19.11.2016

StimmungenFrüchte des Zorns

„Verschwinde, Nigger!“ – in Donald Trumps Amerika wird Unsagbares wieder sagbar.
Die Entscheidung für Donald Trump war kaum gefallen, da mehrten sich in sozialen und traditionellen Medien in den USA schon die Berichte über Diskriminierungen und Übergriffe: auf Angehörige von Minderheiten, auf Schwarze, Muslime, Latinos, Homosexuelle. Bei den Siegern, so scheint es, ist die Hemmschwelle schnell gesunken, gut möglich, dass der Triumph des Demagogen Trump dem Hass die Türen öffnet. Die, die schon immer fanden, "das wird man ja wohl noch sagen dürfen", haben nun Anlass zu glauben, dass sie wirklich dürfen. Es ist eine Entwicklung, die durch den US-Wahlkampf verstärkt worden sein mag, aber neu ist sie nicht: Anfang der Woche veröffentlichte das FBI einen Report, der eine Zunahme der "hate crimes" schon für das Jahr 2015 nahelegt, angetrieben vor allem durch eine Vielzahl solcher Vergehen gegenüber Muslimen.
Wie erbittert der Kampf geführt wird, welch ungenießbare Früchte des Zorns nun wachsen, zeigt sich auch daran, dass einzelne der Berichte über rassistische Vorfälle sich rasch als Fälschungen erwiesen. Zeigt sich auch daran, dass, laut umgekehrten Nachrichten, auch Trump-Anhänger zu Opfern von Übergriffen und zu Zielscheiben des Hasses wurden; und Fälschungen, "fake hate crimes", gab es auch hier. Wir eröffnen an dieser Stelle ein paar Einblicke in den amerikanischen Diskursraum, wie er sich in den ersten Tagen nach der Trump-Wahl in sozialen und anderen Medien präsentiert, wo Hunderte solcher Nachrichten kursieren. Der SPIEGEL hat diese Meldungen, soweit es möglich ist, auf Authentizität geprüft.
Octavia Thompson, 11. November, 14.11 Uhr, New York, auf Facebook
"Noch NIE in meinem ganzen LEBEN wurde ich so respektlos behandelt. Ich bin gerade auf dem Weg zur Bushaltestelle, um mit dem Bus zur Arbeit zu fahren. Vier oder fünf weiße Kids (wahrscheinlich vom College) überholen mich in einem Truck und rufen mir zu: ,White Power!' und ,Verschwinde, Nigger!' Ich kann kaum in Worte fassen, wie ich mich gerade fühle."
Nachricht von NBC 4 Washington, 14. November
Vor einer Kirche in einem vor allem von Latinos bewohnten Viertel in Silver Spring, Maryland, einem Vorort von Washington, ist eine rassistische Pro-Trump-Botschaft hingeschmiert worden: "Trump Nation Whites Only".
Terri Lynn von Wood, 11. November, 13.47 Uhr, auf Facebook
"Danke, Präsident Trump. Meine Tochter wurde heute sexuell belästigt ... am helllichten Tag ... mit Ihren Worten. Als sie gerade einen Dunkin' Donuts betrat, kam sie an fünf jungen weißen Männern vorbei. Alle Anfang, Mitte zwanzig. Es ist gerade kalt in New York. Deswegen trug sie Jeans, Stiefel, einen langen Pullover, einen Mantel und eine Mütze. Als sie an den Männern vorbeikam, riefen sie: ,Fass ihr an die Pussy!'"
Facebook-Eintrag von Kenny Anderson, 9. November, 23.07 Uhr, Corona, Kalifornien
"Das hier ist wirklich gerade vor 20 Minuten passiert: Nach dem Fußballspiel heute Abend hatte ich Hunger, und der einzige Laden, der offen hatte, war McDonald's. Ich entscheide mich, durch den Drive-in zu fahren. Während ich warte, fährt ein schäbiger Truck neben mein Auto und parkt. Der Fahrer ruft: ,Hey, Junge', also guck ich natürlich genervt rüber, als sei er ein Vollidiot, was soll das auch. Dann sagt er: ,Genau, du. Auf meinen Feldern gibt's Arbeit für dich.' Als ich wegschaue, sagt er WORTWÖRTLICH: ,Bald gehörst du mir!', und einer seiner Freunde ruft: ,Trump 2016!' und hupt dazu laut."
Donnie Jones Jr., 9. November, 15.55 Uhr, Pasco County, Florida, auf Facebook
"Mein Kind läuft mit zwei Mitschülern den Flur der Wesley Chapel High School entlang, und ein weißer männlicher Lehrer fragt sie, was sie vorhaben (es ist Pausenzeit). Jedenfalls sagt der Lehrer zu ihnen: ,Nicht, dass ich noch Donald Trump anrufen muss, damit er euch zurück nach Afrika schickt.' Das hat mich umgehauen. Ich bin mehr als angepisst, habe fast Tränen in den Augen. Politik ist Politik, aber wenn du etwas zu meinem Kind sagst, dann geht's verdammt noch mal rund."
Aus der "Washington Post", 10. November
Schüler einer Mittelschule in Royal Oak, Michigan, einer Vorstadt Detroits, rufen während des Mittagessens: "Baut diese Mauer!"
Nachricht von ABC 7 Chicago, 10. November
An einer Schule in einem Vorort von Chicago wird eine Toilettentür mit "WHITES ONLY" beschmiert.
Tweet von Yarden Katz, 9. November, 14.46 Uhr, Cambridge, Massachusetts
