10.12.2016

Parteien„Schreckliche Sätze“

Der Grüne Volker Beck, 55, über die Crystal-Meth-Affäre, seine Rolle in der Pädophiliedebatte und seine gescheiterte Kandidatur für den nächsten Bundestag
SPIEGEL: Die Grünen haben Sie nach 22 Jahren nicht mehr für die nächste Bundestagswahl aufgestellt. Schmerzt Sie das?
Beck: Ich hätte natürlich lieber gewonnen, sonst hätte ich ja nicht kandidiert. Ich wusste aber, dass ich nur Außenseiterchancen habe, und bin mit mir jetzt ziemlich im Reinen.
SPIEGEL: Warum haben Sie sich die Kampfabstimmung angetan?
Beck: Ich wollte den Leuten, die auf mich setzen, nicht das Gefühl geben, der schlägt sich in die Büsche, wenn's schwierig wird. Gerade in dieser Zeit des wachsenden Antisemitismus und der Minderheitenfeindlichkeit. Am Tag nach der Abstimmung war ich aber erleichtert, dass es vorbei war. Der Druck vorher war schon groß.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich Ihre Niederlage?
Beck: Wir haben ein Verfahren, da geben die Parteibezirke Voten ab und verhandeln dann auf dieser Grundlage, wen sie für welchen Listenplatz unterstützen. Das ist ein sauberes demokratisches Verfahren, daran ist überhaupt nichts zu beanstanden. Und da stand ich halt nicht auf dem Zettel. Das deutete sich schon 2015 an. Was am Ende den einzelnen Delegierten dazu bewogen haben mag, nicht bei mir das Kreuz zu machen, können nur diese beantworten. Bei manchen spielten vielleicht auch die Positionen, für die ich stehe, eine Rolle, bei anderen womöglich meine Fehler.
SPIEGEL: Welche meinen Sie?
Beck: Diese Drogengeschichte hat mir sicher nicht geholfen. Unzufriedenheit mit dem suboptimalen Wahlkampf 2013 könnte auch eine Rolle gespielt haben. Andere nehmen mir bestimmte Standpunkte übel, zum Beispiel dass ich mich für das Recht von Juden und Muslimen auf Beschneidung eingesetzt habe. Wieder andere wollen einfach mal ein neues Gesicht sehen.
SPIEGEL: Geht es nicht auch um Ihren Charakter? Wenn man mit Leuten aus Ihrer Partei spricht, dann hört man immer wieder: Der Volker legt bei anderen gern die Finger in die Wunde, aber bei seinen eigenen Fehlern ist er ziemlich nachsichtig.
Beck: Richtig ist, dass ich bei Respektlosigkeit gegenüber Minderheiten strikt bin. Private Fehler sehe ich auch bei anderen nach. Ich halte Politisches und Privates ohnehin auseinander. Das Privateste, was ich beispielsweise twittere, sind wohl die Verspätungen meines ICEs.
SPIEGEL: Das Private ist also doch nicht politisch, wie es früher bei den Spontis hieß?
Beck: Natürlich gibt es im Privatleben Dinge, die eine gesellschaftspolitische Dimension haben. Aber ich finde, man sollte sein Privatleben nicht zum Gegenstand der Berichterstattung machen. Man enteignet sich sonst seines eigenen Lebens: Man fängt dann an, es nach PR-Kriterien zu stylen. Das geht nie gut. Wir sind alle Menschen mit Fehlern, mit Schwächen, mit Stärken. Wir haben Höhen und Tiefen. Damit sollte man öffentlich zurückhaltend umgehen.
SPIEGEL: Wo endet denn der Politiker Volker Beck, wo beginnt die Privatperson Volker Beck? Sie gehen zum Beispiel sehr offen mit Ihrem Schwulsein um.
Beck: Schwulsein ist nichts Privates. Wie und mit wem ich mein Schwulsein lebe, das ist privat.
