10.12.2016

SyrienFurcht und Betäubung

In Damaskus, der Hauptstadt des Regimes von Baschar al-Assad, versuchen die Bewohner, den Krieg beim Feiern zu vergessen. Milizen handeln mit Drogen. Die verbliebenen Dissidenten verstecken sich. Von Fritz Schaap (Text) und Christian Werner (Fotos)
An einem klaren Herbstmorgen, kurz nach Sonnenaufgang, verlässt ein Minibus Damaskus. Er umfährt den Northern Highway auf Höhe der Front, denn dort könnten Scharfschützen lauern. Später wird er zurückkehren auf die Schnellstraße und zügig nach Norden streben, den Küstengebirgen entgegen, in Richtung Homs.
Im Bus sitzen an diesem Donnerstag sechs Menschen, die im Syrien des Präsidenten Baschar al-Assad leben. Es sind die Mitglieder der Phoenix Adventure Wandergruppe – ein Barkeeper, eine Studentin, ein Designer, ein Hobbysportler, eine Trainerin, eine Kosmetikerin und ein Schäferhund. Sie machen einen Ausflug ins Grüne.
Die Stimmung ist fröhlich. "Auf ins Abenteuer", ruft der Barkeeper Kinan Haddad, noch etwas verschlafen.
Als der Bus sich den Hang des Berges Kasjun hinaufquält, bleibt Damaskus, die Hauptstadt des Regimes von Baschar al-Assad, hinter ihnen zurück. Ein endloses, graubraunes Häusermeer, aus dem Minarette und Kirchtürme ragen, das schon am frühen Morgen im Smog versinkt. Auf einem Hügel neben dem kahlen Berg thront, massiv wie ein Bunker, der Präsidentenpalast. Und die Stadt, Damaskus, kauert am Fuße des Berges, halb furchterfüllt, halb trotzig.
Elida Sanjar, 21, eine Wirtschaftsstudentin mit pinken Fingernägeln, hängt erschöpft von der Party der vergangenen Nacht auf einer engen Bank. Sie sei für Assad, sagt sie, weil sie froh sei, dass sie ungehindert Wirtschaft studieren und Party machen könne. Jetzt, da immer weniger Mörsergranaten auf die Hauptstadt fallen.
Neben ihr sitzt ihr Freund Kinan, der Barkeeper. Ein kleiner, kräftiger Mann, frühe Glatze, jungenhaftes Lächeln, rot geränderte Augen. "Yolo", sagt er, für "you only live once", man lebt nur einmal. Fast alle seine Freunde sind nach Europa geflüchtet. Er hat stattdessen eine Bar aufgemacht und geht nun feiern, sooft er kann. Der Staat, sagt er, existiere nur noch da, wo das Regime herrscht. Und diese Stabilität sei alles, was für ihn zählt.
Die Menschen im Bus haben alle unterschiedliche Gründe dafür, dass sie das Regime unterstützen. Was sie eint – und hier sieht man den Erfolg der Strategie Assads, sich als das einzige wählbare Übel zu etablieren –, ist die Angst vor dem "Islamischen Staat" (IS). Sie treibt viele Menschen zu Assad, nachdem schon Millionen aus Angst vor den Gräueln des Krieges aus dem Land geflohen sind.
In diesen Tagen fällt im Norden die Rebellenbastion in Ost-Aleppo, unbarmherzig werfen russische und syrische Jets und Hubschrauber ihre Bomben ab, während schiitische Milizen Viertel um Viertel erobern. In Aleppo kämpft sich das Regime, unterstützt von Iran und Russland, zu einem militärischen Sieg, der für das Land zu einem Wendepunkt werden könnte. Wenn man die Menschen danach fragt, die an diesem Tag wandern gehen, wenn man von den Bomben spricht, die auf die Schulen und die Krankenhäuser von Aleppo fallen, dann antworten sie nur knapp.
Kinan sagt: Es ist halt Krieg.
Elida: Was bleibt der Regierung übrig? Sie müssen Damaskus doch verteidigen. Wir müssen doch leben.
Der Leiter der Gruppe sagt: Die Zivilisten in Aleppo sind selbst schuld, sie bieten den Terroristen Unterschlupf.
In Damaskus, der Heimat der Wandergruppe, gut 350 Kilometer südlich von Aleppo, ist das Leben auf den ersten Blick wie eh und je. Wer die Innenstadt besucht, erkennt den Krieg nur an den unzähligen Checkpoints und den Postern der Märtyrer. In den Souks, den verwinkelten Gassen der Altstadt, drängen sich Menschen, Teppiche und Handyhüllen liegen aus, es gibt Gold, Silber und Stände mit Spitzenunterwäsche und BH, deren Verschluss sich öffnet, wenn man in die Hände klatscht.
