10.12.2016

GehälterGleich und ungleich

Eine ZDF-Reporterin hat ihren Arbeitgeber verklagt. Sie will den Sender zwingen, ihr genauso viel zu zahlen wie den Männern in der Redaktion.
Nach zwei Stunden im stickigen Verhandlungssaal bricht es aus ihr heraus. "Ich möchte nicht weiter eingeschüchtert werden", ruft die Frau mit den langen, dunklen Haaren, "es kann doch nicht sein, dass es mich meinen Job kostet, wenn ich mein Recht einfordere." Sie kämpft darum, nicht die Fassung zu verlieren. Und behält sie am Ende auch.
Seit neun Jahren arbeitet die Frau als Reporterin für das ZDF-Politmagazin "Frontal 21". Sie hat über Missstände in Wirtschaft und Politik berichtet und für ihre Arbeit einen Preis bekommen. Doch irgendwann war da dieser Verdacht: dass sie trotzdem weniger verdient als die Männer in der Redaktion. Sie hakte nach. Und siehe da: Die männlichen Kollegen bekommen durchweg mehr Geld – darunter Jüngere, die erst später zu "Frontal 21" gestoßen sind als sie.
Über Jahre versuchte die Journalistin, die Sache intern zu regeln. Sie drängte bei ihren Chefs auf mehr Geld. Sie wandte sich an eine Beschwerdestelle innerhalb des ZDF, die sich um solche Fälle kümmern soll. Dabei will sie herausgefunden haben, dass der Kollege aus dem Personalrat, der für den Posten vorgesehen war, sich längst in Pension befand. Das ZDF bestreitet dies.
Irgendwann hatte die Reporterin genug und verklagte das ZDF. Sie fühlt sich gegenüber den Männern in der Redaktion benachteiligt und fordert eine Entschädigung von 70 000 Euro.
Der Prozess vor dem Arbeitsgericht Berlin ist eine echte Ausnahme. Bislang haben sich nur wenige Frauen in Deutschland getraut, wegen Diskriminierung gegen ihren Arbeitgeber vor Gericht zu ziehen. Die Hemmschwelle ist hoch, das Verfahren langwierig. Tatsächlich führte die mündliche Verhandlung am vergangenen Mittwoch vor, wie mühsam der Kampf für eine gleiche Bezahlung von Frauen und Männern ist. Und dass Gleichberechtigung in Gehaltsfragen zwar politisch gewollt, die Ungerechtigkeit in der Praxis aber schwer zu belegen ist.
Am Ende spricht der Vorsitzende Richter dann auch kein Urteil. Er will den Parteien bis Anfang Februar Zeit geben, sich womöglich doch noch außergerichtlich zu einigen.
In den Stunden zuvor gibt es Szenen wie folgende. Klägerin: "Es gibt Männer in der Redaktion, die haben weniger Berufserfahrung und verdienen mehr als ich. Warum?" – Vorsitzender: "Weil die Kollegen besser verhandelt haben? Das nennt man Kapitalismus." – ZDF-Anwalt: "Machen wir jetzt hieraus eine politische Veranstaltung?"
Als der Vorsitzende bemerkt, dass Frauen deshalb finanziell schlechter dastünden, weil sie wegen der Kindererziehung im Job pausierten, ertönen aus dem Zuschauerraum Buhrufe. Sie kommen von Freundinnen der Klägerin, die im Publikum sitzen. Auch einige Mitarbeiter von "Frontal 21" sind zur Unterstützung gekommen.
Dass Frauen in Deutschland auch im Jahr 2016 noch schlechter bezahlt werden als Männer, ist eine Tatsache. Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamts bekommen Frauen, auch wenn sie die gleiche Tätigkeit ausüben und gleich gut qualifiziert sind, im Schnitt sieben Prozent weniger Geld als ihre männlichen Kollegen.
Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig will Unternehmen zwar zu mehr Transparenz verpflichten. Betriebe mit mehr als 200 Beschäftigten sollen nach ihrem Willen künftig offenlegen müssen, wie viel Mitarbeiter mit einer gleichwertigen Tätigkeit verdienen.
Schon jetzt ist es verboten, Frauen aufgrund ihres Geschlechts in Gehaltsfragen zu diskriminieren. So schreiben es die EU-Grundrechtecharta und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz vor.
Aber wie lässt sich beweisen, dass eine Frau weniger verdient, weil sie eine Frau ist – und aus keinem anderen Grund?
Das ZDF argumentiert vor Gericht, die männlichen Kollegen der Journalistin hätten sehr wohl fundiertere Berufserfahrung. Einer hätte beispielsweise länger für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet als die Klägerin, die zuvor beim Privatfernsehen war.
"So dusselig wie Birkenstock ist kein Arbeitgeber", sagt Hans-Georg Kluge, der Anwalt der Klägerin.
Mehrere Tochterfirmen der Schuhmarke hatten Mitarbeiterinnen jahrelang weniger Lohn gezahlt als den Männern. Als eine Angestellte klagte, bestritt Birkenstock den Vorwurf im Kern nicht, die Unterschiede seien "jederzeit offen kommuniziert worden". Birkenstock musste der Frau die Lohndifferenz und eine Entschädigung zahlen.
Und wenn die ZDF-Reporterin einfach schlecht verhandelt hat? Weil sie ihren Chefs glaubte, als die bei ihrer Einstellung sagten, es gebe leider nun mal keinen Spielraum nach oben. Auch dieses Argument hält Kluge für vorgeschoben. Arbeitgeber seien deshalb nicht von ihrer Verantwortung befreit. Sie hätten dafür Sorge zu tragen, dass die Frauen im Betrieb nicht grundsätzlich benachteiligt würden. Der Anwalt sieht in dem Fall das Potenzial für eine Grundsatzentscheidung, über die abschließend erst das Bundesverfassungsgericht urteilen könnte.
Das ZDF beantragt, die Klage abzuweisen. Zum Streit will sich der Sender nicht weiter äußern. Generell würde man Mitarbeitern aber keine Konsequenzen androhen, wenn diese klagten. Bei der Entscheidung, wie viel eine Frau oder ein Mann beim ZDF verdiene, sei das Geschlecht "kein Differenzierungskriterium".
Von Ann-Kathrin Nezik

DER SPIEGEL 50/2016
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