26.11.2016

Italien„Der kann mich mal“

Premier Matteo Renzi droht beim Verfassungsreferendum am 4. Dezember eine Pleite. Bei Wählern wie EU-Partnern hat er an Rückhalt verloren. Das Land steht vor unruhigen Zeiten, an den Finanzmärkten herrscht Alarmstimmung.
Die Fotomontage auf der Bühne hinter dem Regierungschef erinnert an ein Fahndungsplakat: Zu sehen sind da sieben düster dreinblickende, teils hochbetagte Signori. Der erste Eindruck: Mafiapaten.
Italiens Premier Matteo Renzi setzt die Aufnahmen ein, um zu zeigen, wer seine Widersacher sind. Er wettert, spätabends auf dem Messegelände in Bari, über jene Fortschrittsverweigerer, die am 4. Dezember gegen seine geplante Reform der Verfassung stimmen wollen. Allen voran die sieben Alten: vier ehemalige Regierungschefs, dazu ein früherer Verfassungsgerichtspräsident, ein Minister a. D. und der Anführer der stärksten Oppositionspartei.
Für ihr Nein beim anstehenden Referendum zur Reform haben die prominenten Rebellen unterschiedliche Gründe. Im Urteil aber sind sie sich einig: Die neue, als Grundlage für einen schlankeren Staat gepriesene Verfassung würde Italiens demokratisches Fundament beschädigen.
Dass Renzi seine Kritiker öffentlich an den Pranger stellt, verrät Nervosität. Umfragen zufolge liegen die Reformgegner vorn. Immer eindringlicher beschwört der Regierungschef deshalb die "schweigende Mehrheit" im Land: Laut Wahlzettel gehe es bei diesem Referendum zwar nur um Ja oder Nein – in Wahrheit aber, sagt Renzi, gehe es "um jetzt oder nie". Die Chance zur Weichenstellung für eine bessere Zukunft Italiens, nach jahrzehntelangem Stillstand, komme so schnell nicht wieder.
Verliert er die Abstimmung, will der Premier zurücktreten. Ohne Not hat er die Verfassungsreform schon im Januar zur "Mutter aller Schlachten" erklärt und sein politisches Schicksal damit verbunden. Ein Akt der Hybris, mit dem Renzi das Referendum in eine Volksbefragung über sich und seine Amtsführung verwandelte. Wer Italiens Premier loswerden will, muss nun nur noch gegen die neue Verfassung stimmen.
Ein Sturz der Regierung träfe den hoch verschuldeten EU-Kernstaat Italien in einem denkbar heiklen Moment. Die Zentralbank in Rom registriert schon jetzt einen "starken Anstieg der Verunsicherung" auf den Finanzmärkten. Der Risikoaufschlag bei den Zinsen, den Italien seinen Kreditgebern im Vergleich zu Deutschland bieten muss, hat sich seit Jahresbeginn verdoppelt – die Investoren trauen Italien immer weniger. Ökonomen wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und der Deutsche Hans-Werner Sinn spekulieren bereits über einen Austritt des Landes aus der Eurozone.
Renzi, der 41 Jahre junge, proeuropäische Regierungschef in Rom, galt bisher als Garant dafür, dass es dazu nicht kommt. Was aber wird, wenn er stürzt? Eine Volksabstimmung über den Abschied vom Euro könnte folgen. Durch ein Ausscheiden Italiens, der drittgrößten Volkswirtschaft im Währungsverbund, wäre nicht nur der Euro todgeweiht, sondern im Extremfall auch die Europäische Union als Ganzes.
Diese Dominotheorie dient dem Premier und seinen Getreuen, flankiert von der "Financial Times", als Drohkulisse. Seitdem die vom Exkomiker Beppe Grillo angeführte, EU-kritische und populistische Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) in Umfragen fast zur Renzi-Partei aufgeschlossen hat, streut der rhetorisch begabte Regierungschef seine Botschaft subtil unters Volk: Wählt mich oder die Sintflut.
