10.12.2016

Tiere„Die Stallpflicht ist schädlich“

Der Zoologe Josef Reichholf über die wahren Verursacher der Vogelgrippe, verseuchte Äcker und ein Verbot der Entenjagd
Reichholf, 71, ist Ornithologe und Ökologe, hat eine Honorarprofessur an der TU München und war einer der Gründer der Naturschutzbewegung in Deutschland.
SPIEGEL: Herr Reichholf, wie kam die Vogelgrippe nach Deutschland?
Reichholf: Angeblich haben Zugvögel aus Sibirien und der Mongolei unsere Hühner und Gänse in den Mastanlagen angesteckt. Ich halte das umgekehrte Szenario für weitaus wahrscheinlicher: Aus Geflügelhaltungen wurden die Wildvögel infiziert.
SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?
Reichholf: Da hilft schon ein Blick auf die Landkarte. Die Schwäne und Tauchenten, die bei uns an dem Erreger H5N8 gestorben sind, hatten einen kraftraubenden Flug aus Zentralasien hinter sich. Ein erkranktes Tier kann wohl kaum einen Fernflug über Tausende Kilometer überstehen. Es wäre während des Fluges verendet – es sei denn, es hat sich erst hier bei uns angesteckt.
SPIEGEL: Es gibt doch auch Vögel, die eine Grippe überleben.
Reichholf: Gewiss. Aber wenn ein infizierter Zugvogel aus Zentralasien die Krankheit überstanden hat, scheidet er nach der wochenlangen Reise auch keine Viren mehr aus. Und es spricht noch etwas gegen die Ansteckung der Nutztiere durch Zugvögel.
SPIEGEL: Nämlich?
Reichholf: Welcher infizierte Schwan oder welche infizierte Tauchente hat Zutritt zu einer geschlossenen Hühnerfarm? Wie also sollen die Bestände in den abgeschotteten Massentierställen, in denen die Vogelgrippe ausgebrochen ist, durch Wildvögel infiziert worden sein? Und ich glaube auch nicht, dass die Betreiber solcher Anlagen am Wochenende am See Wildenten füttern gehen und so den Erreger über ihre Gummistiefel einschleppen. Diese Szenarien wirken doch arg konstruiert.
SPIEGEL: Wie viele Zugvögel kommen überhaupt aus jenen Gebieten Zentralasiens zu uns, wo die Geflügelpest grassiert?
Reichholf: Die genaue Zahl ist nicht bekannt, aber es sind sicher nur sehr wenige. Die allermeisten Enten, Gänse und Schwäne kommen aus Skandinavien und Nordwestrussland als Zugvögel zu uns, also aus Gebieten, wo die Vogelgrippe derzeit gar nicht grassiert. Der Vogelzug im Herbst und im Frühwinter verläuft auf der ganzen Nordhalbkugel fast ausschließlich nach Süden, nicht von Ost nach West.
SPIEGEL: Wie sollen sich Wildvögel bei Masthühnern angesteckt haben, wenn gar kein direkter Kontakt besteht?
Reichholf: Im Spätherbst wird in großem Umfang Gülle und Mist auf die Felder gebracht. Vieles spricht dafür, dass der Erreger schon in Massentierställen verbreitet war und von dort nach draußen gelangte. Krähen beispielsweise, die auf den Feldern nach Futter suchten, könnten den Erreger dann zu nahe gelegenen Gewässern getragen haben, wo sich schließlich Wildenten und Schwäne ansteckten. Bis heute wird ja nicht untersucht, welche Krankheitskeime mit Geflügelmist und Gülle in die Umwelt gebracht werden.
SPIEGEL: Die Krähen selbst wurden nicht krank?
Reichholf: Krähen gehören zu den Singvögeln, sie haben mit 42 Grad Celsius eine deutlich höhere Körpertemperatur als Wildenten oder Hühnervögel. So hält ihr Organismus die Viren besser in Schach – Krähen können deshalb Überträger sein, ohne selber zu erkranken.
SPIEGEL: Und wie gelangte der Erreger ursprünglich in die Ställe?
Reichholf: Die Hauptgefahr geht vermutlich von Futtermitteln aus, die schnell global verbreitet werden. Das würde auch erklären, warum die Seuche fast zeitgleich in Ostasien und Europa ausgebrochen ist. Leider werden die Futtermittel noch immer nicht intensiv auf Erreger untersucht. Das muss dringend geschehen.
SPIEGEL: Wenn Ihre Theorie stimmte, müssten die ersten Todesfälle in den Massentieranlagen aufgetreten sein und nicht in der Wildpopulation.
Reichholf: Davon ist wohl auszugehen. Die Frage ist nur, ob die betroffenen Hühnerhalter wirklich jeden Todesfall in ihren Ställen gleich melden. Gerade in den großen Mastbetrieben sterben täglich Vögel, ohne dass jedes Mal die genaue Ursache ermittelt wird. Solange es nur wenige Fälle sind, werden die Betreiber zögern, diese zu melden; sie würden ja riskieren, dass der gesamte Bestand gekeult wird.
SPIEGEL: Wenn Sie recht hätten, wäre die Stallpflicht für frei laufende Hühner und Gänse vollkommen überflüssig.
Reichholf: Ja, das ist hilfloser Aktionismus. Die Stallpflicht ist aber nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich. Ausgerechnet die Halter von frei laufenden Hühnern, bei denen fast nie Vogelgrippe auftritt, werden nun gezwungen, ihre Tiere einzusperren, was sie anfälliger für Infektionen macht. Dabei ist es eine groteske Vorstellung, dass auf einem Hühnerhof ein sterbender Schwan notlandet und schnell noch seinen Darm entleert.
SPIEGEL: Und die Leinenpflicht für Hunde?
Reichholf: Das ist noch absurderes Theater. Da könnte man ebenso gut das Angeln verbieten. Denn die Angler setzen sich direkt an Teiche und Seen, wo Enten und Gänse defäkieren. Aber die Behörden scheinen ja selber nicht ganz überzeugt zu sein, dass die Wildvögel die Verursacher sind ...
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Reichholf: Wenn wirklich die Zugvögel die Überträger wären, hätte man sofort die Jagd auf Wildenten und -gänse stoppen müssen. Denn durch die Jagd wird die Ausbreitung von Seuchen massiv gefördert. Sobald es knallt, fliegen die nicht getroffenen Vögel aufgeschreckt auf und flüchten zum nächsten Gewässer. So werden die Vogelgruppen ständig neu durchmischt, infizierte Tiere stecken nichtinfizierte an. Durch diesen Vertreibungseffekt springen Erreger leicht von Teich zu Teich.
Interview: Olaf Stampf
Von Olaf Stampf

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