26.11.2016

Linguistik„Freundliche Frotzelei“

Nimmt die verbale Verrohung der Jugend zu? Die Sprachforscherin Eva Neuland widerspricht – und erklärt, warum Sprüche wie „Hey, ihr Missgeburten“ auch nett gemeint sein können.
SPIEGEL: Frau Neuland, an der Universität Wuppertal gehen Sie der Frage nach, wie rüpelhaft Jugendliche miteinander umgehen. Erleben wir eine verbale Verrohung auf den Schulhöfen?
Neuland: Nein, keineswegs. Manche Lehrkräfte, mit denen wir im Rahmen unserer Studie gesprochen haben, empfinden das zwar so. Allerdings kann das nicht generell wissenschaftlich belegt werden. Ich nehme an, dass negative Einzelbeispiele, aber auch Vorurteile die Wahrnehmung verzerren.
SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?
Neuland: In den vergangenen zwölf Monaten haben rund 1300 Jugendliche an verschiedenen Schulen in Nordrhein-Westfalen anonymisierte Fragebögen für uns ausgefüllt. Außerdem haben wir den Unterricht beobachtet. Einigen Schülern durften wir sogar ein Mikro umhängen. So haben wir auch einen Eindruck davon bekommen, wie sie außerhalb des Klassenzimmers miteinander umgehen.
SPIEGEL: Soeben ist das Jugendwort des Jahres gekürt worden. Mit dem siegreichen Begriff "fly sein" bezeichnen junge Menschen angeblich Leute, die besonders abgehen. Ist Ihnen dieses Wort bei Ihrer Arbeit untergekommen?
Neuland: So etwas kann die Jugendsprachforschung nicht ernst nehmen. Ich habe Zweifel daran, dass diese Konstruktionen tatsächlich von Jugendlichen stammen. So oder so handelt es sich nur um Augenblicksbildungen. Sie sind für kurze Zeit witzig, bürgern sich aber nicht in den Sprachgebrauch ein. Echte Wortschöpfungen, die sich dauerhaft im Bewusstsein verankern, sind seltener, als viele glauben.
SPIEGEL: Welche fallen Ihnen ein?
Neuland: Zu den bekanntesten gehören wohl "Tussi" oder die Übernahme von "chillen" ins Deutsche. Natürlich entwickelt sich Jugendsprache ständig weiter. Derzeit kommen Entlehnungen aus Migrantensprachen, vor allem dem Türkischen, hinzu. Aber am Ende haben auch Jugendliche nur begrenzte Möglichkeiten, sich einen neuen Sprachgebrauch zuzulegen. So halten sich die meisten Beschimpfungen schon seit vielen Jahren: "Mongo", "Spasti" oder "Hurensohn", also die typischen politisch inkorrekten Ausdrücke. Ansonsten stammt auch viel aus dem Sexual- und Fäkalbereich. Da unterscheiden sich Jugendliche übrigens kaum von Erwachsenen.
SPIEGEL: Das werden viele Ältere wahrscheinlich nicht so gern hören.
Neuland: Das Gerücht, dass früher alles besser war und Jugendliche zu einem vermeintlichen Sprachverfall beitragen, hält sich ja schon sehr lange. Wir haben es eher mit Sprachwandel und Verständigungsproblemen zwischen den Generationen zu tun. Junge Menschen wissen sehr genau, was unter konventioneller Höflichkeit verstanden wird. Nur wenden sie im Gespräch untereinander oft eigene Ausdrucksformen von Höflichkeit und Respekt an.
SPIEGEL: Können Sie das genauer erklären?
Neuland: Junge Leute haben Umgangsformen, zum Beispiel der Anrede und des Begrüßens, die sich für erwachsene Ohren unhöflich anhören, aber gar nicht so gemeint sind. Wenn ein Schüler andere begrüßt mit "Na, ihr Penner, was geht?" oder "Hey, ihr Missgeburten", dann findet das oftmals keiner der Beteiligten anstößig. Doch Lehrkräfte, die das hören, müssen tief Luft holen. Vieles ist einfach freundschaftliche Frotzelei.
SPIEGEL: Was macht Sie da so sicher?
Neuland: In den Fragebögen haben die Schüler beispielsweise immer wieder hinter manche Ausdrücke in Klammern hinzugefügt, dass sie scherzhaft gemeint seien.
SPIEGEL: Was sollen Eltern oder Lehrer tun, wenn sie mitbekommen, dass ein Schüler einen anderen als "Penner" oder "Missgeburt" bezeichnet?
Neuland: Dann würde ich vielleicht einfach mal entspannt weghören. Jedenfalls solange das Ganze nicht für meine Ohren bestimmt war.
Interview: Katrin Elger
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 48/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Linguistik:
„Freundliche Frotzelei“

  • Das Tier im Menschen: Warum manche führen und andere folgen
  • Weltmeisterschaft im Freitauchen: 118 Meter in die Tiefe
  • Wir drehen eine Runde: Schweben auf Wolke DS7?
  • Unbekannte Spezies? Tiefsee-Oktopus bläst sich auf wie ein Zelt