19.11.2016

KarrierenDas Herz ist das Ziel

Die weltberühmte Performance-Künstlerin Marina Abramović hat ihre Autobiografie geschrieben. Ihre Radikalität bestimmte auch ihr privates Leben. Von Claudia Voigt
Als Marina Abramović ein Mädchen war, so erzählt sie es in ihrer Autobiografie, interessierte sie sich nicht für Puppen. Lieber spielte sie mit den Schatten, die vorbeifahrende Autos auf die Wände der weitläufigen Altbauwohnung in Belgrad warfen. Oder mit Staubpartikeln, die in den hereinfallenden Sonnenstrahlen tanzten. Das Mädchen Marina stellte sich vor, es wären kleine Planeten. Wenn ihre Mutter, die sie oft schlug und hart bestrafte und die wie der Vater mit einer Waffe neben dem Bett schlief, wenn diese Mutter sie in den Schrank sperrte, fand Marina Abramović dort eine Welt von Geistern, die sie trösteten.
Eine Autobiografie ist eine besondere Form der Erzählung, sie bietet Raum, das eigene Leben so darzustellen, wie man es betrachtet haben möchte. Doch zwischen den Seiten breitet sich immer auch Unbewusstes aus, das vom Erzählfluss an die Oberfläche gespült wird. Abramović' Autobiografie ist anzumerken, dass ihr eine mündliche Erzählung zugrunde liegt, der Ton ist manchmal schroff, einzelne Episoden kommen unvermittelt ans Ende, doch gleichzeitig entwickelt der Text einen Sog.
Eine Autobiografie ist auch eine Ermächtigung, so ein Buch signalisiert, ich bin wichtig, so wichtig und interessant, dass mein Leben erzählt werden sollte. Dabei kann es schon mal passieren, dass die eigene kindliche Kreativität reichlich prätentiös dargestellt wird. Es gibt nicht viele Frauen in der Kunstwelt, die ihre Autobiografie geschrieben haben. Dass Marina Abramović sich aus Anlass ihres 70. Geburtstags dieses Geschenk macht, ist nicht verwunderlich.
Abramović nimmt sich selbst wichtig, und sie verfügt über einen eisernen Willen. Ihre Karriere als Performance-Künstlerin gründet auch darauf, dass sie jede ihrer Performances, für die sie oft unbeschreibliche körperliche Schmerzen auf sich nahm, stets bis zum Ende durchführte.
In rücksichtsloser Weise interessierte sich Abramović, das wird in ihrer Autobiografie "Durch Mauern gehen" überdeutlich, über viele Jahrzehnte nur für ihre Kunst(**). Außer dem Kosovokrieg, der sie autobiografisch betraf, erwähnt sie auf den vielen Seiten nicht ein einziges politisches Ereignis, andere Menschen nimmt sie nur in Bezug auf sich selbst wahr. Das ist vielleicht nicht sympathisch, aber es ist selten, und es ist bemerkenswert, dass eine Frau, die 1946 geboren wurde und eine für ihre Generation charakteristische enge Jugend verlebte, ein so kompromissloses Leben führt.
Ihre Mutter spielt dabei eine wesentliche Rolle. Sie war eine höhere Tochter, die in der Schweiz studiert hatte. Aus Begeisterung für den Kommunismus schloss sie sich im Zweiten Weltkrieg den Partisanen an und kämpfte gegen die Nazis. Nach dem Krieg leitete sie in Belgrad das Amt für Denkmalpflege, später wurde sie Direktorin des Revolutionsmuseums und Vertreterin Jugoslawiens bei der Unesco.
Es ist wenig Mütterliches an ihr, so wie Abramović sie beschreibt, sie ist strafend, streng, über die Maßen reinlich und ohne Zärtlichkeit. Einmal, da ist Abramović schon eine namhafte Künstlerin, bringt sie ihrer Mutter bei einem Besuch in Belgrad einen großen Rosenstrauß mit. Die Mutter nimmt die Rosen, legt sie zwischen Zeitungspapier und stapelt schwere Bücher darauf. "Ich war schockiert. ,Warum hast du das getan?', fragte ich. ,Das musste ich tun', sagte sie. 'Kannst du dir vorstellen, wie viele Bakterien sich ausbreiten würden, wenn ich sie in Wasser stelle?'"