Die Köche in der Altstadt braten ihr berühmtes Kebab, in den Boutiquehotels werden, jetzt im Winter, wieder die Marmorfußböden der Innenhöfe geheizt, und noch immer kommen von weither Pilger, um die Umajjaden-Moschee zu besuchen. Das Publikum im prunkvollen Opernhaus trägt Anzug und Abendkleid, die Durchsagen kommen auf Englisch, Französisch und Arabisch. Als wäre Damaskus noch immer eine Weltstadt.
Am Platz vor der Oper steht seit Kurzem ein überdimensionierter Schriftzug: I love Damascus. Eine Werbekampagne, erdacht vom Stadtmarketing, zu der auch ein Marathon gehörte. Die Stadt wird in schicken Drohnenvideos präsentiert. Damaskus funktioniert, soll das alles sagen. Damaskus ist Assads Festung, sein größtes Pfund im Propagandakrieg. Es soll zeigen: Wo wir herrschen, ist das Leben intakt.
Man sieht deswegen in der Innenstadt auch keine Zerstörung. Wenn Granaten die Altstadt und die umliegenden Bezirke treffen, rücken nach den Krankenwagen gleich die Handwerker an. Kriegsspuren darf es nicht geben. Assad setzt alles daran, das Bild einer prosperierenden Metropole in den zerstörten Rest jenes Landes zu senden, das einmal Syrien war.
Nach zwei Stunden, die Sonne steht hoch am Himmel, passiert der Minibus mit der Wandergruppe die Stadt Homs, in der einst die Rebellion aufblühte und die von Assad dafür brutal bestraft wurde. Homs ist heute zu großen Teilen eine Geisterstadt. Rauch steigt aus den Ruinen auf, die in der Ferne vorbeiziehen. Niemand aus der Phoenix-Wandergruppe nimmt davon Notiz. Stattdessen unterhalten sie sich über Bier. Dass die syrischen Brauereien jetzt alle zerstört seien und man nun Bier aus dem Libanon trinken müsse, welches nicht so gut schmecke wie das syrische.
Komm nach Latakia, ruft ein Wanderer von hinten aus dem Bus. Latakia ist die Hochburg Assads, das Ibiza Syriens, gelegen am Mittelmeer. "Auch in Aleppo gibt es tolle Partys. Immer noch!", ruft der Gruppenleiter. Die Werbeclips von Partynächten in West-Aleppo, die das Regime zu Propagandazwecken veröffentlichte, stimmten durchaus, sagt er. Die Behörden hatten im September zwei bizarre Tourismusvideos produziert, die ein unberührtes West-Aleppo zeigen, gepflegte Grünanlagen, türkise Hotelpools und volle Nachtklubs.
Doch die Risse in dieser Erzählung sind schnell zu finden, auch in Damaskus. Die Wirtschaft ist am Boden, die Händler klagen über schrumpfende Umsätze, die 1,8 Millionen Flüchtlinge, die in der Stadt und ihrem Umland Zuflucht gesucht haben, fürchten den Winter, denn wenige können sich das Öl für die kleinen Metallöfen leisten, mit denen die Armen hier heizen und die gern mit lautem Knall explodieren. Manchmal wohnen bis zu zehn Familien in einem der alten Häuser der Altstadt.
Über den Geschäftsstraßen liegt das Dröhnen der Dieselgeneratoren, denn Strom gibt es nur stundenweise. In den Armenvierteln speichern die Menschen die wenige Elektrizität, die sie bekommen, in taiwanischen Autobatterien. Die Inflation frisst die Gehälter, zerstört die Mittelschicht. Ein Zehntel des Vorkriegswerts hat das Pfund noch. In Damaskus ist man entweder arm oder reich. Dazwischen gibt es wenig.
Assad versucht noch immer, sich als schützender Vater zu inszenieren, oben auf seinem Berg. Aber die Menschen sind verstört. Ein Psychiater berichtet, der Bedarf an Psychopharmaka habe stark zugenommen, und beklagt die Sanktionen, die den Nachschub behindern. In den Cafés erzählt man, dass sich viele Zivilisten nun Waffenscheine besorgten, denn die Kriminellen würden immer dreister.
