26.11.2016

DenkmalschutzAlles umsonst

Die Sanierung von Görlitz kostete Abermillionen. Doch viele der historischen Prachtbauten stehen leer. Mit ungewöhnlichen Mitteln lockt die Stadt jetzt Neubürger an.
Die östlichste Stadt der Republik ist reich an Pioniertaten. Der Kabelbagger und die süßen Liebesperlen wurden dort erfunden. Im Jahr 1899 fuhr in Görlitz erstmals ein Auto durch einen Kreisverkehr. Die ältesten Renaissancehäuser des Landes, errichtet 1525 – auch sie stehen an der Neiße.
Schwärmer vergleichen den abseits liegenden Ort mit seinen spätgotischen Türmen und Wehranlagen gern mit dem italienischen Siena. Zu Luthers Zeiten war Görlitz eine Zollstelle an der "Via Regia", die von Paris nach Kiew führte. Die Kaufleute dort handelten mit Tuch und besaßen ein Monopol auf Färberwaid (Indigo). So kamen sie zu Reichtum und bauten sich ein steinernes Paradies.
Brücken, wuchtige Hallenhäuser aus schlesischem Sandstein und auch eine Synagoge wurden errichtet. Bald hatte die Siedlung rund 200 Brauereien, mit Kellern, deren Fundamente zum Teil in die Jungsteinzeit zurückreichen.
Um 1900 kam ein mit Stuck überladenes Belle-Époque-Viertel hinzu, wie es kaum eine andere deutsche Stadt besitzt. Die Post und die Amtsgebäude sehen aus wie Paläste.
Was beinahe wie ein Wunder anmutet: Es steht noch fast alles. Kaum fünf Häuser wurden im Krieg durch Bomben getroffen. Die DDR hatte zum Abreißen kein Geld – und Gott sei Dank auch nicht für den Bau von hässlichen Fußgängerzonen und Hochgaragen.
Für Konservatoren ist das ein Glücksfall. Der Gründer der Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, nannte Görlitz "die schönste Stadt Deutschlands".
Eigentlich könnte also alles gut sein, zumal sich nach der Wende ein Füllhorn an Steuergeldern und Bausubventionen über die marode Kommune ergoss. Sie gilt heute als "größtes zusammenhängendes nationales Flächendenkmal".
Doch leider hat Görlitz noch einen weiteren Rekord zu vermelden. Der Ort ist auch der leerstehendste. Es fehlt an Menschen.
Zwar gelang es, mit den Fördergeldern und Spenden bislang 75 Prozent der Innenstadt zu sanieren. Im Umkehrschluss bedeutet das aber: Jedes vierte Haus gammelt noch immer vor sich hin. Überall in den Straßenfluchten stehen historische Gebäude mit blinden Scheiben, aus denen der Geruch von Moder und Schwamm weht. Davor stehen Warnschilder: "Vorsicht Dachlawinen".
Schlimmer noch: Sogar frisch renovierte Prachthäuser aus der Gründerzeit, ausgestattet mit neuen Küchen und Bädern, sind derzeit ohne Mieter. Es gibt einfach nicht genug Interessenten. Mit ungewöhnlichen Methoden setzt die Stadtverwaltung jetzt alles daran, Neubürger anzulocken, koste es, was es wolle.
"Auf dem Höhepunkt der Misere nach der Wende standen bei uns 10 000 Wohnungen leer", sagt Amtsleiter Hartmut Wilke, der in Görlitz für den "strategischen Stadtbau" zuständig ist. "Nun sind es noch 6000." In seinem Büro hängen große Katasterkarten und Luftbilder. Sie zeugen davon, welch beispiellose Auszehrungen die Kommune durchlitt.
In den Dreißigerjahren lag die Zahl der Einwohner nahe 100 000. Einen Tag vor der Kapitulation, am 7. Mai 1945, sprengte die Wehrmacht alle sieben Neißebrücken. Tausende Görlitzer, die auf der anderen Seite des Flusses siedelten, wurden abgeschnitten.
Nach der neuen Grenzziehung zu Polen fanden sich die Leute in DDR-Randlage im Tal der Ahnungslosen wieder. Zwar schafften die sozialistischen Planwirtschaftler einen Neuanfang. Sie siedelten Maschinen- und Eisenbahnbetriebe an. Der Astronaut Siegmund Jähn flog mit optischen Instrumenten aus Görlitz 1978 in den Weltraum.
Doch zum Erhalt der Altstadt reichte es nicht. Das Zentrum mit seinen Portalen und gotischen Kirchen verfiel. Bei Sturm hüllte sich die City in eine Staubwolke, gespeist vom Abrieb morscher Balken und blätternden Putz.
Die Einwohner wurden derweil schrittweise in Plattenbauten am Stadtrand umgesiedelt. Am Ende der DDR lebte jeder zweite Görlitzer in eintönigen Trabantensiedlungen.
Nach der Wiedervereinigung folgte der industrielle Kahlschlag. Von den verbliebenen 77 000 Einwohnern zogen 17 000 weg. Es waren jene Tage, als Glücksritter aus dem Westen ganze Straßenzüge in Görlitz aufzukaufen versuchten und Diebe mit gestohlenen Baggern und Radladern nachts durch die seichten Furten der Neiße nach Osteuropa fuhren.