Obwohl Abramović in lebenslanger Opposition zu dieser Frau lebt, offenbart ihre Biografie, wie sehr sie von ihr geprägt wurde. Beide verband die Liebe zur Kunst. "Die einzige Freiheit, die mir zugestanden wurde, war die Freiheit des Ausdrucks. Für die Malerei war immer Geld da, aber nicht für Kleider. Nicht für das, was ich mir als heranwachsendes Mädchen wirklich wünschte." Als Abramović sich mit 17 um die Aufnahme an der Kunstakademie bemühte, hätte ein Anruf ihrer Mutter genügt, um ihr den Platz zu verschaffen. Doch diese Schmach wollte sie sich ersparen. Stattdessen bemühte sie sich, die Beste zu sein. Fast bis zu ihrem 30. Geburtstag wohnte sie zu Hause und hielt sich an die strengen Regeln ihrer Mutter.
Sie hatte da schon einen Ruf als "verwegene Frau", wie sie selbst schreibt. Sie entwickelte theatralische Performances – eher aus der Intuition als aus dem Intellekt –, in denen sie ihren Körper vorbehaltlos einsetzte. In einer Galerie in Neapel hatte sie "Rhythm 0" aufgeführt, eine bis heute legendäre Arbeit. Abramović hatte dafür 72 Gegenstände auf einem Tisch ausgebreitet – eine Nadel, eine Feder, eine Rose, ein Glas Honig, eine Säge, eine Pistole, ein Flakon Parfum und vieles mehr – sechs Stunden lang konnten die Besucher der Galerie mit der Künstlerin und mit diesen Gegenständen anstellen, was sie wollten. "Ich begriff, dass das Publikum einen töten kann", schreibt Abramović. Nach dieser Grenzerforschung kehrte die damals 28-Jährige nach Belgrad zurück und kam jeden Abend pünktlich um zehn Uhr nach Hause, so wie ihre Mutter es verlangte.
Indirekt wirft das Buch die Frage auf, ob diese Einschränkungen und Zumutungen notwendig waren, damit eine Künstlerin wie Abramović jene Persönlichkeit entwickeln konnte, mit der sie sich in einer männlich dominierten Kunstwelt durchsetzte. Das ist aus heutiger Sicht ein überholter Standpunkt, doch im Fall von Abramović trifft er wohl zu. Sich von ihrer Mutter, von Belgrad und von der zweidimensionalen Kunst zu befreien war ein wesentlicher Antrieb für sie. Sie beschreibt sich selbst als halsstarrig und kühn. Eigenschaften, die sie in ihrer Kindheit und Jugend schulte und die ihre Arbeit beflügelten.
Die schönsten Passagen verdankt das Buch Abramović' Jahren mit dem deutschen Künstler Ulay. Sie lernte ihn im Dezember 1975 kennen und verliebte sich Hals über Kopf, zehn Tage lang, schreibt sie, hätten sie das Bett nicht verlassen. Mehr als zwölf Jahre verbringen sie zusammen, ihre Leben und ihre Arbeit sind in dieser Zeit eng und leidenschaftlich miteinander verwoben. Sie entwickeln berühmt gewordene Performances, etwa jene, die "Rest Energy" heißt, in der beide einen Bogen halten, dessen Sehne von ihm gespannt wird und dessen Pfeil auf ihr Herz gerichtet ist. Sie leben in einem Citroën-Bus und fahren damit um die Welt, sie verbringen Monate bei den Aborigines in Australien und reisen nach Bodhgaya in Indien, um einen Sufi-Meister zu treffen.
Doch mit den Jahren wachsen die Spannungen, Abramović geht die Arbeit über alles, sie ist nicht bereit, eine gemeinsame Performance zu unterbrechen, obwohl die körperlichen Schmerzen Ulay und ihr Zustände nahe der Bewusstlosigkeit einbringen. Für die Performance "Gold Found by the Artists" planen sie, einander acht Stunden lang an einem Tisch gegenüberzusitzen und sich anzuschauen, an 16 Tagen hintereinander. "Ulay dachte, wenn er mitten in einer Performance aufstand, würde ich auch aufstehen – was ich nicht getan habe. Ich dachte lediglich, dass er eben an seine Grenzen gestoßen war, ich jedoch nicht. Für mich war diese Performance heilig, meine künstlerische Arbeit war wichtiger als alles andere."
