27.09.1999

MUSIK-TVClip, Clip, Hurra

Viva-Chef Gorny auf dem Vormarsch: Ermuntert durch seinen Quotenerfolg, plant er den Börsengang. Ärger macht ihm nur die Gewerkschaft.
Wie groß sein "Laden" geworden ist, merkt Dieter Gorny, 46, für gewöhnlich im Fahrstuhl. "Da steht immer öfter jemand vor mir, den ich fragen muss: Sag mal, wer bist du eigentlich?"
Gorny ist für jeden im Sender "der Dieter". Klare Sache, auch wenn seine einstige Musikkanal-Klitsche dank Stars wie Moderator Mola wächst und wächst. Angefangen hat es vor sechs Jahren mit "20 Irren, die Fernsehen machen wollten". Heute hat er etliche Irre mehr: Rund 400 Leute arbeiten nun für den Kölner Sender. Da verliert Gorny - zu seiner großen Freude - schon mal den Überblick.
Innerhalb kürzester Zeit hatte der studierte Kontrabassist seinen Kanal zum Marktführer unter Deutschlands Musiksendern gemacht - unfreiwillig unterstützt durch die Konkurrenz von MTV.
Der deutsche Ableger des amerikanischen Clip-Kanals beschleunigte den Aufstieg des umtriebigen Gorny durch einen schweren strategischen Fehler: Zwei Jahre nach Vivas Start verschlüsselte MTV sein Programm und war ohne Dekoder nur noch im Kabel zu sehen. Statt sich ein teures Zusatzgerät anzuschaffen, verzichteten viele Kids lieber auf MTV und zappten zu Gornys Viva.
Doch seit Anfang des Jahres ist auch MTV unverschlüsselt über Satellit zu empfangen, die Zuschauerzahlen wachsen, und beide Sender beanspruchen nun lautstark für sich die Marktführerschaft - gestützt auf unterschiedliche Umfrageergebnisse, auch wenn die offiziellen Zahlen nach wie vor Viva vorne sehen.
"Die Zeiten von 30 Prozent Wachstum pro Jahr sind auch bei uns erst einmal vorbei", kommentiert Gorny die veränderte Lage und drängt jetzt darauf, seinem Sender mit viel Geld "aggressiv und unternehmerisch" neue Märkte zu erschließen.
Der Sender, an dem die Plattenkonzerne Sony, Warner, Polygram und EMI zusammen 95 Prozent der Anteile halten, will in den nächsten zwei Jahren über 100 Millionen Mark investieren und die "führende europäische Jugendmarke" (Gorny) werden. Spätestens im November soll eine entsprechende Entscheidung fallen.
Viva wird zunächst in die Schweiz, nach Polen und Ungarn expandieren. Mittelfristig sollen auch Italien, Spanien, Frankreich und England Rendite steigernd mit dem Kanal beglückt werden. Auch die Internet-Aktivitäten sollen mit zweistelligen Millionen-Beträgen ausgebaut werden.
Unklar ist bisher, woher das Geld kommen wird. Gorny selbst - so heißt es - drängt auf einen Börsengang, der ihm als Vorstandsvorsitzenden mehr Gestaltungsspielraum verschaffen würde und einen angenehmen Nebeneffekt hätte: Entsprechende Beteiligungsmodelle würden seinen und den Wohlstand der Mitarbeiter vermutlich mehren.
Doch Gornys Gesellschafter haben zunächst andere Sorgen. Partner Sony kündigte vor wenigen Wochen intern an, aus der illustren Runde aussteigen zu wollen. Der japanische Konzern will seine internationalen Fernsehaktivitäten strategisch neu ausrichten und hat seine Viva-Anteile den Mitgesellschaftern zum Kauf angeboten.
Die müssen jetzt zunächst darüber entscheiden, ob sie das Geschäft mit einem neuen Partner teilen, und dann, ob sie tatsächlich ihr geplantes Investitionsprogramm mit einem Börsengang finanzieren wollen.