Noch immer sitzen Hunderte Kämpfer des IS und der radikalislamischen Rebellengruppe Dschabhat Fatah al-Scham im ehemaligen Palästinensercamp Jarmuk in der Stadt, nur vier Kilometer entfernt von den Tanzflächen und Bars. Die Kämpfer haben das ganze Viertel untertunnelt. Sie kriechen unter den Stellungen des Gegners hindurch, und gelegentlich hallen Schüsse von Scharfschützen durch die zerstörten Häuserschluchten.
Wer nicht gezwungen ist hinzusehen, der versucht zu verdrängen. Viele der Jungen, die sich mit dem Krieg arrangiert haben, lesen keine Nachrichten mehr. Sie wollen gar nicht genau wissen, was in Aleppo passiert. "Je weniger du weißt, desto besser dein Leben", sagt Kinan, der Barkeeper. Sie fliehen in ihre Fantasiewelten, sie gehen wandern, kiffen, schlucken Beruhigungsmittel, betrinken sich auf Partys oder schotten sich ab. Die meisten anderen haben das Land schon verlassen.
Man trifft in der Stadt aber auch viele Menschen, denen kein Lächeln mehr gelingen will. Es sind die Menschen, die Nachrichten verfolgen. Menschen, die sagen, das Leben hier finde nur noch in Schwarz und Weiß statt. Und die, egal auf welcher Seite sie stehen, müde sind. Traurig. Deprimiert. Weil ihr Land stirbt.
Zehntausende andere wiederum sieht man gar nicht auf den Straßen. Sie verstecken sich in Wohnungen und Kellern. Vor dem Militärdienst, vor den Geheimdiensten, vor Folter und Tod.
Damaskus, ein Dreiklang aus Hedonismus, Angst und Untergang.
Der Bus der Wandergruppe hält im Nasara-Tal, dem Tal der Christen, an einem alten Mönchskonvent. Grüne Hänge, kleine Dörfer in der Nähe der libanesischen Grenze. Hier gab es schon lange keine größeren Kämpfe mehr. Das Ziel der Wanderung ist die Kreuzfahrerfestung Krak des Chevaliers.
Vier Stunden schlagen sie sich durch die kleinen Libanon-Eichen, von denen dornige Lianen in festen Bündeln ins Unterholz wachsen. Es wird viel gelacht. Über Ausrutscher auf dem matschigen Boden, über Bruno, den Schäferhund, und über Elida, die immer wieder fragt: "Wie sehe ich aus?" Sie hat zwei kleine Bluetoothboxen dabei, aus denen Musik scheppert. Zwei Mi-8-Transporthubschrauber russischen Fabrikats fliegen durch das Tal, niemand weiß, was ihr Ziel ist. Sporadisch hallen Schüsse den Hang hinauf, keiner weiß, von wem sie stammen.
Kurz bevor die Sonne untergeht, kurz vor der Festung, wandern sie durch das Dorf Hassan. Es liegt in Trümmern. Die Häuser: verlassen und zerschossen. Elida und Kinan halten sich an den Händen, auf deren Rücken noch der Stempel der Party der vergangenen Nacht prangt.
Später biegt der Bus wieder auf die Schnellstraße, zurück nach Damaskus. Es ist Freitagnacht. Die Jugend wird heute in die Bars in Bab Scharki und Bab Tuma strömen. Kinan muss an die Theke, und Elida hat Lust auf einen Joint.
Kinan hat seine Bar Nostalgie genannt, weil sich die Gäste an die schönen Tage vor dem Krieg erinnern sollen. Die Wände hat er mit Klinkerimitat tapezieren lassen, daran hat er Bilder von Bob Marley, den Beatles und Jimi Hendrix gehängt.
Noch vor einem Jahr sei in den Nächten nichts los gewesen, sagt er. "Jeder hatte Angst, das Haus zu verlassen." Damals gab es noch regelmäßigen Beschuss aus den von Rebellen kontrollierten Bezirken. Inzwischen reiht sich im Osten der Altstadt eine Bar an die nächste. Kinan weiß auch, warum. Weil nüchtern alles noch viel deprimierender ist. "Die Leute kiffen wie verrückt, sie saufen und koksen und schmeißen Captagon, Speed in Pillenform ein", meint er.
"Ich kümmere mich nicht mehr um das, was kommt", sagt er und lächelt. Er weiß, dass die nie endende Party in Damaskus vielen pietätlos erscheint. Aber er sei nur einmal jung.
