27.09.1999

POLITISCHES BUCH„Option für Ziel 1“

Walther Leisler Kiep galt als „amerikanischster“ deutscher Politiker. Freimütig verrät der einstige Außenseiter in der CDU, wie er heimliche Kanzler-Träume hegte und scheiterte.
Seit mehr als einem halben Jahrhundert pflegt er ein Hobby, das an sich zwar nicht ungewöhnlich ist, aber in dieser Dauerhaftigkeit enormes Beharrungsvermögen verrät: Nahezu Abend für Abend schreibt sich der in Kronberg lebende Versicherungsmakler Walther Leisler Kiep, 73, die jeweiligen Tagesereignisse von der Seele. Seine in 52 ledergebundenen Kladden festgehaltenen Notizen füllen mittlerweile zigtausende von Blättern im DIN- A4-Format.
Darf es da verwundern, dass den Verfasser, der ab Mitte der Sechziger in der Politik von sich reden machte, solche Aufzeichnungen zur "Weiterverarbeitung" reizten? Die "günstige Materiallage" nutzend, legt der ehemalige Schatzmeister der CDU und in seiner Partei einer der wenigen eigenwilligen Köpfe nun einen umfänglichen Extrakt aus dem Fundus vor**.
Kiep selbst bezeichnet den Band, der im Kern die Zeit seines Aufstiegs bis zum abrupten Niedergang 1982 umfasst, freimütig als "Experiment" - und das ist es wohl auch: Die "aus einer Kampfsituation heraus frisch formulierte Textmasse", die mit Briefwechseln und in sich geschlossenen biografischen Abhandlungen angereichert wird, bietet selbstverständlich Angriffsflächen.
Ein Tagebuch bewahrt seinen Wert ja nur dann, wenn der Autor die in der Retrospektive schwächer erscheinenden Passagen nicht nachträglich glättet - dieser Versuchung hat er mutig widerstanden. Für "ganz schön arrogant" hält der Christdemokrat heute, dass er etwa unter dem 16. September 1974 zu Papier bringt, in der Führung seiner Fraktion versammele sich ausschließlich "geballte Mittelmäßigkeit"; aber so empfand er das eben.
Und überhaupt schlägt der gebürtige Hamburger, der erst nach dem Bau der Mauer den Konservativen beitrat und schon vier Jahre später im Taunus mit einem furiosen, auf zahllose Hausbesuche fußenden "Canvassing"-Wahlkampf in den Bonner Bundestag einzog, einen erstaunlich harschen Ton an.
Wirklich respektiert werden von ihm unter den damaligen Granden der CDU nur die Kollegen Gerhard Stoltenberg und Richard von Weizsäcker. Dem "chauvinistischen" Hessen Alfred Dregger begegnet der oberste Kassenwart ebenso misstrauisch wie dem "kleinkarierten" Karl Carstens. Im Sommer ''79 schmäht er Kurt Biedenkopf nach dessen Votum zu Gunsten des künftigen, erstmals von der CSU gestellten Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß ergrimmt als "Drahtzieher".
Hatte Kiep - häufig "Kiep-smiling" genannt -, der sportive Nonkonformist mit dem Faible für schnelle Motorräder und schnittige Autos, nicht das Image eines allzeit distinguierten, weltläufigen Gentleman-Politikers? So verhielt er sich jedenfalls; doch den öffentlich fast immer verbindlich auftretenden Hanseaten muss im stillen Kämmerlein ein gewaltiger Rochus gepackt haben.
Bisweilen sitzt er da tief betroffen über die "im Gestrigen" verhaftete Union, um ihr düstere Erkenntnisse ins Stammbuch zu schreiben: Zornig registriert der Chronist, der auf Grund seiner Funktion dem CDU-Präsidium angehört, in den beiden Schwesterparteien haarsträubende "Methoden": Die erinnern ihn zunehmend "an die Cosa Nostra".
Die wachsende Distanz des betuchten und damit weitgehend unabhängigen Unternehmers resultiert aus einer Erfahrung vom 17. Mai 1972. An diesem Tag wird in Bonn über die Ostpolitik der regierenden Sozial-Liberalen, den Grundvertrag, entschieden - und der eindeutige Befürworter Kiep sieht sich von seinem Partei- und Fraktionschef Rainer Barzel zu einem Sündenfall gezwungen.
