10.12.2016

Elke Schmitter Besser weiß ich es nichtMáximo Líbido

Erster Gedanke bei der Nachricht vom Tod Fidel Castros: "Wurde auch Zeit."
Ein Seufzer eher, ein ingrimmiges Aufatmen, naturgemäß begleitet von der Einsicht, dass das – zunächst – nichts ändern wird: Sein Bruder, ihm nicht ähnlich in Charisma, weder Brillanz noch ikonischer Kraft, entstammt doch demselben Genpool der Langlebigkeit. Vorderhand schlägt das System Familie, ganz in der Tradition Lateinamerikas, alle anderen Optionen.
Von Sigmund Freud, wie der große Führer der ewigen Revolution eine Ikone der gottväterlichen Allwissenheit mit grauem Bart und herrlicher Statur – aber von Melancholie und Güte beschwert, statt von Narcisismo und Starrsinn energetisch versorgt –, stammt der schnell im Gedächtnis haftende Ausdruck von der "Klebrigkeit der Libido". Will sagen: Was man einmal bewundert hat, das lässt man ungern in Ungnade fallen. Denn mit der Aufgabe der Illusion gibt man auch etwas von sich selbst auf, und zwar nun gerade das, wovon man am wenigsten gern Abschied nimmt: die guten Erinnerungen und das berauschend schöne Gefühl, sich einmal etwas gewidmet zu haben, das größer und anders war als das bedürftige und unzulängliche Selbst.
Die Mut machenden Statistiken von der karibischen Insel – Milch und Bildung für alle, und selbst die Säuglingssterblichkeit geringer als in den USA – habe ich, wie viele meiner Generation, gern und immer wieder ins argumentative Feld geführt. Die zahllosen Mordversuche am Máximo Líder, die schaurig-dramatischen Anekdoten von vergifteten Zigarren und Drinks, von Invasionen mit Waffen und Viren, die archaischen Geschichten von Dschungelkampf und Heldentum trösteten lange Zeit über eigentlich trostlose Militärparaden, Führerkult und volle Gefängnisse hinweg. Irgendwann aber sickerte die Realität in die Illusion, und spätestens mit den ersten Blogs aus Havanna von Journalisten und Autorinnen hätte eigentlich auch der Letzte Abschied nehmen müssen von der Hoffnung Fidel.
Zehn Jahre Fortschritt, vierzig Jahre Stillstand: So klebrig kann die Libido sein. Bei den Anhängern der Sandinisten wie bei den Maoisten, den Stalinisten, den Chávezisten, den Moralesisten, den Nationalsozialisten. Aber sicher muss man unterscheiden zwischen dem Idealismus, der am Anfang stand bei den großen linken Projekten, und der völkischen, wölfischen Gier des Herrenrassentums. Aber nicht bei der sentimentalen Bindungskraft, die von kollektiven Großunternehmen ausgeht, deren Anfang das Elend und deren Ende die paradiesische Erfüllung sein soll. Und deren Verheißung immer einhergeht mit einer Phrase wie: Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Oder dass man kein Omelett machen kann, ohne Eier zu zerschlagen. Denn je mehr geopfert wird, an Leib und Leben und Integrität, umso schwerer fällt es, der nüchternen Wahrheit ins Auge zu sehen: It's not the economy, stupid, it's just the system. Wo der Machtwechsel unter friedlichen Bedingungen nicht vorgesehen ist, geht nicht nur die Legitimität zugrunde, sondern am Ende alles den Río Cauto hinunter. Bis auf die Libido natürlich.
An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und Nils Minkmar im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 50/2016
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