Mit seinem Auftritt spätabends in Bari, wo er "die Wende für die kommenden Jahre" beschwört, endet für Renzi der 1000. Tag im Amt des Ministerpräsidenten. Mittags bereits speiste er mit Obama und Merkel in Berlin, später schilderte er in Rom vor versammelter Presse die Errungenschaften seiner Amtszeit – um danach noch einen Live-Auftritt im Fernsehen einzustreuen und zwei Stunden vor Mitternacht die Bühne in der apulischen Hafenstadt Bari zu erobern.
Hohe Schlagzahl, aber nur dürftiger Ertrag: Beim Lunch in Berlin wurde der aufsässige Italiener in größtmöglicher Entfernung zur Kanzlerin platziert; vor Journalisten in Rom protzte er, sein Land wolle "nicht enden wie Griechenland, sondern besser werden als Deutschland"; und beim abendlichen Auftritt in Bari musste er zur Kenntnis nehmen, dass sogar sein wichtigster Parteifreund vor Ort zum Gegner übergelaufen war – der Regionalpräsident Apuliens zog eine Veranstaltung der Reformkritiker vor.
Renzi durchlebt, im Vorfeld des Referendums, die schwerste Krise seiner Amtszeit. Als Regierungschef und Vorsitzender des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) hat er sich verstrickt in einen kräftezehrenden Krieg an drei Fronten: gegen maßgebliche Instanzen der Europäischen Union; gegen große Teile der italienischen Opposition; und gegen den linken Flügel seiner eigenen Partei.
Von "Bunkerstimmung" im Lager Renzis und seiner "fedelissimi", seiner Getreuen, spricht ein PD-Senator. Tatsächlich scheint aus dem jungenhaft dynamischen Matteo, der 2014 mit einem Palastmanöver seinen Vorgänger aus dem Amt rempelte und europaweit als hemdsärmliger Macher begrüßt wurde, ein rastloser und Ratschlägen wenig zugänglicher Politberserker geworden zu sein. Einer, der sich zunehmend abschottet, weil er der Meinung ist, dass seine Erfolge nicht gewürdigt werden.
Die Regierung Renzi hat eine monatliche Hilfe von 80 Euro für Geringverdiener eingeführt, sie hat den Arbeitsmarkt liberalisiert und Hunderttausende neuer, zum Teil allerdings befristeter Stellen geschaffen. Sie rückt dem trägen Justizsystem zu Leibe – und sie hat Italiens sieben Jahre währenden Niedergang beendet; die Wirtschaft wächst wieder, wenn auch nur in mikroskopischem Maßstab.
Warum also ist die Stimmung gegen den Premier gekippt bis hin zu dem Punkt, dass eine Mehrheit der Italiener inzwischen bereit scheint, ihn aus dem Amt zu jagen? Liegt es daran, dass Italiener "Defätisten sind bis hin zur Selbstgeißelung, bereit, zu allem Nein zu sagen", wie der Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino klagt?
Nicht nur, sagen Renzis Kritiker. Seinem ärgsten Feind begegne Italiens Regierungschef bereits morgens beim Blick in den Spiegel: sich selbst. Einer, der nach 23 Tagen im Amt als Ministerpräsident trotz anhaltender Rezession verkündete, er wolle mit Italien "die Führung in Europa übernehmen", drohe letztendlich an seinem Ego und flotten Mundwerk zu scheitern.
Ugo De Siervo könnte in diesem Punkt mitreden. Der Ordinarius für Verfassungsrecht an der Universität Florenz war Professor des Jurastudenten Matteo Renzi. Seit sein ehemaliger Zögling den Streit um die Verfassungsreform zur Schicksalsschlacht erklärt hat, ist der Professore allerdings auf den Barrikaden. Zusammen mit 56 Standeskollegen hat er ein Protestschreiben unterzeichnet und lässt keine Gelegenheit aus, Renzis Herzensprojekt als mangelhaft und die dazugehörige "Flut an Slogans" als unerträglich zu geißeln.
De Siervo scheut weder Fernsehstudios noch große Bühnen. In Florenz zürnt er am 10. November vor 2000 Zuhörern gegen die Pläne, Italiens Verfassung neu zuzuschneiden. Er warnt vor einer "Rezentralisierung, wie wir sie seit den Vierzigerjahren" – seit dem Faschismus – "nicht mehr erlebt haben". Das Argument, der Senat müsse entmachtet werden, um Gesetze schneller verabschieden zu können, tauge nicht: "Was wir brauchen, sind weniger, aber dafür bessere Gesetze."
