10.12.2016

ErziehungCR 7 bis 12

Wie erkläre ich meinem fußballverrückten Kind, dass sein großes Vorbild wohl gar keins ist?
Im Onlineshop von Real Madrid kostet ein aktuelles Heimtrikot in Kindergröße 59 Euro. Wer zusätzlich den Schriftzug "Ronaldo" und die Sieben auf dem Rücken bestellt, muss 15 Euro drauflegen.
Das gilt zwar als günstig – so ein Trikot kann auch mehr als 100 Euro kosten. Trotzdem stellt sich die Frage, ob ein Trikot von CR7, wie Fans Cristiano Ronaldo wegen seiner Rückennummer nennen, ein gutes Geschenk wäre.
Und zwar aus mehreren Gründen: Für ein T-Shirt ist das verflixt viel Geld, muss das denn sein? Im nächsten Jahr ist das Kind wahrscheinlich aus dem Trikot rausgewachsen. Oder es wird von Sommer an nicht mehr im Hemd der letzten Saison kicken wollen.
Nun gibt es noch ein Argument: Soll mein Kind mit dem Namen eines trickreichen Steuervermeiders auf dem Bolzplatz stehen? Taugt Ronaldo zum Vorbild?
Die Antwort ist: Nein, er taugt nicht.
Aber das spielt keine Rolle.
Kinder haben ein ausgeprägtes Gespür für Gerechtigkeit. Sie finden es gemein, wenn Menschen vor Krieg fliehen und nirgendwo Schutz finden. Sie lehnen Tierversuche ab, auch wenn es dafür gute Gründe geben mag. Sie sind für den Umweltschutz und gegen die Autobahn. Und wenn jemand weniger Steuern zahlt, als er sollte, dann finden sie das auch falsch.
In ihrer Heldenverehrung sind Kinder ebenfalls absolut: Ihre Popstars sind immer süß, ihre YouTube-Idole immer brillant, ihre Lieblingssportler sollen immer Sieger sein. Bei Helden gibt es keine Grautöne, Differenzierung ist Mist.
Wie also erklärt man den CR-Fans im Alter von 7 bis 12, dass ihr Held kein Vorbild ist?
Kindern wird sicher sehr klar sein, dass es nicht in Ordnung ist, mit den Steuern zu tricksen. Sie werden darauf kommen, dass auch Helden nicht alles richtig machen. Aber sie werden das Trikot trotzdem haben wollen.
Was sie an Ronaldo lieben, sind seine Pässe, seine Freistöße, seine Tore – nicht seine Finanztricks. Ein Kind im Ronaldo-Trikot will ein besserer Fußballer sein, kein besserer Mensch.
Interessanterweise gleicht die Heldenverehrung eines durchschnittlichen 7- bis 12-Jährigen dem Gemütszustand eines erwachsenen Fußballfans: Differenzierung ist Mist. Bei St. Pauli, dem derzeit schlechtesten Verein der Zweiten Bundesliga, ist das Stadion ständig ausverkauft, und die Fans singen: "Wir werden immer bei dir sein." Bei Werder Bremen – derzeit auch nicht gerade verwöhnt – singen sie: "Lebenslang grün-weiß."
Dass Fußball durch und durch ein Geschäft ist, kann den Fan sehr empören. Aber nur bis zum Anpfiff.
Das mag keine besonders erwachsene Haltung sein. Aber damit erübrigt sich auch die Frage, ob man Kindern eine erwachsenere Moral aufzwingen sollte – und das Trikot nicht kauft.
Natürlich lässt sich der Wunschzettel mit dem Ronaldo-Zubehör zusammenstreichen. CR7-Unterwäsche aus seiner Kollektion: nein. Ronaldo-Duschgel: ebenfalls nein, auch keine CR7-Socken. Da geht's nicht um den Spieler. Ein Trikot mit seinem Namen: na gut, wenn es denn sein muss.
Aber dann bitte kein nachgemachtes aus dem Türkeiurlaub. Das kostet zwar nur ein paar Euro, und man hat den kleinen Triumph, dass beim Fake-Shirt keiner von den Millionären mitverdient. Und dass man mit einem Trick am Rand der Legalität Geld gespart hat.
Doch dann wäre nicht mehr Ronaldo das schlechte Vorbild. Sondern Vater und Mutter. Und das ist schlimmer.
Kneip, 54, leitet "Dein SPIEGEL", das Nachrichten-Magazin für Kinder. In dem Heft werden Themen aus der Erwachsenenwelt kindgerecht erklärt.
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 50/2016
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