"Mein Brief an die Postbehörde über den Vorfall, den ich heute in Cambridge, Massachusetts, beobachtet habe #Trump: ,Heute, am 9.11.2016, gegen 1.05 Uhr in der Nacht, tankte ein Mitarbeiter der Post an einer Shell-Tankstelle in Cambridge. Der Post-Mitarbeiter, ein weißer Mann mit Bart, schrie einen anderen Mann (mit offenbar hispanischen Wurzeln) an: 'Geh zurück in dein Land! Das hier ist Trump-Land! Du kriegst hier keine Kohle mehr!'"
Nancy Leong, 10. November, 9.07 Uhr, Denver, Colorado, auf Twitter
"Ich war vorhin laufen, und ein Mann rief mir aus seinem Auto zu: ,Baut die Mauer!' Ich nehme an, er sah aus der Ferne eine Frau mit dunklerer Haut und nahm an, ich sei Latina."
Michael Lewis Neal, 10. November, 20.15 Uhr, Bushnell, Florida, auf Facebook
"Heute kam ein Stammkunde in den Laden meiner Familie und rief: ,All ihr Schwarzen solltet abhauen oder in den Pappeln HÄNGEN.'"
Meldung auf NBC 4 Los Angeles, 11. November
Ein Vertretungslehrer in Los Angeles wurde entlassen, nachdem ein Schüler aufgenommen hatte, wie er Sechstklässler mit lateinamerikanischen Wurzeln wegen der Wahl Donald Trumps verhöhnte. Er sagte ihnen, ihre Eltern würden nun deportiert werden.
Mitteilung der University of Michigan, Ann Arbor, Michigan, 12. November
Eine muslimische Studentin wurde in der Nähe der Universität von einem unbekannten Mann aufgefordert, ihren Hijab abzunehmen, andernfalls würde er sie anzünden. Sie kam der Aufforderung nach und entfernte sich.
Ernest Walker, 12. November, 7.42 Uhr, Cedar Hill, Texas, auf Facebook
"Gestern, als ich am Veterans Day im Chili's Grill zum Essen war, kam ein Mann um die siebzig auf mich zu. Er trug ein Trump-Shirt. Er sagte, er sei in Deutschland gewesen, und dort würden Schwarze nicht zum Militärdienst zugelassen. Er ging in den hinteren Teil des Ladens, und dann kam er zurück. Später kam auch der Manager des Ladens dazu. Er informierte mich brüsk, dass einer der Gäste gesagt hätte, ich sei kein richtiger Soldat, weil ich meine Mütze in einem Innenraum auf dem Kopf trug. Andere Gäste hörten zu. Er fragte nach meiner Militärbescheinigung, ich blieb ruhig und gab sie ihm. Ich gab ihm auch meine DD214, meine Entlassungsurkunde. Zu diesem Zeitpunkt hätte er einfach sagen sollen: ,Sorry, Sir. Danke, dass Sie unserem Land gedient haben.' Stattdessen fuhr er fort. An diesem Punkt war ich sehr beleidigt, ich schämte mich und fühlte mich, als sei ich kein Mensch. Ich fing an, die Szene zu filmen. Der Manager schnappte mir das Essen weg und rempelte mich absichtlich an."
Auf Fox 47 News, 10. November
An einer Schule in DeWitt, Michigan, schlossen sich weiße Schüler zu einer menschlichen Mauer zusammen, um einem Latino-Mädchen den Zugang zum Schließfach zu versperren. Sie sagten: "Geh zurück nach Mexiko."
Nichole McGhee, 9. November, 10.47 Uhr, Bloomingdale, Florida, auf Facebook
"Bin heute Morgen um sieben Uhr laufen gewesen. KINDER im Highschool-Alter schrien mich an und sagten mir, ich solle zurück nach Afrika gehen. KINDER, Leute!"
Bericht auf Brooklynpaper.com, 14. November
Eine Frau wird in einem Brooklyner Restaurant im Viertel Boerum Hill von einem Mann ins Gesicht geschlagen, nachdem sie ihre Enttäuschung über Trumps Sieg geäußert hat.
Facebook-Eintrag von Maria Tahmouresie, 10. November, 12.40 Uhr, Palm Desert, Kalifornien
"Ich sitze gerade beim Verkehrsamt und habe etwas Schreckliches miterlebt. Ein älterer weißer Mann fand, dass er nicht mehr in der Schlange stehen wollte. Er schrie laut: ,Ich bin so froh, dass Trump gewählt wurde. Er wird diesem Bullshit hier ein Ende bereiten.' Und dann sagt er noch zu der hispanischen Frau vor ihm: ,Und Sie müssen jetzt verdammt noch mal weg von hier und zurück in Ihr eigenes Land.' Zum Glück hat die Security eingegriffen."
Mehreen Kasana, 9. November, 17.50 Uhr, Brooklyn, New York, auf Twitter
"Ich trage Kopftuch. Heute läuft jemand auf dem Bahnsteig an mir vorbei und sagt: ,Deine Zeit ist abgelaufen, Mädchen.'"
Antwan Legacy Carter, 9. November, 12.20 Uhr, Pittsburgh, Pennsylvania, Facebook
"Ich bin in der Innenstadt, und eine Gruppe weißer Typen glotzt eine Frau in einem Kleid an. Alle steigen in die U-Bahn. Als sie an der Gruppe vorbeiläuft, ruft einer von ihnen: ,Fass ihr an die Pussy!' Einer versucht tatsächlich, sie anzufassen. Die Frau schreit, und die Typen lachen. Amerika glaubt wirklich, dieser Scheiß sei ein Witz." ■

DER SPIEGEL 47/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Stimmungen:
Früchte des Zorns

  • Filmstarts: Kinder mit Kanonen
  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"