Exakt in diesem Augenblick schlagen in der Nähe drei Mörsergranaten ein, kurz hintereinander, dumpfe laute Explosionen. Kinan zuckt nicht einmal mit der Wimper. Stattdessen macht er ein Bier auf. "Eine Bar in einem Bunker", sagt er dann, "das wäre mein Traum."
Die drei Mörsergranaten, stellt sich später heraus, sind ein paar Hundert Meter entfernt eingeschlagen: Die erste in einem Haus, das sich vier Flüchtlingsfamilien teilten, die zweite auf einem Spielplatz, die dritte vor dem Laden eines Barbiers; ein Metallsplitter hat ihm das Bein aufgerissen. Eine philippinische Haushaltshilfe hat ein Bein verloren. Granaten von Kämpfern aus Dschubar. Die Regierungstruppen hatten dort ihre Angriffe verstärkt.
Kinan arbeitete lange in einer Bank. Antibetrugseinheit. Doch als die EU und die USA im Frühjahr 2011 neue Sanktionen gegen Syrien verhängten und als dann ab 2012 der syrische Bürgerkrieg so nah an Damaskus heranrückte, dass viele zweifelten, ob Assad die Stadt würde halten können, brach die Wirtschaft ein.
Banker zu sein ergab keinen Sinn mehr. Im Juli eröffnete Kinan die Bar.
Schon am frühen Abend kommen die ersten Gäste. Eine Gruppe Studentinnen bestellt eine Flasche Whisky, keine Stunde später steht eine von ihnen auf dem Tisch und gießt Schnaps in kleine Gläser. Gegen neun nimmt Kinan sein Jackett und zieht los, um selbst zu feiern. Von den Angriffen des Tages redet keiner.
Er läuft in Richtung Bab Tuma, einem der alten Tore, das zur Altstadt führt. Autos drängen sich durch die schmalen Straßen in Richtung des neuen Ausgehviertels Bab Scharki, wo Kirchen und Moscheen neben zweistöckigen Häusern mit windschiefen Erkern stehen. Es ist das wichtigste Viertel für die Christen der Stadt.
Mörser und Raketenhagel konnten sie nicht vertreiben, sie blieben der Regierung treu. Doch nun begehrt die Kirche wegen Ruhestörung auf. Das ausufernde Nachtleben ist ihr zu viel, die Autos der schiitischen Milizionäre, die für das Regime kämpfen und sich abends hier vergnügen, sind zu laut. Seitdem die Bars eröffnet haben, sagt ein Priester, würden immer mehr Christen fliehen. Man wolle sie hier vertreiben, vermutet er. Vor Kurzem wurde er von einem betrunkenen Milizionär angegriffen.
In der Bar La Marionnette, gedimmtes Licht, alte Filmplakate an den Wänden, sind alle Tische besetzt, vor dem Tresen steht man dicht gedrängt. Es läuft Musik des Berliner Labels Bar25. Kinan und Elida trinken Schnaps.
Ihr Syrien ist nicht jenes, das die Welt vergessen hat. Es ist nicht das Syrien, in dem ein Herrscher die eigenen Bürger bombardiert und aushungert. Nicht das Syrien der belagerten Vororte der Hauptstadt. Kinans und Elidas Damaskus wird geholfen, von der Hisbollah, von Russland, von Iran.
Aber der Krieg teilt die Stadt in zwei Teile, so wie er auch das Land teilt. In jene, die sich arrangieren, und die, die es nicht tun, nicht können oder nicht wollen. Es sind die, denen keiner mehr hilft. Die Menschen, die 2011 begannen, friedlich gegen das Regime zu demonstrieren, aus deren Protest eine Revolution hervorging, der die Welt in diesen Tagen beim Sterben zusieht.
In Dscharamana, einem ärmlichen Vorort an der südöstlichen Stadtgrenze, in dem sich zwischen roh verputzten Häusern Kabel über die Straßen spannen, lebt einer von ihnen. Ein Mann, der Houssam genannt werden möchte. Seine längste Wanderung im letzten Jahr war der kurze Weg zum kleinen Laden am Ende der Straße. Weiter kann er nicht gehen. Denn wie Zehntausende andere junge Männer in Assads Herrschaftsgebiet versteckt er sich.
Viele werden aus politischen Gründen gesucht, noch mehr verstecken sich, weil sie zum Wehrdienst einberufen wurden. Houssam will nicht für das Regime kämpfen, gegen das er 16 Jahre lang protestiert hat. Seit vier Jahren müsste er eigentlich zum Militär. Seitdem am 18. Oktober 2015 Soldaten in Zivil durch die Straßen zogen und Tausende Männer mitnahmen, verlässt er seine kleine Straße nicht mehr.
