19.11.2016

Kolumbien„Wir werden weitermachen“

Die Guerillatruppe Farc und der Präsident wollen Frieden schließen. Doch jetzt hängen beide von einem ihrer größten Gegner ab.
Als Jenny Bermúdez, 26, vor sechs Jahren ihr erstes Kind bekam, verstieß sie gegen eine Regel der Guerilla: Sie rief ihre Mutter an, mit der sie jahrelang nicht gesprochen hatte, weil Familienkontakte als Sicherheitsrisiko galten. Jennys Mutter wusste bis dahin nicht, ob ihre Tochter noch lebte oder gefallen war. Sie wusste nur: Sie war zur Linksguerilla Farc gegangen, irgendwo im Dschungel Kolumbiens.
Jenny Bermúdez redete nicht lange am Telefon, es war zu riskant, sie sagte nur: Mami, ich bin Mutter geworden, nimmst du mein Kind? Tage später übergab sie ihr das Baby, es war gerade 40 Tage alt. Dann ging sie zurück in den Urwald.
Guerilleras dürfen mit ihrem Partner die Hängematte teilen, aber eines sollten sie nicht: schwanger werden. Wenn es doch passiert, raten die Farc zur Abtreibung. Ist es dafür zu spät, muss die Mutter das Neugeborene abgeben. Kinder gelten im Guerillakrieg als Gefahr für die gesamte Truppe, auch weil sie Mütter und Väter im Kampf ablenken.
Sechs Jahre lang hatte Jenny Bermúdez keinen Kontakt zu ihrer Tochter. Bis sie vor einigen Wochen erneut ihre Mutter anrief. "Komm her", sagte sie. "Bring die Kleine mit. Ich muss mich nicht mehr verstecken." Denn die Farc hatten sich entschieden, nach 52 Jahren Bürgerkrieg ihre Waffen niederzulegen.
Ende September schlossen Rebellen und Regierung feierlich Frieden. Doch wenige Tage später folgte die Ernüchterung: Bei einer Volksabstimmung lehnte eine knappe Mehrheit der Wähler das Friedensabkommen ab. Bermúdez verfolgte die Auszählung fassungslos an ihrem Radio. "Wir wollen nicht wieder in den Krieg ziehen", sagt sie.
Das muss sie vielleicht auch nicht: Am vergangenen Wochenende stellte Präsident Juan Manuel Santos ein neues Abkommen vor. Er hatte seine Unterhändler zurück nach Kuba geschickt, wo sie mit den Chefs der Guerilla sprachen. Dutzende Änderungen sollen nun alle Kritiker zufriedenstellen. Der neue Vertrag verpflichtet die Guerilla zum Beispiel, mehr Geld für die Entschädigung ihrer Opfer bereitzuhalten.
Doch in einem Punkt machten die Verhandler keine Zugeständnisse an die Gegner des Friedensvertrags: Den Farc sollen bis 2026 je fünf Sitze in beiden Kammern des Parlaments garantiert werden, außerdem sollen sie kandidieren dürfen. "Wir kämpfen seit unserer Gründung vor 52 Jahren für politische Ideale", sagt Farc-Kommandeur Carlos Antonio Losada, Chef des "Bloque Oriental", der größten Kampfeinheit der Farc, dem SPIEGEL. "Das ist nicht verhandelbar."
Ausgerechnet diesen Punkt hatten die Gegner des Abkommens besonders kritisiert. "Mörder und Drogenhändler dürfen keinen Zugang zum Kongress erhalten", erklärte Álvaro Uribe, Wortführer der "No"-Fraktion.
Der rechtsgerichtete Expräsident ist seit der Volksabstimmung noch beliebter als zuvor. Seine Mitstreiter haben bereits durchblicken lassen, dass sie mit mehreren Punkten des neuen Vertrags nicht einverstanden sind. Jetzt steht Präsident Santos vor einem Dilemma: Lässt er seine Landsleute wieder abstimmen und riskiert damit noch ein Fiasko? Oder legt er den Vertrag nur dem Kongress vor, wo ihm eine Mehrheit sicher ist? Allerdings nähme er damit in Kauf, dass seine Gegner dem Vertrag die Legitimität absprechen können.