Man möge es "Opportunismus, Feigheit oder wie auch immer nennen", notiert er am Abend, aber er habe den schwankenden Freund, der ja vorher selbst seine Zustimmung signalisiert hatte, nicht bloßstellen wollen. Freilich von jenem Augenblick an ist der glücklose Herausforderer Willy Brandts für ihn "erledigt".
Kiep geht in der Folgezeit, was die Normalisierung des Verhältnisses zu den Warschauer-Pakt-Staaten anbelangt, strikt seinen eigenen Weg. Er hält es insofern mit dem amtierenden US-Präsidenten Richard Nixon, der sich bereits 1968 Moskau und Peking zu öffnen begann - eine nach Auf-
* Mit dem CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer Philipp Jenninger am 16. September 1981 im Bundestag.
** Walther Leisler Kiep: "Was bleibt ist große Zuversicht. Erfahrungen eines Unabhängigen. Ein politisches Tagebuch". Philo Verlagsgesellschaft Berlin; 446 Seiten; 42 Mark.
fassung des überzeugten "Atlantikers" unerlässliche Neuorientierung westlicher Strategie.
Denn was für die USA gut ist, muss der Bundesrepublik erst recht wichtig sein, analysiert der viel zitierte "amerikanischste" aller deutschen Politiker. Dass er darüber in der Union zusehends an den Rand gedrängt wird - "dummes Geschwätz", poltert der Intimfeind FJS -, untergräbt zwar seine Chancen, aber es bestätigt ihn auch.
Er leidet an den stagnierenden Christparteien, und er sieht sich zugleich in der Rolle des schärfsten Kritikers, der seinen Tagebüchern mitunter selbst das im Grunde Undenkbare anvertraut. "Man mag es kaum schreiben ..." (Notiz vom 23. November 1972 nach der Niederlage Barzels gegen Brandt), doch es erscheint ihm "fast besser", die Bundestagswahlen nicht gewonnen zu haben.
Und auch im Sommer ''76, als Helmut Kohl die Union führt, treiben den inzwischen zum niedersächsischen Finanzminister gekürten Walter Leisler Kiep wenig fromme Wünsche um: Sollte eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung tatsächlich dem neuen Kanzlerkandidaten folgen, solange der von Dregger und FJS dominiert werde? Man müsse "fast hoffen", dass sie sich dem verweigere.
So grübelt ein Mann, dem es sicher unbezweifelbar um den "Anschluss Deutschlands an eine der Zeit gemäße, die Realitäten respektierende Politik" geht. In diese "sachlichen Erwägungen" fließt nun allerdings öfter auch der Spaß an der eigenen Macht ein. Schon als Rainer Barzel kippt, in Sonderheit aber in den Jahren 198o/81 (vor und nach dem schließlich erfolglosen Kräftemessen des Franz Josef Strauß mit Helmut Schmidt), sprießen die Gelüste.
Für die immer noch aus der Regierung ausgesperrten Unionsparteien stellt sich drängender denn je die Frage, welche ihrer Führungskräfte die FDP endlich herüberziehen könne, und der liberale Kiep weiß Rat. Immerhin ist er ja "nicht nur zum höheren Ruhme Ernst Albrechts" - des damaligen Ministerpräsidenten - in ein Landeskabinett eingetreten, sondern hat in Hannover die nach 1966 erste Bürgerblock-Koalition vorangetrieben.
Also fasst er die eigene Kanzlerkandidatur ("Option für Ziel 1") ins Auge. Mit Sorgfalt vermerkt der ehrgeizige Christdemokrat alle sich ergebenden Anzeichen, die ihn in seiner Hoffnung bestärken. Mal entdeckt er sich in einer von "Bild" publizierten Reihe der "2o interessantesten Deutschen" - oder er zitiert den Historiker Golo Mann, der "mich neben Kohl genannt und im Übrigen den baldigen Abschluss der Ära Schmidt angekündigt hat".