Nur noch 100 statt bisher 315 Senatoren im italienischen Oberhaus soll es künftig geben, ihre Direktwahl entfiele, ihre Rechte würden beschnitten. Renzi ist die Schwäche der Exekutive und das zeitraubende Gesetzgebungsverfahren im Zwei-Kammer-System ein Dorn im Auge. In Kombination mit dem geplanten neuen Wahlgesetz allerdings würde die reformierte Verfassung der stärksten Partei und dem Regierungschef ein ungekanntes Maß an Macht einräumen. Und die Angst der Verfassungsexperten davor scheint berechtigt.
Erst seit Beppe Grillos Fünfsternler im Juni die Rathäuser von Rom und Turin eroberten, sind Renzi und die Seinen jedoch nachdenklich geworden. Zwar gab der Premier am Tag danach mit Mir-kann-keiner-Grinsen und brusttief aufgeknöpftem weißem Hemd zu Protokoll, Bürgermeisterwahlen ließen "keine Rückschlüsse auf die nationale Politik" zu. Aber die Frage lag nun doch auf dem Tisch: Was wäre, wenn die durch Verfassungsreform und ein neues Wahlgesetz erweiterten Vollmachten den Falschen in die Hände fielen?
Grillos M5S-Leute zählen in diesen Tagen zu Renzis giftigsten Gegnern. Sie reisen in Regionalzügen durchs Land und machen auf Marktplätzen Front gegen die Reform. Zusätzlich treiben sie Renzi im Parlament vor sich her: etwa mit der Idee, die Diäten der Abgeordneten zu halbieren, statt den Senat zu verstümmeln, was vergleichsweise geringe Einsparungen bringt.
Das M5S befindet sich in bunter Gesellschaft, als Teil einer weit über Parteigrenzen hinausreichenden Anti-Renzi-Fronde. Der Premier hat recht, wenn er das Lager seiner Gegner als "Sammelsurium" verspottet und ihnen Motive edelster bis niederträchtigster Art unterstellt. Seine Mission aber macht das nicht leichter.
Massiver Widerstand kommt von der radikalen Linken, die mit dem bürgerlich-christdemokratisch sozialisierten Renzi nie warm geworden ist. Widerstand kommt außerdem aus dem rechtspopulistischen bis rechtsextremen Lager, von Lega Nord bis Casa Pound; und aus dem Bildungsbürgertum, das in Renzi bestenfalls einen "talentierten Flegel" sieht, wie Ferruccio de Bortoli das nennt, der ehemalige Chefredakteur des "Corriere della Sera".
Die Abstimmung vom 4. Dezember sollte nicht zum Plebiszit über die Arbeit der Regierung werden, sagt de Bortoli in seinem Mailänder Büro. Aber er erlaube sich den Hinweis, "dass unter Renzi die bemerkenswerte Verschlechterung der Staatsfinanzen fröhlich ignoriert wird – allein 2015 ist die Verschuldung um 36 Milliarden Euro gestiegen". Wenn eines Tages die Europäische Zentralbank (EZB) nicht mehr ihre schützende Hand über Italien halte, so de Bortoli, "wenn etwa Mario Draghi 2019 ausscheidet, dann könnte es sein, dass hier bei uns schnell Schluss ist".
Das würde Draghi selbst, der nüchterne EZB-Präsident mit Geburtsort Rom, so natürlich nicht sagen. Er versucht, frohe Botschaften zu verbreiten, auch beim European Banking Congress vergangene Woche in Frankfurt am Main. Dass ihn der gastgebende Commerzbank-Chef dort versehentlich als "Präsident Großbritanniens" vorstellt, kann Draghi nach dem Brexit-Schock verstehen – und verschmerzen.
Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone habe 2016 "erstmals das Vorkrisenniveau übertroffen", lobt der Italiener, nur um danach überzuleiten zur Mängelliste. Auf renditeschwache Banken kommt er zu sprechen, auf faule Kredite und die übergroße Abhängigkeit der europäischen Wirtschaft von der lockeren EZB-Geldpolitik.