Der Wahlsieg Donald Trumps in den USA ist ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor: Präsident Barack Obama hatte 450 Millionen US-Dollar Hilfsgelder zugesagt; das Geld ist für die Reintegration der Rebellen, eine Landreform und andere Unterstützungsmaßnahmen vorgesehen. Die Trump-Leute stehen jedoch den Gegnern des Friedensabkommens nahe. Wenn Trump Santos die Unterstützung verweigert, kann der Friedensprozess an der Finanzierung scheitern.
Rebellin Bermúdez hat ihre olivgrüne Kampfuniform bereits ausgezogen, die Kalaschnikow hängt über ihrer Pritsche im Wald an einem Baum. Die junge Frau trägt eine weiße Bluse, sie ist frisch frisiert. Fast die Hälfte der noch knapp 7000 Farc-Guerilleros sind Frauen. Sie haben gekämpft wie die Männer, viele sind gefallen.
Bermúdez war 14, als sie sich der Guerilla anschloss, nachdem Soldaten einen Cousin erschossen hatten. Jetzt wartet sie in El Diamante, einer kleinen Siedlung in den Savannen des kolumbianischen Südostens, auf den Frieden. Hinter ihr rühren Frauen in Blechtöpfen Reis und Bohnen an. In den Wäldern in der Nähe kampieren Hunderte Guerilleros.
El Diamante ist in diesen Tagen die Hauptstadt der Farc. Auf einer Ebene nahebei haben die Rebellen ein riesiges Lager errichtet. Für die Chefs wurden Holzhäuser gebaut, daneben parken schwere Geländewagen. Es gibt Toiletten und Duschen, über eine WLAN-Antenne können die Kämpfer ins Internet. Der gesamte "Bloque Oriental" ist in El Diamante versammelt.
In den Achtzigerjahren hatte die Guerilla das fruchtbare Gebiet einem Drogenhändler abgejagt, seither ist sie hier ständig präsent. Vor fast 15 Jahren entführte eine Farc-Patrouille in dieser Region die Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt und ihre Begleiterin Clara Rojas, die beiden wollten Wahlkampf machen. Das spektakuläre Kidnapping war der Anfang vom Ende der Guerilla, sie verspielte damit ihre letzten Sympathien. "Die Entführungen waren ein schwerer politischer Irrtum", bekennt Guerilla-Kommandeur Losada.
Präsident Santos' Vorgänger Álvaro Uribe machte den Kampf gegen die Farc zur obersten Priorität. Mithilfe amerikanischer Aufklärungstechnik stöberte er ihre Verstecke auf und ließ sie bombardieren. Als Uribe nach acht Jahren abtrat, hatte er den Farc militärisch so sehr zugesetzt, dass ihre Kapitulation nur eine Frage der Zeit schien. Sein Schützling Santos sollte sein Werk vollenden und die Guerilla zur Aufgabe zwingen. Stattdessen bot er Friedensgespräche an – wofür er Anfang Dezember den Friedensnobelpreis bekommen soll.
In El Diamante schworen die Guerilleros vor zwei Monaten dem bewaffneten Kampf ab. Doch das Fiasko bei der folgenden Volksabstimmung hat sie aufgerüttelt, sie sind nun zu einer PR-Gegenoffensive übergegangen und laden zu Friedenswachen in ihre Camps ein.
An diesem Abend etwa rollt ein Konvoi mit Kirchenleuten ins Lager. Ein katholischer Bischof ist gekommen, er hat einen evangelikalen Prediger und einen Vertreter der orthodoxen Kirche dabei. Unter dem klaren Sternenhimmel formieren sich Kämpfer und Priester zu einer Lichterkette, sie bilden ein großes Herz. Über ihnen surrt eine Drohne – eine Propagandaeinheit der Guerilla filmt das Geschehen. Wenige Stunden später leuchtet das Friedensherz auf der Website der Farc.