Die Prognose vom bevorstehenden Ende des Bonner Bündnisses erweist sich als richtig; bloß wer redet da noch von Kiep? Der Schatzmeister der CDU sieht sich im Herbst ''82 längst in die unselige Parteispenden-Affäre verstrickt. Sie wird ihn ein volles Jahrzehnt belasten, ehe der Bundesgerichtshof einen zwischenzeitlich ergangenen Schuldspruch wegen schwerer Rechts- und Verfahrensmängel wieder kassiert.
Aber der Weltbürger aus Kronberg und Nachfahr jenes berühmten Jakob Leisler, der anno 1691 im Kampf um die Unabhängigkeit New Yorks gehängt wurde, hätte auch sonst kaum "Ziel 1" erreicht. Seine einzige Chance lag - wenn denn überhaupt - in einer bis 1984 von den Freien Demokraten durchgehaltenen sozialliberalen Koalition.
Darauf setzt er, und um sich in Stellung zu bringen, sucht Kiep das "Modell Niedersachsen" mit einem persönlichen Triumph zu bekräftigen. Als CDU-Spitzenbewerber schlägt er im Sommer 1982 in seiner Heimatstadt Hamburg die sieggewohnten Sozialdemokraten, doch die FDP bleibt hängen.
Und dann kommt der kalte Winter. In Bonn regiert der "merkwürdige Kohl", der seinen bar jeder Hausmacht kämpfenden Rivalen leichterhand abgeschüttelt hat, während der desillusionierte Konkurrent an der Waterkant die fälligen Neuwahlen versiebt. "15 Jahre Politik", heißt danach sein bitteres Fazit, "ohne eine Spur im Schnee zu hinterlassen."
Warum so ein Buch, in dem der Verfasser auf mehr als 400 Seiten spannend zu lesende Details anbietet, das sich andererseits aber auch in mancherlei Klein-Klein verfieselt? "Freitag, 11. 1. 198o ... Massage. Gegen 1/2 1o Uhr per Porsche nach Kreuth ...". Das Kiepsche Genrebild einer eh ziemlich komplizierten christlichen Parteien-Familie wirkt mitunter etwas überladen.
Doch sein Werk, das "den Nachgeborenen im Jahr 5o der Bundesrepublik ein Stück ihrer Geschichte erzählen will", ist im Großen und Ganzen zu loben. Anstatt einen der üblichen, häufig genug wohlfeilen Memoirenbände zu fabrizieren, steht der Autor zu seinen zwangsläufig nicht immer verfertigten Gedanken - auch wenn er dabei selbst weniger gut aussieht.
Dass ein Mensch vom Typus Kiep einen vom Schlage Straußens für gefährlich hält, lässt sich leicht erklären - nur wie kam es dann zu jener eigenartigen Liaison im Bundestagswahlkampf 198o? Da rückt der Hanseat als eine Art unerklärter Schatten-Außenminister in die Kernmannschaft des bulligen Bayern auf, distanziert sich aber zugleich von ihm.
"Ich sage Dir ganz offen, dass ich Deine politischen Absichten und Intentionen immer weniger verstehe", beschwert sich brieflich der vor Wut kochende Parteichef Helmut Kohl, und der Adressat nimmt die Rüge hin. Zumindest in dieser Phase ist er mit sich selbst nicht im Reinen.
Er möchte halt "irgendwie dem Staate dienen" - ein Motiv, das den hoch engagiert seinen vielfältigen Ämtern und Ehrenämtern nachgehenden Macher und Mäzen noch heute beseelt. Als Aufsichtsrat bei VW lernte Kiep, der ursprünglich der FDP zuneigte und in der CDU scheiterte, den Sozialdemokraten Gerhard Schröder schätzen.
Dem Kanzler arbeitet er nun als "Persönlicher Beauftragter für internationale Sondermissionen" zu. Und Schröder wird dafür am Dienstag dieser Woche in Berlin Kieps Buch präsentieren.
HANS-JOACHIM NOACK
* Mit dem CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer Philipp Jenninger am 16. September 1981 im Bundestag. ** Walther Leisler Kiep: "Was bleibt ist große Zuversicht. Erfahrungen eines Unabhängigen. Ein politisches Tagebuch". Philo Verlagsgesellschaft Berlin; 446 Seiten; 42 Mark.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 39/1999
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