Obwohl er das Wort Italien nicht in den Mund nimmt, klingt es doch so, als redete Draghi über sein Heimatland. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt dort unverändert um fast acht Prozent unter dem Wert vor Ausbruch der Krise; Banken kämpfen ums Überleben und haben insgesamt 360 Milliarden Euro an faulen Krediten in den Büchern; und die Kassen wären längst leer ohne die Nullzinspolitik der EZB, die den mit 2220 Milliarden Euro verschuldeten Staat seit Jahren mühsam über Wasser hält.
Obwohl die Verschuldung inzwischen um 40 Prozent höher liegt als vor zehn Jahren, zahlt Italien nun prozentual ein Drittel weniger an Zinsen – dank der EZB, die italienische Staatsanleihen im Wert von mittlerweile rund 240 Milliarden Euro aufgekauft hat. Er sei entschlossen, die Währungsunion zu retten, koste es, was es wolle, versprach Draghi in einer inzwischen legendären Rede am 26. Juli 2012. In Rom wurde der Hinweis gehört und als Freifahrtschein verstanden.
Italien hat die neunfache Wirtschaftsleistung Griechenlands. Schon seiner schieren Größe wegen könnte das Land vom Europäischen Rettungsfonds nicht aufgefangen werden. "Too big to fail" – systemrelevant –, lautet der Befund unter Experten. Der italienische Patient muss demnach weiter intensiv beatmet werden.
Scheitert Italien, dann scheitert der Euro, weissagen Experten, und "scheitert der Euro, dann scheitert Europa", sagt Angela Merkel. Aus diesen für ihn günstigen Gleichungen bezieht Matteo Renzi das Selbstbewusstsein für seine Haushaltsentwürfe. Obwohl der Schuldenstand bei mittlerweile 133 Prozent des BIP liegt – im Euroraum übertroffen nur von Griechenland –, verteilt der Premier im Vorfeld des Referendums weiter Wahlgeschenke: 13 Milliarden Euro Entlastung bei den Unternehmensteuern sind angekündigt, dazu 7 Milliarden für höhere Pensionen. Ein früherer Renteneintritt soll erleichtert und der öffentliche Dienst künftig besser entlohnt werden.
Eine Neuverschuldung von maximal 1,8 Prozent des BIP für den Haushalt 2017 war im Mai verbindlich mit der EU-Kommission vereinbart worden. Nun will Renzi die Marge um ein Drittel erhöhen. Die Flüchtlingskrise und die Erdbeben in Mittelitalien seien außergewöhnliche Belastungen, so argumentiert er. Das Kunststück, den maroden Zustand italienischer Schulhäuser mit den Sparauflagen der EU-Kommission zu verquicken, gelingt Renzi mühelos: "Ich sage, unsere Kinder sind mehr wert als die Funktionäre des Stabilitätspakts."
Wer wollte da widersprechen, wo doch gerade erst letzte Leichen aus den Trümmern im Erdbebengebiet geborgen wurden? Selbst Angela Merkel wehrte sich nicht, als Renzi ihr beim Gipfeltreffen am Ferrari-Sitz in Maranello den Polizeihund Leo zuführte, der ein Kind lebend aus dem Schutt gerettet hatte. "Zampa" – Pfote –, befahl der Premier dem Hund. Der gehorchte, und Merkel griff zu.
Renzi muss sich gegen Populisten verschiedensten Kalibers in seinem Land behaupten, das wird auch in Brüssel verstanden. Trotzdem hat die Geduld mit seiner Schuldenpolitik und Anti-EU-Polemik Grenzen. "Der kann mich mal", ließ Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker unlängst verlauten, und: "Der italienische Ministerpräsident möge seine Beleidigungen einstellen und mich nicht für naiv halten."
Man war sich schon mal näher, einst im Mai. Damals, beim Treffen von EU-Politikern mit Papst Franziskus. Matteo Renzi kam da, wie immer nicht als Erster, aber als Zielstrebigster nach vorn geschossen, in der vatikanischen Sala Regia. Man konnte ihn, so wie er sich gab, für den Hausherrn halten: Küsschen für Juncker, Küsschen für die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, ein Händedruck für die Bundeskanzlerin.
