auf dem spärlich erleuchteten Platz bei der Malate Church. Und während die Familien in der Provinz noch glauben oder glauben wollen, die Tochter sei Bedienung bei McDonald''s, verkauft das Mädchen seinen Körper an japanische oder deutsche Touristen oder an Männer aus dem eigenen Land. "Sie gehen erst zur Kirche", sagt Dana, die dort als Zuhälterin verdient. "Dann kommen sie zu uns."
Nachts patrouilliert sie durch das Viertel, vermittelt Freier an Mädchen und scheucht die Kleinen vom Platz, die Zehnjährigen, ab, weg auf den Kinderstrich, die sind hier nicht erwünscht. Sonst kommt womöglich nicht nur die Stadtpolizei, die sich notfalls mit 150 Peso Bestechung zufrieden gibt, sondern die etwas ernsthafter ermittelnde nationale Polizei.
Dana ist auch so ein Exportartikel, ein überzähliges Kind. Fünf Jahre lang sang und hurte sie in einer japanischen Karaoke-Bar, kam zurück zum Straßenstrich und hatte das Anschaffen satt. Jetzt ist sie Mitte 30 und Geschäftsfrau geworden. Zuhälterin, ja sicher, aber noch viel mehr: "Ich bin ein Kaufhaus."
"Macht 200 Pesos", sagt sie und zieht ein Schulheft aus ihrem Rucksack. "Plastikschuhe. Plüschhund. Unterhosen", steht da auf eng beschrifteten Seiten. Dana ist ein Einpersonen-Income-Project, selbst gegründet, selbst finanziert. Sie beschafft Waren aller Art für die Huren, die keine Zeit dazu haben; sie will aussteigen aus dem Zuhälterjob und was Richtiges werden, "Unternehmerin", sagt sie. "Weil das ein Scheißleben ist. Weil ich", sie kramt im Rucksack, "weil ich die da hab", man sieht ein Foto mit vier Kindern, "und ich will nicht, dass die nach Japan gehen. Die werden mal Doktor. Oder reich."
* 1994 bei der Verbrennung pornografischer Schriften.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 38/1999
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