Gorny tut schon jetzt alles, um potenziellen Investoren zu imponieren. Glücklose Sendungen wie "deep", "virus" oder "move" wurden aus dem Programm des Schwesterkanals Viva 2 gekippt, die Werbeindustrie soll noch enger umgarnt werden.
Ständig wird Nachwuchs rekrutiert für die schon jetzt berstende Zentrale im Kölner Mediapark, wo die hippen Kreativflieger in Großraumaquarien sitzen, zwischen Türmen von Videokassetten, CDs und Tonnen von Zeitgeist-Accessoires.
In jeder anderen Firma würde der Betriebsrat kreischen, bei so viel Chaos auf so engem Raum. Nicht hier. Cool bleiben! Bei Viva wird Enge nicht mit "Unfall- und Gesundheitsgefahren" übersetzt, wie in Paragraf 89 Absatz 1 des Betriebsverfassungsgesetzes. Bei Viva heißt das Chaos "Spirit". Und Spirit verträgt sich schwer mit Gerichtsverfahren.
Den größten Ärger hat Gorny mit dem ehemaligen Viva-Mitarbeiter Volker Michels. Das aktive Mitglied der Gewerkschaft IG Medien hatte im März 1996 den Betriebsrat mitgegründet. Im vergangenen Jahr wurde sein Vertrag als Cutter nicht verlängert. "Weil ich mich für die Einführung des Manteltarifvertrags zu weit aus dem Fenster gehängt habe", mutmaßt der 33-Jährige.
Er zog vors Arbeitsgericht und bekam im April Recht: Viva muss Michels wieder einstellen, der sich sicher ist, dass Gorny die nächste Instanz bereits anvisiert hat: "Doch da werden die auch wieder eins auf den Sack kriegen."
Die Gewerkschaft habe ihn gut beraten. Wenn er in den Schoß der Viva-Family zurückkehrt, "wird es zwar mit Sicherheit Mobbing ohne Ende geben". Doch Michels will es darauf ankommen lassen. Es gebe viel zu tun, denn der jetzige Betriebsrat zeichne sich lediglich durch kumpelhafte Ahnungslosigkeit aus: "Die haben alle Schiss vor Dieter."
Der renitente Cutter will da weitermachen, wo er vor dem Rausschmiss aufgehört hat: "Der Manteltarifvertrag muss eingeführt werden. Seit ich weg bin, liegt dieses Projekt auf Eis."
Nur mit Hilfe des Manteltarifs könnten in dem Trendkanal die Grundpfeiler des Arbeitsrechts eingezogen werden: vernünftige Arbeitszeiten und angemessener Lohn. Jungredakteure verdienten, so Michels, zu wenig und "arbeiten sich dafür den Arsch ab". Den Leuten reiche es, sagen zu können: "Hey, ich arbeite bei Viva."
Viel Rückhalt hat der Ex-Cutter im Sender nicht. Den Betriebsratsvorsitzenden Axel Braukmann weiß der Viva-Boss fest an seiner Seite.
Braukmann hat zum Betriebsverfassungsgesetz das gleiche Verhältnis wie ein überzeugter Atheist zur Bibel: "Klar guckt man da ab und zu mal rein. Aber es gibt wirklich spannendere Bücher. Paragrafenreiterei ist eben nicht mein Ding."
Gorny lächelt väterlich. Ähnlich wie sein Kanzler Gerhard Schröder ist er längst in der neuen Mitte angekommen. "Wir versuchen das hier alles intern mit Gesprächen zu regeln", sagt der Chef und streicht sich über die neue Kurzhaarfrisur. Prozesse seien wirklich die letzte aller Lösungen: "Arbeitsgerichte sind uncool."
So uncool, dass Gorny das wachsende Branchenproblem der Scheinselbständigkeit von vornherein vermeidet. Interne Probleme regelt er mit Braukmann gern "beim gemeinsamen Bier", wo die beiden sich einig sind: "Wenn man das Betriebsverfassungsgesetz ausleben würde, gäb's Viva gar nicht mehr."
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, OLIVER LINK, THOMAS TUMA
Von Konstantin von Hammerstein, Oliver Link und Thomas Tuma

DER SPIEGEL 39/1999
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