SPIEGEL: Sie haben sich mit Ihrem damaligen Mann Jacques Teyssier öffentlich gezeigt und fotografieren lassen.
Beck: Ich definiere Privatheit auch nicht so, dass man seinen Lebenspartner versteckt. Zu verschweigen, mit wem man zusammen ist, wäre verkrampft und eine künstliche Grenze. In die Wohnung lassen wir aber keine Presse. Da bin ich eisern. Als mein Mann im Sterben lag, wollten einige Medien herzzerreißende, für mich sicherlich hoch sympathische, Geschichten darüber schreiben, dass ich aufgehört hatte zu arbeiten, um mich um ihn zu kümmern. Ich wollte das nicht.
SPIEGEL: Können Sie verstehen, dass viele es als künstliche Grenze empfanden, als Sie Ihre Drogenaffäre zur Privatsache erklärten?
Beck: Neugier kann ich verstehen, aber ich muss ihr nicht nachkommen. Wir Politiker haben dieselben Pflichten wie alle anderen. Aber auch die Rechte. Dazu gehört der Schutz der Privatsphäre und das Recht zu schweigen, wenn man beschuldigt oder verdächtigt wird.
SPIEGEL: Dadurch sind aber die Spekulationen ins Kraut geschossen. Es hieß, Sie seien seit dem Krebstod Ihres Mannes in einer Lebenskrise.
Beck: Ich habe mich entschieden, Privates privat zu halten. Jede Entscheidung hat ihren Preis.
SPIEGEL: Ist es nicht ein ziemlich hoher Preis, dass Sie dem nächsten Bundestag nicht mehr angehören werden?
Beck: Wie gesagt, ich glaube nicht, dass es vor allem daran lag.
SPIEGEL: Haben Ihnen Parteifreunde ins Gesicht gesagt: "Volker, das war großer Mist'?
Beck: Natürlich war das Mist, und es gab Kritik daran, dass ich gesagt habe, dass ich immer für eine liberale Drogenpolitik eingetreten bin.
SPIEGEL: Das wirkte, als würden Sie die Gefahr durch harte Drogen herunterspielen.
Beck: Die Missverständlichkeit dieses Satzes war ein Fehler. Das sollte keine Rechtfertigung oder Verharmlosung von Drogen sein. Sucht- und Gesundheitsgefahren von legalen wie illegalen Drogen darf man nicht bagatellisieren. Aber: Es ist meine feste Überzeugung, dass es falsch ist, Konsumenten zu kriminalisieren. Hilfe statt Strafe sollte da gelten. Deshalb steht auch in unserem Wahlprogramm, dass die Kriminalisierung von Konsumenten beendet werden muss. Bei Cannabis wollen wir eine legale kontrollierte Abgabeform unter Beachtung des Jugendschutzes finden.
SPIEGEL: Es ging aber nicht um Cannabis, sondern um Crystal Meth.
Beck: Das Verfahren wurde eingestellt.
SPIEGEL: Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat Ihnen damals ein "schweres Fehlverhalten" vorgeworfen. Wie fanden Sie das?
Beck: Er war im Wahlkampf und hat versucht, jedes Risiko zu minimieren. Das habe ich verstanden.
SPIEGEL: Hat es Sie auch geärgert?
Beck: Sagen wir so: Ich habe mich nicht darüber gefreut.
SPIEGEL: 2013 waren Sie schon einmal groß in den Schlagzeilen. Sie hatten Ende der Achtzigerjahre ein Kapitel in einem pädophilieverherrlichenden Buch geschrieben. Wird man diesen Stempel je wieder los?
