10.12.2016

SexualitätAufgeklärt

Manche sehen in Flüchtlingen vor allem potenzielle Vergewaltiger. Ein Kurs zeigt: Viele junge Flüchtlinge haben große Scheu vor Frauen – und keinen blassen Schimmer von Sex.
Wenn Arash, 16, aus Afghanistan, ein Mädchen an der Bushaltestelle anspricht, klingt das so:
"Hallo, wie heißt du?"
"Tanja", antwortet das Mädchen.
"Was machst du hier?"
"Ich warte auf den Bus, komme gerade von der Arbeit."
"Wie war Arbeit heute?"
"Gut."
"Kann ich haben deine Nummer?"
"Nein." Tanja zieht die Stirn in Falten.
Der Junge neben Arash schlägt sich mit der Hand gegen den Kopf und korrigiert ihn. "Nicht so", sagt er.
"Zuerst: Hast du Freund?"
Arash versucht es ein zweites Mal: "Hast du WhatsApp? Ich muss dir schreiben."
"Warum?", fragt Tanja unbeeindruckt. Dann erklärt sie Arash: "So läuft das nicht. Wenn du morgen wieder hier bist, können wir zusammen auf den Bus warten und einen Kaffee trinken."
"Okay. Kann ich morgen deine Nummer haben?"
Christian Zech geht dazwischen. "Sie hat jetzt dreimal Nein gesagt, es reicht. Sie will nicht." Zech, 42, ist Sexualpädagoge, Tanja, 35, eigentlich Dekorateurin und das Ganze nur ein Rollenspiel mit dem Ziel, Flüchtlingen zu erklären, wie deutsche Mädchen ticken. Und wie nicht. Und wie man mit dem Thema Beziehungen und Sex umgeht, in Deutschland.
Dafür stehen Tanja und Arash in einem stickigen Raum ohne Fenster vor fünf Jungs aus Eritrea, Syrien und Afghanistan, alles unbegleitete Flüchtlinge zwischen 15 und 18. Pädagoge Zech, ein agiler Mann mit Glatze und Ziegenbart, gibt Arash Ratschläge: "Frag die Frau nicht aus. Red einfach mit ihr, mach Small Talk."
Small Talk?
Was versteht ein 16-Jähriger, der vor zwei Jahren auf der Straße in Kabul lebte, Wasserflaschen verkaufte und in Afghanistan nie eine Schule besucht hat, wohl unter Small Talk?
Arash sagt zu Tanja: "Du bist sehr hübsch."
Flüchtlinge, die deutsche Frauen anstarren, anbaggern, angrapschen oder sogar vergewaltigen? Die Furcht vor den Neuankömmlingen sitzt tief, Gerüchte und echte Fälle sind kaum voneinander zu unterscheiden. Seit vor allem nordafrikanische Männer in der letzten Silvesternacht in Köln Hunderte Frauen sexuell belästigten, warnen rechte Internetportale vor massenhaften Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Flüchtlinge.
In anderen Kreisen wird debattiert, ob ein konservatives Frauenbild muslimischer Männer sexuelle Übergriffe befördere. Halten sie deutsche Frauen, die selbstständig leben und sich figurbetonter kleiden, für Freiwild? Können diese Männer mit der neuen Freiheit in Deutschland nicht umgehen, weil sie sich so stark von den Geschlechterverhältnissen in ihrer Heimat unterscheidet?
Christian Zech arbeitet bei Pro Familia, normalerweise gibt er Aufklärungskurse in Kindergärten, in Schulen, in Wohngruppen für schwer erziehbare Jugendliche. Seit einigen Jahren engagieren ihn immer häufiger soziale Einrichtungen, die unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreuen. Inzwischen hat er mit etwa 400 Jungs über Flirten, Verhütung, Familie und Rollenbilder gesprochen.
