10.12.2016

KommentarBayerischer Ja-aber-Glaube

Warum verweigert die CSU die Rückgabe von NS-Raubkunst?
Vor einem Jahr erreichte den bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Politiker Horst Seehofer ein ungewöhnlicher Brief aus Washington. 29 US-Kongressleute forderten, er solle sich einsetzen für die Erforschung des großen NS-Kunstraubs. Sie erinnerten daran, dass noch viele jüdische Familien nach ihren Bildern suchten und dass man nicht wenige dieser Kunstwerke in den Museen des Freistaats vermute. Seehofer ließ seinen Kultusminister antworten. Man könnte sogar sagen: Er ließ ihn alles abwiegeln. In dieser Woche haben die Erben des Galeristen Alfred Flechtheim in New York Klage gegen den Freistaat Bayern eingereicht – und nun? In Bayern ist man geübt, Angehörige von Holocaust-Opfern schlecht aussehen zu lassen: Sogar in wissenschaftlichen Publikationen wird unterstellt, dass es einen Rückforderungskommerz gebe, dass es ums Geld gehe. Die Bayern mögen Spitzenreiter im Abschmettern von Rückgabegesuchen sein, aber sie sind nicht die Einzigen im Land, die behalten wollen, was ihnen nicht gehören sollte. Es gibt eine deutsche Aufarbeitungsarroganz: Man weiß alles besser über die eigene Vergangenheit, man weiß, wann der Schlussstrich zu ziehen ist. Man bemüht dann immer eine ganz eigene Ja-aber-Rhetorik: Ja, wir stellen uns unserer Verantwortung, aber wir rücken, wenn möglich, nichts heraus. Denn im Zweifel entscheiden wir zugunsten unserer Museen. Die Bundesregierung hat, als Bekenntnis zur Wiedergutmachung auch in Kunstfragen, vor etlichen Jahren die sogenannte Limbach-Kommission etabliert. Das Gremium gibt in strittigen Fällen Empfehlungen ab, ob ein Kunstwerk zurückgegeben werden sollte. Lange war in dieser Runde kein Repräsentant der jüdischen Welt gewollt. Das ändert sich gerade, aber es reicht nicht. In diesem Land – ausgerechnet in diesem Land – fehlt ein Restitutionsgesetz, das an die Stelle rhetorischer Spielchen tritt.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 50/2016
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