Houssam war Anwalt. Als 2011 die Proteste begannen, erwachte er aus einer politischen Lethargie, in die ihn seine letzte Haft gestürzt hatte. Er ging auf die Straße, protestierte. Unter Schmerzen, denn mit Plastikrohren hatten sie im Gefängnis damals seine Knie und seine Knöchel zu Brei geprügelt.
Dann begann der Krieg. Er wurde wieder verhaftet, gefoltert und entlassen. Man kann Houssam nicht zu Hause besuchen, es ist zu riskant für ihn, aber man kann ihn anrufen, und wir haben eine Woche lang täglich mit ihm gesprochen.
An diesem Sonntag, erzählt er, sitzt er wie jeden Tag in seiner kleinen Wohnung, in der er mit seiner Frau und seiner Tochter wohnt. Er lebt von Geld, das ihm seine Eltern und manchmal auch Freunde zustecken. "Der Winter kommt. Wie soll ich das Öl zum Heizen bezahlen?", sagt er. Er fragt sich das fast jeden Tag. Es fehlt Geld für Lebensmittel, Miete, Öl. Aber seine Hauptsorge ist das Überleben.
"Du bist entweder mit dem Regime, oder du bist ein Feind. Du bist entweder Teil einer Miliz oder ein Mann mit Angst." Das Regime kontrolliere sein Gebiet unbarmherzig. "Wenn nicht die Geheimdienste dein Tun überwachen, dann tun es die Gesellschaft, die Nachbarn." Ein Sprichwort in Damaskus laute: Wir versammeln uns, um zu trinken, und wir sind trunken vor lauter Angst vor den anderen.
Er habe das Land nie verlassen wollen, sagt er. "Ich dachte, wir hätten noch eine Aufgabe: die Straßen zu füllen, bis das Regime verschwunden ist. Aber ich kann nicht mehr." Von den 50 Leuten, mit denen er sich zu Beginn des Aufstands regelmäßig in Wohnzimmern traf, um über Politik zu diskutieren, seien vielleicht noch zehn in Damaskus. "Die übrigen schickte man an die Front, um sie loszuwerden."
An diesem Sonntag, erzählt er, habe seine Frau eine Freundin mit nach Hause gebracht. Ihr Sohn sei acht Jahre alt, ihre Tochter bei einem Mörserangriff gestorben und ihr Mann einberufen worden. Der Junge habe schwere Depressionen. Habe mehrmals versucht, sich umzubringen, er rede nicht mehr. Houssam sagt, er habe den Raum verlassen. "Ich kann solche Geschichten nicht mehr hören."
Und heute habe er Nachrichten von Bekannten am Stadtrand erhalten. "Die Regierung hat angefangen, die Rohbauten dort zu durchsuchen", erzählt er. Es sind die Gebäude, in denen viele Flüchtlinge Schutz suchen. Ohne Türen, ohne Fenster, ohne Wasser, ohne Strom. Aber für 50 Dollar Miete im Monat. "Dort holen sie jetzt die Männer raus, die zum Militär müssen", sagt Houssam. "Sie kommen immer näher", sagt er, bevor er auflegt.
Und tatsächlich sitzen die Profiteure des Krieges nur wenige Hundert Meter von seinem Haus entfernt und werfen mit Geld buchstäblich um sich. Es sind die Milizionäre, die für Assad den Krieg führen, weil seine reguläre Armee längst nur noch in zweiter Reihe kämpft. Sie stützen das Regime, und sie gebärden sich in Damaskus, als wären sie die Herren im Land.
An einer Zufahrtsstraße nach Dscharamana am Rande der Stadt, kurz hinter einer Zeile ausgebombter Häuser, reiht sich Bordell an Bordell: der "Mörser", das "Miami", "Kleopatra", die "Rose von Fuat". Dicke Geländewagen mischen sich zwischen die ächzenden Taxis, schwere Mercedes-Limousinen schleichen umher, die Scheiben getönt.
Schon immer gab es in Damaskus Bordelle. Am Mardscha-Platz, gleich neben der Altstadt, standen einst die Zuhälter und flüsterten den Vorbeieilenden zu: "Istiraha?", Pause? Die oberen Stockwerke der Hotels waren für die Prostituierten reserviert. Dem jungen Assad gefiel das nicht, Mitte der Nullerjahre ließ er die Prostitution einschränken. Doch seit der Krieg nach Syrien kam, floriert das älteste Gewerbe der Welt wieder.