Und die "Perle der Oberlausitz" schrumpfte weiter. Vor zwei Jahren lebten noch 54 000 Menschen dort. Für 2020 hat das Statistische Landesamt einen weiteren dramatischen Rückgang prognostiziert.
Gegen dieses drohende Schicksal kämpft man nun tapfer an. "Wir stemmen uns gegen die Abwanderung", sagt Oberbürgermeister Siegfried Deinege, 61, ein ehemaliges Mitglied der "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" im VEB Waggonbau. Dabei schaut der stämmige Stadtoberst so entschlossen, als könnte er den demografischen Wandel mit eigener Lendenkraft stoppen.
Zum Zweck des Wiedererblühens seiner Heimat greift Deinege zu erstaunlichen Mitteln. "Wer zu uns übersiedelt, bekommt zwei Kaltmieten und einen Monat Strom geschenkt", verspricht er. Auch dürfen Umzügler drei Monate lang umsonst Bus fahren, sie kriegen Freikarten fürs Theater und vier Flaschen Bier. Obendrein zahlt ihnen die Stadt für ein Jahr die Haftpflichtversicherung und die Kontogebühren.
Jungen Leuten bietet der Bürgermeister WG-Zimmer zum Preis von 195 Euro warm an. Und für die Zögerlichen gibt es das "Probewohnen": kostenlos, für eine Woche.
Polen, Holländer, auch eine Frau aus Phoenix in Arizona haben das Schnupperangebot bereits angenommen. "Wir mussten nur das Bettzeug mitbringen", erzählt Gabriele Nehrmann aus Berlin, der man ein Testapartment in der Schwarzen Straße anbot.
Rund 2000 Neubürger ließen sich auf diese Weise bislang anlocken, darunter viele Senioren. Randy Braumann, ein ehemaliger Kriegsreporter des "Stern", wohnt jetzt ebenso im fernen Osten wie der rheinländische Ingenieur Jürgen Fromberg, 78, der seinen Lebensabend eigentlich am Mittelmeer verbringen wollte.
Bei Heilbuttcarpaccio oder Niederlausitzer Prasselfleisch chillen die Rentner unter Tonnengewölben oder in urigen Patrizierhäusern wie dem "Sankt Jonathan", wo die Gäste unter bemalten Holzdecken speisen. Und Görlitz hat noch mehr zu bieten: Parks, ein Theater, sogar eine Sternwarte.
Das zieht auch Touristen an. Im vergangenen Jahr kamen 118 000 Besucher ins Pensionopolis an der Neiße.
Sogar Hollywood ist vor Ort – wegen der gediegenen Kulisse. Kate Winslet hat hier gedreht, auch Quentin Tarantino oder Jackie Chan ("In 80 Tagen um die Welt"). Den größten Aufwand betrieb der Regisseur Wes Anderson, der ein pleitegegangenes Luxuskaufhaus aus dem Jahr 1913 anmietete: Er baute den Jugendstiltempel zum "Grand Budapest Hotel" um, in dem er die gleichnamige Filmkomödie (vier Oscars) schuf. Auch der Film "Goethe!" mit Moritz Bleibtreu entstand in Görlitz.
Doch reicht das?
Mit seiner Politik des Köderns hat Bürgermeister Deinege zwar den Niedergang gestoppt. Aber noch immer stehen Tausende Wohnungen leer. Die bisherige Verringerung des Leerstands gelang zudem nur, weil die Planer systematisch die Plattenbauten abreißen. Wenn Mieter bereit sind, aus den oberen Etagen nach unten zu ziehen, werden die Betonblöcke einfach abgesägt.
In der Altstadt sind solche Methoden nicht erlaubt. Dort ist jeder Ziegelstein heilig. Schätzungen zufolge hat die Rettung von Görlitz bislang rund eine Milliarde Euro verschlungen. Wer wissen will, wohin der Soli floss – hier kann man es bestaunen.
Aufgehübscht und dennoch leblos, eine Stadt unterm Sauerstoffzelt des Bundesfinanzministeriums – vielleicht wirkt die Stätte deshalb ein bisschen wie ein Potemkinsches Dorf oder eine angemalte Totenkiste. "Wir sind nicht über den Berg", gibt Deinege zu. "Noch kommen bei uns zwei Sterbefälle auf eine Geburt."
Gleichwohl besteht Hoffnung. Anders als sonst wo ist in Görlitz die Schönheit billig zu haben. Das lockt die Leute an. Neubürger Benjamin Andreas, 32, der im Internet mit Abendgarderobe aus China handelt, wohnt seit Kurzem in einem Renaissancepalazzo, in dem schon der Astronom Johannes Kepler übernachtet hat. Durch ein Atrium mit einem Steingeländer steigt man zu seiner Luxuswohnung empor. Sie kostet pro Quadratmeter sechs Euro.
Für die Neiße ist das teuer. Die Mietpreise fangen hier bei drei Euro an.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 48/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Denkmalschutz:
Alles umsonst

  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Dänemark: Leuchtturm wird verschoben
  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur