10.12.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteBacksteinkäse

Ein Pilot überlebt einen Absturz mit viel Glück und schäumt vor Wut über seine Retter.
Edgar Reissmüller, 59, Rentner und Hobbypilot aus Salach bei Göppingen im Schwabenland, bereitet sich gerade auf eine entspannte Landung vor, als sein Flugzeug plötzlich nach rechts abkippt. Seine Maschine, ein von ihm selbst zusammengebauter blau-gelber Einsitzer vom Typ "Motte", fällt vom Himmel wie ein Stein, es ist der Abend des 15. August dieses Jahres. Reissmüller zerrt an seinem Steuerknüppel, doch der ist blockiert. Mit 170 Stundenkilometern rast sein Flugzeug dem Boden entgegen. Noch 200 Meter bis zum Aufschlag.
Niemand dürfte verwundert sein, wenn eine Geschichte wie diese hier bereits vorbei wäre, weil der Pilot stirbt. Die Schwerkraft und die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers sprechen klar gegen Edgar Reissmüller. Aber er überlebt. Und man kann nicht sagen, dass er den Eindruck macht, besonders dankbar dafür zu sein.
Unter ihm ist ein Wald. Er zieht den Notfallgriff, der Fallschirm öffnet sich, die Maschine hängt an den Seilen. Sie rauscht durch drei Wipfel, die ihren Sturz zusätzlich bremsen. Reissmüller schaut aus seinem Cockpit: Er ist ins Geäst einer deutschen Buche gekracht und hängt samt Flugzeug in 30 Meter Höhe.
"Mein erster Gedanke war: Hoffentlich findet dich hier oben jemand", sagt er. "Mein zweiter Gedanke: Mach es dir bequem, das kann dauern." Der Gedanke, dass es ein Wunder ist, dass er noch lebt, dass er kaum verletzt ist, kommt ihm nicht.
Jetzt, Wochen später, steht Edgar Reissmüller in seiner braunen Fliegerjacke vor ebenjenem Waldstück bei Lauterstein am Rand der Schwäbischen Alb. Zum ersten Mal seit der Bruchlandung ist er wieder an der Absturzstelle.
Nach dem Einschlag in der Buche dauert es nicht lang, schon stehen Feuerwehrmänner und Retter von der Bergwacht unterm Baum, auch das Technische Hilfswerk ist angerückt, über Reissmüller kreist ein Polizeihubschrauber. Wie bekommt man den Piloten heil vom Baum? Zuerst versucht es ein Hubschrauber der Bundeswehr, er soll Reissmüller an einem Seil aus dem Cockpit ziehen, der Versuch misslingt. Dann soll ein Höhenretter Reissmüller vom Baum abseilen. Dazu braucht es Tageslicht, die Rettung wird auf den nächsten Morgen verschoben.
Eine Nacht im Baum für Edgar Reissmüller. Er könnte jetzt nachdenken. Über das Leben vielleicht und wie leicht es abhandenkommen kann. Doch Reissmüller ist ein pragmatischer Mann. Wenn man ihn fragt, ob er Angst gehabt habe im Baum, schüttelt er den Kopf. "Meine Lage war alternativlos. Ich habe mich im Cockpit eingerichtet, so gut es ging. Ich habe meine Fliegerjacke zugezogen, die ist so warm, damit kann man in Westsibirien Urlaub machen."
Ein paarmal telefoniert Reissmüller mit seiner Frau, sie ist nervöser als er, läuft zu Hause auf und ab, möchte zu ihm kommen, in den Wald. Er will das nicht. Nur kein Tamtam, sagt er. Er denkt stattdessen an Backsteinkäse mit Zwiebeln, sein Lieblingsgericht, denn er hat Hunger. Und an seine Enkelkinder. Später schließt er die Augen und schläft ein.
Um neun Uhr am nächsten Morgen klettert der Höhenretter mit Steigeisen den Baum hinauf, gemeinsam seilen sie sich ab. Nach 13 Stunden hat Reissmüller wieder festen Boden unter den Füßen. Er muss dringend pinkeln und erleichtert sich am nächsten Baum.
Seine Geschichte steht am nächsten Tag in Zeitungen von Stuttgart bis Hamburg, von Köln bis Berlin. Reissmüller bekommt eine Einladung vom ZDF, er soll in der Sendung "Menschen 2016" auftreten. Doch er sagt ab.
Denn Edgar Reissmüller ist wütend. Es geht um Geld. Acht Wochen nach dem Unglück hat er drei Rechnungen im Briefkasten. Von der Feuerwehr, der Höhenrettung, vom Forstamt. Insgesamt soll Reissmüller fast 35 000 Euro bezahlen. Er hat die Rechnungen zu Hause in einem blauen Ordner abgeheftet. Auf den Rechnungen stehen Posten wie "Erfrischungszuschuss für die Feuerwehrmänner" oder "Bodenproben im Wald". Die Rechnungen, sagt er, seien "eine Unverschämtheit". Er habe "keine 62 Feuerwehrleute gebraucht, 5 hätten auch gereicht". Und überhaupt: Die Einsatzkräfte hätten einen zweiten 11. September aus seinem Absturz gemacht. Er sei ja nicht mit einem Jumbojet unterwegs gewesen, bloß mit seiner "Motte".
Der Höhenretter sagt, der Aufwand sei "angemessen" gewesen: "unwegsames Gelände, komplexe Logistik". Reissmüller aber, der Überlebende, ist der Meinung, dass sich die Feuerwehr an ihm bereichern will. Er hat sich einen Anwalt zugelegt, um gegen seine Retter vorzugehen. Sein Leben scheint ihm keine 35 000 Euro wert zu sein. Alles soll jetzt bis ins Detail aufgeklärt werden, sagt er. Auch die Sache mit seiner "Motte".
Nachdem die Einsatzkräfte Reissmüller aus dem Baum geholt hatten, standen sie vor dem nächsten Problem: Das Flugzeug hing noch im Wipfel. Um es auf den Boden zu bekommen, ließen sie die Buche fällen. Als das Flugzeug auf den Waldboden schlug, ging es in Flammen auf, Kerosin war ausgelaufen.
Reissmüller musste die "Motte" zur Schrottpresse bringen. Sein Flugzeug und sich selbst sieht er inzwischen als Opfer seiner Retter. Er sagt: "Wenn ich vorher gewusst hätte, wie das läuft, hätte ich versucht, allein da runterzukommen."
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 50/2016
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