Die Bordelle sind die letzte Stufe des Eskapismus. Hier betäuben sich jene, die den Krieg führen, die töten und foltern, plündern und rauben.
Im Violine Cabaret stolpert eine abgemagerte Prostituierte in einem rosa Frotteerock an einen Tisch. Ein Mann in einem schwarzen Jackett sitzt dort, der Londonkragen des weißen Hemdes weit geöffnet. Auf dem Tisch hat er mit seiner Kreditkarte eine lange Linie Kokain gehackt und zieht sie sich nun mit einem 1000-Pfund-Schein in die Nase. Legt einem zweiten Mädchen eine zweite Linie und massiert sich den Rest des Stoffs routiniert ins Zahnfleisch. Niemanden kümmert es.
Auf der Bühne räkelt sich eine füllige Frau in einem engen, schwarzen Kleid, deren Gesicht sich hinter einem Panzer aus Make-up verbirgt. Sie singt von der Liebe.
In den Hosenbünden der Männer stecken Neun-Millimeter-Pistolen. Einige halten Bündel Geldscheine in der Hand, aus denen sie zwischendurch mit großer Geste einen Schein pflücken und ihn auf die Bühne werfen, als Gage für die dicke Sängerin, als Zeichen ihrer Macht.
Es sind Offiziere der Armee, aber vor allem Männer der NDF, der Nationalen Verteidigungskräfte. Diese freiwilligen Milizen, die der Regierung unterstehen, führen ein kriminelles Eigenleben. Die NDF-Männer plündern, rauben, kidnappen, verkaufen Drogen. Das Regime ist machtlos. In einem Interview mit dem SPIEGEL sagt Ali Haidar, der Minister für Versöhnung, der Armee fehle die Kraft, dagegen etwas zu unternehmen.
Krieg erschafft immer Kriegswirtschaft, spült Geld in die Taschen der Günstlinge und der Handlanger. Die Milizen machen den Verfall des Staates zu Geld.
Rim, die Prostituierte von Tisch zwei, hat tätowierte Augenbrauen und schmale Lippen, die sie mit Lippenstift breiter malt, das mögen die Kunden. Sie ist 37 Jahre alt und hat zwei Töchter, die sie irgendwie durch diesen Krieg bringen muss. Vor sieben Jahren wurde sie von den Eltern ihres Exmannes aus deren Haus geworfen, nachdem er sie verlassen hatte. Zusammen mit einer der Töchter übernachtete sie erst auf der Straße. Mittlerweile arbeitet sie im Violine Cabaret.
Sie zieht an ihrer Zigarette. "Es ist ein sicherer Job im Krieg", sagt sie. Sie will die Ballettstunden ihrer Tochter bezahlen können und Essen auf den Tisch bringen. Das ist eigentlich alles.
Der Krieg zerstört die Stadt, er treibt ihre Bewohner in die Flucht, reibt sie auf. Und er sexualisiert sie auch. Wo das Morgen nicht sicher ist, zählt auch das Tabu nicht mehr viel. Und so knutschen Jugendliche auf den Straßen, wie es das früher nie gab, sie drängen sich in die Hauseingänge Bab Tumas. Und so kommen auch die Männer hierher nach Dscharamana.
In der Altstadt sitzen an diesem Abend Kinan und Elida, das junge Paar aus der Wandergruppe, in der Bar Zodiak. Sie trinken Schnaps zu lautem Techno. Am Nachmittag zuvor sind keine hundert Meter entfernt zwei Mörsergranaten eingeschlagen. Zwei Männer starben.
Als die beiden an der Stelle vorbeikamen, beseitigte ein Maler gerade die letzten Spuren. Sie trinken Schnaps auf Schnaps. Man lebt nur einmal. Yolo. Dann bringt Kinan Elida nach Hause, durch die malerischen Gassen, in denen gut gekleidete Menschen feiern und tiefergelegte Wagen sich ins Vergnügungsviertel Dscharamana aufmachen.
Damaskus ist, so absurd das klingen mag, noch immer eine schöne Stadt. Sie funktioniert. An der Oberfläche. Darunter blutet sie aus, zerreibt ihre Bewohner, die sich ängstlich hinter dem Herrscher auf dem Berg versammeln. Oder fliehen. Oder sterben. Mitarbeit: Riham Alkousaa
Von Fritz Schaap (Text) und Christian Werner (Fotos)

DER SPIEGEL 50/2016
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