Als Zech an einem Montagmorgen Ende Oktober das Gelände des Apian-Gymnasiums in Ingolstadt betritt, wirken der Schulhof und die Klassenräume wie ausgestorben. Es sind Herbstferien. Doch in einem Seitenflügel des Gebäudes wohnen seit einem Jahr 60 Jugendliche, die ohne Eltern nach Deutschland geflüchtet sind. Zu dritt oder viert schlafen sie in einem Klassenzimmer, aus dem Lehrerzimmer wurde das Besprechungszimmer für die Betreuer von "Ambuflex", so heißt der soziale Träger. Weil der Feueralarm an den Schulgong gekoppelt ist, klingelt es trotz Ferienzeit den ganzen Vormittag durchdringend, mal zur nächsten Stunde, mal zur großen Pause.
Im improvisierten Fitnessraum hat jemand neben Hanteln, Ergometer und Drückbank zwei Tische zusammengeschoben. Hier begrüßt Zech die erste Gruppe: Abdullah, 16, Hamed, 16, und Yunus, 17, alle aus Afghanistan. Die Namen aller Jungen in dieser Geschichte sind geändert, weil sie noch nicht volljährig sind.
"Hat jemand Fragen, bevor ich anfange?", fragt Zech. Abdullah lehnt sich im Stuhl zurück, die Arme fest verschränkt, als wollte er sich mit seinen Händen am Körper festhalten, und fragt: "Wenn man sich küsst, kriegt man dann Aids?"
Zech beruhigt ihn, nein, Aids könne nur durch Sex übertragen werden. "Warum fragst du? Ist Aids in Afghanistan ein Problem?" Die drei Jungs machen große Augen und schütteln heftig den Kopf. Langsam dämmert es Zech: "Habt ihr gehört, dass Aids in Europa ein Problem ist?" Abdullah nickt.
Was tun? Zech sagt später, dass er überlegt hat, wie er antworten soll. Soll er Abdullah sagen, dass es in Europa zwar Aids gibt, aber vor allem bestimmte Gruppen betroffen sind? Ihm von Homosexuellen, von Prostituierten, von Drogensüchtigen erzählen? Und ihn so womöglich ermutigen, in Zukunft nicht zu verhüten? Zech entscheidet sich für eine nichtssagende Phrase: "Verhütung ist immer gut, aber Angst vor Aids braucht ihr nicht zu haben. Weitere Fragen?"
Hamed, in Shorts, Unterhemd und Badelatschen, druckst herum, dann sagt er: "Wie viel mal muss man Sex machen, bis das Baby kommt?" "Gute Frage!", ruft Zech begeistert. "Schon beim ersten Mal." Hamed sieht ihn ungläubig an. Das kann der nicht ernst meinen, scheint er zu denken. Dann sackt Hamed in sich zusammen, dabei entfährt ihm ein lautes "Puuuh".
Abdullah trägt Bomberjacke, Röhrenjeans, weiße Sneaker. Der Junge ist vor einem Jahr allein aus Kunduz gekommen, er gehört zur Minderheit der Hazara und hat vier jüngere Brüder. Seine Eltern haben mehrere Tausend Dollar für die Flucht des Ältesten zusammengekratzt, er soll hier etwas aus sich machen und dann, irgendwann, vielleicht seine Familie nachholen.
Nach dem Kurs erzählt Abdullah von der Normalität in seinem alten Leben. Die Mädchen durften das Haus nicht ohne Begleitung verlassen. Vormittags hatten sie Schulunterricht, die Jungs am Nachmittag. Trotzdem hatte Abdullah auch in Afghanistan eine Freundin. Mit der hat er ein paarmal telefoniert, heimlich.
Abdullah will in Deutschland Erfolg haben, sagt er. "Ich will deutsche Mädels kennenlernen, einfach um mich zu integrieren", sagt er. Tatsächlich trifft er sich seit einigen Monaten mit einer Gleichaltrigen. Sie habe ausgesehen "wie ein gutes Mädchen", da habe er sie angesprochen. Sie ist auf der Mittel- oder Realschule, glaubt er. Auf jeden Fall treffen sie sich ab und zu in der Stadt, halten Händchen und knutschen.
Abdullah hat sich schnell an die Freiheiten in Deutschland gewöhnt, er scheint sie zu genießen. Doch seine Zukunftspläne zeigen, wie sehr ihn die traditionelle Erziehung prägt. Heiraten würde er später gern eine afghanische Frau, die "die Situation zu Hause" versteht. Wenn die Kopftuch trüge, "wäre es besser", auch Jungfrau sollte sie sein. So wie Abdullah sind viele junge Flüchtlinge zerrissen zwischen ihrem alten und ihrem neuen Leben. Das ist anstrengend und verwirrend.