Beck: Die Frage müssten eigentlich Sie beantworten. Ich bekenne mich jedenfalls zu den Fehlern der Vergangenheit. Ich war damals in eine Debatte geraten, der ich geistig nicht gewachsen war. Man konnte damals in wissenschaftlichen Veröffentlichungen lesen, dass Sex zwischen Minderjährigen und Erwachsenen keine negativen Folgen für die Betroffenen hatte. Das war eine völlig falsche Spur und ein schwerer Irrtum. Wir mussten uns am Kragen aus dem Sumpf einer völlig verkehrten Debatte herausziehen. Ich habe schreckliche Sätze geschrieben, das tut mir aufrichtig leid. Und ich möchte mich bei jedem, der sich verletzt fühlt, entschuldigen. Ich war es aber eben auch, der mit anderen die Pädophilieaktivisten und ihre Unterstützer in einem harten Kampf aus den Grünen gedrängt und in der Schwulenbewegung politisch marginalisiert hat. Das gehört zur ganzen Wahrheit dazu. Und diese Rolle lasse ich mir nicht nehmen.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?
Beck: Es wäre Zeit für eine Aufarbeitung der Aufarbeitung. Dass ich auf einmal die Symbolfigur für eine Debatte war, die ich selbst beenden wollte und bei der ich nachher die Brandmauern hochzog, auf die sich später alle beriefen, war schwer auszuhalten.
SPIEGEL: Die Kritik bezog sich damals gar nicht so sehr auf das Kapitel an sich, sondern dass Sie mehrfach gesagt hatten, der Herausgeber hätte Ihren Text verfälscht.
Beck: Was auch stimmt. Ich empfehle Ihnen dazu die Lektüre der Habilitationsschrift von Stephan Klecha, der gemeinsam mit Wissenschaftler Franz Walter die Vergangenheit der Grünen aufgearbeitet hat. Er kann anhand von Dokumenten belegen, dass ich mit dem Herausgeber dieses furchtbaren Buches gestritten hatte, weil ich mich wegen des veränderten Tenors über das Ohr gehauen fühlte. All den Ärger hätte ich mir trotzdem sparen können, hätte ich es einfach bei der Distanzierung von den Inhalten dieses Buches belassen und über meine ungenaue Erinnerung einfach geschwiegen.
SPIEGEL: Wurde Ihnen bei Ihren Affären zum Verhängnis, dass Sie bei anderen immer sehr hohe moralische Ansprüche formuliert haben?
Beck: Schön, dass Sie das ansprechen. Das hat mich in der Berichterstattung über mich wirklich geärgert. Denn ich bin kein Moralist. Ich kämpfe für bestimmte Prinzipien, nicht um die Verurteilung anderer, Ich hasse die Attitüde: "Wir sind besser als die anderen."
SPIEGEL: Sie stimmen also Winfried Kretschmann zu, wenn er sagt, die Grünen müssten den erhobenen Zeigefinger abschaffen?
Beck: Ich hoffe jedenfalls, dass ich beim erhoben Zeigefinger nicht oft dabei bin. Für mich war immer eine Politik des Respekts das Ziel: Wir dürfen nicht hinnehmen, wenn Menschen oder Gruppen von Menschen wegen einer Eigenschaft abgewertet werden. Da kann ich unlustig werden. Ich will vor allem für eine Perspektive der Gleichheit der Verschiedenen und gegen Vorurteile argumentieren und mich nicht über andere moralisch erheben.
SPIEGEL: Wissen Sie schon, was Sie nach der nächsten Bundestagswahl machen werden?
Beck: Nein. Aber ich hatte ja auch ein politisches Leben vor meiner Zeit als Abgeordneter. Seien Sie unbesorgt: Ich werde mich auch nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag um unsere Anliegen kümmern.
SPIEGEL: Sie sind des Kampfes nicht müde?
Beck: Natürlich fühle ich mich manchmal müde. Dann ziehe ich die Bettdecke über den Kopf und schlafe exzessiv aus. Aber danach schalte ich wieder in den Kampfmodus.
Interview: Ann-Katrin Müller, Christoph Schult
Von Ann-Katrin Müller und Christoph Schult

DER SPIEGEL 50/2016
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