Renzi sieht seinen Platz ganz oben in Europas Hierarchie, an der Seite von Angela Merkel und François Hollande. Das auf seinen Druck hin kurzzeitig etablierte Dreier-Direktorium allerdings ist schon seit einem Krisengipfel im September wieder passé. Der Italiener war im Vorfeld durch rhetorisches Sperrfeuer in Richtung Brüssel und Berlin auffällig geworden.
"Das besondere Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich lässt sich nicht um beliebige Dritte erweitern", so erklärt ein EU-Spitzendiplomat die Kehrtwende. Nun schmollt Renzi wieder und betont, welche Opfer sein Land bringt: dadurch, dass es die Sanktionen gegen Russland mitträgt, trotz erheblicher wirtschaftlicher Verluste, die Rom daraus entstehen. Und durch den Einsatz in der Flüchtlingskrise: Italiens Marine und Küstenwache leisten auf Europas Vorposten in der Tat Außergewöhnliches.
Renzi rächt sich für das, was er als mangelnde Wertschätzung versteht, indem er EU-Institutionen zunehmend der Verächtlichkeit preisgibt. "Wir wollen auf die Bedürfnisse der italienischen Bürger eingehen, nicht auf die Brüsseler Technokratie", sagt er, wenn er vereinbarte Sparziele ad acta legen will. Und er kann dabei mit Genugtuung feststellen, dass seine Attacken keine Folgen haben. Der Brexit hat Italiens Erpressungspotenzial erhöht und Renzis Spielraum erweitert: Er braucht Geld, die EU braucht verlässliche Partner.
Die Folge sind Bilanztricks und Kulissenzauber kleineren Karos. Bei Fernsehansprachen Renzis wird die EU-Fahne mit den goldenen Sternen neuerdings immer wieder ersetzt durch dicht gestaffelte italienische Trikoloren. Unklar hingegen ist, ob noch gilt, was Renzis für Europa zuständiger Staatssekretär Mitte des Jahres zu Protokoll gab: dass "die EU keine Option, sondern alternativlos ist und Italien wie auch Deutschland das besser als andere Partnerländer verstehen". Italiens Presse jedenfalls beklagt, zwischen Merkel und Renzi herrsche derzeit "il grande gelo" – die große Eiszeit –, was vor allem daran liege, dass Renzis Angriffe "zuletzt wie Torpedos in Berlin" einschlugen ("La Repubblica").
Im Kanzleramt klingt das weniger kriegerisch. Man hoffe, dass Renzi sein Referendum gewinne, denn "wir wollen weiter mit ihm zusammenarbeiten" heißt es in Merkels Umgebung: "Er hat mehr erreicht als alle seine Vorgänger." Zwar nerve der Italiener, wenn es um Russland-Sanktionen oder Schuldenregeln gehe, sagt ein Spitzenbeamter, aber klar sei, "dass Renzi mehr Gutes als Schlechtes bewirkt".
Als Rom im April versprach, an Italiens Küsten ankommende Bootsflüchtlinge nicht weiter Richtung Norden zu schicken, waren Merkels Leute noch skeptisch. Im Sommer wandelte sich das Bild: "Renzi hat in der Flüchtlingsfrage gehalten, was er versprach", sagt Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion. Für den Fall einer Niederlage des Premiers beim Referendum sei nur zu hoffen, "dass Italien nicht in eine erneute Staatskrise verfällt".
Die Zukunft seines Landes sieht Renzi vor allem in Mailand. Angela Merkel samt Ehemann hat er dort 2015 über das Gelände der Weltausstellung Expo geführt. Ein 2,5 Milliarden Euro schweres Maßnahmenpaket soll die lombardische Hauptstadt nun weiter nach vorn bringen. Der Premier, ein Freund der Leuchtturmprojekte, hält Mailand als Symbol eines dynamischen, weltläufigen Italien für konkurrenzlos.
