10.12.2016

StarsGefangen

Paul Pogba, heute der teuerste Spieler der Welt, geriet in eine Sackgasse: Seine Berater ließen ihn einen Vertrag unterschreiben, der seine Karriere blockierte.
Wenige Tage bevor Paul Pogba im Juli dieses Jahres mit 105 Millionen Euro Ablösesumme zum teuersten Fußballer der Welt wurde, postete er ein Foto auf Instagram. Der französische Superstar sitzt in einem Pool, sein Oberkörper und sein Sixpack ragen aus dem Wasser. Er lächelt einen Mann an, dessen weiße Wampe sich über einer roten Badehose wölbt. Mino Raiola, Pogbas Berater, genießt den Moment. Beide lachen.
Das Foto sieht nach Erleichterung aus. Wie groß die Probleme des ungleichen Duos noch wenige Wochen zuvor waren, belegen bislang unveröffentlichte Dokumente, viele davon aus dem Datenschatz von Football Leaks.
Es ist eine Geschichte, die zeigt, dass sich selbst große Talente wie Pogba im wilden Beraterdschungel verlaufen können. Dass ein falscher Agent eine ganze Karriere gefährden kann.
Paul Pogba lernte 2006 Oualid Tanazefti kennen. Tanazefti arbeitete als Scout für den französischen Profiklub Le Havre. Die beiden sind sich sehr ähnlich, kommen aus ärmlichen Verhältnissen, zwei Schlitzohren, die es in diesem Leben zu etwas bringen wollen. Tanazefti hatte Pogba in die Jugendabteilung von Le Havre gelotst. Zwei Jahre später begleitete er ihn nach England, Pogba besuchte das Jugendinternat von Manchester United.
"Es war manchmal schwierig, weil wir nicht genug Geld hatten", erinnert sich Tanazefti in dem Buch "Les secrets du mercato" an die Zeit in Manchester. Auch sportlich lief es in England nur mäßig. Möglicherweise suchte man deshalb nach Hilfe. Raiola wurde eingeschaltet, der Italiener ist einer der einflussreichsten Strippenzieher der Branche, mit seinen Topstars hat er schon Dutzende Millionen verdient.
Raiola transferierte den damals 19-jährigen Pogba von Manchester zu Juventus Turin. Der Mittelfeldmann schlug ein, wurde viermal italienischer Meister, erreichte das Champions-League-Finale.
Raiola kreiert gern solche Sportmärchen. Und er weiß, dass sie ihren Preis haben: Juventus gab das Beraterhonorar für Pogbas Zeit in Italien in den Geschäftsberichten mit 10,5 Millionen Euro an.
Pogbas alter Kumpel Tanazefti dagegen verblasste komplett. Er hatte den kommenden Star zwar nach Italien begleitet, aber er merkte schnell, dass der französische Nationalspieler nun immer häufiger Raiolas statt seine Nähe suchte.
Tanazefti kam auf eine Idee: Gemeinsam mit einem Kumpel namens Ylli Kullashi überzeugte er Pogba, ihnen seine Werberechte zu verkaufen. Im Football-Leaks-Material findet sich ein Dokument, für das es nur ein Wort gibt: Knebelvertrag. Lebenslange Laufzeit, unkündbar, ausbeuterisch.
Die beiden Berater, so steht es in dem Kontrakt vom 5. November 2014, durften alle Einnahmen aus den Werberechten frei und ohne vorherige Absprache mit dem Spieler reinvestieren und anlegen. Für Pogba hätte sich der Vertrag womöglich erst nach 15 Jahren halbwegs rentiert: Dann hätten ihm 70 Prozent der Gesamteinnahmen zugestanden.
Tanazefti und Kullashi gründeten kurz nach dem Deal eine Firma namens Koyot Group und registrierten sie im Steuerparadies Luxemburg. Pogba hatte sich mit der Vertragsunterschrift in eine Art Leibeigenschaft der beiden Berater begeben. Werbeverträge sind heute für viele Vereine ähnlich wichtig wie die sportliche Qualität der Spieler. Sie sind zusätzliche Erlösquellen. Kein Topverein kauft einen Spieler, dessen Werbewert er nicht nutzen darf.
Für Pogba hatte das weitreichende Folgen, es gefährdete sogar seine Karriere. Denn nachdem Raiola Wind von dem Vertrag bekam, begann ein Anwaltskrieg, der dazu führte, dass Pogbas Werberechte auf unbestimmte Zeit blockiert waren. Niemand konnte mehr mit ihnen Geld verdienen. Und der Spieler konnte Juventus im Sommer 2015 nicht verlassen, obwohl es zahlreiche Interessenten für ihn gab.
Tanazefti versuchte die Situation auf seine Art zu lösen: Er bot Pogbas Werberechte bei Sportvermarktern an. Die Football-Leaks-Daten zeigen, dass er Ende 2015 bei der Agentur Doyen Sports anfragte. Nachdem er einen Korb bekommen hatte, wandte er sich an die chinesische Firma Fosun. Auch die winkte ab.
Am Ende schien Raiola eine Lösung gefunden zu haben: Laut der französischen Zeitung "L'Equipe" kassierten Tanazefti und Kullashi je fünf Millionen Euro für Pogbas Freiheit. Wer das Geld gezahlt hat? Unklar.
Für Raiola brachen noch bessere Zeiten an.
Als Pogba in diesem Sommer von Turin zurück nach Manchester wechselte, das berichtete der Juve-Chef Giuseppe Marotta, erhielt Raiola sogar noch eine Transferbeteiligung. So flossen im vergangenen Sommer weitere 27 Millionen Euro an den Agenten und seine Firma.
Tanazefti teilte auf Anfrage mit, dass viele "der Behauptungen total oder in Teilen falsch beziehungsweise abwegig interpretiert oder aus dem Kontext gerissen" seien. Er sei in 13 Jahren im Fußballbusiness in kein einziges Gerichtsverfahren verwickelt worden, stattdessen würde er durchweg "transparent und im Einklang mit allen existierenden Gesetzen arbeiten". Sollte ihn die Veröffentlichung in Misskredit bringen, so Tanazefti, werde er seinen Anwalt einschalten. Raiola bezeichnete die Fragen an ihn und Pogba als "tendenziös und bösartig", nannte sie eine "Schmierenkampagne gegen Spielerberater, Personen aus dem Spitzensport und dabei besonders gegen die Akteure des Fußballs". Kullashi ließ mehrere Anfragen unbeantwortet. Die Drohgebärden können zwar viel Rauch erzeugen, die Fragen lassen sich dadurch aber nicht vernebeln. Vor allem eine: Warum liegen Pogbas Markenrechte heute allem Anschein nach in Steueroasen?
Denn in einigen Dokumenten findet sich eine Spur dorthin, man muss dafür Pogbas Markenrechte durch ein Firmengeflecht verfolgen. Zunächst lagen sie bei der Blue Brands Limited, einer Firma im europäischen Steuerhimmel Irland. Von dort wanderten sie weiter zur Aftermath Limited, einer Firma, die am 4. Februar 2016 gegründet wurde. Das war rund einen Monat bevor Pogba einen Multimillionendeal mit Adidas abschloss. Der Sportartikelhersteller will dazu keine Fragen beantworten.
Aftermath Limited hat ihren Sitz in Jersey. Einem von Europas attraktivsten Steuerparadiesen.

DER SPIEGEL 50/2016
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