10.12.2016

UmweltNot unter dem Dach

Die Sanierung von Fassaden ist vielerorts zum Erliegen gekommen. Schuld ist eine Ökovorschrift für altes Dämmmaterial aus Styropor.
Das Flachdach sieht aus wie ein Flickenteppich, schon seit Jahren ist es nur noch notdürftig repariert worden, weil sich die Eigentümergemeinschaft nicht einigen konnte. Doch jetzt soll das große Dach des Mietshauses in Meckenheim endlich instandgesetzt werden. Die Handwerker aus der Region sollen ein Angebot abgeben.
"Eigentlich ein lukrativer Auftrag", sagt Martin Weihsweiler, Dachdeckermeister aus Meckenheim. Doch er traut sich nicht ran. "Auch meine Mitbewerber nicht", erklärt der Handwerker. Denn unter der Dachpappe lauert ein Stoff, den derzeit niemand haben möchte: Styropor.
Über Monate haben sich die Entsorgungsbetriebe im Rhein-Sieg-Kreis gänzlich geweigert, das Dämmmaterial aus Polystyrol anzunehmen. "Jetzt akzeptieren sie ihn wieder, doch die Müllverbrennungsanlage will 3000 Euro pro Tonne." Der Dachdeckermeister hat ausgerechnet, was das kosten würde: 90 000 Euro – bei einem Auftragswert von 130 000 Euro ist diese Summe "einfach absurd", findet er.
In ganz Deutschland stockt gerade wegen des Styroporproblems die Renovierung von Gebäuden. Der Eigentümerverein Haus & Grund hat seine 900 000 Mitglieder dazu aufgerufen, "alle Sanierungsmaßnahmen zu stoppen". Schuld an dieser Situation ist eine verwaltungspolitische Posse rund um das Flammschutzmittel HBCD. Es steckt fast in jeder Styropordämmung. Im Falle des Mietshauses in Meckenheim wurde sie vor über 25 Jahren unter den Teerbahnen des Daches verlegt. HBCD ist ein Umweltgift, das sich in Organismen anreichert und vermutlich die Zeugungsfähigkeit beeinträchtigen kann.
Gemäß einer internationalen Konvention ist die Herstellung von HBCD-haltigen Styroporplatten von den Landesumweltministern per Verordnung verboten worden. Doch in ihrem Eifer haben sie den Stoff auch in der Entsorgung zu einem Gefahrenstoff deklariert, obwohl er sich bei den Temperaturen einer Hausmüllverbrennungsanlage unschädlich auflöst.
Dies haben sogar die peniblen Beamten im Bundesumweltministerium so bestätigt, die davor gewarnt hatten, HBCD als Gefahrenstoff in der Abfallverordnung zu verankern. Denn seitdem muss das Styropor getrennt gesammelt und angeliefert werden. Und es darf auch nur von speziell ausgebildeten Mitarbeitern behandelt werden.
Zwar haben einige Bundesländer nun wieder erlaubt, den Dämmmüll unter anderem Bauabfall anzuliefern und zu verbrennen. Aber noch immer verlangen etliche Verbrennungsanlagen dafür vierstellige Summen pro Tonne. Die Betreiber müssen sich jetzt den Vorwurf gefallen lassen, die HBCD-Verordnung als willkommene Gelegenheit zu nutzen, ihre Bilanzen aufzubessern. "Handwerker und Bauherren sind die Leidtragenden dieses umweltbürokratischen Unsinns", sagt Ulrich Marx vom Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks, der bereits erste Entlassungen beklagt.
Nächste Woche will sich der Bundesrat noch einmal mit dem Thema beschäftigen. Das Saarland und Sachsen nehmen einen letzten Vorstoß, die HBCD-Verordnung wieder zurückzunehmen. Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat sich eingeschaltet. Aus gutem Grund: Sie will die Wohnungseigentümer doch davon überzeugen, aus Gründen des Klimaschutzes ihre Gebäude zu sanieren.
Hendricks versucht, auch Bundesländer mit grüner Regierungsbeteiligung umzustimmen. Bislang ohne Erfolg. Ihr Heimatland Nordrhein-Westfalen und dessen grüner Umweltminister Johannes Remmel legen sich quer: "Wir haben als Behörde moderierend eingegriffen und Lösungen präsentiert", sagt Remmel und wirft den Müllverbrennern vor, dass es nunmehr "keinen sachlichen Grund für das hohe Preisniveau" mehr gebe. Remmel sieht jetzt die Betreiber der Verbrennungsanlagen in der Pflicht, die Preise zu senken. Dem Vorstoß im Bundesrat steht er skeptisch gegenüber: "Ob sich nach einer Änderung die Marktsituation entspannt, ist ungeklärt."
Die Betreiber der Verbrennungsanlagen wiederum erklären, sie könnten nicht anders, als den Gefahrenstoff aufwendig zu behandeln. Sie fordern, den Beschluss nächste Woche im Bundesrat wieder zu kassieren. "Sollte dies nicht geschehen, regen wir die Aussetzung des Erlasses für einen Zeitraum von zwölf Monaten an", sagt Bernard Kemper, Chef von Energy from Waste, einem großen Betreiber von Verbrennungsanlagen in Deutschland.
Wahrscheinlich wird es auch kommende Woche keine Mehrheit geben, um die fatale Verordnung wieder aus der Welt zu bekommen. Auch Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller dürfte der Initiative des Saarlandes nicht zustimmen: "HBCD ist ein Stoff, der die Umwelt schädigen kann, wenn er nicht ordnungsgemäß beseitigt wird", sagt er.
Politik und Müllwirtschaft schieben sich die Verantwortung zu. Die genervten Bauherren reagieren auf ihre Art und Weise. Einige packen ihren Müll in blaue Säcke und karren ihn zum Gewerbehof ihrer Stadt. Denn die Kommunen sind verpflichtet, privat anfallenden Müll entgegenzunehmen – auch das HBCD-haltige Plastik.
Von Gerald Traufetter

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