03.12.2016

Psychotherapie„Miesepeter? Phlegmatiker?“

Mithilfe von Internetanleitungen und YouTube-Tutorials lässt sich fast alles reparieren – auch die Seele? Iris Hauth, 58, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), über die Wirksamkeit von Onlinetherapien.
SPIEGEL: Können Apps bei psychischen Problemen helfen? Und wenn ja, wie?
Hauth: Es gibt viele mögliche Anwendungen: von der Prävention über psychotherapeutische Intervention bis hin zur Nachsorge. Manche Programme begleiten eine Verhaltensänderung, etwa wenn man sich das Rauchen abgewöhnen will. Aber auch für Depressionen und Angststörungen gibt es Programme, die in Holland und Skandinavien bereits in der Regelversorgung angeboten werden.
SPIEGEL: Wie sehen die aus?
Hauth: Meistens verfügen sie über verschiedene Module, informieren zunächst über die Erkrankung und bieten dann Interventionen an, die auf kognitiver Verhaltenstherapie basieren. Im "Mood-Gym" etwa findet der Nutzer nach und nach heraus, welche negativen Gedanken es sind, die seine Depression beeinflussen und verstärken. Die Website reagiert interaktiv und bietet Übungen an, wie man diese Gedanken umstrukturiert. Das ist sehr einladend und interessant gemacht, mit Avataren, die bestimmte Typen darstellen, da kann der Nutzer sich entscheiden: Ist er eher Miesepeter? Oder Phlegmatiker?
SPIEGEL: Kann eine App oder Website den Kontakt zum Therapeuten ersetzen?
Hauth: Nein, auf keinen Fall. Aber solche Angebote helfen, Wartezeiten bis zum Therapiebeginn zu überbrücken, oder können eine laufende Therapie begleiten. Wir wissen, dass 60 bis 70 Prozent der depressiv erkrankten Menschen nur beim Hausarzt behandelt werden. Da sind diese Programme eine gute Unterstützung.
SPIEGEL: Woher weiß man, was wirklich hilft?
Hauth: Im Moment ist für den Nutzer kaum unterscheidbar, was ein wirkungsvolles, fachlich fundiertes Programm ist und was nicht. In der DGPPN überlegen wir gerade, Qualitätskriterien einzuführen. Klar ist: Die Wirksamkeit muss wie bei jeder Methode und jedem Medikament von mehreren unabhängigen Studien nachgewiesen werden. Und vor jeder Behandlung muss eine Diagnose von einem Arzt oder Therapeuten stehen.
Von Kk

DER SPIEGEL 49/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Psychotherapie:
„Miesepeter? Phlegmatiker?“

  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen
  • Deutsches Flugtaxi Volocopter: Erster bemannter Flug in Singapur
  • Trump attackiert eigene Partei: "Die Republikaner müssen härter werden"
  • Pläne der Bundesregierung: Landwirte demonstrieren gegen neue Gesetze