10.12.2016

KommentarSandkörnchen zählen

Wie die deutsche Copyright-Bürokratie das digitale Lernen bremst
Die Digitalisierung macht manchen Menschen Angst, ihr Tempo allemal. Ob es die Gemüter beruhigt, wenn nun viele deutsche Unis auf ihrem Weg in die Wissensgesellschaft erst einmal einen Gang zurückschalten? Vom Neujahrstag an werden sie Professoren und Lehrbeauftragte auffordern, im Zweifelsfall lieber wieder Papierzettel zu verteilen, anstatt ihren Studenten das Lehrmaterial auf elektronischem Weg zur Verfügung zu stellen. Hintergrund dieser Posse ist ein unseliger neuer Rahmenvertrag mit der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort), die für mehr als 400 000 Autoren übers Urheberrecht wacht. Bislang zahlen die Unis eine Pauschale dafür, dass Studenten ihren Lernstoff digital lesen können. Ab 1. Januar jedoch sind sie gezwungen, zu jedem Dokument die genaue Rechtslage zu recherchieren und ein detailliertes Formular auszufüllen. Die Hochschulrektorenkonferenz protestiert, ebenso wie Bibliotheksleiter im ganzen Land; sie weigern sich, den Vertrag zu unterzeichen.
So kann Lernen nicht gehen; das hat ein Probelauf ergeben, den die Uni Osnabrück vor gut einem Jahr abgeschlossen hat. Fazit: Der Zeitaufwand blähte sich, die Zahl der digitalen Texte in Semesterapparaten brach um 20 Prozent ein. Der Datenberg kreißte und gebar eine Maus: Nach dem gigantischen Verwaltungsaufwand zahlte die Uni der VG Wort einen Kleckerbetrag von etwa 5000 Euro. Die Verwertungsgesellschaft beschwichtigt, dass mit etwas Übung sicher alles einfacher werde. Aber ihre ausufernde Copyright-Bürokratie geht auf Kosten der Studenten, ihrer Lebenszeit – und langfristig der Innovationskraft des Landes.
Klar, Autoren müssen ihre Rechte wahren, aber die pauschale Vergütung hat bislang gut funktioniert, und sie tut es auch, wenn es um Filme und Fotos geht. Ähnlich läuft es oft im Ausland. Der neue Verwaltungsexzess dagegen ist so, als würde man bei Glatteis erst einmal gemütlich Sandkörner abzählen, bevor man die Straßen damit streut. Die Studierenden jedenfalls dürfen sich ab Januar auf eine ganz spezielle Entschleunigungstherapie freuen: das Schlangestehen vor Papierkopierern, wie damals in den Achtzigerjahren.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 50/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kommentar:
Sandkörnchen zählen

  • Der Chart-Stürmer: Rechter Rapper "Chris Ares"
  • Trump über Grönland-Absage: "So redet man nicht mit den USA"
  • Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"
  • Johnson bei Merkel: "Wir schaffen das" und andere "Kleinigkeiten"