Zechs Kurse sollen den jungen Männern helfen, in Deutschland zurechtzukommen. Er sieht sich nicht als Vermittler zwischen den Kulturen, dafür seien die Hintergründe der Jungs zu unterschiedlich, sondern als Erklärer der deutschen Kultur.
An drei Terminen erklärt er insgesamt 14 Jungs, wie die Genitalien auf Deutsch heißen. Ein besonders fleißiger Afghane notiert "ein Hoden", "Penis", "das Sperma". Zech erklärt den Jugendlichen, wie Babys entstehen und wie lange Schwangerschaften dauern ("nein, keine ein, zwei Monate"). Ebenfalls Thema im Kurs: Die feuchten Flecken morgens in der Unterhose sind nicht gefährlich, und Selbstbefriedigung verursacht keine Rückenschmerzen, ist aber in der Öffentlichkeit, auch am Fenster, tabu. Eine Info, die für viel Gelächter sorgt. Wer in aller Welt würde so was Verrücktes tun?
Zur Veranschaulichung zückt Zech regelmäßig einen handgroßen fleischfarbenen Plüschpenis und eine Plüschvulva, die er mitgebracht hat. Wenn er vom stereotypen Sex in Pornos erzählt – "bisschen blasen, bisschen von vorne, von hinten und dann spritzt man irgendwann ins Gesicht" – nutzt er zur Illustration zwei Handpuppen aus Plüsch, eine Giraffe und ein Nashorn.
Er lässt vor Scham zitternde Jungs Kondome über Holzpenisse rollen. Natürlich sind wie in jedem Aufklärungsunterricht die größten und dicksten Demonstrationsexemplare zuerst vergriffen. Zech warnt die Jungen auch davor, sich Mädchen unter 14 Jahren zu nähern, das sei in Deutschland "ganz schlimm, fast wie Umbringen". Stattdessen rät er ihnen: "Sucht euch Mädels ab 16, besser noch 18. Dann können euch die Eltern nichts anhängen."
Er fürchtet, seine Schützlinge könnten durch überbesorgte Eltern deutscher Mädchen in Misskredit geraten. Tatsächlich ist Ambuflex nur ein Fall bekannt, in dem Eltern ihrer Tochter den Kontakt zum neuen Freund verboten, einem Jungen aus Gambia, der gar nicht verstand, wie ihm geschah. "Es ist wegen Köln", erklärten ihm die Betreuer. "Ihr haftet für alle Flüchtlinge mit."
Wer Zech einige Tage begleitet, erlebt vor allem sexuell unerfahrene junge Männer. Was nicht thematisiert wird, sind die Vorwürfe, sie hätten ein problematisches Frauenbild.
Herr Zech, weichen Sie den schwierigen Fragen aus?
"Haben Sie schon mal mit einem Afghanen geredet?", fragt Zech etwas genervt zurück. "Die meisten trauen sich gar nicht, eine Frau anzusprechen, weil man das in ihrer Heimat nicht tut."
Sind die Befürchtungen der Menschen hierzulande reine Panikmache?
"Für die meisten jungen Flüchtlinge ist ein anständiger Umgang mit Frauen wichtig. Aber das ist noch keine volle Gleichberechtigung und wird noch zu Problemen führen, wenn sich in Zukunft immer mehr Paare bilden", sagt er. "Aber den Satz ,Einmal ficken, weiterschicken' unterschreiben sicherlich mehr deutsche Jungs als ausländische."
In den Kursen sei ihm aufgefallen, wie orientierungslos viele Jugendliche seien. Was darf man in Deutschland und was nicht? Deshalb hat Zech seinen Kurs vor einem Jahr ausgeweitet, und zwar "vor Köln", betont er. Er will nicht als der Sittenwächter gelten, der bösen Jungs Zucht und Ordnung beibringt. Am letzten Tag hat er nun seine Bekannte Tanja dabei, mit der Arash und die anderen üben dürfen, wie man angemessen flirtet. Außerdem gibt Zech Tipps, wie man im Schwimmbad über ein Buch hinweg einen Blick auf hübsche Mädchen in Bikinis riskieren kann, ohne gleich unangenehm als Starrer aufzufallen.