Schon in der Vergangenheit war die lombardische Metropole Ausgangspunkt für das, was später ganz Italien erfasste: zur Zeit der Mussolini-Faschisten wie zur Zeit der sozialistischen Herrschaft unter Bettino Craxi, bei der Zerschlagung der Parteienlandschaft in den Neunzigern wie beim Aufstieg Silvio Berlusconis. Wo Unternehmen wie Gucci und Prada zu Hause sind, will nun auch Renzi punkten: "Das Land setzt auf Mailand", sagt er Anfang November bei einem Diner, dessen Gäste dem Vernehmen nach für einen Pro-Kopf-Obolus von bis zu 30 000 Euro zusätzlich zum Risotto mit Wachtelbohnen Renzis Weltbild serviert bekamen.
Mailand aber ist, jenseits von Mode und Design, auch Sitz der Wertpapierbörse und bedeutender Geldhäuser. Letztere haben in ihren Bilanzen Sprengstoff liegen: Staatsanleihen, die bei steigenden Zinsen an Wert verlieren. Seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten gilt eine solche Trendwende als wahrscheinlich. Für Italiens Banken, die dazu noch ein Drittel aller Problemdarlehen der Eurozone verwalten, wäre dies existenzbedrohend.
"Die faulen Kredite sind das Ergebnis von 15 Jahren Stagnation", urteilt Clemens Fuest, Chef des Ifo-Instituts und einer der schärfsten Kritiker italienischer Politik. Sollten Banken demnächst vom Staat gestützt oder abgewickelt werden müssen, wären viele italienische Gläubiger betroffen, darunter Privathaushalte. Nach den Regeln der EU-Bankenunion würden sie mit zur Kasse gebeten – ein drohendes PR-Desaster für die Regierung Renzi.
Gut möglich deshalb, dass auch die künftig in Rom Regierenden auf Mario Draghi im fernen Frankfurt bauen müssen. "Es könnte sein, dass ein verlorenes Referendum Auslöser für eine Verlängerung oder sogar Ausweitung des Anleihekaufprogramms der EZB wird", prophezeit der Ifo-Ökonom Fuest: "Das wäre allerdings ein klarer Verstoß gegen das Verbot der Staatsfinanzierung durch die EZB." Fuest hält es für wahrscheinlich, dass die Regierung sich bei der Rettung italienischer Banken auf die Zentralbank verlässt – damit die am Ende, ähnlich wie im Fall Griechenland, mit Notkrediten einspringt, dem Schutz des Finanzsystems zuliebe.
Wie es weitergeht, falls sich die Bankenkrise zuspitzt oder das Verfassungsreferendum scheitert – darüber brütet im römischen Restaurant Il Moro auch Denis Verdini. Der stattliche Senator mit weißem Haar war Silvio Berlusconis enger Vertrauter, ehe er gemeinsam mit 17 weiteren Senatoren und 8 Abgeordneten ins Renzi-Lager überwechselte. Seither beschafft er dem Premier die nötigen Mehrheiten.
Das ist umso erstaunlicher, als Verdini exakt jenem Typus Politiker entspricht, den Renzi ursprünglich zu "verschrotten" versprach: ein Meister des Gemauschels hinter den Kulissen, rechtskräftig verurteilt wegen Korruption und Gegenstand noch laufender Verfahren, unter anderem wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung.
Die Staatsanwaltschaft Rom hat für Verdini soeben vier Jahre Haft beantragt. Der gut vernetzte Senator, der bevorstehende Beben in der italienischen Politik meist feinnervig erspürt, nimmt das zur Kenntnis, zieht aber weiter im Hintergrund Fäden. Momentan organisiert er Mehrheiten für die Zeit nach dem Referendum – egal wie es ausgeht.
Um Italiens Premier macht Verdini sich dabei die wenigsten Sorgen. Renzi, so hat er es einem Vertrauten erzählt, sei schlauer und gerissener als alle seine Vorgänger: "Zwar war Berlusconi ein echter Chef und Matteo ist nur ein Chefchen – dafür aber bewirkt er mehr."

Der Brexit hat das Erpressungspotenzial erhöht: Renzi braucht Geld, die EU Partner.

Von Martin Hesse, Walter Mayr, Peter Müller und Christoph Schult

DER SPIEGEL 48/2016
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