"Wir müssen unsere Selbstdarstellung verbessern", sagt Comandante Losada, er sitzt im Hof eines nahen Farmhauses, das er zu seinem Hauptquartier umfunktioniert hat. Vor ihm auf dem Tisch thront eine Büste des verstorbenen Farc-Gründers Manuel Marulanda alias Tirofijo, "Sicherer Schuss".
Der kahlköpfige Losada ist seit über 30 Jahren bei der Guerilla. "Wir werden mit dem Friedensprozess so weitermachen, wie er im Abkommen festgelegt ist, egal, was passiert", sagt er. "Die kolumbianische Gesellschaft will Frieden."
Wäre er bereit, auch ins Gefängnis zu gehen, wie Expräsident Uribe fordert? "Der Hauptverantwortliche für den Konflikt ist der kolumbianische Staat", sagt Losada. "Das Abkommen behandelt alle Konfliktparteien gleich. Die Unternehmer, der Präsident, die gesamte wirtschaftliche und politische Elite tragen ebenfalls Verantwortung." Im Kampf für den Frieden hofft Losada auf ungewöhnliche Verbündete: Ausgerechnet ihre Opfer sollen den Rebellen helfen. "Wir bitten sie um Vergebung und Versöhnung", sagt der Guerilla-Boss. "Auf dieser Basis lässt sich Gerechtigkeit erreichen."
Die Farc haben sich verpflichtet, sämtliche Informationen über die Morde und Massaker der vergangenen Jahrzehnte offenzulegen. Einen Großteil ihres Vermögens will die Guerilla für Entschädigungen verwenden.
Diese Strategie scheint aufzugehen: Überall im Land demonstrieren jetzt Angehörige der Opfer für den Frieden. Sie verschicken Solidaritätsaufrufe via WhatsApp oder beten gemeinsam mit den Guerilleros.
Rodolfo Oviedo will für den Frieden quer durch das Land radeln. Der große Mann kampiert seit sechs Wochen in einem Zeltdorf auf dem Hauptplatz im Zentrum der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Einst besaß Oviedo eine Kaffeefarm im Guerillagebiet. "Die Farc wollten zwei meiner Söhne rekrutieren, aber ich habe mich geweigert."
Eines Morgens stürmte ein Rebellenkommando daraufhin seinen Bauernhof, Oviedo saß mit seiner Familie gerade beim Frühstück. Die Angreifer erschossen seine beiden Söhne und seine Frau, er selbst überlebte schwer verletzt. "Als ich nach Bogotá kam, dachte ich nur an Rache", erzählt er.
Im Camp auf der Plaza de Bolívar traf er Leidensgenossen, sie sprachen sich aus – und bald schmiedete Oviedo wieder Pläne für die Zukunft. Freunde haben dem schwerbehinderten Mann jetzt ein Spezialfahrrad gebastelt; damit will er zu einer Friedenskundgebung ins Guerillacamp nach El Diamante radeln. "Ich habe den Rebellen vergeben", sagt er. "Sie verdienen eine zweite Chance."
Darauf hofft Jenny Bermúdez, die Guerillera. Sie will Medizin studieren, wenn der Krieg vorbei ist. Ihre mittlerweile sechsjährige Tochter hat sie vor wenigen Wochen zum ersten Mal wiedergesehen, als ihre Mutter sie im Camp besuchte.
Auch ihre Mitkämpferinnen würden sich auf den Frieden freuen, sagt sie. Und in den vergangenen Monaten seien so viele Guerilleras schwanger geworden wie nie zuvor. "Die Farc mussten im Urwald eine eigene Geburtsstation einrichten."
Mail: jens.gluesing@spiegel.de
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 47/2016
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