Sollte er nicht besser dazu anleiten, dass man Frauen generell nicht anstarrt? "Ich will aus den Jungs keine Engel machen, sondern sie auf die deutschen Gepflogenheiten vorbereiten", sagt Zech.
Das ist nicht jedem recht. Kurz nachdem der Bayerische Rundfunk über Zech berichtet hatte, lag eine Morddrohung in seinem Briefkasten. Im September musste ein "Flirtkurs für Flüchtlinge" mit einem anderen Leiter bei der Arbeiterwohlfahrt Essen von Sicherheitspersonal und Polizei beschützt werden, weil es im Vorfeld Anfeindungen gegeben hatte. Und aus Sorge vor Angriffen besteht Tanjas Ehemann darauf, dass ihr richtiger Name nicht veröffentlicht wird.
In Norwegen führte die Einwanderungsbehörde 2013 in allen Flüchtlingsunterkünften Aufklärungskurse ein. In Deutschland gibt es nur wenige solcher Angebote. In Ingolstadt müssen die sozialen Träger, die unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreuen, selbst zahlen und organisieren, wenn sie möchten, dass ihre Schützlinge an einem Aufklärungskurs wie dem mit Zech teilnehmen. "Wir standen so unter Druck, hier durfte nichts passieren", erklärt Daniel Wächtler das Engagement. Der 36-jährige Bereichsleiter von Ambuflex ist für alle 60 Jungs in der Schule verantwortlich. Dass er bis vor Kurzem nebenberuflich Türsteher war, sieht man ihm an: groß, trainiert, tätowiert bis zu den Handgelenken, Vollbart und Pferdeschwanz mit ausrasierten Haarpartien.
Als die Stadt im Sommer 2015 nach Räumlichkeiten suchte, um minderjährige Flüchtlinge unterzubringen, fiel die Wahl auf den Seitenflügel des Gymnasiums. Das Gebäude stand leer, weil es abgerissen werden sollte. Sofort protestierten Eltern, zu einer Bürgerversammlung kamen mehr als hundert Leute. Junge männliche Flüchtlinge direkt auf dem Schulgelände, das war etlichen Eltern zu viel. Und dann steht auch das Hallenbad direkt gegenüber. Einige hätten ihre Töchter damals von der Schule abgemeldet, erzählt man sich.
Was seitdem passiert ist? Ein Afrikaner und ein Afghane von Ambuflex haben Hausverbot im Freibad, weil sie einem fremden Mädchen im Wasserbecken unters Bikinihöschen gegriffen haben sollen. Später revidierte das Mädchen seine Aussage, es sei nur am Po angefasst worden, außerdem habe man sich gekannt. Weitere Vorwürfe kennt Wächtler nicht.
Er sagt, dass die Kurse manchmal erstaunlich schnell Auswirkungen zeigten. Ein Junge aus Pakistan hatte sich im Frühling plötzlich geweigert, nach draußen zu gehen. Mit den steigenden Temperaturen waren die Röcke kürzer geworden. Gott verbiete ihm, die halbnackten Körper der deutschen Frauen zu betrachten, argumentierte er.
Dann kam Zech und hielt sein Programm ab. Es dauerte keine Woche, da erzählte derselbe pakistanische Junge einer Betreuerin, was bei ihm alles passiere, wenn er eine Erektion habe. "Schämt euch nicht", hatte Zech den Jungs eingebläut. In Deutschland sei es in Ordnung, über solche Dinge zu reden. Die Unterkunft hat der Junge inzwischen auch schon häufiger verlassen.

Über die Autorin

Laura Backes, Jahrgang 1987, besuchte die Deutsche Journalistenschule und ist seit Mai 2016 SPIEGEL-Redakteurin. Sie war gespannt darauf, wie der Aufklärungskurs ablaufen und der Leiter mit den Flüchtlingen umgehen würde: Ihre Biolehrerin hatte sich damals gedrückt und der Klasse einfach einen Film gezeigt. Mail: laura.backes@spiegel.de, Twitter: @LauraLBackes
Von Laura Backes

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