27.09.1999

AUSSENPOLITIKLili Marleen in Tirana

Albanien, Bulgarien und Rumänien unterstützten die Nato im Kosovo-Krieg. Gerhard Schröder dankt mit einer Tour de Force durch die Armenhäuser Europas.
Nachts in Bukarest, und kein Rumäne ist mehr in Sicht außer dem Kellner. Gerhard Schröder nippt im fünften Stock des Hotels Hilton am Rotwein und entlässt eine Pannenmeldung in den Zigarrennebel: "Kündigen die mir hier Rumäniens Arbeitsminister an. Sag ich: Sie sprechen aber vorzügliches Deutsch. Sagt der: Ich bin der deutsche Botschafter."
Schröders rotblonder Tischgenosse lacht kurz, pafft ebenfalls ein Wölkchen und schaut versonnen in die Ferne. Politik ist nicht sein Job. Themawechsel also, hin zur Liaison Graf/Agassi, zum Daviscup-Match gegen Rumänien, zur Psyche von Siegern; Boris Becker ist als Teamchef in Bukarest, sein Duzfreund Gerhard als Regierungschef.
Die Nähe des Tennishelden tut Schröder gut am vergangenen Donnerstag. Frühstück in Tirana, Lunch in Sofia, Abendessen in Bukarest - binnen 14 Stunden sind an seinen müden Augen drei Länder samt Premierministern, dazu zwei Präsidenten, Oppositionelle, singende Popen und leidende Kinder vorbeigezogen.
Es war Schröders erklärter Wille, mit einer Tour de Force Dank zu sagen für die Hilfe, die Jugoslawiens Anrainerstaaten der Nato während des Kosovo-Kriegs gewährten. Albanien hat damals über 400 000 Flüchtlinge aufgenommen, Bulgarien die Detonation fehlgeleiteter Raketen auf dem eigenen Staatsgebiet ertragen und dazu, wie auch Rumänien, wirtschaftliche Einbußen in dreistelliger Millionenhöhe.
Also durchquert der Kanzler als Zeichen der Solidarität Tirana, in Enver Hodschas altem Mercedes 600; er konferiert in Todor Schiwkows Sofioter Residenz und tafelt in Nicolae Ceausescus Bukarester Gästehaus - umgeben vom Protz der untergegangenen Diktatoren, lernt er die Wünsche ihrer demokratischen Erben kennen.
Alle wollen sie in die EU, so schnell wie möglich. Keiner hat auf absehbare Zeit eine realistische Chance. Die Berichte der Europäischen Kommission über Reformfortschritte werden im November veröffentlicht. Bulgarien darf mit Lob rechnen, vielleicht sogar mit einer Einladung zu Beitrittsverhandlungen. Rumänien hat Tadel zu gewärtigen und Albanien bestenfalls ein baldiges Assoziierungsabkommen.
Trotzdem sind die Erwartungen an Deutschland "zum Teil beunruhigend hoch", wie es in Schröders Umfeld heißt. Dem größten EU-Staat wird zugetraut, beim Europäischen Rat in Helsinki im Dezember die quälende Prozedur abkürzen zu helfen. Solidarität im Kosovo-Krieg und innere Demokratisierung, so die Hoffnung der Beitrittskandidaten, müssten für Mängel bei den makroökonomischen Basisdaten entschädigen.
Schröder dämpft die Erwartungen, wird aber dennoch mit Ehrenbezeigungen überhäuft. Er ist der erste deutsche Kanzler auf Besuch in Albanien seit dem Zweiten Weltkrieg, der erste in Rumänien seit Helmut Schmidt, und in Bulgarien war seit Kohls Visite 1993 keiner mehr da.
In Tirana, wohin deutsche Soldaten ab 1943 kräftig Stiefel gesetzt haben, spielen sie unter vollmondbeschienenen Zypressen nach dem Bankett den Landser-Hit "Lili Marleen". Höflichkeitshalber fragt der Bundeskanzler den jungen Premier Pandeli Majko: "Do you know this melody?" Majko verneint.
In Sofia führt ein Metropolit seinen hohen Gast durch die prachtvolle Newski-Kathedrale, erwähnt strahlend, dass die Klimaanlage ein deutsches Produkt sei, und lässt zum Abschied einen Glaubensbruder vor dem Altar mit schwellendem Bass und liturgischer Inbrunst ein Loblied auf den "Kanzler Gerhard Schredder" anstimmen. Der schreibt ins Gästebuch "Eine wundervolle Stätte der Andacht" und hetzt weiter nach Bukarest.
Dort ist schon Boris Beckers früherer Manager, der Multi-Unternehmer Ion Tiriac, beim Bankett aufgeboten. Er versucht, was Rumäniens Premier vorher durch einen 25 Minuten langen Monolog missraten ist - den Eindruck von Dynamik zu erzeugen. Tiriac kumpelt mit dem Kanzler und wünscht sich über gedünstetem Donau-Stör ein Machtwort: Schröder solle klarstellen, dass Rumänien für deutsche Unternehmer eine sichere Sache sei, nötigenfalls durch Hermes-Bürgschaften.
Noch ist Schröders Fähigkeit, sich im Interessengestrüpp des Balkans zurechtzu- finden, weniger ausgeprägt als seine Absicht, dort Flagge zu zeigen. Mit dem Führungsanspruch aber wächst die Verantwortung - auf des Kanzlers Kurztrip fehlt es nicht an Warnsignalen.
Albaniens Führung tue "nichts, um den Verdacht zu entkräften", dass ihr ein Anschluss des Kosovo gelegen käme, heißt es im deutschen Tross. Schröder aber scheint das wenig zu beirren. Er denkt in Märkten, weniger in Machtsphären, und lobt deshalb lieber Bulgarien. Das Land hat schon 1997 den Kurs des Lew an die D-Mark gekoppelt und damit neben der Inflation auch seinen wirtschaftspolitischen Spielraum stark eingeschränkt.
Rumänien sperrt sich bisher gegen so viel Verzicht auf Souveränität und büßt dafür mit dem Verfall der Staatsfinanzen. "Hier muss noch harte Arbeit geleistet werden", urteilt der Bundeskanzler ungnädig in Bukarest.
Zu seiner Linken steht dabei Rumäniens Premier Radu Vasile, reglos wie ein Schulbub, dem der Klassenlehrer die Versetzung verweigert. WALTER MAYR
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 39/1999
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