Als sich beide 1988 schließlich trennen, erwacht ein Gefühl aus Abramović' Kindheit wieder, das sie als ihr Lebensthema bezeichnet: es allein zu schaffen. Überleben. Niemanden brauchen.
Und tatsächlich gelingt Abramović in den darauffolgenden Jahren der große internationale Erfolg. Der Gipfel ist eine Werkschau im MoMA 2010, für die sie auch eine neue Arbeit entwickelt: Zweieinhalb Monate lang, sechs Tage die Woche, mindestens sieben Stunden täglich sitzt sie auf einem Stuhl in dem Museum, die Ausstellungsbesucher können ihr gegenüber Platz nehmen. Jeden Einzelnen schaut sie stumm, regungslos und voller Konzentration an.
Am Abend des ersten Ausstellungstags, Abramović trägt ein tiefrotes, bodenlanges Kleid, betritt Ulay den Raum und setzt sich ihr gegenüber. Es gibt ein Video davon. Blicke, Tränen, dann geschieht das Undenkbare: Abramović durchbricht ihr eigenes Performance-Konzept, sie streckt die Arme aus und nimmt Ulays Hände.
Abramović' künstlerische Themen waren von Anfang an Schmerz, Einsamkeit, Grenzüberschreitung, und doch ist es bemerkenswert, mit welcher Offenheit sie in ihrer Autobiografie davon erzählt. Sie fühlte sich wiederholte Male in ihrem Leben verlassen, zu dick, nach ihrem 60. Geburtstag kam die Angst, alt zu sein, hinzu. Sie sorgte sich auch, ob sie weiterhin leidenschaftliche Affären haben würde. Themen, die aus weiblicher Sicht noch immer ein Tabu sind – vor allem für berühmte und erfolgreiche Frauen.
Dreimal hat Abramović – auch das berichtet sie unumwunden – eine Abtreibung gehabt. Als Ulay sie nach dem Tod seiner Mutter bat, ein Kind mit ihm zu bekommen, hat sie diesen Wunsch zurückgewiesen. "Ich weigerte mich, und zwar aus demselben Grund wie beim ersten Mal: Ich war mit Leib und Seele Künstlerin und würde es immer sein. Ein Kind wäre mir nur eine Last." Diese Überzeugung, dass Kunst und Kinder nicht vereinbar sind, hat sie gerade wieder in einem Interview vertreten und ist von jüngeren Künstlerinnen dafür scharf kritisiert worden.
Doch in ihrem Buch findet sich auch ein anderer Moment: Jahre nach der Trennung von Ulay findet sie noch einmal eine große Liebe. Als der Mann ihr einen Heiratsantrag macht, wünscht sich Abramović, sie wäre jung genug, um ein Kind mit ihm zu bekommen.
Wie wenig konsistent die eigenen Wünsche über die Jahrzehnte sind, zeigt sich hier. Und dass Standpunkte den Nachteil haben können, das eigene Leben zu überschatten. Sie besitzt die Größe, diese Episoden im letzten Drittel ihrer Biografie preiszugeben, gleichzeitig genießt sie ihren Ruhm und ist fast rührend stolz darauf, ein Teil der New Yorker Künstler- und Intellektuellenszene zu sein. Die Tochter jugoslawischer Partisaneneltern hat die radikale Autarkie ihrer frühen Jahre endgültig hinter sich gelassen, sie schätzt den Luxus von Haute-Couture-Mode und sucht die Arbeit im Team. Es bleibt am Ende unklar, wie sehr es Abramović' Absicht war, ihre Ambivalenzen aufzublättern. Doch diese machen ihre Autobiografie erst wirklich interessant. ■
* Kunstaktion "The Family A" mit einem Mädchen aus Laos.
** Marina Abramović (mit James Kaplan): "Durch Mauern gehen". Aus dem Englischen von Charlotte Breuer, Norbert Möllemann. Luchterhand; 480 Seiten; 28 Euro.

Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 47/2016
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